
von Dracodormiens
14. Das Dunkle Mal
Als sie am Lagerplatz ankamen, sahen sie einen schwachen Lichtschimmer im Zelt. Sie versteckten die Fahrräder im Gebüsch und krochen dann durch den Zelteingang. Luna lag auf der Couch und schlief fest, ihre langen blonden Haare fielen ihr übers Gesicht. Neben ihr auf dem Boden lag ein Buch über Eulen, das ihr wohl aus der Hand gefallen war. „Lassen wir sie schlafen.“ flüsterte Hermine leise. Sie verschwand kurz in dem winzigen Badezimmer. Als sie wieder zum Vorschein kam, ging Blaise ins Bad, um sich die Zähne zu putzen. Hermine und Draco sahen sich an. „Wenn Luna auf der Couch schläft... kann ich mit zu dir kommen?“ flüsterte Draco. Hermine zögerte kurz, aber dann nickte sie. Sie wollte wieder in Dracos Armen einschlafen. Und sie vertraute ihm, dass er ihre Grenzen respektieren würde. Er lächelte und nahm sie in den Arm. Dann erschien Blaise wieder, wünschte ihnen leise eine gute Nacht und verschwand mit einem letzten vielsagenden Blick auf Draco in seinem Zimmer. Hermine legte sich ins Bett. Nachdem Draco auch im Bad gewesen war, löschte er das Licht im Wohnzimmer und tastete sich im Dunkeln zu Hermines Bett hin. Er kroch neben ihr unter die Decke, steckte den Arm unter ihren Nacken und gähnte. Hermine legte die Hand auf seinen linken Unterarm. Er zuckte ein wenig zusammen. Sie wusste, dass er dort das Dunkle Mal trug. „Hat es in letzter Zeit gar nicht gebrannt?“ fragte sie leise. Draco schüttelte den Kopf. „In Hogwarts einmal, kurz nachdem Dumbledore meine Mutter gebracht hatte, ich habe ihm Bescheid gesagt. Seit wir unterwegs sind, nicht mehr.“ Merlin sei Dank, fügte er in Gedanken hinzu. Die Schmerzen, wenn man dem Ruf nicht Folge leistete, waren heftig. Sie fuhr vorsichtig mit dem Finger die Umrisse des Totenkopfes nach, die sie spüren konnte. Es war keine Tätowierung, sondern eingebrannt. „Stört es dich sehr?“ fragte Draco leise. „Ich werde immer ein Ausgestoßener sein, auch wenn das alles hier vorbei ist. Wer das Mal sieht, wird immer erst einmal auf mich herabsehen...“ Hermine schmiegte sich an ihn. „Das ist mir völlig egal!“ flüsterte sie ihm ins Ohr.
Als sie am nächsten Morgen aufwachten, stieg ihnen Kaffeeduft in die Nase. Hermine sah auf ihre Armbanduhr. Neun Uhr. Sie warf die Decke zur Seite und kletterte über Draco hinweg, der noch mit dem Schlaf kämpfte. Luna hatte im Wohnzimmer den Frühstückstisch gedeckt und über dem Kaminfeuer Kaffee gekocht. Eben dirigierte sie mit ihrem Zauberstab die Tassen zum Kessel, füllte sie und schickte sie wieder zurück auf den Tisch. Nur in Shorts erschien Draco in der Zimmertür und gähnte. „Rieche ich hier Kaffee?“ Blaise kam aus dem Bad und schien blendender Laune zu sein. „Was ist denn mit dir los?“ fragte Luna ihn verwundert. Draco grinste. „Er ist schon wieder mit Sinead verabredet.“ „Es geht um unsere Nachforschungen!“ protestierte Blaise wenig glaubhaft. „Schon klar...“ grinste Draco, nahm sich eine Tasse Kaffee und zog genießerisch den Duft in die Nase.
„Wolltest du nicht mit mir nach Muncaster kommen?“ fragte Luna. Blaise schaute sie schuldbewusst an. „Schaffst du das alleine? Sineads Vater hat ein kleines Heimatmuseum, er ist Hobbyarchäologe, vielleicht hat er sogar Dinge von Rowena Ravenclaw, das wollte ich mir mal ansehen.“ Luna lächelte nachsichtig. „Klar schaffe ich das alleine. Ich hab mir gestern noch mal ´Eulenarten und wo sie leben` durchgelesen, das neue Buch von Rolf Scamander, dem Neffen von Newt Scamander. Ich bin bestens vorbereitet.“ Blaise sah auf die Wanduhr. „Wann seid ihr verabredet?“ fragte Hermine. „Um zehn. Vorher geht sie noch schwimmen.“ sagte Blaise. „Sagst du mir noch mal diesen Fahrradfahr-Spruch? Ich denke, ich nehme das Fahrrad und appariere bis kurz vor Ravenglass.“ „Aequilibrius. Schwimmen?“ meinet Hermine nachdenklich. „Da hätte ich auch Lust zu.“
Sie verschwand kurz in ihrem Zimmer, dann hörten die anderen einen triumphierenden Ausruf. „Ich habe an meinen Badeanzug gedacht! Sogar zwei, ich könnte dir einen leihen, Luna.“ „Und wir?“ fragte Blaise. „Ihr habt euch doch auch Shorts gekauft, die könnt ihr zur Not zum Baden anziehen.“ meinte Hermine. Blaise zuckte die Schultern. „Naja, vielleicht.“ Er konnte ihre Begeisterung nicht ganz teilen. Nachdem er am Abend die Wassertemperatur getestet hatte, war er nicht besonders wild auf schwimmen gehen. Draco hielt sich heraus. Er hätte zwar durchaus Lust dazu, aber er wollte sein Dunkles Mal nicht sehen lassen. Blaise sah noch einmal auf die Uhr und stand auf. „Treffen wir uns um drei am Pub zum Essen?“ Ohne die Antwort abzuwarten, verschwand er durch den Zelteingang. Die anderen drei standen ebenfalls auf, und Luna ließ mit einem Zauberstabschlenker die Kaffeetassen sauber im Schrank verschwinden. Die beiden Mädchen verschwanden schnell noch einmal im Bad und zogen die Badeanzüge unter ihre Röcke und Tops. Draco trug zwar wie immer ein langärmeliges Hemd zu seinen Shorts, ließ es aber der Hitze wegen offen. Hermine kontrollierte noch einmal, ob sie Blaises Tarnumhang noch in der Umhängetasche hatte, dann machten die drei sich auf den Weg zur Bushaltestelle.
Blaise war etwa einen halben Kilometer vor Ravenglass mit dem Fahrrad aus dem Nichts erschienen und stieg nun unsicher auf. „Aequilibrius!“ dachte er und trat in die Pedale. Es klappte zum Glück genauso gut wie am Abend vorher. Vor dem Pub bremste er und stellte das Fahrrad in den Ständer vor der Tür. Der Pub war noch geschlossen, und er machte sich auf den Weg zum Museumseingang auf dem Hinterhof. Sinead stand schon vor der Tür und band gerade ihre nassen Haare zu einem Zopf. „Na, ausgeschlafen? Guten Morgen!“ begrüßte sie ihn fröhlich. Blaise grinste. „Ich bin zwar nicht ganz so ein extremer Frühaufsteher wie du, aber Langschläfer bin ich auch nicht! Guten Morgen!“ Sie lachte und schloss die Tür auf. „Dann komm mal rein.“
Das Museum bestand aus einem einzigen Raum, der mit Regalen und Vitrinen vollgestellt war. Fasziniert sah Blaise sich um. „Hier muss Drake auch noch mal hinkommen, Geschichte ist sein Lieblingsfach.“ stellte er fest. „Ja, wieso sind die anderen nicht mitgekommen?“ fragte Sinead, während sie immer noch mit Zopfflechten beschäftigt war. „Die sind heute nochmal nach Muncaster gefahren, in die Bibliothek.“ sagte Blaise und beugte sich zu einer Vitrine hinunter. „Oh, habt ihr einen Termin bekommen?“ fragte Sinead erstaunt. Blaise nickte nur und wechselte das Thema. „Hast du Zeit, mir etwas zu den ganzen Sachen zu erklären, oder hast du was vor?“ „Klar kann ich dir was erzählen.“ Sie band ein Haargummi um das Zopfende und warf den Zopf über die Schulter zurück.
Sinead wusste wirklich viel über die Ausstellungsstücke. Eine Seite des Raums war der römischen Geschichte des Ortes gewidmet, eine weitere Muncaster Castle. Auf der dritten Seite hingen Fotos und Gemälde von Ravenglass, und die vierte Wand war dekoriert mit Gegenständen, die mit der Fischerei zu tun hatten. Sinead wusste zwar, dass Blaise sich hauptsächlich für Rowena Ravenclaw interessierte, aber sie fing trotzdem mit ihrer Führung bei der römischen Geschichte an. Bald vergaß Blaise ganz, warum er eigentlich hier war, so spannend erzählte Sinead.
„Und diese Truhe mit dem Siegel von Rowena Ravenclaw hat mein Vater in einer Höhle unter Muncaster Castle gefunden.“ Blaise horchte auf. „Das war vor anderthalb Jahren, aber wir haben es noch nicht geschafft, sie zu öffnen. Mein Vater wäre fast ums Leben gekommen, als er sie bergen wollte, weil die Höhle eingestürzt ist.“ „Das würde ich gerne mal probieren, so was reizt mich.“ sagte Blaise. Er begutachtete das Schloss der Truhe, die etwa 40 cm breit, 30 cm tief und 20 cm hoch war. Sinead zuckte die Schultern. „Meinetwegen, aber ich glaube nicht, dass du da mehr Erfolg haben wirst als wir.“
Um herauszufinden, ob sich in der Truhe ein Horcrux befand, und die Geschichte des Fundes sprach ja durchaus dafür, musste Blaise einige Zauber anwenden. Er überlegte krampfhaft, wie er Sinead dazu bringen könnte, für einige Zeit den Raum zu verlassen. Vielleicht sollte er einfach später noch einmal mit dem Tarnumhang herkommen, aber es widerstrebte ihm, sie so zu hintergehen. Er beschloss, das Problem zu verschieben. „Wenn ich darf, probiere ich nachher mal mein Glück an dem Schloss. Erzählst du jetzt erstmal weiter?“ Er ging zu der Wand mit den Fotos und Gemälden hinüber und betrachtete sie. Sie folgte ihm und deutete auf ein Bild. „Dieser Pub ist über 150 Jahre alt. So sah das hier damals aus. Ist schon immer im Besitz unserer Familie gewesen.“ sagte sie stolz. „Ich werde ihn allerdings nicht übernehmen. Einer meiner Brüder studiert in Edinburgh Betriebswirtschaft, und der andere macht eine Hotelfachausbildung.“ „Ich dachte, du kommst aus Irland?“ fragte Blaise. Sie nickte. „Also, meine Vorfahren sind schottisch, aber meine Großeltern sind nach Irland ausgewandert. Als mein Großonkel, der den Pub zuletzt hatte, gestorben ist, sind wir hierher gezogen. Das war vor fünf Jahren.“
Blaise ließ sich auch noch den Rest der Ausstellung von Sinead erklären. Dann bat er sie um Werkzeug, um sich mit der Truhe zu beschäftigen, und setzte sich damit auf eine Bank in den Hof. Sinead schien sich leider in den Kopf gesetzt zu haben, ihm Gesellschaft zu leisten, sie hatte sich ein Buch geholt und sich neben ihm auf der Bank niedergelassen. Da kam ihm der Zufall zur Hilfe. Eine Frau mit langen braunen Haaren und Sommersprossen schaute aus einem Hinterfenster des Pubs, wahrscheinlich der Küche. „Hallo! Wer bist du denn?“ Sie sah Blaise fragend an. „Das ist Blaise, der macht mit ein paar Freunden hier Ferien. Ich hab ihm das Museum gezeigt.“ sagte Sinead. „Sinead, du wolltest mir doch bei den Vorbereitungen für das Essen helfen. Es ist schon halb eins.“ sagte ihre Mutter vorwurfsvoll. Sinead warf Blaise einen entschuldigenden Blick zu. „Ist schon in Ordnung.“ meinte er. „Ich beschäftige mich eine Weile mit der Truhe. Nachher um drei wollten wir sowieso bei euch essen.“ Sie winkte ihm zu und verschwand durch den Hintereingang. „Bis später dann!“
Blaise hatte ihre Gesellschaft zwar sehr gern, aber jetzt war er trotzdem erleichtert, dass er sich in Ruhe mit der Truhe auseinandersetzen konnte. Er zog seinen Zauberstab aus der Tasche und probierte einige Öffnungszauber. Nichts rührte sich. Aber als er einen Dunkle-Magie-Detektionszauber sprach, vibrierte die Truhe in seinen Händen. Blaise war wie elektrisiert. Sollte er tatsächlich schon ein Horcrux entdeckt haben? Doch was er auch versuchte, die Truhe öffnete sich nicht. Irgendwann sah er auf, weil ein Schatten auf ihn fiel, und stellte fest, dass Sinead lächelnd vor ihm stand. „Na? Du schaffst es auch nicht, oder?“ „So schnell gebe ich nicht auf!“ grinste er. „Wie spät ist es? Schon Zeit zum Essen?“ „Fast. Wir können ja schon mal reingehen und was trinken.“ Er folgte ihr in die Gaststube. Wenig später tauchten auch Draco, Hermine und Luna auf.
Nach dem Essen fragte Sinead: „Kommt ihr mit zum Strand? Ich hab heute nachmittag frei.“ „Vom Schwimmen kriegst du nie genug, oder?“ fragte Blaise. „Du warst doch heute morgen schon am Strand.“ Sie grinste. „Früher hat mein Vater immer gesagt, er würde sich nicht wundern, wenn mir irgendwann Schwimmhäute wachsen...“ Die fünf machten sich auf den Weg zum Wasser, nachdem Sinead noch allen Handtücher geliehen hatte. Sie packte auch ein paar Kekse, Saft und eine Frisbee ein. Blaise hätte zwar gern noch ein wenig an der Truhe gearbeitet und auch seinen Freunden davon erzählt, aber er sagte sich, dass es gerade erst Ferienanfang war. Er hatte Zeit, und jetzt wollte er den Nachmittag genießen.
„So, wer kommt mit ins Wasser?“ rief Sinead fröhlich. Sie zog ihr kurzes Sommerkleid über den Kopf und stand im Badeanzug vor ihnen. Hermine und Luna taten es ihr sofort nach. Blaise gab sich einen Ruck, obwohl er die Wassertemperatur noch unangenehm in Erinnerung hatte. Nur Draco setzte sich in den Sand und sah ihnen regungslos zu. „Und du?“ fragte Sinead. Draco schüttelte den Kopf. „Keine Lust.“ „Ach, komm schon!“ lachte Sinead. Draco zögerte. Sie war schließlich eine Muggel, und sein Mal würde sie sicher für eine verrückte Tätowierung halten... „Na gut.“ sagte er schließlich. Er fing an, sein Hemd aufzuknöpfen, das er während des Essens aus Höflichkeit wieder zugeknöpft hatte, während die anderen schon zum Ufer liefen. Schließlich machte er sich langsam auf den Weg ins Wasser. Dem großen blonden Jungen folgten etliche interessierte Mädchenblicke, denn Draco war nicht mehr so blass wie früher, sondern durch einen Zauberspruch leicht gebräunt, und dank Quidditch war er auch nicht mehr mager, sondern schlank und muskulös. Doch während er die bewundernden Blicke früher genossen hätte, bemerkte er sie heute gar nicht. Seine Gedanken waren bei Hermine.
Sinead, Blaise, Luna und Hermine waren schon zur Sandbank geschwommen und warfen sich dort jetzt die Frisbee zu. Draco schauderte, als er die Zehenspitze ins kalte Wasser steckte, doch dann stürzte er sich mutig hinein. Die Sandbank war relativ flach, das Wasser ging ihnen etwa bis zum Bauch. Draco hob die Arme und wollte die Frisbee fangen, als sein Blick zufällig Sinead streifte.
Ihre Augen waren auf seinen Unterarm gerichtet, und Entsetzen war in ihr Gesicht geschrieben. „Ihr seid... Todesser!“ stieß sie hervor. Verdattert starrten die vier sie an. Sinead stürzte sich ins Wasser und kraulte wie von einem Hai verfolgt in Richtung Ufer. Die vier überwanden ihre Verblüffung, und Blaise folgte ihr schnell. Er konnte sie jedoch nicht mehr ganz einholen, bevor sie den Strand erreichte, schließlich trainierte sie jeden Morgen. Sie rannte den Strand entlang in Richtung Pub. „Sinead! Warte!“ rief er verzweifelt. „Das ist ein Missverständnis!“ An Land war er schneller als sie, und so holte er sie ein, kurz bevor sie die Straße erreicht hatte. Er versuchte sie festzuhalten, und sie stürzten beide in den Sand. Der Ausdruck von entsetzter Angst in ihren Augen tat ihm weh. „Warum du weißt, was Todesser sind, kannst du uns später erzählen, wichtig ist vor allem, dass du mir glaubst, dass wir keine sind!“ stieß er außer Atem hervor. „Eher genau das Gegenteil! Drake - ok, er heißt Draco - war einer, das stimmt, aber er hat sie verraten!“ Misstrauisch, aber nicht mehr ganz so panisch sah sie zu ihm auf. Luna, Hermine und Draco waren inzwischen auch am Strand angekommen. Draco machte kurz bei ihren Sachen halt und zog sein Hemd wieder über, dann folgte er Hermine und Luna zu Blaise und Sinead. Blaise hatte Sinead an den Handgelenken in den Sand gedrückt. „Du tust mir weh.“ Finster sah sie ihn an.
Sofort lockerte er erschrocken den Griff. „Du läufst nicht weg, wenn ich dich loslasse?“ fragte er vorsichtig. Er richtete sich auf und wollte ihr die Hand reichen, aber sie stand ohne seine Hilfe auf und blickte halb misstrauisch, halb neugierig von einem zum anderen. „Ihr habt mir einiges zu erklären!“ „Du aber auch! Bist du eine Hexe?“ fragte Hermine. Sinead nickte. „Beauxbatons. Und ihr? Hogwarts?“ Die drei nickten. „Eigentlich hätte ich schon misstrauisch werden müssen, als du nach Rowena Ravenclaw gefragt hast -“ sie sah Blaise an, „aber sie ist schließlich auch bei den Muggeln bekannt. Und hier verirren sich so selten Zauberer her...“ Dann trat sie einen Schritt auf Draco zu, ergriff seinen Arm und streifte den Ärmel zurück. Er ließ es geschehen. „Ich hoffe, ihr habt eine sehr gute Erklärung hierfür!“ Sie sah ihm in die Augen. Er hielt ihrem Blick stand. „Haben wir, aber das ist eine lange Geschichte.“ sagte Luna. „Wollen wir uns irgendwo in Ruhe hinsetzen?“
Schweigend folgten die vier Freunde Sinead zurück zum Pub. Sie führte sie durch den Hof hindurch in einen kleinen Garten. Unter einem Apfelbaum stand ein Gartentisch mit mehreren Stühlen und einem Sonnenschirm. Sinead ließ sich in einen Stuhl fallen und sah die vier auffordernd an. „Vielleicht solltest du anfangen mit erklären.“ schlug Hermine vor. „Deine Geschichte ist mit Sicherheit kürzer als unsere.“ Sinead zuckte die Schultern. „Was soll ich groß erzählen? Ich bin muggelgeboren.Wir sind aus Irland weggezogen, als herauskam, dass ich eine Hexe bin. Es passte ganz gut, dass mein Großonkel den Pub gerade aufgeben wollte zu dem Zeitpunkt. Dass ich wegen der Sprachkenntnisse nach Beauxbatons gehe, stimmt. In den Ferien darf ich nicht zaubern, weil ich noch minderjährig bin. Ich weiß, dass Rowena Ravenclaw eine Hexe war. Aber über Hogwarts weiß ich nicht viel, wahrscheinlich ungefähr so wenig wie ihr über Beauxbatons.“ fasste sie kurz zusammen. „Aber über Voldemort weißt du Bescheid?“ fragte Hermine. Sinead nickte. „Das ist doch allgemein bekannt. Er und seine Todesser beschränken ihre Verbrechen ja nicht auf Großbritannien.“ Sie warf einen schnellen Blick zu Draco, der bei dem Wort ´Verbrechen` zusammenzuckte. Dann erzählte er zum wiederholten Mal seine Geschichte. Hermine hatte ihre Hand auf seine gelegt. Ab und zu warf er ihr einen Seitenblick zu. ´Hab ich es nicht gesagt? Jetzt weißt du, worauf du dich eingelassen hast.` schienen diese Blicke zu sagen. Sinead schwieg eine Weile, als er geendet hatte. Blaise beugte sich ein wenig vor und sah sie an. „Glaubst du uns?“ Sie nickte zögernd und musterte einen nach dem anderen. Dann grinste sie plötzlich. „Auf den Schrecken geb ich erstmal ein Guinness aus.“
Als sie im Pub verschwunden war, um das Bier zu zapfen, berichtete Blaise seinen Freunden endlich schnell, was er am Vormittag entdeckt hatte. Die drei waren fasziniert, aber sie versuchten, sich nicht zu viele Hoffnungen zu machen. In der Truhe konnte sich wer-weiß-was befinden. Obwohl sie sehr neugierig waren, waren sie seiner Meinung, dass es auf ein paar Stunden jetzt nicht ankäme. Sie hatten sowieso erstmal keine Gelegenheit, die Truhe näher in Augenschein zu nehmen. Aber die Truhe war seit Jahren im Museum und würde nicht über Nacht verschwinden.
Sinead kam mit den Biergläsern auf einem Tablett zurück. Sie setzte sich wieder neben Blaise. Alle hoben die Gläser. „Auf was trinken wir?“ fragte Sinead. Blaise sah ihr in die Augen. „Freundschaft und Vertrauen?“ Sie lächelte und nickte. Die fünf stießen an. Draco hatte nicht viel gesagt in den letzten Minuten. Er starrte vor sich auf den Tisch. Hermine sah ihn von der Seite an. Dann ergriff sie seine Hand und zog ihn mit sich in eine Ecke des Gartens. „Ist alles in Ordnung?“ Er schüttelte den Kopf. „Das wird immer wieder passieren. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geschieht, aber ich habe es erwartet. Weißt du, wie es sich anfühlt, wenn jemand in Panik vor dir wegläuft? Als ob ich ein Monster wäre!“ Hermine umarmte ihn. „Panik ist nun mal nicht mit vernünftigem Nachdenken verbunden.“ versuchte sie Sineads Verhalten zu erklären. „Ich weiß.“ seufzte er. „Aber ich hätte nicht erwartet, dass es mich trotzdem so verletzt.“ Er vergrub das Gesicht in ihren Haaren.
Nach einer Weile löste Hermine sich aus seiner Umarmung. „Lass uns wieder zu den anderen gehen.“ Sie nahm seine Hand. Draco versuchte, sich nichts mehr anmerken zu lassen.
Blaise, Sinead und Luna waren in eine Unterhaltung über die Unterschiede zwischen Hogwarts und Beauxbatons vertieft. Gerade erzählte Blaise von den Geistern. Sinead lachte über Peeves´ Streiche und über McGonagall, die ihm im 5. Schuljahr sogar geholfen hatte, Dolores Umbridge zur Verzweiflung zu treiben, indem sie ihm sagte, in welche Richtung die Schrauben des Kronleuchters zu drehen waren. Der Kampf gegen Umbridge war die einzige Gelegenheit gewesen, wo Peeves mit Lehrern und auch Schülern zusammengearbeitet hatte.
Gegen sieben kam Sineads Vater in den Garten. „Sinead, du denkst dran, dass du Dienst hast, oder?“ Sie nickte bedauernd und stand auf. „Sehen wir uns morgen?“ fragte sie. „Klar, ich hab doch die Truhe noch nicht geöffnet.“ meinte Blaise lächelnd. Luna, Hermine und Draco hatten sich verabschiedet und waren schon auf dem Weg in den Hof. Blaise war ein bisschen zurückgeblieben. Sinead sah ihn an. „Ich hatte heute nachmittag richtig Angst vor dir.“ sagte sie leise. „Aber als du mich sofort losgelassen hast, als ich gesagt habe, du tust mir weh, da wusste ich auf einmal, dass du die Wahrheit gesagt hattest. Dass ihr keine Todesser seid.“ Er nahm ihre Hände in seine. „Ich würde dir nie wehtun.“ Sie sahen sich in die Augen.
„Sinead!“ rief ihr Vater da ungeduldig aus der Küche. Sie lächelte Blaise entschuldigend an, gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange und verschwand dann im Gebäude.
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