
von KitKat2006
Kapitel 2: Frustmomente
„Ich habe gehört, einen deiner Treiber hat's übel erwischt?“
Angelina sah sich verdutzt um und sah Roger Davies neben sich stehen. Dieser sah sie jedoch nicht an, sondern visierte eine alte Blechdose an. Diese stand neben einem Haufen anderer kleinerer und größerer Gegenstände, die Harry auf einer Reihe langer Tische in knapp 10 Metern Entfernung als Ziele aufgestellt hatte.
„Und woher willst du das wissen?“ Angelina hatte die Hände in die Hüfte gestemmt und sah den Ravenclawkapitän mit schmalen Augen an. Ein leichtes Glucksen war hinter ihr zu hören, woraufhin Roger sich umdrehte, einen Blick auf jemanden hinter Angelina warf und sich dann seiner Kapitänskollegin aus Gryffindor zuwandte.
„Sagen wir mal so.“, meinte er und ein durchtriebenes Grinsen schlich sich auf seine Lippen. „Ein Mitglied von einem eurer gegnerischen Teams hatte beim Training einen kleinen Unfall und liegt jetzt in der Ecke für Sportunfälle direkt neben eurem Treiber. Es bringt also gar nichts, das abzustreiten, Johnson.“
„Ich hatte auch nicht vor, es abzustreiten.“, erwiderte Angelina, doch Rogers breiter werdendes Grinsen zeigte ihr, dass er ihr kein Wort glaubte. „OK, dann hatte ich es vielleicht doch vor. Immerhin bist du auf diesem Gebiet der Feind, Davies. Und jetzt erzähl mir lieber, wen von deinen Leuten es erwischt hat.“
„Ich habe nie gesagt, dass es unser Team war, dass beim Training einen Unfall hatte.“, gab Roger zurück, zielte nochmal und schoss die Dose vom Tisch.
„Nein, aber du hast es auch nie abgestritten.“, gab Angelina zurück, die kurz darauf einen Plüschhasen vom Tisch schoss, woraufhin Roger einen anerkennenden Pfiff von sich gab. Angelina verdrehte genervt die Augen und sah ihn dann abwartend an. „Also?“
„Warte es doch einfach noch ein wenig ab.“, antwortete Roger jedoch, ohne eine Auskunft zu geben. „Was bringt es dir denn, wenn du es jetzt oder nachher erfährst?“
„Wenn du mich fragst, rein gar nichts, Käpt'n.“, mischte sich die Stimme von hinten wieder ein und als Angelina sich jetzt umdrehte, sah sie den Ravenclawhüter hinter sich stehen.
„OK“, meinte Angelina trocken, bevor sie sich wieder zu Roger umdrehte. „Dein Hüter und du sind es schonmal nicht. Bleiben noch fünf weitere Spieler übrig.“
Roger zuckte jedoch nur mit den Schultern und nahm eine Schuhbürste ins Visier, schoss jedoch meilenweit daneben und fegte eine kümmerliche Topfblume einige Meter weiter entfernt vom Tisch, als eine weitere Stimme sich in das Gespräch mit einmischte.
„Cho war gerade hinter dem Schnatz her, als ein Klatscher auf sie zukam und sie ausweichen mußte. Blöderweise war sie verdammt nah an der Slytherintribüne und ist nicht sehr glücklich mit ihr kollidiert. Das Ergebnis ist eine ausgekugelte Schulter, mehrere blaue Flecken und eine Hüftprellung dank der nicht sehr eleganten Landung. Tja, dumm gelaufen für Ravenclaw würde ich sagen.“
Angelina fuhr herum und sah Katie hinter sich stehen, doch diese sah nicht sie sondern Roger triumphierend an. Als sie sich wieder zu ihrem Kapitänskollegen umdrehte, sah sie ihn einen undeutbaren Blick zu Katie rüberwerfen, bevor er sich ihr wieder zuwandte.
„Zumindest ist meine Sucherin wieder eine Top-Sucherin, wenn sie wieder fit ist.“, meinte er gelassen, doch der Stupor, mit dem er den gesplitterten Handspiegel vom Tisch fegte, war sehr viel heftiger als die vorherigen. Katie gluckste hinter Angelina, doch als diese sich stirnrunzelnd zu ihr umdrehte, grinste sie lediglich und visierte über ihrem Zauberstab den nächsten potentiellen Feind an. „Was man von deinem Treiber nicht unbedingt sagen kann. Nimm es mir nicht übel, Johnson, aber deine Treiber sind eine Katastrophe.“
„Erzähl mir was, was ich noch nicht weiß.“, murmelte Angelina vor sich hin und nahm einen Kerzenständer ins Visier, ließ jedoch den Zauberstab wieder sinken, bevor sie den Fluch losließ. „Woher weißt du das überhaupt?“
„Also bitte, Johnson.“, lachte Roger auf und grinste sie an. „Das weiß doch jeder hier in Hogwarts. Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass das Gryffindorteam eine ziemliche Null ist, was die Treiber angeht.“
„Das Gryffindorteam ist allerdings grundsätzlich besser als das Ravenclawteam, Davies.“ Fred, der hinter Roger stand und zu der Gruppe gehörte, der einen Tisch auf der anderen Seite des Raumes als Ziel hatte, hatte langsam genug vom zuhören und mischte sich ein.
„Meinst du?“ Roger drehte sich ebenfalls um und sah Fred mit ziemlicher Genugtuung an. „Mein Team mag zwar grundsätzlich schwächer sein als eures, Weasley, aber zumindest besitzen alle meine Spieler Selbstbeherrschung und schwächen mein Team nicht willentlich, indem sie auf andere Spieler losgehen. Ich bin glücklicherweise nicht derjenige, der innerhalb kürzester Zeit ein halbes Team neu einarbeiten muß. Mehr als ein halbes Team sogar, wenn man euren Hüter mitrechnet, der ja auch noch ein Neuling ist.“
„Es geht dich einen Scheiß an, was wir tun oder nicht tun, Davies.“, fuhr Fred ihn an. „Du hast keine Ahnung, um was es da ging.“
„Stimmt, das habe ich nicht. Aber ich weiß mit Sicherheit, dass es nicht um Quidditch ging. Quidditch spielt man nämlich nicht mit den Fäusten.“
„Wage es ja nicht, Fred.“, warnte Angelina ihn, als sie sah, dass er kurz davor war, die Beherrschung zu verlieren und Roger genauso anzugehen, wie er es mit Malfoy auf dem Quidditchfeld getan hatte. Fred atmete tief durch und Angelina nickte zufrieden, bevor sie sich Roger zuwandte. „Und du hörst sofort auf, ihn anzustacheln, kapiert?“
„Hey, ich habe nur gesagt, was wahr ist.“ Roger hob abwehrend die Hände und nickte dann zu jemandem rüber, der ein ganzes Stück entfernt stand. „Ich kann dir nur dazu gratulieren, dass du für euren Starsucher einen sehr guten Ersatz gefunden hast. Die kleine Weasley ist verdammt gut auf dem Posten.“
„Und das weißt du, weil ...?“, fragte Katie ihn und warf ihm einen durchdringenden Blick zu, der Angelina ein irritiertes Stirnrunzeln entlockte. Vor allem deshalb, weil Roger ihm nicht lange standhalten konnte.
„Weil ich genauso meine Spitzel habe, wie ihr, Bell.“
„Mir ist nichts von Spitzeln bekannt, die wir auf andere Teams angesetzt haben.“, gab Katie stur zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Nun,du bist auch nicht der Kapitän deiner Mannschaft.“, gab Roger zurück und sah sie seinerseits durchdringend an. „Frag deine Kapitänin, Bell. Sie wird es dir bestätigen, dass es diese Spitzel gibt. Oder frag Wood. Der könnte es dir genauso bestätigen.“
Angelina sah, wie Katie und Roger sich eine Weile stumm anstarrten. Dann wandte Katie sich jedoch um und machte mit ihren Zielübungen weiter, während Roger Angelina wieder ansah.
„Die kleine Weasley ist verdammt gut; der nicht ganz so kleine Weasley auch. Du mußt ihm nur die Nervosität austreiben. Aber deine Treiber sind ganz großer Mist. Die würde ich an deiner Stelle entweder austauschen oder gehörig zurechtbiegen. Aber ich kann dir ehrlich gesagt nicht sagen, für welche Option ich mich entscheiden würde.“
Damit drehte sich auch Roger wieder um und nahm seine Zielübungen wieder auf. Einen Moment lang sah sie Fred stumm an, bis auch dieser sich wieder umdrehte und weitermachte.
„Ich sage es nur ungern, Lina, aber er hat Recht.“, meinte Fred und schoss einen Butterbierkrug vom Tisch. „Ginny ist gut und Ron kämpft nur mit seiner Nervosität. Aber Kirke und Sloper sind Pfeifen.“
„Ich weiß.“, zischte Angelina ihm sauer zu. „Aber überleg mal, warum ich mir diese beiden überhaupt antun muß.“
Zu ihrer Zufriedenheit sah sie, wie Fred wie geschlagen zusammen zuckte, und drehte sie sich ihrerseits wieder um. Bevor sie ihre Zielübungen wieder aufnahm, sah sie, wie Ginny und Harry ein Stück entfernt von ihr miteinander redeten. Stirnrunzelnd sah sie ihre Sucherin an. Vielleicht hatte sie ja doch Recht. Vielleicht würde Oliver ihr helfen, wenn sie ihn fragen würde. Ein Versuch konnte nicht schaden. Zurückweisen konnte er sie immer noch, aber dann konnte sie sich wenigstens nicht vorwerfen, dass sie nicht alles dafür getan hatte, den Pokal zu gewinnen. Und nichts anderes wurde schließlich von ihr erwartet. Immerhin war ihr Team – wenn auch nicht dieses Team – der Titelverteidiger.
******
Leise seufzend drehte Oliver sich um und stellte sein Glas auf die Theke.
„Nachschub?“, fragte der Barkeeper und füllte Olivers Glas schon wieder auf, bevor er überhaupt die Chance hatte zu nicken oder den Kopf zu schütteln. Aber schließlich zeichnete es einen guten Barkeeper aus, dass seine Gäste immer ein volles Glas hatten. Als er die Flasche wieder in das Regal hinter sich stellte, ließ er seinen Blick durch den Raum gleiten. „Ihr laßt es heute ganz schön krachen. Ich möchte nicht wissen, wie es jetzt in Caerphilly aussieht. Die Catapults habt ihr ganz schön fertig gemacht.“
Oliver lachte humorlos auf. Der Barkeeper hatte Recht. Puddlemere hatte die Catapults heute fertig gemacht. Tatsächlich hatten sie die Catapults mehr als einfach nur fertig gebracht, aber er selber hatte mal wieder überhaupt keinen Anteil daran gehabt. Es sei denn, man zählte es neuerdings mit zum Sieg, wie oft das Reserveteam jubelnd oder schimpfend von der Ersatzbank aufgesprungen ist.
„Du scheinst trotzdem nicht sehr begeistert zu sein.“ Der Barkeeper sah Oliver nachdenklich an und klopfte ihm dann wohlwollend auf die Schulter. „Laß den Kopf nicht hängen, Junge. Du kriegst deine Chance und dann zeigst du denen, was du drauf hast. Wir alle hier wissen, wie gut du bist.“
„Danke Larry“, meinte Oliver und trank das Glas in einem Zug leer, bevor er es weit genug von sich schob, um zu signalisieren, dass er keinen Nachschub mehr wollte. „Aber es reicht mir nicht, dass nur die Puddlemere-Leute und die Angestellten unserer Stammkneipe das wissen. Ich will, dass auch der Rest der Welt weiß, dass ich nicht nur der schweigsame, gutaussehende Reservehüter mit dem heißesten Akzent der Liga und einem Lächeln, dass Frauenherzen höher schlagen läßt, bin, sondern auch spielen kann. Verdammt gut spielen kann.“
Larry lachte und nahm Olivers leeres Glas von der Theke. „Ich merke, eine deiner Kolleginnen hat dich inzwischen darüber aufgeklärt, warum du in letzter Zeit das große Presseopfer von Puddlemere bist.“
Oliver nickte, zog dann eine Galleone und ein paar Sickel aus der Tasche und schob sie zu Larry rüber. „Nimm's mir nicht übel Larry, aber mir ist trotz allem nicht nach feiern zumute. Ich verziehe mich.“
„Nimm's trotzdem nicht so hart, Junge.“, meinte Larry und steckte das Geld ein. „Wir glauben an dich. Puddlemere hat sich einen Rohdiamanten an Land gezogen.“
Oliver grinste schief, winkte Larry noch einmal zu und ging auf den Ausgang zu. Als er draußen war, atmete er erleichtert auf, sah einen Moment in den sternenklaren Nachthimmel hinauf und disapparierte.
In seiner Wohnung angekommen trippelte ihm gleich darauf seine Hauselfe Tipsy entgegen. Oliver war ohne Hauselfe aufgewachsen und wußte auch eigentlich gar nicht, was er mit Tipsy anfangen sollte, aber sie war ein Teil des monatlichen Gehalts, dass er von Puddlemere United bekam. Genau genommen war sie also gar nicht seine Hauselfe, sondern nur eine Art Leihgabe, die ihm solange zur Verfügung stand, wie er in Puddlemere-Diensten stand.
„Guten Abend, Master Wood.“, piepste Tipsy und machte in ihrer blaugoldenen Puddlemere-Handtuchtoga eine aufgeregte Verbeugung. „Sie sind früh zurück. Ich habe Sie noch nicht erwartet. Ist etwas nicht in Ordnung, Sir?“
„Doch Tipsy.“ Oliver nickte und hielt ihr seinen Umhang hin, den sie gleich darauf in einen Schrank hängte. „Es ist alles in Ordnung. Mach dir keine Sorgen. Mir war nur nicht so sehr nach feiern zumute. Gibt es was wichtiges, was ich noch erledigen sollte, bevor ich ins Bett gehe?“
„Nein, Sir.“, antwortete Tipsy und schloß den Schrank wieder. „Aber vor ein paar Stunden ist eine Eule mit einem Brief für Sie angekommen. Wenn ich mich recht erinnere, war es eine Hogwartseule.“
„Eine Hogwartseule?“, fragte Oliver und sah sie stirnrunzelnd an. „Wieso kennt du dich mit Hogwartseulen aus?“
„Lester Claymore hat fünf Kinder, die eine Zeit lang alle gleichzeitig nach Hogwarts gingen. Die Hogwartseulen haben sich bei ihm praktisch die Klinke in die Hand gegeben.“
Oliver nickte. Das machte Sinn. Lester Claymore war Tipsys vorheriger „Besitzer“ gewesen, bis dieser in den Ruhestand trat. Danach war Tipsy zwei Jahre im Stadion angestellt worden, bis sie in seinen Dienst kam.
„Ich habe den Brief in ihrem Wohnzimmer auf den Tisch gelegt, Sir. Ich wußte nicht, ob Sie ihn nicht vielleicht noch lesen wollen, deshalb habe ich ihn nicht auf ihren Schreibtisch gelegt. Das war doch recht, Sir, oder?“
„Ja, Tipsy.“, beruhigte Oliver seine Hauselfe, die ihn unsicher angesehen hatte und jetzt wieder von einem riesigen Ohr zum anderen strahlte. Er lächelte zurück. Tipsy hatte irgendwie immer diesen Effekt auf ihn. Egal wie schlecht seine Laune war, ein Blick in Tipsys fröhliches Gesicht sorgte gleich wieder für gute Laune. „Kannst du mir noch einen Tee machen? Und einer von deinen Anti-Kopfschmerz-Tränken wäre sicher auch nicht schlecht. Spätestens morgen würde ich die Feuerwhiskeys merken, die ich heute Abend getrunken habe.“
„Kommt sofort, Sir.“ Tipsy verbeugte sich nochmal eifrig und trippelte dann blitzschnell in die Küche rüber.
Oliver sah ihr lächelnd nach und machte sich dann auf den Weg ins Wohnzimmer. Er hatte keine Ahnung, wer ihm aus Hogwarts schreiben könnte. Seine Jahrgangskameraden hatten allesamt mit ihm zusammen den Abschluß gemacht und in den unteren Jahrgängen hatte er nicht sonderlich viele Freunde gehabt. Um ehrlich zu sein, hatte er dort nur oberflächliche Bekanntschaften gehabt, die meistens irgendetwas mit Quidditch zu tun hatten.
Stirnrunzelnd hielt er inne und sah sich um. Der Brief lag auf dem Wohnzimmertisch und sah eigentlich völlig harmlos aus. Allerdings war er sich nicht sicher, ob er wirklich so harmlos war, wie er schien. Nicht, wenn die möglichen Absender Fred und George Weasley hießen oder Lee Jordan oder im schlimmsten Fall alle drei zusammen oder ... gab es noch was schlimmeres als die Weasleys und Lee Jordan im Team?
„Sicher gibt’s das.“, beantwortete Oliver sich diese Frage selbst und schnippste im Vorübergehen ein paar Kerzen mehr an, als die, die Tipsy als Grundbeleuchtung angemacht hatte. „Die Mädchen sind um ein vielfaches schlimmer. Mädchen sind grundsätzlich um ein vielfaches schlimmer.“
Nichts gutes ahnend setzte er sich schließlich in sein Sofa und nahm den Brief in die Hand. Die Schrift ließ auf ein Mädchen schließen, also fiel ein Angriff aus der Weasley-Jordan-Trickkiste schonmal weg. Es sei denn, sie hatten ein Mädchen gebeten, den Brief für sie zu adressieren. Wenn dem allerdings nicht so war, war er wirklich von einem der Mädchen. Natürlich konnte es auch nur ein Brief von irgendeinem weiblichen Fan sein, immerhin war er in letzter Zeit viel zu oft für seinen Geschmack mit Foto in den Zeitungen und Quidditchfachzeitschriften abgebildet, aber irgendwie glaubte er das nicht. Der Brief war viel zu dick, um ein einfacher Fanbrief zu sein. Fanbriefe beschränkten sich meist auf eine Pergamentlänge. Dieser hier war mindestens vier, wenn nicht sogar mehr Pergamente dick.
„Sei kein Feigling, Wood.“, murmelte er leise und drehte den Brief ein paar mal in den Händen. „Wenn sie dir wirklich was hätten zurückzahlen wollen für deine Killertrainings, dann hätten sie dir einen Heuler in die Puddlemerezentrale geschickt.“
Wesentlich beruhigter, was diesen Brief anging, aber deutlich beunruhigter, was für Phantasien ihm da gerade bezüglich eines Racheheulers seines Teams durch den Kopf gingen, riss er den Brief schließlich auf. Wie er schon geahnt hatte, war der Brief mehrere Pergamentblätter lang und ein schneller Blick auf die letzte Seite zeigte ihm, dass er von Angelina kam.
„Hey, Johnson.“, grinste er vor sich hin. „Weiß der Rest, das du dich an den alten Feind wendest? Oder bist du jetzt etwa selber der Feind? Zutrauen würde ich es dir. Dir oder Harry.“
Neugierig geworden, was seine ehemalige Jägerin wohl von ihm wollte, begann er zu lesen und fing gleich darauf an zu lachen.
Hey Käpt'n,
ich hoffe, du läßt dir den Rummel um dich nicht allzu sehr zu Kopf steigen, immerhin warst du schon zu Hogwartszeiten recht abgehoben, was dein Quidditchtalent angeht. Ich weiß deshalb auch gar nicht, ob ich dir erzählen soll, dass es nicht einen Mädchenschlafsälen in Gryffindor gibt, an dem du nicht mindestens mehrfach an der Wand hängst und den Mädchen den Kopf verdrehst und bevor du jetzt abhebst: NEIN, weder Katie und Alicia, noch ich haben ein Poster von dir an der Wand hängen. Wir haben stattdessen das Riesenposter aus dem „Brooms and Quaffles“-Magazin im Mädchenteil der Kabine hängen.
Ein breites Grinsen glitt über Olivers Gesicht, als er an das „Brooms and Quaffles“-Riesenposter dachte. Es war bei einem Fotoshooting zu Saisonbeginn gemacht worden und war seitdem im Verlag von „Brooms and Quaffles“ käuflich zu erwerben, genau wie die Poster von jedem anderen Stamm- und Reservespieler aus allen Teams. Das war schon seit Jahren Tradition und die Poster waren inzwischen begehrte Sammlerobjekte. Er wußte, dass die Mädchen alle seit Jahren die Poster von verschiedenen Spielern sammelten, aber dass sie auch sein Poster kaufen würden, überraschte ihn dann doch. Bisher hatten sie nämlich immer nur die Poster von den Spielern gekauft, die die typischen Herzensbrecher-Stars waren, und auch wenn seine Kolleginnen ihm vor ein paar Tagen erst bestätigt hatten, dass er inzwischen dazu gehörte, konnte er nicht so recht glauben, dass er in den Augen der Mädchen dazu gehörte. Und er sollte recht behalten, wie er mit einem irritierten Stirnrunzeln feststellte.
Du ahnst ja gar nicht, wieviel Spaß die Zielübungen plötzlich machen, wenn wir dich in Lebensgröße an der Wand haben und du uns nicht wirklich besiegen kannst. Ich sage es dir nur ungern, Käpt'n, aber wir haben dich in letzter Zeit ziemlich fertig gemacht.
„Ja, das glaube ich gerne, ihr Nervensägen. Ich konnte mich ja auch nicht wirklich wehren.“, murmelte Oliver vor sich hin und sah auf, als Tipsy mit einem kleinen Tablett ins Wohnzimmer getrippelt kam. Als sie das Tablett auf dem Wohnzimmertisch abstellte, sah er, dass sie nicht nur einen Becher Tee und den Anti-Kopfschmerz-Trank gebracht hatte, sondern auch einen kleinen Teller mit Keksen gebracht hatte. Er lächelte ihr dankbar zu.
„Danke Tipsy. Ich brauche dich dann heute nicht mehr. Leg dich ruhig schlafen.“
„Natürlich, Sir.“, nickte Tipsy eifrig. „Gleich nachdem ich die Küche aufgeräumt habe.“
Mit mehreren Verbeugungen trippelte sie wieder aus dem Raum.
„Ich verbiete dir, länger als eine Viertelstunde aufzuräumen, Tipsy.“, rief er ihr noch nach, da er ihren Arbeitseifer kannte. „Was dann nicht fertig ist, machst du morgen.“
„Ja, Sir.“, rief sie zurück und Oliver lachte. Eigentlich war es eine Unverschämtheit von Hauselfen, wenn sie durch mehrere Räume brüllten, statt zu ihrem Herrn zu apparieren und ihm von Angesicht zu Angesicht zu sagen, dass sie seine Anweisung verstanden hatte. Aber gerade die Tatsache, dass sie es nicht tat, freute ihn. Er wollte kein Herr sein, vor dem sie Angst hatte, sondern eher so etwas wie ein Freund, vor dem sie Respekt hatte, und scheinbar war es ihm so langsam gelungen, sie dazu zu kriegen, ihn als genau das zu sehen.
Zufrieden vor sich hin lächelnd griff er nach einem der Kekse und vertiefte sich wieder in Angelinas Brief. Je weiter er kam, desto mehr erfuhr er von dem, was sich in diesem Jahr in Hogwarts zugetragen hatte und er freute sich, als er las, dass sie seine Nachfolgerin als Gryffindorkapitän war. Allerdings entfuhr ihm ein derber Fluch, als er von den lebenslangen Spielverboten für Harry und die Weasleys erfuhr und ein noch derberer, als er las, wie es überhaupt erst dazu gekommen war. Es wunderte ihn nicht, dass Angelina die drei am liebsten erwürgen wollte. Ihm selber ging es im Moment nicht anders.
Angelina informierte ihn ausführlich darüber, wie Ron sich als sein Ersatzmann machte und es freute Oliver, dass sie mit ihm zufrieden war. Er schien zwar nicht ganz die Lücke auszufüllen, die er hinterlassen hatte, aber das hatte er auch nicht erwartet – genauso wenig wie Angelina. Niemand der seinen Posten übernahm, würde die Lücke wirklich schließen können, dazu fehlte ihm oder ihr einfach die nötige Spielerfahrung und auch der extreme Quidditchfanatismus, wie er inzwischen ehrlich zugab. Aber Ron schien seine Sache gut zu machen, ganz im Gegenteil zum Weasley-Ersatz. Die beiden schienen eine einzige Katastrophe zu sein und Oliver konnte Angelinas Verzweiflung gut nachvollziehen. Wenn die zwei auch nur halb so katastrophal waren, wie sie sie beschrieb, dann wäre er inzwischen sicher kurz davor, sie zu killen.
Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll, Oliver. Soll ich mir wirklich die Mühe machen, die zwei in einem Crashkurs in Form zu bringen, wohlwissend, dass es doch nichts bringt, oder soll ich neue Tryouts ansetzen und dadurch öffentlich bekannt geben, dass wir ein wirklich heftiges Problem haben? Auf den ersten Punkt habe ich langsam keinen Nerv mehr und auf den zweiten kann ich nur theoretisch zurückgreifen, da Kirke und Sloper schon das kleinste Übel der Tryouts waren. Es gäbe da zwar noch eine dritte Möglichkeit, aber über die will ich gar nicht nachdenken. Ich will nicht jetzt schon aufgeben müssen, nur weil meinen Stammtreibern der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen ist und meine Reservetreiber zu blöd sind, um sich selber auf den Besen zu halten. Dies ist meine erste und einzige Saison als Kapitänin. Ich kriege keine weitere Chance so wie du, und ich will diesen Pokal. Wir sind die Titelverteidiger und ich könnte dir nie wieder in die Augen sehen, wenn ich diesen Titel – deinen Titel – einfach so kampflos aufgebe. Aber ich habe beim besten Willen keine Ahnung, wie ich noch kämpfen soll.
Ich brauche deinen Rat, Oliver. Ich kann verstehen, wenn du zu viel zu tun hast, um einem kleinen Hogwartsteam zu helfen und vielleicht kommen dir meine Sorgen auch lächerlich vor, aber ich würde es wirklich sehr zu schätzen wissen, wenn du mir zumindest einen kleinen Rat geben könntest. Denk immer daran, dass es um deinen ersten Titel geht und soweit ich es weiß, vergißt man seine ersten Male nicht – egal um was es dabei geht. Ich verspreche dir auch hoch und heilig, dass wir sofort mit den Schießübungen auf dein Poster aufhören werden.
Bitte hilf mir, Oliver. Hilf deinem alten Team dabei, deinen ersten Titel zu verteidigen.
Lieben Gruß aus Hogwarts
Angelina
Nachdenklich legte Oliver das letzte Stück Pergament auf den Tisch und rieb sich müde die Augen. Der lange Tag und der Feuerwhiskey forderten langsam seinen Tribut, und jetzt war da auch noch das Wissen um den Zustand seines alten Teams. Angelina hatte Recht. Eigentlich waren ihre Sorgen lächerlich im Vergleich zu seinem Frust darüber, der einzige Reservespieler im Puddlemereteam ohne Spielerfahrung in der Profiliga zu sein. Andererseits konnte er sie aber auch verstehen, denn wäre er an ihrer Stelle gewesen, wäre er genauso frustriert wie sie. Und genau deshalb würde er sie auch nicht hängen lassen. Sie hatte nämlich auch in einem anderen Punkt Recht. Es war sein Titel, den das Team da verteidigte und er hatte nicht jahrelang gekämpft, um das Team jetzt hängen zu lassen. Auch wenn es nur noch zur Hälfte das Team war, das er mal aufgebaut hatte. Er hatte einige Jahre mehr Erfahrung in der Teamführung als Angelina und konnte ihr ein paar Tipps und gute Ratschläge geben. Aber erstmal brauchte er eine Mütze voll Schlaf.
Müde stemmte er sich hoch und löschte die Kerzen. Angelinas Brief nahm er mit ins Schlafzimmer und legte ihn auf seinen Nachtisch, damit er ihn am nächsten Tag gleich sehen und nicht vergessen würde. Und morgen würde er sich überlegen, was er ihr schreiben wollte.
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