
von einstein90
Stille.
Seine Geist war leer.
Keine Freude.
Kein Schmerz.
Seine Gedanken schwiegen. Seine Seele hatte seinen Körper verlassen und sich in den Weiten des Schlosses verirrt. Irgendwo zwischen den kalten grauen Steinen.
Er war nicht mehr hier. Nur seine Hülle. Sie stand da. Inmitten der Großen Halle, die nicht mehr die selbe war. Riesige Löcher in den Wänden. Das Dach fehlte gänzlich.
Der Halbmond warf seine grotesken Schatten auf den Boden. Wie ein großes Kunstwerk, von den Trümmern gezeichnet.
Die Überreste seiner Heimat. Aber in ihm kam keine Liebe auf. Kein Gefühl der Geborgenheit. Wie konnte das sein? All die Jahre, wo er Hogwarts sein zu Hause nannte.
Staub legte sich. Langsam und gemächlich.
Wie in Zeitlupe. Sein Blick folgte.
Ruhig und abwesend.
Bis er an einer kleinen glitzernden Scherbe hängen blieb. Den Mond spiegelnd. Er verlor sich. In der Stille, die ihn wie ein Schleier einhüllte. Langsam kniete er sich nieder. Zu dem kleinen Fragment. Mit einer langsamen Armbewegung griff er danach. Fuhr mit einem Finger über die glatte Oberfläche. Er spürte eine Kälte.
Vorsichtig strich er. Wollte es nicht zerbrechen. Apathisch folgten die Spitzen der Form des sich spiegelnden Mondes. Bis seine Finger einen Schatten warfen. Und das Spiegelbild verschwand. Schnell zog er den Finger weg.
Er erkannte sich wieder. War er doch in diesem Moment alleine. Genauso wie der Mond, der einsam seine Bahnen dreht.
Keine Angst.
Er war allein.
Verlassen.
Von jeglicher Emotion. Von jeglicher Motivation. Gefangen in einer unwirklichen Welt. Zwischen Leben und...was eigentlich? Was war auf der anderen Seite?
Keine Furcht.
Um ihn herum wurde gejubelt. Gefeiert. Um ihn herum. Außerhalb seines unsichtbaren Schleiers. Außerhalb seiner Realität.
Im Moment war da nur er. Harry. Der-Junge-der-überlebte. Mit seiner Glasscherbe. In der sich der Mond spiegelte.
Stumm erhob er sich aus seiner Haltung. Stumm. Wie der Ausdruck seiner Augen, die emotionslos auf dem ruhten, was vor ihm lag.
Ein Körper, eingehüllt in dicke Stoffe. Leblos. Kalte blaue Haut. Weit aufgerissene Augen mit den Pupillen einer Schlange. Ihr stechendes Rot verblasst. Ins leere starrend. Der Mund leicht geöffnet. Hinter den Lippen die gelblich verfärbten Zähne.
Kein Hass.
Eine frische Brise auf seiner Haut. Gefangen in den Fetzen seines Hemdes, das seicht wog. Sie kühlte. Machte die Hitze des Duells vergessen.
Seine Haut war sensibel.
Sie registrierte jeden Hauch, der über seinen Körper dahin glitt. Und seine Seele mit sich zog. Wie den aufgewirbelten Staub.
Ein ums andere Mal. Ein leichter Wind.
Ihm war nicht kalt. Ihm war nicht warm. Ihm war...irgendwie...undefinierbar.
Seine Atmung war ruhig. Tief sog er die frische Luft in sich auf. Kälte strömte in seinen Lungen. In jeden Winkel seines Brustkorbes. Sein Oberkörper hob sich. Die eingefallenen Schultern wurden breiter. Der Stand aufrechter.
Ein seltsamen Geruch vernahm er. Eine Mischung aus salzigem Schweiß, trockenem Staub und verbranntem Fleisch. Ekelhaft. Stechend. Für jedermann. Nur nicht für ihn. Ihm war es egal.
Gleichgültig.
Sein Herz schlug. Langsam. Hypnotisch. Pulse schossen durch seine Adern. Immer und immer wieder.
In seinen Ohren dröhnend.
Er wandte sich ab. Sah nur noch das Eingangsportal mit seinen aus den Angeln gerissenen großen Flügeltüren.
Keine Menschen.
Kein Leben.
Nur der Weg aus der Einsamkeit. In die Einsamkeit. Schritt für Schritt. Wie in Zeitlupe.
Jedes Mal, wenn er einen Fuß auf den harten Sandsteinboden setzte, durchfuhr sein Körper ein Welle. Stoß um Stoß.
Bis er weichen Boden unter sich spürte. Er hielt inne. Sein Blick schärfte sich, den er über das umliegende Land schweifen ließ. Vom Rand des Verbotenen Waldes bis zu den Ufern des unruhigen Großen Sees. Menschengruppen standen verteilt auf den Wiesen. Lagen sich in den Armen. Beglückwünschten sich. Feierten. Trauerten.
Unter ihnen vertraute Menschen. Aber er spürt keine Zugehörigkeit.
Er wollte gehen und alles hinter sich lassen.
Er brauchte Zeit, um sich wieder zu finden.
Doch sein Wille war nicht da. Seine Beine trugen ihn. Direkt zu denen, die ihm wie eine Familie waren.
Sein Gang war müde.
Sein Blick leer.
Er kam näher. Und ihm eröffnete sich ein Kreis. Bereit ihn auf zu nehmen. Doch in dessen Mitte lag jemand.
Sein Gang stockte.
Ein Blick und ein Dolch rammte sich in sein Herz. So tief.
Der Rest seiner Seele, der noch in ihm präsent war, schien zu verbluten.
Unaufhaltsam.
Als wenn das Leben seines Freundes...seines Bruders durch seine eigenen Finger ran.
Seine Augen hafteten an dem Körper, wie er da im Dreck lag.
Tot.
Seine Hände begannen sich merkwürdig an zu fühlen. Als wenn sie von Blut verklebt wären. Ein ihm nicht ganz unbekanntes Gefühl.
Cedric.
Dumbledore.
Sirius.
Sein Blick trübte sich.
Die letzte Bastion seiner Stärke fiel.
Die, die ihn aufstehen ließ.
Die, die ihn laufen ließ.
Die, die ihn überhaupt noch etwas spüren ließ.
Seine Knie wurden weich. Wie Pudding. Sie klappten weg und er stürzte zu Boden. Die Hände auf den Boden gestützt.
Weiches Gras. Jeder einzelne Halm. Er spürte ihren Widerstand. Ihr Drang wieder aufrecht stehen zu wollen.
Der Drang, der in ihm selbst wie eine Seifenblase zerplatzte.
Sanft fuhr er mit der Handfläche über den Boden. Als wenn er ihn streicheln würden. Als wenn er seine Konturen fühlen wollte. Jeden Zentimeter.
Er hörte Stimmen.
Stimmen die einen Namen riefen.
Seinen Namen.
Er hob seinen Kopf...
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Kommi nicht vergessen ;)
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