
von Dracodormiens
5.Erste Treffen
Den Nachmittag verbrachte Hermine mit Harry und Ginny am See, aber sie kamen weiterhin zu keinem Ergebnis, was Ron betraf. Nach dem Abendessen verschwand Hermine gespielt widerwillig zum Nachsitzen bei Snape und stahl sich dann heimlich in den siebten Stock. Narcissa öffnete ihr und begrüßte sie herzlich. „Draco ist in seinem Zimmer. Viel Erfolg! Ich werde euch nicht stören.“ Hermine klopfte. Das Knurren von drinnen interpretierte sie als „Herein!“. „Hi! Wie war die erste Unterrichtsstunde? Hat Snape dir den Trank vernünftig erklärt?“ „Ja, aber nur erklärt. Brauen sollen wir ihn jetzt.“ „Oh, okay. Dann lass uns mal anfangen.“ Draco lag immer noch auf dem Bett und rührte sich nicht vom Fleck. Hermine setzte seinen Kessel aufs Feuer, dann drehte sie sich um. „Was ist, kommst du?“ Wortlos stand er auf, hockte sich neben ihr auf den Boden und begann auf einem Brettchen Flubberwürmer zu zerhacken. Sie sah ihn von der Seite an, betrachtete sein finsteres Gesicht, dann legte sie ihr Silbermesser weg. „Draco... was ist los?“
Wütend warf er die Würmer in den Kessel. „Ich drehe schon nach einem Tag hier drin fast durch! Ich möchte etwas tun und nicht hier vergammeln. Beweisen, dass ich kein Feigling bin! Ich war lange genug feige! Snape hat mir berichtet, dass er schon seit 15 Jahren für den Orden spioniert. Der Mann hat wirklich Mut!“ „Spionieren kannst du nicht, Draco, das weißt du selbst. Aber ich kann verstehen, dass du etwas tun möchtest.“ Hermine seufzte. Nein, sie wagte noch nicht, ihm von den Horcruxen zu erzählen. Bisher wussten außer Dumbledore nur sie, Harry und Ron davon, und die drei wollten die Sommerferien damit verbringen, die restlichen Horcruxe zu suchen und zu zerstören.Wenn Ron bis dahin wieder mit ihnen sprach, hieß das. Eigentlich sprach nichts dagegen, dass Draco dann mitkam. Wenn Harry Potter, der Erzfeind des Dunklen Lords, das riskieren konnte, dann konnte es auch ein Verräter. Und wenn Harry und vor allem Ron einverstanden waren. Gefährlich würde es für alle werden. Aber sie konnte sich vorstellen, dass das Draco lieber wäre als in seinem Turmzimmer zu sitzen und zu warten. „Ich hab da eine Idee, aber ich muss erst mit Dumbledore sprechen, bevor ich dir da irgendwelche Hoffnungen machen kann.“ erklärte sie ihm, während sie Sorkenessenz in den Kessel gab und dann dreimal im Uhrzeigersinn und sechsmal entgegengesetzt rührte.
„Das würdest du tun? Ich meine, ich will Dumbledore gegenüber nicht undankbar scheinen, immerhin wollte ich ihn umbringen und er versteckt mich, aber hier drin werde ich verrückt. Ehrlich. Ich meine, mal abgesehen vom Eingesperrtsein, ich liebe meine Mutter wirklich, aber auf so kleinem Raum so lange mit ihr zusammenzuhocken... Ich bin 17! Seit zwei Wochen bin ich volljährig! Und sie bemuttert mich wie einen Elfjährigen!“ Hermine musste lachen. „Wahrscheinlich hatte sie ebensoviel Angst um dich wie umgekehrt und muss jetzt irgendwie ihre Erleichterung rauslassen. Das gibt sich sicher mit der Zeit. Aber ich werde trotzdem mal mit Dumbledore reden.“
„Warum bist du so nett zu mir?“ rutschte es Draco heraus. „Das gleiche könnte ich dich auch fragen.“ konterte Hermine. „Ich habe das Gefühl, der Draco, den ich sechs Jahre lang gehasst habe, hat sich gestern in Luft aufgelöst und ich habe einen ganz neuen Menschen kennengelernt!“ „Vielleicht ist das auch so.“ meinte Draco leise. „Ich habe gestern mein ganzes bisheriges Leben aufgegeben.“ Hermine legte ihre Hand auf seine. „Diesen neuen Draco mag ich jedenfalls.“ lächelte sie. Er lächelte zurück. Hermine bemerkte, dass ihre Hand immer noch auf seiner lag, und zog sie leicht errötend zurück. „Nun lass uns mal diesen Trank fertigbrauen!“
Als sie fertig waren, blieb Hermine unschlüssig stehen. „Ja, ich... geh dann wohl mal.“ Sie machte ein paar Schritte zur Tür. Draco folgte ihr rasch. „Bleib doch noch ein bisschen, es ist doch noch nicht Zapfenstreich.“ Hermine sah ihn erstaunt an. Dann nickte sie zögernd. „Warte einen Moment!“ Draco verschwand kurz und kam mit zwei Gläsern Kürbissaft zurück. Hermine hatte sich währenddessen auf sein Bett gesetzt und neugierig die Bücher angesehen, die er sich anscheinend von Dobby hatte besorgen lassen. Hauptsächlich über Quidditch, aber auch eins über die Koboldkriege. Erstaunt sah sie ihn an. „Interessierst du dich etwa für Geschichte?“ Draco nickte. „Professor Binns hat mich zum Koffein-Junkie gemacht.“ seufzte er. „Ohne eine ganze Kanne Kaffee vorher schaffe ich es einfach nicht, in `Geschichte der Zauberei` wachzubleiben, aber das Thema interessiert mich nun mal. Wenn dieser Geist nur nicht so entsetzlich langweilig wäre! Das Fach selbst ist doch toll!“
Hermines Lieblingsfach war es zwar nicht, aber sie gehörte neben Draco zu den wenigen, die es schafften, in Professor Binns Unterricht nicht einzuschlafen. „Kobolde sind mir ein bisschen unheimlich.“ gestand sie. „In diesen Koboldkriegen haben die Zauberer ihnen viel Unrecht angetan. Ich habe oft das Gefühl, das werden sie uns nie verzeihen. Rons Bruder arbeitet für Gringotts, er...“ Doch beim Gedanken an Ron brach sie ab. Ihr Gesicht verdüsterte sich. Draco setzte sich neben sie. „Was ist los?“ fragte er. „Ron. Er spricht nicht mehr mit Harry, Ginny und mir. Deinetwegen. Er kann nicht verstehen, warum wir dir auf einmal vertrauen.“
Draco starrte auf den Fußboden. „Das überrascht mich ehrlich gesagt nicht. Ich verstehe es ja selbst nicht.“ „Draco, so wie ich dich die letzten zwei Tage kennengelernt habe... Ich weiß nicht warum, aber ich fühle einfach, dass wir dir vertrauen können, und ich glaube dir, dass du... bereust, was du getan hast.“ sagte sie fest. Draco drückte kurz ihre Hand. „Das bedeutet mir viel, weißt du? Ich habe in dem Moment auf dem Turm gar nicht viel über die Folgen nachgedacht, ich wollte nur meine Familie retten. Was das für mich bedeutet... dass mir niemand vertrauen wird, dass meine alten Freunde mich verachten werden... das hatte ich mir nicht richtig überlegt, und es wäre mir in dem Augenblick auch egal gewesen. Aber ich bin schon ziemlich erleichtert, dass ich jetzt nicht total einsam und geächtet hier eingesperrt bin.“
Er lächelte sie kurz an. Dann fuhr er fort: „Meinst du, es hat Sinn, wenn ich mal mit Weasley rede?“ Hermine sah ihn bedrückt an. „Ich weiß nicht, wahrscheinlich würde er sich weigern, oder dich verhexen und verfluchen. Aber danke für das Angebot. Ich werde mal mit Harry darüber reden. Aber Ron hat dich immer am meisten von uns gehasst, mehr noch als Harry. Das wird noch ziemlich schwierig, besonders...“ Sie schwieg erschrocken. Beinahe hätte sie von den Plänen in den Sommerferien erzählt. „Besonders was?“ fragte Draco neugierig. „Tut mir leid, das kann ich dir noch nicht sagen. Vielleicht später mal.“ lenkte Hermine ihn ab. Sie sprang auf. „Jetzt muss ich aber wirklich gehen. Wir sehen uns morgen. Verwandlung und Zaubersprüche, richtig?“ Draco nickte. Er stand auf und begleitete sie zur Tür. „Gute Nacht, Hermine.“ sagte er leise. Sie lächelte ihn an. „Gute Nacht.“ Sie zögerte kurz, dann gab sie ihm eine ganz kurze freundschaftliche Umarmung und verschwand.
„Nettes Mädchen.“ lächelte Narcissa. Draco zuckte zusammen. Er hatte ganz vergessen, dass seine Mutter immer noch am Kamin saß und las. Er nickte nur kurz und flüchtete in sein Zimmer, bevor seine Mutter das Thema vertiefen konnte. Er hatte Hermine in diesen zwei Tagen ziemlich gut kennengelernt und war erstaunt, wie gern er sie bereits mochte. Diese verwirrenden Gefühle musste er nicht unbedingt mit seiner Mutter ausdiskutieren - obwohl er wusste, dass sie es liebend gern getan hätte...
Hermine zögerte, nachdem sie das Versteck der Malfoys verlassen hatte. Sollte sie gleich zum Gryffindorturm zurückgehen? Oder sollte sie versuchen, mit Dumbledore zu sprechen? Nein, dazu war es vielleicht doch noch zu früh. Sie machte sich auf den Weg zum Gemeinschaftsraum. „Flubberwurm.“ sagte sie zur fetten Dame. Im Gemeinschaftsraum saßen nur noch Harry und Ginny, zwar eng umschlungen, aber in ein ernsthaftes Gespräch vertieft. Ginny lächelte sie an, als sie durch das Porträtloch kletterte.
„Hallo, Hermine. Wie war das Nachsitzen?“ Hermine überlegte kurz. Je weniger Menschen von Dracos Versteck wussten, desto besser, aber andererseits gehörte Ginny auch zu denen, die wussten, dass er die Seiten gewechselt hatte. „Wenn du versprichst, dass es unter uns dreien bleibt...“ sagte sie zögernd. Ginny sah sie neugierig an. „Hat es was mit Malfoy zu tun? Ich halte dicht. Ich habe außer Ron auch noch niemandem gesagt, dass er übergelaufen ist. Allerdings wird sich das ja sicher sowieso bald rumsprechen, wenn die Slytherins es von ihren Eltern erfahren, und er war ja heute auch nicht in der Schule, das fällt ja auch auf. Dumbledore versteckt ihn sicher irgendwo.“
Hermine nickte. Sie sah sich um, ob der Gemeinschaftsraum auch wirklich leer war. Dann setzte sie sich neben die beiden und flüsterte: „Er versteckt ihn und seine Mutter hier in der Schule. Er bekommt Privatstunden von den Lehrern und ich soll ihm dann bei den Hausaufgaben helfen, weil diese Stunden natürlich nicht so ausführlich sein können wie der richtige Unterricht.“ Ginny sah sie mit großen Augen an. „Du gibst Malfoy Nachhilfe?!“ Hermine nickte. „Da komm ich gerade her. Und es war eigentlich richtig nett.“ „Wo wird er denn versteckt?“ fragte Harry neugierig. „Tut mir leid, das darf ich nicht sagen, nicht mal euch.“ „Schade. Ich würde mich auch gern noch einmal mit ihm unterhalten.“ meinte Harry. „Schließlich müssen wir ihn irgendwie besser kennenlernen, wenn er jetzt auf unserer Seite ist.“
Er benutzt fast die gleichen Worte wie Malfoy im Krankenflügel, als er mich gefragt hat, ob ich ihm etwas über mich erzähle, dachte Hermine. Bei dem Gedanken an den gestrigen Nachmittag lächelte sie. „Du solltest ihn sehen, er ist fast ein neuer Mensch! Keine Spur mehr von dem arroganten, schlammbluthassenden Frettchen!“ Ginny sah sie zweifelnd an, doch Harry nickte. „Ja, er war gestern echt in Ordnung. Ehrlich, gar nicht arrogant oder beleidigend...“ Hermine seufzte. „Wie soll ich es eigentlich anstellen, jeden Abend zu verschwinden? Das fällt doch auf! Habt ihr eine Idee?“ Ginny runzelte die Stirn. „Naja, am einfachsten ist es meistens, so dicht wie möglich bei der Wahrheit zu bleiben. Sag doch einfach, du gibst irgendwem Nachhilfe, einem Drittklässler oder so.“ Harry nickte zustimmend. „Gute Idee, Gin“, meinte Hermine, dann gähnte sie. „Sorry, Leute, ich muss ins Bett. Gute Nacht!“ Sie winkte den beiden zu und verschwand die Treppe hinauf.
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