
von Dracodormiens
6.Gespräche
Am nächsten Tag entschloss Hermine sich, das Problem Ron energisch in Angriff zu nehmen. Sie stand extra früh auf und wartete vor der Großen Halle auf ihn. Als er wortlos an ihr vorbei zum Frühstück marschieren wollte, ergriff sie seinen Arm und hielt ihn fest. „Was?!“ fauchte er. Hermine hielt seinem Blick stand. „Ich muss mit dir reden.“ sagte sie fest und zog den widerstrebenden Ron mit sich in ein leeres Klassenzimmer. „Ron, was soll der Unsinn?“ fragte sie stirnrunzelnd. „Wie kannst du uns nur unterstellen, es würde uns nichts ausmachen, dass du vergiftet worden bist?! Das ist wirklich verletzend, weißt du?“ „Verletzend?!“ rief Ron. „Weißt du, WAS verletzend ist?! Wenn meine beiden angeblich besten Freunde mit meinem Beinahe-Mörder gemeinsame Sache machen!“ Wütend trat er gegen einen Stuhl.
Hermine seufzte. „Ron. Glaub mir, ich kann dich verstehen. Aber wenn du mit Draco geredet hättest...“ „Ach, jetzt ist er also schon Draco.“ meinte Ron bitter. Hermine rollte mit den Augen. „Draco bereut, was er getan hat.“ sagte sie entschieden. „Und er ist jetzt auf unserer Seite, also müssen wir ihm vertrauen. Mit ihm zusammenarbeiten. Du musst ihn nicht mögen, aber es wäre hilfreich, wenn du zumindest deine Feindseligkeit gegenüber deinen Freunden ablegen würdest. Denn ob du es glaubst oder nicht, du bist uns ziemlich wichtig!“ Bei den letzten Worten zitterte ihre Stimme etwas. Sie sah Ron an, dann ging sie langsam auf ihn zu und umarmte ihn vorsichtig. Ron blieb erst stocksteif stehen, doch dann entspannte er sich und erwiderte die Umarmung.
„Bitte, sprich wenigstens einmal mit Draco.“ flüsterte Hermine. „Mir zuliebe.“ „Der Gedanke ist noch so frisch.“ murmelte Ron in ihre Haare. „Vielleicht in ein paar Tagen. Es tut mir leid, dass ich behauptet habe, es wäre euch egal, dass ich beinahe gestorben wäre. Ich war so wütend.“ Dann stutzte er. „Wie soll ich überhaupt mit Malfoy sprechen? Er war doch gestern gar nicht in der Schule, ich dachte, Dumbledore hat ihn irgendwo versteckt.“ „Er ist noch hier!“ flüsterte Hermine. „Aber das wissen nur Harry, Ginny, du und ich. Alle, die wissen, dass er übergelaufen ist, also.“
Ron runzelte die Stirn. „Und wo?“ „Das darf ich nicht sagen. Harry und Ginny wissen es auch nicht.“ Ron nickte nachdenklich. „Ich schätze, ich sollte mal Harry und Ginny suchen, was?“ Hermine lächelte ihn an und drückte seine Hand. „Ich hasse es, mit dir zerstritten zu sein, Ron.“ Er errötete leicht. „Du bist mein bester Freund!“ setzte sie hinzu und lief leichtfüßig aus dem Raum, ohne zu sehen, dass sein Lächeln bei ihren letzten Worten verblasst war.
Erleichtert rannte Hermine in die Große Halle. Das Frühstück war noch nicht ganz beendet, und sie glitt auf die Bank neben Harry und Ginny und beeilte sich, wenigstens noch ein Brötchen zu essen. „Ich hab mit Ron geredet.“ murmelte sie zwischen zwei Bissen. „Ich glaub, er hat sich wieder eingekriegt.“ Harrys und Ginnys Gesichter strahlten auf. „Hermine, das ist ja großartig!“ Sie lächelte mit vollem Mund und deutete zur Tür, wo Ron gerade hereinkam und sich suchend umsah. Harry hob einen Arm und winkte ihn heran. Zögernd kam Ron näher. „Ich glaub, ich hab ein bisschen überreagiert, was?“ Unsicher sah er von einem zum anderen. Aber Ginny umarmte ihren Bruder einfach, und Harry schlug ihm auf die Schulter. „Sieh zu, dass du noch was zu essen abkriegst, wir müssen gleich zu Verwandlung!“ Ron lächelte erleichtert und lud sich schnell den Teller voll.
Hermine machte sich wie am Vortag noch mehr Notizen im Unterricht als sonst. McGonagall sah es und lächelte. Wenn Hermine Granger etwas machte, dann machte sie es richtig. McGonagall war zwar etwas erstaunt, dass Dumbledore ausgerechnet Hermine als Draco Malfoys Nachhilfelehrerin bestimmt hatte, aber der Schulleiter hatte sicher seine Gründe gehabt. Wenn er meinte, dass die beiden tatsächlich lernten, statt sich gegenseitig zu beleidigen und zu verhexen... Und Malfoy hatte nach seiner schwierigen Entscheidung sicher die beste Schülerin alsUnterstützung verdient.
Ähnliche Gedanken hegte Flitwick. Nach dem Unterricht hielt er Hermine unter einem Vorwand zurück und gab ihr noch ein paar Tips, wie man häufige Fehler bei einigen Zaubersprüchen vermeiden konnte.
Beim Mittagessen saß das Quartett wieder zusammen wie früher. Über die Themen, die sie zur Zeit am meisten beschäftigten, nämlich die Horcruxe und Malfoy, konnten sie beim Essen natürlich nicht reden, aber sie verabredeten sich für nachmittags am See. Ginny hatte Unterricht, also waren die drei unter sich. „Hat Dumbledore noch andere Ideen, was Horcruxe sein könnten und wo wir suchen sollen?“ fragte Ron zum x-ten Mal. „Also, er meint, es wären sieben, ja? Das Medaillon von Slytherin und das Tagebuch sind futsch. Ein Stück steckt in Du-Weißt-Schon-Wem selbst. Die Schlange kommt auch ganz zum Schluss. Bleiben noch drei. Vermutlich von Gryffindor, Ravenclaw und Hufflepuff, richtig?“ „Es kann nicht das Schwert sein, oder?“ fragte Harry hoffnungsvoll. Hermine schüttelte den Kopf. „Es gibt keine Möglichkeit, wie und wann er ein Seelenstück dort hineintransportiert haben sollte...“ Sie zögerte ein wenig. Nein, es war noch zu früh, um vorzuschlagen, dass auch Draco mitkäme. Vor allem Ron musste sein Misstrauen und seinen Hass überwinden.
Hermine sah auf die Uhr. Halb sechs. Noch zu früh, um zu Draco zu gehen. Ron sah ihren Blick. „Noch was vor heute?“ fragte er. Hermine nickte. Ach ja, sie hatte Ron zwar schon erzählt, dass Draco in der Schule versteckt war, aber er wusste noch nichts von der Nachhilfe. Sie berichtete ihm davon. Er war zwar nicht begeistert, sagte aber nichts dazu. Anscheinend musste er sich daran gewöhnen, dass Draco jetzt irgendwie dazugehörte. „Ja, ich schätze, nachdem er quasi sein ganzes bisheriges Leben aufgegeben hat, sind wir irgendwie für ihn verantwortlich“ seufzte er. Hermine sah ihn überrascht an. Dass Ron mit seinen Einsichten schon so weit war, erstaunte sie, aber es freute sie auch. Sie umarmte ihn schnell einmal. Ron schaute nicht ganz glücklich drein dabei. Würde sie in ihm jemals etwas anderes sehen als den Kumpel? Sie schien nichts von seinen Gefühlen zu bemerken, und er würde sich hüten, sich zum Narren zu machen und womöglich ihre Freundschaft zu zerstören.
Hermine lehnte sich an den Baumstamm, unter dem sie saßen, und schloss für einen Moment die Augen. Viel war in den letzten Tagen auf sie eingestürzt. Vielleicht, weil sie bisher am meisten Zeit mit ihm verbracht hatte, spürte sie die Verantwortung für Draco am schwersten. Für seine Sicherheit, seine Schulnoten, aber auch dafür, dass er seine Entscheidung nicht bereute - sprich, seine Zufriedenheit. Morgen musste sie mit Dumbledore sprechen, was er von der Idee mit den Horcruxen hielt, und was Draco sonst noch für „Hafterleichterungen“ bekommen konnte. Vielleicht würde Harry ihm seinen Tarnumhang leihen.
Hermine schaute erneut auf die Uhr und sprang auf. „Ich muss los! Wir sehen uns nachher im Gemeinschaftsraum!“ Sie winkte zum Abschied und rannte zum Schloss hinauf. Als sie endlich im siebten Stock angekommen war, keuchte sie vor Anstrengung. Sie war noch nie besonders sportlich gewesen. Was ihr an Hogwarts unter anderem besonders gefiel, war, dass es außer Quidditch hier keinen Sport gab, und Quidditch war zum Glück nicht verpflichtend. Als sich ihr Atem wieder etwas beruhigt hatte, trat sie auf das Gemälde mit dem Ritter zu und sagte: „Schrumpfhorniger Schnarchkackler.“
Draco erwartete sie schon. Er hatte eine Karaffe mit Kürbissaft bereitgestellt. Die Abendsonne schien herein, und all das Silber in seinem Zimmer glitzerte.
„Du... hast wahrscheinlich noch nicht mit Dumbledore gesprochen, oder?“ fragte er als erstes. Sie schüttelte den Kopf. „Tut mir wirklich leid. Aber dafür mit Ron. Er scheint langsam seinen Widerwillen gegen dich abzulegen. Ich dachte, es würde helfen, wenn ihr mal miteinander reden würdet, aber dazu ist er noch nicht bereit.“ „Wann immer du willst, Granger. Du weißt ja, wo du mich findest.“ meinte Draco ein bisschen sarkastisch. Natürlich war Ron ihr wichtiger gewesen als er. Moment, was hatte er da gerade gedacht? Wollte er wichtig sein für Granger? Und außerdem, ihr Verhältnis zu Ron betraf ihn schließlich auch. Sie waren alle auf der gleichen Seite.
„Seit wann bin ich denn wieder Granger?“ Draco antwortete nicht, sondern zog mit einem Ruck die Vorhänge zu, da die Sonne blendete. „Lass uns lernen.“
Hermine ging kopfschüttelnd zu ihrer Tasche hinüber. Dracos Launen waren verwirrend. Aber sie schob das auf sein Eingesperrt-sein. Leise seufzend holte sie ihre Unterlagen über Verwandlung heraus. „Also, Professor McGonagall möchte, dass wir weiter üben, Dinge in ein beliebiges Tier zu verwandeln. Sie sagt, Schnecken oder Würmer sind zum Beispiel für den Anfang recht einfach, dann kommen Vögel, und Säugetiere sind am schwierigsten. Wie weit bist du damit?“
„Ein Huhn hab ich schon einmal geschafft.“ Hermine sah ihn respektvoll an. Weiter als bis zum Vogel war auch sie noch nicht gekommen. „Okay, dann üben wir das jetzt noch mal, bis es perfekt sitzt, dann probieren wir es mit einem kleinen Säugetier.“ Draco nickte und hob seinen Zauberstab.
Nach anderthalb Stunden hatten sowohl Draco als auch Hermine es geschafft, eine Feder in eine Maus zu verwandeln. Für Zaubersprüche mussten sie jetzt noch einen Aufsatz schreiben. Als Hermine den letzten Absatz vollendete, bemerkte sie endlich, dass sie kaum noch etwas sehen konnte. „Oje, ist es spät geworden!“ rief sie erschrocken. „Ich muss mich beeilen!“ Eilig raffte sie ihre Sachen zusammen. Draco hätte ihr gern noch erklärt, warum er vorhin so sarkastisch reagiert hatte. Doch wenigstens schien sie nicht sauer auf ihn zu sein. Sie umarmte ihn schnell zum Abschied wie gestern. „Bis morgen!“ „Warte!“ rief er, bevor sie die Tür öffnen konnte. Sie drehte sich erstaunt um. „Äh... hast du Lust, morgen ein bisschen früher zu kommen? So dass wir Zeit haben, ... äh, noch ein bisschen zu reden?“ Überrascht nickte sie, dann winkte sie ihm lächelnd noch einmal zu und war verschwunden.
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