
von KitKat2006
Kapitel 6: Unerwartete Wendungen
Drei Wochen waren seit Angelinas letztem Besuch bei Oliver vergangen. Angelina schob Stress bei den Hausaufgaben und dem Quidditchtraining vor, um einen weiteren merkwürdigen Moment mit Oliver alleine vorzubeugen, und Oliver selber hatte gleichzeitig alle Hände voll zu tun, um mit der Presse fertig zu werden, hatten also einen echten Grund, um auf Abstand zu gehen.
Das war ihm allerdings auch ganz recht, denn so bekam er, zumindest zwischendurch, ein wenig Zeit, um darüber nachzudenken, was ihn eigentlich dazu veranlaßt hatte, den Beinahe-Kuß mit Angelina nicht durchzuziehen. Was war es, was sie beide zu einem Ausweichmanöver veranlaßt hatte? Der Altersunterschied konnte es nicht sein, denn der war mit gerade mal anderthalb Jahren wirklich uninteressant. Oder war es die Tatsache, dass sie noch zur Schule ging? Ein Quidditchprofi und eine Schülerin? Die Presse würde sich freuen und die Sache richtig groß aufbauschen, da war er sich sicher. Andererseits war Angelina seit über einem Jahr volljährig und würde in einem halben Jahr ihren Abschluß machen. Sie mochte zwar noch eine Schülerin sein, aber das hieß nicht, dass sie etwas ungesetzliches taten, wenn sie sich aufeinander einließen.
Nein, Oliver glaubte nach einer Weile zu wissen, woran dieser Kuß gescheitert war. Es war nicht die Unsicherheit, wie ihre Umwelt reagieren würde, wenn sie sich aufeinander einließen, sondern ihre eigene. Bisher waren sie lediglich Teamkameraden gewesen, nichtmal enge Freunde, doch seit Angelina seine Nachfolgerin als Teamkapitän geworden war, hatten sie plötzlich etwas gemeinsam. Etwas spezielles, was nur sie miteinander teilten und nicht der Rest des Teams. Dadurch hatten sie eine größere gemeinsame Basis, als es sie zwischen ihm und Katie, Alicia oder einem der Jungs je geben würde. Und genau das hatte sie überrumpelt. Sie hatten die echte Freundschaftsebene für einen Moment übersprungen und hatten fast die Kontrolle über sich verloren, um in etwas zu stürzen, was sie nicht recht benennen konnten. Zumindest konnte er es nicht. War er in Angelina verliebt oder entwickelte sich da nur eine spezielle Freundschaft, die er missinterpretierte? Er wußte es nicht, und er konnte sich gut vorstellen, dass es ihr genauso ging. Aus diesem Grund war er froh darüber, dass sie erstmal ein wenig auf Abstand gingen. Sie brauchten diese Zeit beide, um nachzudenken. Und dann gab es da ja noch das Pressechaos, dass es zu regeln galt.
Die Warnung seiner Teamkolleginnen war zu spät gekommen. Schon im Abendpropheten des selben Tages war ein großer Artikel erschienen, in dem lang und breit darüber spekuliert wurde, ob der Grund, warum der Puddlemere-Reservehüter noch keinen einzigen Spieleinsatz hatte, der war, dass es mit seinen Leistungen auf dem Feld nicht ganz so weit her war. Laut einem Insidertipp - von jemandem, der anonym bleiben wollte, aber angeblich vollkommen glaubwürdig war – war Oliver nur deshalb im Team, weil er gut aussah und somit der typische Fanmagnet war, der dafür sorgte, dass der Teamname dank ihm regelmäßig in aller Munde war. Auf diese Weise, so der anonyme Informant, erhoffte man sich in der Puddlemere-Führung einen stetigen Zuwachs an Fans, und somit auf längere Sicht auch Mehreinnahmen durch verkaufte Tickets und Fanartikeln. Die Kassen würden also klingeln, das Team hatte die Möglichkeit, gute Spieler einzukaufen und somit auf längere Zeit hin erfolgreich sein.
Oliver hatte auf Anraten seines Managers darauf reagiert, und so eine gewaltige Lawine losgelöst. Interviews und Artikel über ihn erschienen so gut wie täglich in allen Zeitungen und Zeitschriften, und auch der Magische Rundfunk MRF berichtete regelmäßig über den „Skandal“ um Oliver Wood. Trotzdem schien die ganze Angelegenheit ein Eigenleben zu entwickeln, denn in der zweiten Woche nachdem alles begonnen hatte, tauchten verschiedene weitere Insiderinformationen auf, die von Olivers Jahren in Hogwarts berichteten, und von seine oftmals unorthodoxen Trainingszeiten und -methoden handelten. Infos, die zu seiner – und auch Angelinas - Verärgerung sogar alle irgendwie der Wahrheit entsprachen, auch wenn sie doch recht aufgebauscht und übertrieben waren. Aber das wußten die Fans nicht, und dadurch wurde Olivers guter Name schließlich immer weiter durch den Dreck gezogen.
Und auch die Frage, nach seiner wahren sexuellen Orientierung wurde immer wieder auf's neue aufgegriffen. Nicht, dass er ein Problem damit gehabt hätte, nicht der allgemeinen Norm zu entsprechen – schließlich gab es keine Askaban-Strafe für gleichgeschlechtlichen Hinternsex -, aber es ging nunmal nicht jeden etwas an. Seine sexuelle Orientierung war seine Privatangelegenheit, egal wie die sein sollte. Was ihm aber am meisten an diesem ganzen Wirbel um diese Sache nervte, war, dass ihm von seinem gesamten Familieclan seitdem wieder einmal wissende Blicke zugeworfen wurden. Schon zu Schulzeiten hatte sich der gesamte erweiterte Wood-Clan gefragt, woran es wohl liegen könnte, dass er so fanatisch nach Quidditch war und nie eine Freundin hatte. Schließlich war man zu der Erkenntnis gekommen, dass Oliver ganz sicher schwul war und einfach auf sportliche Kerle stand, die nach Schweiß, Leder und Besenpolitur rochen. Seine gesamte Jugend hatte er damit verbracht, sich zu rechtfertigen, was aber völlig nach hinten losgegangen war. Je mehr er protestierte, desto überzeugter waren die anderen von ihrer Vermutung, also hatte er es irgendwann aufgegeben und sich damit arrangiert. Aber es war ein Unterschied, ob er sich damit arrangierte, dass seine Familie dachte, er sei schwul, oder ob es die allgemeine Weltöffentlichkeit war, die dies dachte. Irgendwann war das Maß einfach voll.
In Hogwarts sorgten diese Artikel und Radioberichte für ziemlich viel Wirbel. Die ehemaligen Teammitglieder mußten sich fragende und oft auch zweifelnde Blicke gefallen lassen, und reagierten doch sehr unterschiedlich darauf. Während Angelina sich öfter als ihr lieb war in Verbalduellen mit verschiedenen Slytherins wiederfand und gleichzeitig alle anderen einfach stehen ließ, sobald sie auf Oliver angesprochen wurde, ignorierte Harry rundweg alles, was mit seinem ehemaligen Kapitän zu tun hatte. Er schien in seiner ganz eigenen Welt zu schweben und hatte, wenn er überhaupt mal auf eine Oliver-Frage reagierte, grundsätzlich einen irritierten Blick aufgesetzt, bevor er dem Fragesteller einen finsteren Blick zuwarf und sich wortlos umwandte. Fred und George fuhren auf Gegenkurs und machten, nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“, geistreiche Konversation miteinander, in der es um die „guten, alten Zeiten“ ging, in der man einen Kapitän noch mit „netten, kleinen Gefälligkeiten“ für sich gewinnen konnte. Dies taten sie jedoch so übertrieben, dass jeder, der ihnen bei diesen Unterhaltungen freiwillig oder auch unfreiwillig zuhörte, sofort wußte, dass sie selber kein Wort von dem glaubten, was sie da von sich gaben. Alicia und Katie waren letztendlich die einzigen, die auf Fragen wirklich antworteten und sorgten so dafür, dass auch jeder Trottel am Ende wußte, was das Team von alledem hielt. Bringen tat aber auch das nichts.
An diesem Freitag Mittag ließ sich Katie mit einem genervten Schnauben neben Angelina am Gryffindortisch nieder.
„Mann sollte glauben, dass alle diejenigen, die Oliver hier noch live erlebt haben, wissen, dass er nicht nur verdammt gut aussieht, sondern vor allem Quidditch spielen kann.“, schimpfte sie halblaut vor sich hin und zog die Suppenterrine zu sich heran, wobei die Suppe heftig ins schwanken geriet. „Ich meine, die haben doch schließlich mehr als einmal gesehen, wie er Quaffle gehalten hat, die kein normaler Mensch gehalten hätte, und auch aus dem Rest von uns hat er ein enorm gutes Team geformt. Warum glauben die dann diesen blödsinnigen Artikeln und Radioberichten mehr als ihren eigenen Augen?“
„Frag mich nicht.“, gab Angelina zurück und blätterte gleichzeitig in einigen Spielskizzen rum, die neben ihr auf dem Tisch lagen.
„Die einzigen, die kein Wort davon zu glauben scheinen, sind die Erst- und Zweitklässler.“, meinte Katie kopfschüttelnd. „Dabei kennen die ihn gar nicht, und haben ihn hier auch nie spielen sehen.“
„Muß am Alter liegen. Mit 11 oder 12 glaubt man noch, dass Quidditchspieler alle unantastbare, perfekte Helden sind.“, gab Alicia zurück, die ihr gegenüber saß und mit ungläubigem Gesichtsausdruck in der neusten Ausgabe von Brooms and Quaffles las, den sie kurz darauf kopfschüttelnd zur Seite legte. „So ein Schwachsinn!“
„Also wenn du mich fragst, läßt man sich gerade in dem Alter ziemlich von dem beeinflußen, was einem regelrecht zu glauben aufgezwängt wird.“, widersprach Angelina ihr. „Aber ich habe es langsam satt, mir Weisheiten über Oliver aufzwängen zu lassen. Wir wissen schließlich, wie er wirklich ist, und was wir nicht wissen, geht uns auch nichts an. Und genauso wenig, geht es irgendjemand sonst etwas an. Außerdem habe ich gerade ganz andere Probleme.“ Sie legte eine ihrer Skizzen zur Seite und sah ihre beiden Mitjägerinnen an. „Wir spielen morgen gegen Ravenclaw. Darüber sollten hier alle reden. Nicht über Oliver und seine Privatangelegenheiten. Die helfen uns schließlich nicht gegen Ravenclaw.“
„Hast Recht.“, stimmte Katie ihr zu, drehte sich jedoch im selben Moment um, als jemand nach ihnen rief. Einige Ravenclawmädchen vom Nachbartisch sahen breit grinsend zu ihnen herüber und schwenkten vielsagend mit einer Ausgabe von Brooms and Quaffles zu ihnen rüber. Fragend hob sie eine Augenbraue.
„Stimmt es, was hier steht?“, rief eine von ihnen, doch bevor Katie eine Chance hatte zu antworten, platzte Angelina schließlich doch der Kragen.
„Statt euch über unseren alten Kapitän Gedanken zu machen, solltet ihr lieber darüber nachdenken, wie ihr euren aktuellen Kapitän morgen Abend am besten trösten könnt. Ihm steht nämlich eine heftige Niederlage bevor.“
Roger Davies fuhr ein paar Plätze weiter verdutzt herum, doch was auch immer er sagte, ging in lautem Johlen und Klatschen von den anwesenden Gryffindors in der Großen Halle unter. Angelina warf ihm einen herausfordernden Blick zu, den Roger nur mäßig beeindruckt erwiderte, wobei sein Blick kurz ein wenig an Angelina vorbei flackerte und an etwas anderem hängen blieb. Angelina bemerkte dies nicht. Sie hatte den Ravenclaws schon wieder den Rücken zugekehrt.
„Glaubst du wirklich, dass den Ravenclaws morgen eine heftige Niederlage bevorsteht oder war das gerade ein Bluff?“, fragte Alicia, und auch Katie sah Angelina leicht zweifelnd an.
Angelina warf beiden jedoch nur einen durchdringenden Blick zu und vertiefte sich wieder in ihre Skizzen.
„Wir werden denen eine heftige Niederlage bereiten.“, knurrte sie schließlich mit zusammengebissenen Zähnen und warf einen drohenden Blick zu Jack und Andrew, die mehrere Plätze weiter runter am Gryffindortisch saßen und unter ihrem Blick sichtlich zusammenzuckten. „Oder es werden Köpfe rollen. Und es wird unter Garantie nicht meiner sein.“
Katie und Alicia wechselten einen stummen Blick, widmeten sich dann allerdings vollständig ihrem Suppenteller. Wenn Angelina so drauf war, hielt man am besten den Mund und ging ihr aus dem Weg. Spätestens morgen Abend würde sie wieder normal ticken – oder aber völlig ausflippen.
***
'Um 9 Uhr in der Gryffindorkabine. Komm alleine. Oliver', stand auf dem kleinen Fetzen Pergament, den die Eule ihr am Abend gebracht hatte. Verwunderte Blicke waren ihr zugeworfen worden, denn es war nicht wirklich alltäglich, dass man in Hogwarts am Abend noch eine Eule bekam. Allerdings war es auch nichts völlig außergewöhnliches, und so wandten sich die versammelten Hogwartsschüler nach einer Weile wieder anderen Dingen zu. Auf Alicias und Katies verwunderte Blicke zuckte sie nur die Schultern und steckte den kleinen Pergamentfetzen in ihre Robentasche.
„Ist von meiner Mutter. Sie wollte nur sicher gehen, dass ich die Geburtstagsgrüße an meine Oma abgeschickt habe. Irgendwie vergesse ich das nämlich ständig.“
Alicia und Katie sahen sie irritiert an, zuckten dann ebenfalls mit den Schultern und vergaßen den Brief gleich darauf.
Angelina hatte ihn jedoch nicht vergessen. Er hatte bleischwer in ihrer Robentasche gelegen und hatte ihr Gedanken den ganzen Abend über durcheinander gewirbelt. Sie konnte sich nur schwer auf irgendetwas anderes konzentrieren und ihre Augen flackerten immer wieder zur Uhr im Gemeinschaftsraum. Die Zeit schien zu kriechen, aber gleichzeitig hoffte sie auch, dass es nicht später wurde.
Was wollte Oliver so kurzfristig von ihr? Wieso riskierte er es, sie hier auf so unsicherem Boden zu treffen? Er mußte doch wissen, dass sein Leben noch chaotischer werden würde, wenn man ihn kurz vor der Sperrstunde alleine mit einer Hogwartsschülerin erwischte. Selbst wenn diese Hogwartsschülerin seit über einem Jahr volljährig war. Ein Risiko war es auf jeden Fall.
Um viertel vor neun machte sie sich schließlich auf den Weg. Sie nahm ein Fachbuch über Quidditchspielzüge und ihre Skizzen mit, um ein Alibi zu haben, falls jemand sie fragen würde, wo sie um diese Zeit noch hin wollte. Niemand würde es wirklich für unnormal halten, dass die Gryffindorkapitänin am Abend vor dem Spiel gegen Ravenclaw noch ein wenig in ihrem kleinen Kapitänsbüro in der Kabine über Spielzüge und Taktiken brütete.
Sie ging in Gedanken versunken die Haupttreppe bis in die Eingangshalle runter. Niemand war ihr hier begegnet und auch in der Eingangshalle war niemand zu sehen. Als sie schließlich durch die gewaltige doppelflügelige Eingangstür ins Freie trat sah sie, dass der Himmel über ihr sternenklar war. Der fast volle Mond tauchte alles in ein fast unwirkliches Licht und leichter Frost lag in der Luft. Der morgige Tag versprach vielversprechend zu werden und ideale Bedingungen für das Spiel bereit zu halten. Wenn sie das nur auch von ihren Treibern sagen konnte.
Genauso unbemerkt, wie sie aus dem Schloß gekommen war, betrat sie durch eine kleine Seitentür das Quidditchstadion. Vor ihr lag der lange Flur, der auf das Spielfeld rausführte, doch sie wandte sich nach rechts, wo die Kabinen lagen. Die Gryffindorkabine lag hinter der dritten Tür auf der rechten Seite, zwischen den Kabinen von Ravenclaw hinter der zweiten Tür und Slytherin hinter der vierten. Es war still im Stadion und sie konnte nirgends ein Anzeichen dafür erkennen, dass außer ihr jemand hier war. Aber es war jemand hier. Oliver würde mit Sicherheit schon auf sie warten, so wiesie ihn kannte. Nur – was wollte er eigentlich?
Als sie die Tür zur Gryffindorkabine aufstieß, spürte sie, wie ihr Herz raste und sich dieses merkwürdige und doch in letzter Zeit so vertraut gewordene Gefühl in ihrem Magen wieder ausbreitete, dass in Olivers Nähe immer wieder auftauchte, ohne dass sie sagen konnte, warum. Tief durchatmend festigte sie ihren Griff um das Buch und die Skizzen in der einen Hand und ballte die andere zur Faust, um sie vom unkontrollierten Zittern abzuhalten. Was, bei Merlin, war los mit ihr?
„Oliver?“, rief sie leise in die halbdunkle, nur vom Mond durch das Oberlicht beschienene, Kabine hinein. „Bist du schon da?“
Stille war die Antwort und sie schloss leise die Tür hinter sich. Auch wenn keiner im Stadion zu sein schien, sollte man sein Glück nicht allzu sehr herausfordern. Sie trat weiter in die Kabine hinein und sah sich suchend um.
„Oliver?“
„Ich bin hier.“
Erschrocken wirbelte sie herum und fluchte kurz darauf, als ihr Buch und Skizzen aus der Hand fielen.
Oliver kam aus dem Kapitänsbüro – ein viel zu vertrauter Anblick, doch gleichzeitig so merkwürdig fremd - und kniete sich neben sie, um ihr beim aufsammeln zu helfen. „Entschuldige! Ich wollte dich nicht erschrecken. Ich nehme an, das hier ist dein Alibi?“
Angelina nickte und zog eine Skizze unter einer der Sitzbänke hervor. „Ja, ich dachte, das würde glaubwürdiger rüberkommen, falls mich jemand aufhält.“
Oliver nickte.
„Und? Hat dich jemand aufgehalten?“, fragte er und warf einen nachdenklichen Blick auf eine ihrer Skizzen, die er gerade hochgehoben hatte.
„Nein. Das ganze Schloß ist wie leergefegt. Die sitzen wohl alle in ihren Gemeinschaftsräumen oder in der Bibliothek zusammen und diskutieren deine Privatangelegenheiten aus.“
Oliver zuckte leicht zusammen, ignorierte diese Bemerkung allerdings. Sein Blick war immer noch auf Angelinas Skizze gerichtet, doch schließlich legte er sie auf die Skizzen, die er schon in der anderen Hand hielt und reichte sie ihr.
„Die sind wirklich gut.“, meinte er und stand langsam auf. „Wenn deine Leute das wirklich drauf haben, braucht ihr euch um morgen überhaupt keine Gedanken zu machen. Dann hat Ravenclaw nämlich echt ein Problem.“
„Ich zweifle nicht an meinen Jägern, Suchern und Hütern.“, gab Angelina zurück, stand ebenfalls auf und schob sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Aber ich bin nicht so wirklich sicher, ob meine Treiber morgen noch wissen, wie man auf einem Besen fliegt.“
„Oh, ich bin mir sicher, dass sie das wissen werden.“ Oliver grinste leicht. „Wenn ich an deine Berichte über die letzten Trainigseinheiten denke, dann wissen die zwei unter Garantie, was ihnen blühen würde, wenn sie sich nicht zusammenreißen. Ich möchte zumindest nicht deinen Zorn zu spüren bekommen. Nicht, wenn du meine Kapitänin bist. Das war schon andersrum immer heftig genug.“
Ein wissendes Grinsen glitt über Angelinas Gesicht, als sie an die unzähligen Male zurückdachte, als ihr eigener Sturkopf mit dem von Oliver kollidiert war. Er hatte Recht. Viel zu oft hatte er dabei nämlich die Kapitäns-Karte gespielt, um sich so am Ende schließlich durchzusetzen.
„Ja, die Vorstellung, dass ich Kapitänin bin und du einer meiner Spieler, hat was.“, stichelte sie ihn, doch sein Blick sagte ihr deutlich, dass sie das nie erleben würde, solange er noch ein Wörtchen mitzureden hatte. Also ging sie nicht weiter darauf ein, legte ihre Skizzen neben das Buch auf die Bank und sah ihn fragend an. „Also, warum bist du hier? Und warum bin ich hier?“ Sie machte eine ausladende Geste durch die Kabine.
„Weil ich dir viel Erfolg für das Spiel morgen wünschen wollte.“, antwortete Oliver, doch auf Angelinas überraschten Blick hin, sah er sie doch leicht verschmitzt an. „Und weil ich dir höchstpersönlich erzählen wollte, dass ich morgen beim Puddlemere-Kestrels-Spiel spielen werde.“
„Du wirst was?“ Angelina starrte Oliver vollkommen perplex an, doch als Olivers Grinsen zunehmend breiter wurde und ein übermütiges Funkeln in seine Augen trat, entfuhr ihr ein begeisterter Aufschrei und sie fiel ihm begeistert um den Hals. „Das ist ja Wahnsinn. Das ist ... vollkommen irre.“, sprudelte es aus ihr heraus, doch plötzlich stutzte sie, löste sich aus der Umarmung – ihr Magen rebellierte allerdings heftig dagegen und machte einen Salto rückwärts – und sah ihn leicht verwirrt an. „Aber wieso so plötzlich? Bisher haben die dich doch nie spielen lassen. Und, nicht dass ich an dir zweifle, aber das Kestrels-Spiel ist nicht gerade irgendein Spiel. Da geht es immerhin um die Tabellenführung, wenn ich richtig informiert bin.“
„Stimmt“ Oliver nickte und ließ sich auf die Bank sinken. Angelina folgte seinem Beispiel. „Aber mein Manager hat so langsam keine Geduld mehr mit diesen unwahren Gerüchten und hat sich mit der Puddlemere-Führung zusammen gesetzt, um eine Lösung zu finden. Wir wollen alle ein für alle mal, dass die Gerüchte aus dem Weg geräumt werden. Deshalb lassen die mich spielen. Um zu zeigen, dass sie hinter mir stehen, weil ich was kann, und nicht nur, weil ich angeblich gut aussehe und ein Fanmagnet bin. Und um wirklich zu beweisen, dass das so ist, setzen sie mich bei einem wichtigen Spiel ein, damit später nicht gesagt werden kann, dass es ein Ablenkungsmanöver war, weil das Spiel ja sowieso völlig unwichtig war und ich nicht allzu viel hätte verbocken können.“
„Klingt logisch.“ Angelina nickte. „Und was sagt dein Kapitän dazu?“
Er hatte ihr bei ihren letzten Treffen einiges über die Verhältnisse der Puddlemerespieler untereinander erzählt und dabei auch die regelmäßigen Konfrontationen mit Connor Livingstone nicht verschwiegen. Sie ahnte, dass Connor eine der angeblich sicheren Quellen ist – er und ein Haufen Slytherins, was die Hogwartsgerüchte betraf -, die in den Medien so oft erwähnt wurden, auch wenn Oliver es ihr gegenüber nie bestätigt hatte.
„Der hat bei der Besprechung über die Teamaufstellung eisern geschwiegen und mich zeitgleich mit Blicken erdolcht. Eins ist sicher. Auf seine Unterstützung kann ich morgen verzichten. Er will nicht, dass ich spiele.“
„Aber euer Team besteht aus mehr als nur Connor Livingstone.“, meinte Angelina und Oliver nickte.
„Definitiv. Und genau das werde ich morgen allen beweisen.“
„Das ist die richtige Einstellung.“, stimmte sie ihm zu und eine Weile herrschte Schweigen in der Kabine. „Dann ist also morgen für uns beide der Tag der Wahrheit.“, murmelte sie nachdenklich und starrte ihre Füße an, mit denen sie die Fugen in den Bodenfliesen nachfuhr.
„Scheint ganz so.“, gab Oliver leise zurück und sie verfielen wieder in Schweigen. Er sah Angelina nachdenklich an. Schließlich legte er ihr die Hand unter das Kinn und brachte sie dazu, ihn anzusehen. „Du hast alles getan, was du tun konntest, um dein Team auf dieses Spiel vorzubereiten, Lina. Jetzt liegt es nicht mehr in deiner Hand, ob ihr gewinnt oder verliert. Du mußt ganz einfach Vertrauen in deine Fähigkeiten als Kapitänin haben.“
„So leicht ist das aber leider nicht.“, meinte sie leise und konnte den Blick nicht von seinen Augen abwenden. Was war bloß an diesen Augen, was sie so faszinierte?
„Niemand weiß das besser als ich, Lina.“, stimmte er ihr zu. „Aber es hat viel zu lange gedauert, bis ich diese Tatsache wirklich akzeptieren konnte. Mach du nicht den gleichen Fehler. Es bringt nichts, wenn du dich jetzt noch verrückt machst.“
„Ich gebe mir Mühe.“, flüsterte sie und lächelte ihn unsicher an.
Oliver nickte. Sein Daumen fuhr leicht über ihre Unterlippe, doch dann trat ein verwirrter Ausdruck in seine Augen und er zog die Hand weg.
„Es wird Zeit, dass du ins Bett kommst, Johnson.“, meinte er und sah die gegenüber liegende Wand an. „Es hilft deinem Team nicht, wenn ihre Kapitänin morgen auf dem Besen einschläft.“
„Das gleiche gilt aber auch für dich, Wood.“, antwortete sie verhalten lächelnd und versuchte mit aller Macht das heftige Prickeln auf ihrer Unterlippe zu ignorieren, das Olivers Berührung dort hinterlassen hatte.
Oliver lachte leise auf und sah sie wieder an. „Ja, das stimmt wohl.“
Angelina nickte und stand auf. Sie griff nach ihren Skizzen und dem Buch, ließ die Hand aber gleich darauf unschlüssig wieder sinken.
„Geh nur.“, meinte Oliver und stand ebenfalls auf. „Ich leg dir die Sachen in dein Büro und verschwinde dann auch gleich.“
„Danke“
Als Angelina an der Tür war, drehte sie sich noch einmal um. Oliver stand ein paar Meter hinter ihr. Das Mondlicht aus dem Oberlicht fiel über seine linke Körperhälfte. Die andere Seite lag in den grauen Schatten, die in der Kabine vorherrschten. Er sah unwirklich aus, fast so, als ob er nur eine Erscheinung wäre. Doch das Prickeln auf ihrer Unterlippe bewies Angelina deutlich, dass er wirklich da war.
„Viel Glück morgen, Käpt'n.“ Sie lächelte ihm zu.
„Danke gleichfalls, Käpt'n.“, antwortete Oliver leise und zwinkerte ihr verschmitzt zu.
Breit grinsend zwinkerte Angelina zurück, drehte sich um, öffnete die Tür und schlüpfte hinaus.
Oliver fuhr sich tief durchatmend mit den Händen durch die Haare und versuchte, seinen Puls zu normalisieren. Was war das bloß, was Angelinas Nähe in ihm auslöste? Er hatte keine Ahnung. Langsam ließ er die Hände sinken und griff schließlich nach ihren Unterlagen, um sie in ihr Büro zu legen.
Ein Geräusch aus dem Flur ließ ihn inne halten. Redete da gerade jemand? Vorsichtig ging er zur Tür rüber und öffnete sie einen Spalt breit, um hinaus zu linsen. Angelina stand ein Stück weiter. Ungefähr in Höhe der Ravenclawkabine, deren Tür auf zu sein schien, wie der Lichtschein auf dem Flur verriet.
„Nein, Davies. Ich habe keinen Grund mir Sorgen zu machen.“, konnte er sie sagen hören. „Ich werde jetzt ins Bett gehen und dafür sorgen, dass ich morgen beim Spiel hellwach bin. Aber wenn ich dir einen gut gemeinten Rat geben darf, dann sorg dafür, dass ihr morgen genug Taschentücher in der Kabine habt, um eure Niederlage zu beweinen.“
Oliver unterdrückte nur mit Mühe ein Lachen und sah jetzt, wie Roger Davies aus der Ravenclawkabine trat und sie hinter sich zu zog.
„Wir werden ja sehen, Johnson.“, meinte er und ging mit ihr zusammen auf den Ausgang zu. „Wir werden ja sehen.“
„Ja“, stimmte Oliver ihm leise zu und schloß die Tür wieder. „Wir werden ja sehen, wie das morgen läuft. Bei dir, bei mir und bei Angelina.“
Er ging zum Kapitänsbüro und legte Angelinas Unterlagen auf den Schreibtisch. Dann verließ er die Kabine und das Stadion durch eine weitere Seitentür.
„Alles gut gegangen?“, fragte Hagrid, der schon auf ihn wartete.
„Ja, alles gut gegangen.“, nickte Oliver und machte sich im Schatten von Hagrids gewaltiger Gestalt auf den Weg über die mondbeschienenen Hogwartsgründe bis zum Waldrand rüber, wo er von Hagrid im Schutz der Bäume bis hinter die Appariergrenze begleitet wurde. Es hatte doch seine Vorteile, dass er sich zu seiner Schulzeit mit Hagrid angefreundet hatte.
„Danke Hagrid.“
„Nicht zu danken, Oliver.“, antwortete Hagrid und schlug ihm wohlmeinend auf die Schulter. Ein Schlag, unter dem Oliver fast zu Boden ging. „Bist schon immer ein guter Kerl gewesen. Die anderen können stolz darauf sein, dass du ihnen immer noch hilfst.“
„Könnten sie, wenn sie es wüßten.“, gab Oliver grinsend zurück. „Wiedersehen Hagrid.“
Hagrid brummte gutmütig und im nächsten Moment war Oliver mit einem leisen PLOP verschwunden.
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