
von Dracodormiens
23. Konfrontationen
Als Draco mit steifen Gliedern am Morgen erwachte, schlief Hermine immer noch. Vorsichtig löste er seine Hand aus ihrer und stand auf. Einen Moment lang schaute er auf sie herab und sah erleichtert, dass sie nicht mehr so blass war wie in der Nacht und ruhig atmete. Dann ging er leise ins Wohnzimmer und setzte Kaffee auf. Mit der Tasse in der Hand ließ er sich auf dem Sofa nieder und starrte nachdenklich vor sich hin, während er sich geistesabwesend den steifen Nacken rieb.
Blaise und Sinead kamen leise herein und setzten sich zu ihm. „Wie geht es Hermine?“ fragte Sinead besorgt. „Besser, denke ich. Sie schläft noch...“ Blaise sah seinen Freund an. „Du hättest auch lieber noch ein bisschen schlafen sollen. Du siehst echt fertig aus.“ Sinead stieß ihren Freund leicht in die Seite. „Ist das ein Wunder? Seine Freundin ist verletzt und sein Vater liegt gefesselt im Nebenzelt, nachdem er uns angegriffen hat! Ich glaube nicht, dass ich da ruhig schlafen könnte...“
„Was machen wir denn jetzt mit ihnen? Zum Ministerium?“ Draco zuckte die Schultern. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein, lieber zum Phoenixorden. Was sollen sie in Azkaban? Da nützen sie keinem was. Vielleicht kriegt Snape mit Veritaserum ja nützliche Informationen aus ihnen heraus...“ Blaise nickte. „Dann bringe ich sie mit Ron zusammen gleich nachher zum Orden.“ In diesem Augenblick kamen Ron und Luna durch den Zelteingang gekrochen. Ron sah mindestens genauso übernächtigt aus wie Draco. Auch er hatte sich große Sorgen um Hermine gemacht. Bevor die beiden etwas fragen konnten, sagte Draco schon: „Sie schläft noch.“ Ron ließ sich in einen Sessel fallen und acciote sich seufzend eine Tasse Kaffee. „Man schläft nicht besonders gut mit zwei Todessern im Nebenzimmer...“
„Draco?“ hörten sie plötzlich schwach Hermines Stimme aus dem Schlafzimmer. Sofort sprangen alle auf, doch dann ließen sie Draco den Vortritt, als er zu ihr eilte. „Wie geht es dir?“ fragte er besorgt, setzte sich zu ihr und nahm ihre Hand. Sie lächelte ihn an. „Viel besser. Danke!“ Sie versuchte sich aufzurichten, doch er drückte sie sanft in die Kissen zurück. „Du solltest lieber liegenbleiben!“ meinte er energisch. Hermine fügte sich. Seine Fürsorglichkeit tat ihr gut. „Wo ist denn unsere Retterin?“ fragte sie dann. Draco sah zur Tür. Jetzt kamen auch Sinead, Ron, Luna und Blaise herein. „Schön, dass es dir wieder besser geht!“ Sinead umarmte Hermine vorsichtig.
„Na, du Heldin des Tages?“ grinste Hermine, worauf Sinead wieder rot wurde. „Nun übertreib mal nicht so maßlos...“ murmelte sie. Blaise legte grinsend den Arm um ihre Schultern. „Was ist mit Malfoy und Avery?“ fragte Hermine. „Wie spät ist es überhaupt?“ Sie verrenkte den Hals, um ihre Uhr auf dem Nachttisch sehen zu können, verzog aber das Gesicht, als plötzlich ein Schmerz durch ihren Rücken fuhr. Seufzend ließ sie sich in die Kissen zurücksinken. „Wir wollten sie gleich zum Orden bringen, damit die sie mit Veritaserum befragen können“, berichtete Ron. „Ich wäre gern dabei bei dem Verhör...“ seufzte Hermine. „Ich nicht“, murmelte Draco sehr leise, doch sie hörte es trotzdem und drückte seine Hand.
Blaise, Ron, Luna und Sinead ließen die beiden wieder allein. Hermine sah Draco an. Dann grinste sie plötzlich. „Wolltest du deinem Vater nicht noch sagen, dass ihm Malfoy Manor nicht mehr gehört?“ Draco seufzte. „Am liebsten würde ich ihn nie wiedersehen. Aber einer letzten Konfrontation werde ich mich wohl noch stellen, bevor Ron und Blaise ihn wegbringen...“ Ron und Luna blieben bei Hermine, aber Sinead und Blaise begleiteten Draco ins Nachbarzelt.
Malfoy und Avery lagen gefesselt in einer Ecke des Wohnzimmers. Als die drei Freunde hereinkamen, warfen die beiden Todesser ihnen finstere Blicke zu, sagten aber nichts. Sinead setzte sich auf das Sofa und schaute Draco an. „Das ist also dein Vater.“ sagte sie nachdenklich. Draco nickte nur und setzte sich in den Sessel, während Blaise sich neben Sinead fallen ließ und ihr den Arm um die Schultern legte.
„Mein Vater, dem zuliebe ich dieses Mal auf dem Arm trage, dem zuliebe ich beinahe einen Mord begangen hätte, mein Vater, der mir beigebracht hat, Muggelgeborene wären minderwertig... Mein Vater, dem der Dunkle Lord wichtiger ist als seine eigene Familie... Mein Vater, dem ich diesen Unsinn leider jahrelang geglaubt habe!“ Draco konnte nicht stillsitzen und sprang wieder auf, um im Wohnzimmer auf- und abzulaufen. „Ich wäre für euch beinahe zum Mörder geworden, ich habe mein Leben riskiert, um euch zu retten. Du hättest nie das gleiche für Mum und mich getan, oder? Wie konntest du Mum das antun?!“ Er blieb stehen und starrte wütend auf Lucius hinab. Der schnaubte nur verächtlich. „Genauso eine Blutsverräterin wie du. Wie erbärmlich, dass mein Sohn ein Verhältnis mit einem Schlammblut hat!“
„Nenn - sie - nie - wieder - Schlammblut!“ zischte Draco wütend durch die Zähne. Lucius lachte nur höhnisch. „Du bist eine Schande für den Namen Malfoy!“
Draco hob abrupt seinen Zauberstab. Blaise wollte erschrocken aufspringen, doch Draco belegte seinen Vater nur mit einem Silencio. Dann lächelte er spöttisch auf ihn hinab. „Übrigens hast du durch deine Flucht alle Ansprüche auf Malfoy Manor und deinen ganzen Besitz verloren. Tja, Pech... Aber schön für Mum und mich.“ Lucius bedachte ihn mit einem mörderischen Blick, den Draco aber ignorierte.
„Was wollte der Dunkle Lord, als er euch vor ein paar Tagen gerufen hat?“ fragte er nun Avery, ohne viel Hoffnung auf eine Antwort. Doch der lachte nur höhnisch. „Glaubst du wirklich, dass wir dir dreckigem kleinen Verräter das erzählen?! Aber ich verspreche dir, du wirst es sowieso bald merken...“
„Mal sehen, ob ihr unter Veritaserum dem Phoenixorden ein bisschen mehr verratet als uns...“ Ron und Blaise standen auf, um sie zum Grimmauld Place zu apparieren, und Sinead, Luna und Draco gingen ins andere Zelt zurück. Sinead und Luna blieben im Wohnzimmer, um Draco mit Hermine alleine zu lassen. Er setzte sich wieder neben ihr Bett und stützte den Kopf in die Hände. Sie strich ihm vorsichtig über die Haare, sagte aber nichts.
„Jetzt habe ich meinen eigenen Vater verraten.“ sagte er schließlich leise. „Ich weiß ja, dass er nichts anderes verdient hat. Ich habe auch den Dunklen Lord verraten, aber es ist doch noch irgendwie etwas anderes, den eigenen Vater auszuliefern...“ Hermine richtete sich mühsam auf, um ihn in den Arm zu nehmen. Als sie dabei das Gesicht verzog, drückte er sie sanft zurück. „Wie kann ein so intelligenter Mensch so unvernünftig sein?!“, schimpfte er. Sie lächelte ein bisschen, doch er betrachtete sie besorgt. „Es gefällt mir gar nicht, dass du immer noch Schmerzen hast. Vielleicht hätten Blaise und Ron dich mitnehmen sollen ins St. Mungo´s...“ Hermine schüttelte den Kopf. „Es geht mir doch schon viel besser, es tut nur noch ein bisschen weh, wenn ich eine ungeschickte Drehung mache...“ Sie richtete sich erneut auf und legte die Arme um seinen Hals. Vorsichtig drückte er sie an sich.
„Ich hatte solche Angst um dich...“, flüsterte er leise. „Und ich um dich.... Ich begreife nicht, wie ein Vater so sein kann...“ Sie streichelte seinen Rücken und vergrub das Gesicht an seinem Hals, und er hielt sie fest.
Nach einer Weile hörten sie Ron und Blaise zurückkommen und leise mit Sinead und Luna sprechen. Hermine schob ihren Freund ein Stück von sich weg und sah ihn an. „Ich will aufstehen.“ Entschlossen schwang sie die Beine über die Bettkante, bevor Draco sie daran hindern konnte. Er seufzte. „Na gut. Alter Dickkopf.“ Sie grinste ein bisschen und hakte sich bei ihm ein. Dann gingen sie ins Wohnzimmer, wo Hermine begeistert begrüßt wurde. Als Ron sie umarmte, runzelte Draco ein bisschen die Stirn, doch er bezwang seine plötzlich aufkommende Eifersucht.
Ron und Blaise berichteten abwechselnd, was passiert war. Zunächst hatte Ron Blaise in das Geheimnis des Grimmauld Place einweihen müssen, dann waren sie mit den beiden Todessern nach London appariert. Im Hauptquartier des Ordens hatten sie Malfoy und Avery dann an Moody und Tonks übergeben, die sofort eine Nachricht an Dumbledore geschickt hatten. Ron und Blaise waren allerdings nicht länger geblieben, aber Tonks hatte ihnen versprochen, Nachricht zu schicken, wenn Dumbledore und Snape mit Hilfe von Veritaserum etwas aus den beiden herausbekommen würden. Dabei durfte Snape natürlich nicht in Erscheinung treten, damit sein Einsatz als Doppelagent nicht aufflog.
„Und was machen wir jetzt? Hermine braucht noch ein paar Tage Ruhe...“, sagte Draco. „Machen wir trotzdem weiter mit der Insel?“ „Natürlich macht ihr weiter!“ sagte Hermine entrüstet. „Und in ein paar Tagen bin ich sowieso wieder fit!“ Sie sah auf die Uhr. „Wir haben alle heute nacht nur ein paar Stunden geschlafen, und nachher könnt ihr erst los, wenn es dunkel ist. Wollen wir essen und dann ein bisschen auf Vorrat schlafen?“
Als Hermine einige Stunden später erwachte, schlief Draco noch tief und fest. Sie drehte den Kopf ein bisschen und betrachtete ihn. Zärtlich fuhr sie mit dem Zeigefinger die Linie seines Kieferknochens nach, doch nicht einmal davon wachte er auf. Die Nacht mit der Sorge um sie musste ihn wirklich mitgenommen haben. Sie warf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass sie ihn noch ein wenig schlafenlassen konnte. Es musste gerade erst dämmern. Vorsichtig bewegte sie sich ein wenig. Ihr Rücken protestierte nicht, und sie grinste zufrieden und legte den Arm um Draco. Sie war ausgeschlafen und wollte wach bleiben, um Draco zu wecken, wenn es dunkel war. Nachdenklich musterte sie sein im Schlaf entspanntes Gesicht. In letzter Zeit, eigentlich seit Lucius ausgebrochen war, hatte er immer angespannt ausgesehen, auch wenn er sich nicht viel hatte anmerken lassen.
Sie wünschte sich so sehr, dass all dies endlich beendet wäre und sie ein normales Leben ohne Angst führen konnten. Manchmal konnte man die Angst vergessen, aber unterschwellig war sie ein ständiger Begleiter. Liebevoll strich sie eine Haarsträhne zur Seite, die ihm ins Gesicht gefallen war, und er öffnete die grauen Augen, die sie so liebte. „Wie geht es dir?“ flüsterten sie gleichzeitig und mussten lachen. Draco zog sie näher und küsste sie zärtlich. Sie schmiegte sich enger an ihn und spürte, wie ihre Körper auf die Nähe reagierten. Schwer atmend lösten sie sich schließlich voneinander. „Wir müssen aufbrechen...“ flüsterte Draco bedauernd. „Beeilt euch...“ lächelte Hermine und blinzelte ihn verschmitzt an. Er grinste und gab ihr noch einen Kuss. Dann stand er auf. Inzwischen hörten sie auch schon die anderen im Wohnzimmer rumoren.
Auch Hermine kletterte gegen Dracos Proteste aus dem Bett, um ihre Freunde zu verabschieden. „Eigentlich könnte ich auch mitkommen, es geht mir wirklich gut...“, doch Draco schnitt ihr das Wort ab. „Kommt nicht in Frage!“
„Und wenn sich noch mehr Todesser hier herumtreiben? Willst du mich hier alleine lassen?“ fragte sie gespielt vorwurfsvoll. Doch dann grinste sie, als sie sein erschrockenes Gesicht sah. „Unsinn, es sind sicher keine mehr in der Nähe, keine Angst.“ Er nahm sie noch einmal in den Arm. „Wenn irgendetwas ist, schickst du uns sofort eine Nachricht mit der Münze, ja?“
„Wir lassen dich nicht gerne allein...“ sagte Ron, und die Mädchen umarmten sie. „Pass auf dich auf!“
Hermine ging zurück ins Schlafzimmer, doch sie hatte keine Lust, sich wieder ins Bett zu legen. Sie war nicht mehr müde, und sie fühlte sich nicht krank. Stattdessen setzte sie sich in den Sessel und griff nach einem Buch. Ab und zu sah sie aus dem Fenster zum Mond hinauf und fragte sich, ob ihre Freunde es schon geschafft hatten, die Insel zu betreten. Dann sekte sie den Blick wieder auf ihr Buch, aber sie konnte sich nicht besonders gut konzentrieren.
Auf einmal hob sie lauschend den Kopf. Sie hatte ein Geräusch von draußen gehört. Leise stand sie auf und versuchte, aus dem Fenster zu schauen. Doch sie konnte nichts erkennen. Ihr wurde ein bisschen mulmig im Magen, aber sie griff entschlossen nach ihrem Zauberstab und ging ins Wohnzimmer. Etwas kratzte am Zelteingang, und mit einem schrillen Kreischen ging der Alarm los. Sie verzog das Gesicht und stellte ihn mit einem schnellen Zauberstabschlenker ab, bevor ihr einfiel, dass sie damit verraten hatte, dass jemand im Zelt war. Sie verfluchte ihre Gedankenlosigkeit. Und warum konnte man einen Stupor oder Petrificus nicht durch eine Zeltwand abfeuern?! Ihr Vorteil war höchstens, dass der ungebetene Besucher nicht wissen konnte, dass sie allein war. Oder doch? Hatte er den Aufbruch der anderen beobachtet? Aber das war schon zwei Stunden her, warum hatte er dann nicht sofort versucht einzudringen? Hermine kam zu dem Schluss, dass er vermutlich nicht wusste, wieviele Personen im Zelt waren. Als sie erneut ein Geräusch am Eingang hörte, hob sie entschlossen den Zauberstab. „Alohomora! Stu...“
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