"Er hatte einen phänomenalen Instinkt."

Als Steve Jo traf
Harry-Potter-Erfinderin erinnert sich an ihre Zusammenarbeit mit Steve Kloves
Von J.K. Rowling

Ich wurde immer darüber informiert, welche Leute infrage kamen, das Drehbuch zu schreiben, aber es war nicht meine Entscheidung. Ich hörte, dass Warner daran interessiert war, dass Steve Kloves etwas für sie machte und er auf der Suche nach einem Projekt war, das ihm zusagte. Ich glaube, dass ihm einige Projekte gezeigt wurden. Er berichtete mir, dass ihn nur "Harry Potter" interessiert habe und ich glaube nicht, dass er das nur sagte, um nett zu sein.

Ich wusste, dass er das Drehbuch zu "Die fabelhaften Baker Boys" geschrieben und bei diesem Film auch selbst Regie geführt hatte. Das nahm mich für ihn ein, weil ich den Film sehr mag. Nichtsdestotrotz war ich sehr auf der Hut, bevor ich ihn traf, denn er war derjenige, der sich anschickte, mein Baby zu massakrieren. Er war ein etablierter Drehbuchautor, was schlichtweg einschüchternd war. Außerdem war er Amerikaner und wir trafen uns kurz nachdem eine Besprechung des ersten "Harry Potter" Bandes erschienen war (ich glaube, es war im "New Yorker"), in der es hieß, dass die britische Ausdrucksweise sich kaum für ein amerikanisches Publikum übertragen ließe. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass mein erstes Treffen mit Warner Bros. nicht vor dem Hintergrund eines gewaltigen Erfolgs der Bücher in den USA stattgefunden hatte. Obwohl die Bücher in Großbritannien bereits sehr beliebt waren, galt das noch nicht für die USA. Deshalb war ich nicht wirklich in der Position, meinen Standpunkt - etwa, dass die amerikanischen Fans einen für die große Leinwand "überarbeiteten" Hagrid nicht würden haben wollen - zu untermauern.

Steve und ich wurden in Los Angeles von David Heyman, dem Produzenten, einander vorgestellt und begaben uns ziemlich unmittelbar danach zu einem Geschäftsessen mit einem der großen Studio-Bosse. Drei Dinge passierten innerhalb weniger Stunden, die dazu führten, jedwede Bedenken auszuräumen und Steve zu bewundern. Diese Bewunderung habe ich in mehr als nunmehr dreizehn Jahren nie eingebüßt. Die erste Sache war, dass sich Steve mir zu wandte, während wir das Essen bestellten und mir leise zu raunte: "Wissen Sie, wer meine Lieblingsfigur in den Büchern ist?" Ich sah ihn an, betrachtete auch sein rotes Haar und dachte: 'Jetzt wirst du Ron sagen. Bitte, sag nicht Ron, Ron ist so leicht zu lieben.' Und er sagte: "Hermine". An diesem Punkt schmolz ich unter meiner reservierten, misstrauischen Schale, denn wenn er Hermine verstanden hatte, dann hatte er die Bücher verstanden. Und dann verstand er in hohem Maße auch mich.
Während des Lunchs schwang der Studio-Boss Reden und dominierte die Unterhaltung. Mir wurde schnell klar, dass er trotz seines überschwänglichen Lobes für die Bücher, das er unentwegt wortreich hervorbrachte, keine einzige Seite davon gelesen hatte. (Eine zuverlässige Quelle berichtete mir später, dass er stattdessen die 'Berichterstattung' darüber gelesen habe, was ihm sinnvoller erschien, als den Originaltext zu lesen.) Als nächstes begann er, Vorschläge zu machen, was alles geändert werden müsse, in erster Linie Harrys Rolle. "Nein, das wird nicht funktionieren", sagte Steve freundlich.
Als der Lunch vorbei war, brachen David, Steve, und ich auf, um noch woanders einen Kaffee zu trinken. Auf dem Weg meinte Steve, dass man "denen" von vornherein sagen müsse, was funktioniere und was nicht. Es mache keinen Sinn, Ausflüchte zu machen. Ich war nun im Zustand tiefster Bewunderung. Als es an der Zeit war, sich zu verabschieden, schrieb ich Steve meine E-Mail-Adresse auf die Rückseite eines zerrissenen Kassenzettels aus meiner Geldbörse. Er las die Adresse, drehte dann den Zettel um und fragte: "Penny Black – was ist das?" Ich sagte: "Das ist der Hersteller des Tops, das ich anhabe". Er steckte den Zettel ein und murmelte: "Ich mag es, solche Dinge zu wissen." Da ich komische Namen auf ausrangierten Zetteln ebenfalls faszinierend finde, verstärkte sich mein Gefühl, dass ich auf eine verwandte Seele getroffen war.

Das Wichtige daran ist, zu wissen, dass ich nach diesem einen Treffen in L.A. absolutes Vertrauen in ihn setzte. Er hatte in diesen wenigen Stunden, die wir zusammen verbracht hatten, genug gesagt, um mich davon zu überzeugen, dass er eine echte Verbundenheit zu den Figuren fühlte. Wir stimmten in den darauffolgenden mehr als 10 Jahren unserer Unterhaltungen über die Bücher per E-Mail überein, dass, denn wenn man mal die ganze ablenkende Zauberei außer Acht lässt, alles auf die Figuren hinausläuft: auf unsere Beziehung zu den Figuren und der Beziehung der Figuren zueinander.

Unter dem Tarnumhang

Wir fingen ziemlich unmittelbar nach meiner Rückkehr nach Schottland an, uns E-Mails zu schicken. Wir sprachen so gut wie nie am Telefon miteinander. Tatsächlich erinnere ich mich, dass ich ihn einmal aus Deutschland anrief, wo ich wegen einer Drehbuchangelegenheit unterwegs war und er schien ganz durcheinander zu sein, meine Stimme zu hören. Ich glaube, er hatte vergessen, dass ich eine habe. Jedenfalls waren E-Mails bei einem Zeitunterschied von zwölf Stunden zwischen L.A. und Edinburgh ein praktisches und probates Mittel der Zusammenarbeit. Steve stellte mir Fragen, manchmal über den Hintergrund der Figuren, manchmal wollte er wissen, ob etwas, das er die Figuren sagen oder tun ließ, übereinstimmte mit dem, was mit ihnen passiert war oder noch passieren würde. Er irrte sich so gut wie nie. Tatsächlich fällt es mir schwer, mich an eine einzige Gelegenheit zu erinnern, wo er sich irrte. Er hatte einen phänomenalen Instinkt. Er spürte, wie es mit den Figuren weitergehen würde. Er spielt das immer herunter, aber er erriet ein paar Mal sehr genau, was kommen würde.

Tatsächlich erinnere ich mich doch an das eine Mal, als er sich irrte und das war eine lustige Sache. Wir waren gerade in Leavesden und gingen das Skript zum "Halbblutprinzen" durch, so dass wir ausnahmsweise einmal Seite an Seite im selben Raum zubrachten. Ich hatte den letzten Entwurf noch nicht gelesen, deshalb hörte ich ihn nun zum ersten Mal. Als Dumbledore anfing, in Erinnerungen an ein wunderschönes Mädchen zu schwelgen, das er in seiner Jugend gekannt hatte, kritzelte ich 'DUMBLEDORE IST SCHWUL' auf mein Skript und schob es zu Steve rüber. Und während wir so da saßen, schmunzelten wir eine Weile.

Ich glaube nicht, dass Steve mich jemals gedrängt hat zu verraten, was als nächstes passieren würde. Eigentlich merkwürdig, wenn ich so zurückdenke. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass er als Autorenkollege verstand, dass ich meinen Freiraum brauchte. Es gab eine Zeit, als meine Mülleimer von Journalisten durchwühlt wurden. Meine Lippen zu versiegeln gab mir die Möglichkeit kreativer Freiheit. Ich wollte mich nicht verpflichtet fühlen, Erwartungen zu erfüllen, die ich selbst geschürt hatte. Ich wollte mir die Freiheit erhalten, meine Meinung zu ändern. Aber ich erzählte Steve ein paar Dinge. Ich pflegte anderen mitzuteilen, was ich tat, wenn ich es tat. Ich erinnere mich, dass ich ihm eine E-Mail schickte, als ich den "Feuerkelch" schrieb und ihm mitteilte, dass ich eine Hintergrundgeschichte zu Hagrid hätte, die ich gerne einbringen wollte, dass ich mich aber fragte, ob das nicht zu viel würde, wenn man bedenke, wie dick das Buch zu werden drohe. Er mailte mir zurück: "Du kannst mir gar nicht zu viel über Hagrid erzählen. Nimm es mit rein." Und das tat ich.

Leider war es unvermeidbar, dass Dinge aus den Büchern für die Filme heraus gekürzt werden mussten. Das hat mir nie etwas ausgemacht. Steve ist ein barmherziger Chirurg. Wir konnten keine Acht-Stunden-Filme machen und es war mir lieber, dass Steve das Skalpell ansetzte als irgendjemand sonst.
Es ist eine intensive Freundschaft geworden, unter recht ungewöhnlichen Umständen geschmiedet. Steve ist am nahesten an meine Welt herangekommen. Tatsächlich ist er mit mir in diese Welt hereingekommen, nur immer um ein oder zwei Jahre verzögert. Niemand sonst ist dem so nahe gekommen. Schon allein die Dauer der Zusammenarbeit macht sie einmalig.

Er ist ein großartiger, wahrer Freund geworden. Ich erinnere mich an einen späteren Besuch in L.A.. Wir Zwei endeten in einer Bar in meinem Hotel, an dem einzigen Tisch, an dem wir rauchen durften. Wir waren wie zwei Ausgestoßene. Ich sagte zu ihm: "Hast du schon mal Lust gehabt, erwischt zu werden?" Und er lachte und sagte: "Immerzu. Immerzu." Das war dieselbe Unterhaltung, bei der er mir sagte, Dumbledore sei "belastet durch Wissen". Vielleicht hat er sich in Dumbledores sexueller Orientierung geirrt, aber er hat etwas viel Grundlegenderes verstanden.

Dieser Tage brauchen wir uns keine E-Mails aus beruflichen Gründen zu schicken. Wir machen es einfach, um gemeinsam im Cyberspace herumzuhängen. Ich versuche immer, ihn zu überzeugen, mit seiner Familie nach Schottland zu ziehen. Er passt genau hierher, dieser sarkastische, sommersprossige Kerl mit einem hübschen Sinn für schwarzen Humor. Er erzählte mir, er könne besser arbeiten, wenn es regne. Er sollte hier ein Ferienhaus kaufen.

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