
von ChantalMoody
So kam es, dass ich etwas geknickt war, als wir am Bahnhof ankamen. Fabian, der zusammen mit Pa auf mich wartete, merkte es sofort und fragte: „Was ist denn, Liebes? Freust du dich gar nicht, dass wir jetzt wieder zusammen sein können?" -„Doch, natürlich“, antwortete ich und umarmte ihn. „Mir ist nur bewusst geworden, dass ich mein letztes Schuljahr ziemlich einsam verbringen werde. Ich werde meine Freunde schrecklich vermissen." - „Das kann ich verstehen“, erwiderte Fabian. „Aber ihr werdet sicher in Kontakt bleiben.“ -„Ja, natürlich“, antwortete ich. „Mit Remus sowieso, und die anderen haben auch versprochen, zu schreiben.“ -„Jetzt sind ja erst einmal Ferien“, warf Pa ein. „Und dein letztes Schuljahr wird auch schnell vergehen.“ Ich seufzte. „Ihr habt ja recht“, sagte ich. „Ich weiß selber, dass ich mir zu viele Gedanken mache.“ Ich ging zuerst zu James und Sirius, um mich zu verabschieden. Beide waren aber dermaßen damit beschäftigt, mit ihren Freundinnen herumzuknutschen, dass sie mich kaum wahrnahmen. Remus dagegen stand bei seinen Eltern, Milena war schon fort. Remus sah wieder sehr bedrückt aus. Ich begrüßte Onkel Malcolm und Tante Viola. Dann wandte ich mich zu Remus: „Was ist los? Hattet ihr wieder Streit?“ – „Mehr oder weniger“, seufzte Remus. „Ich konnte es ihr immer noch nicht sagen. Und sie merkt, dass ich ihr was verschweige, und ist sauer."
„So ein Mist!“, rief ich. „Ich weiß wirklich nicht, was ich dir raten soll, Remus. Aber du wirst kaum noch drum herum kommen, es ihr zu sagen." – „Ich weiß, Chantal“, meinte Remus. „Und das wird wohl das Ende sein.“ – „Wer weiß? Vielleicht auch nicht“, meinte ich. „Ich hoffe, wir werden noch von einander hören.“ - „Aber sicher! Was denkst du denn?“, antwortete Remus. „Wir werden dir alle schreiben. Und sicher wird es noch genug Gelegenheiten geben, dass wir uns auch alle mal wiedersehen." - „Das wäre schön“, meinte ich. Damit ging ich zu Fabian und Pa zurück, die bereits auf mich warteten.
Diesmal apparierten wir, so dass wir sehr schnell zu Hause waren. „Was gibt es denn Neues?“, fragte ich. „Frag lieber nicht, Kleines“, brummte Pa. „Die Überfälle häufen sich, und wir müssen momentan ständig in Bereitschaft sein. Ich habe dir ja davon geschrieben. Und was bringt es: Wenig genug! Es existiert nach wie vor mindestens eine undichte Stelle im Ministerium, so dass wir oft genug zu spät kommen, weil die Todesser gewarnt werden und rechtzeitig verschwinden können. In anderen Fällen starten sie ein Ablenkungsmanöver und schlagen dann an anderer Stelle zu. Und mehrere Male sind wir in einen Hinterhalt geraten. Innerhalb eines Monats haben wir drei Leute verloren, von den Verletzten gar nicht zu reden."
„Und das ist noch nicht das Schlimmste“, ergänzte Fabian. „Wir wissen nicht einmal genau, wie viele Todesser es wirklich gibt. Bekannt sind ungefähr ein Dutzend. Aber es sind viel mehr. Und unsere Abteilung ist total unterbesetzt." –„Das ist ja furchtbar!“, rief ich aus. „Ich habe zwar auch davon gehört, dass es inzwischen, mehr solche Überfälle gegeben hat, aber dass es so schlimm geworden ist, wusste ich nicht.“ – „Ja, es wird vieles verschwiegen“, knurrte Pa. „Auch die Abteilung für magische Unfälle muss viele Überstunden machen. Die meisten Zwischenfälle finden immer noch in der Muggelwelt statt.“ –
„Aber dafür gibt es innerhalb der Zaubererwelt immer mehr Leute, die sich mit der Haltung des Ministeriums nicht mehr zufrieden geben. Es haben sich noch einige gefunden, die sich nicht allein auf das Ministerium verlassen wollen, und sich unserer kleinen Gruppe angeschlossen haben“, erzählte Fabian. „Aber es sind immer noch zu wenige, angesichts dessen, wie viele Anhänger dieser Voldemort schon um sich gesammelt hat.“ – „Ja, und wir müssen so vorsichtig sein“, sagte Pa. „Man kann wirklich nicht mehr wissen, wem man noch trauen kann. Und Dumbledore ist einfach zu vertrauensselig. Manche von den Leuten, die er in den Orden hineinbringt, sind mehr als fragwürdig." –„Wieso, Pa?“, fragte ich. “Was für Leute meinst du denn?“ Pa verzog sein Gesicht. „Zum Beispiel dieser Mundungus Fletcher“, erzählte er. „Ein kleiner Dieb. Aber angeblich soll er gerade deshalb so nützlich sein, weil er sich in der Unterwelt auskennt und dadurch an Informationen herankommen kann.“
„Molly regt sich immer über ihn auf“, ergänzte Fabian. „Sie kann ihn nicht ausstehen.“ – „Wie geht es denn Molly und ihrer Familie?“, fragte ich. „Hat alle Hände voll zu tun, seit sie die Zwillinge hat“, erzählte Fabian. „Jetzt hat sie schon fünf Kinder, und lauter Jungen. Und sie hätte doch so gerne ein Mädchen gehabt." - „Du wirst sie bestimmt während der Ferien wiedersehen“, meinte Pa. „Sie kommen hier und da hierher. Arthur ist ja im Orden sehr engagiert." – „Was meint ihr eigentlich mit dem Orden?“, fragte ich. „Davon war vorhin schon einmal die Rede.“ – „Der Name unserer Geheimorganisation ist Orden des Phoenix“, antwortete Pa. „Dumbledore hat ihr diesen Namen gegeben.“ - „Ein schöner Name“, sagte ich. „Erinnert mich an den Phoenix, den Professor Dumbledore in seinem Büro hält.“ - „Ja, und auch Dumbledores Patronus ist ein Phoenix“, ergänzte Pa. „Gewissermaßen ein Symbol der Hoffnung. Und die brauchen wir auch, angesichts dessen, was sich abspielt.“ – „Ja, wir haben in Hogwarts auch einiges davon mitbekommen“, sagte ich. „Und dabei habe ich das Gefühl, die Zeitungen berichten nur die Hälfte von dem, was wirklich passiert.“ – „Das stimmt auch“, erwiderte Fabian. „Und es wird immer schlimmer. Ehrlich gesagt, Chantal, mir ist gar nicht mehr wohl bei dem Gedanken, dass du nächstes Jahr in die Aurorenschule willst. In diesem Jahr hat von den Schülern im dritten Jahr gerade die Hälfte überlebt. Auch das ist etwas, worüber die Zeitungen nichts berichten. Mir wäre wohler, du würdest es dir noch einmal überlegen.“
Ich hörte Fabian fassungslos zu. „Bist du eigentlich des Wahnsinns, Fabian?“, schrie ich voller Zorn. „Seit Jahren trainiere ich und lerne, praktisch in jeder freien Minute, nur um jetzt alles wieder hinzuwerfen? Wenn alle diese Einstellung hätten, dann gäbe es irgendwann gar keine Auroren mehr, und dann? Sollen diese Dreckskerle hier voll und ganz die Oberhand gewinnen, weil irgendwann keiner mehr da ist, der ihnen Einhalt gebietet? Versuch nie wieder, mir das auszureden, Fabian Prewett!“ Ich sprang auf und wollte in mein Zimmer laufen. „Chantal! Kleines!“, rief Pa. „Jetzt bleib hier und...“ – „Nenn mich nicht Kleines!“, schrie ich. „Ich bin nicht weniger wert als ihr, und nicht weniger stark und mutig, nur weil ich klein und obendrein ein Mädchen bin.“
Pa war aufgestanden und hielt mich zurück. „Jetzt setz dich erst mal wieder hin“, sagte er und drückte mich in meinen Sessel zurück. „Und du, Fabian, hast du es noch immer nicht begriffen, dass es absolut unmöglich ist, Chantal etwas auszureden, was sie unbedingt will? Glaube mir, angesichts dessen, was momentan passiert, wäre es mir auch tausendmal lieber gewesen, sie hätte sich anders entschieden. Ja, Chantal, ich hätte es dir am liebsten ausgeredet. Schau mich nicht so wütend an, ich habe es nicht getan, weil ich wusste, dass es aussichtslos ist. Es steckt in dir drin, wie bei mir, bei meinen Eltern und Generationen vor ihnen. Die allerwenigsten in unserer Familie sind friedlich im Bett gestorben. Aber ich sage dir das eine: Da du diese Entscheidung getroffen hast, wirst du mehr denn je trainieren. Damit du eine echte Chance hast, diesen Wahnsinn zu überleben.“
Fabian und ich hatten beide fassungslos zugehört. Fabian fasste sich als erster wieder. „Chantal, ich habe niemals behauptet, dass du nicht mutig und stark bist“, sagte er schließlich. „Und es hat auch nichts damit zu tun, dass du ein Mädchen bist. Wir haben einige Frauen im Aurorenbüro, die nehmen es mit jedem Mann auf. Aber kannst du nicht verstehen, dass ich mir Sorgen um dich mache?“ – „Das brauchst du nicht“, entgegnete ich. „Ich habe nämlich die Absicht, meine Ausbildungszeit zu überleben. Und auch noch viele Jahre mehr.“
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