
von KitKat2006
Das Rätsel um Olivers Verbleib löste sich in der dritten Unterrichtsstunde. Ein knallrümpfiger Kröter, der Katie unbemerkt zu nahe gekommen und sich dann kurzentschlossen entschieden hatte, die Nähe des ahnungslosen Menschen als bedrohlich aufzufassen, hatte ihr eine mächtige Brandwunde am linken Schienbein eingebracht. Mächtig auf dieses „gemeingefährliche Biest“ schimpfend wurde sie schließlich von zwei Mitschülern zum Krankenflügel begleitet, um die Wunde versorgen zu lassen. Dort angekommen erfuhr sie dann nicht nur aus erster Hand, dass Madame Pomfrey eben jene Kröter für definitiv zu gefährlich für den Schulunterricht hielt, da es scheinbar regelmäßig Schüler mit mehr oder weniger schweren Brandwunden in ihren Krankenflügel verschlug, sondern auch, dass Oliver seit dem späten Freitag Abend das vorletzte Bett auf der linken Seite bewohnte.
Vollkommen irritiert hatte sie ihn angesehen, während Madame Pomfrey ihre Wunde versorgte, und hatte ihn schließlich gefragt, was um alles in der Welt er hier zu suchen hatte und wieso er es nicht für nötig befunden hatte, ihr irgendwie Bescheid zu geben. Immerhin sei sie schließlich seine Freundin. Oliver hatte zerknirscht das Gesicht verzogen und gewartet, bis sie einen Moment alleine waren, bevor er ihr darauf antwortete. Und während Madame Pomfrey nun in ihrem kleinen Büro Merlin-weiß-was-tat, gestand er ihr nicht ganz erfreut, dass er ihr deshalb nicht Bescheid gesagt hatte, weil er nicht wollte, dass jemand davon erfuhr, wie er sich einen dreifachen Schien- und Wadenbeinbruch zugezogen hatte.
Katies Augen schossen skeptisch-empört in die Höhe und er wandte seufzend den Blick ab und begann leise zu erklären.
„Roger hatte einen wirklich heißen Tipp was die Slytherintaktik für das Spiel am nächsten Samstag betrifft.“, meinte er. „Deshalb haben wir uns auf die Ravenclawtribüne verzogen und haben das genauer auseinander genommen. Es hat wesentlich länger gedauert, als ich angenommen habe. Ich schätze, wir haben in unserer Begeisterung über diese Entdeckung die Zeit völlig vergessen.“
Er warf Katie einen entschuldigenden Blick zu, doch diese verdrehte lediglich die Augen und sah dann wieder auf die grün-braune Salbe auf ihrer Wunde.
„Öfter mal was neues.“, murmelte sie leise vor sich hin und zupfte am Ärmel ihrer Schulrobe herum.
Oliver stutzte kurz, denn er war sich nicht sicher, ob er sie richtig verstanden hatte, und fuhr dann fort.
„Naja, wie auch immer. Jedenfalls wollte ich mich dann beeilen, um wenigstens noch ein wenig Zeit mit dir zu verbringen. Allerdings hat wohl einer der Ravenclaws beim letzten Spiel ein eingeschmuggeltes Butterbier getrunken und hat danach wohl vergessen, seinen Müll mitzunehmen. Jedenfalls trete ich auf diese blöde Flasche, verdrehe mir den Fuß, verliere das Gleichgewicht und falle rückwärts vier Sitzreihen nach unten, wobei ich mir das andere Bein ziemlich zerdeppere. Tja, und deshalb bin ich nun hier und warte darauf, dass das Skelewachs seine Wirkung tut, das mir Poppy ratenweise einflößen muß, weil der Bruch halt so kompliziert ist.“
Katie konnte nicht anders. Ihre Mundwinkel zuckten leicht, als sie sich vorstellte, wie Oliver über eine Butterbierflasche stolperte und mit den Armen rudernd die halbe Tribüne herunter gepurzelt war. Scheinbar hatte der vergangene Freitag Abend für sie beide so seine Stolpersteine aufzuweisen gehabt. Trotzdem erklärte das immer noch nicht, wieso er nicht wollte, dass sie davon erfuhr.
„Und was genau ist daran so schlimm, dass du nicht willst, dass ich davon erfahre?“, fragte sie und sah ihn schließlich doch an.
„Nun, die ganze Geschichte trägt nicht gerade dazu bei, dass ich wie ein Held dastehe, oder?“, meinte Oliver und zuckte mit den Schultern. Inzwischen hatte er den Blick abgewandt, während Katie ihn genaustens musterte. „Ich meine, glaub ja nicht, dass ich gerade nicht gemerkt habe, wie gerne du gelacht hättest. Ich wollte einfach nicht, dass du mich für einen Trottel hältst, der nichtmal auf seinen eigenen zwei Beinen stehen kann.“
Es kostete Katie sehr viel Mühe, ein genervtes Stöhnen zu unterdrücken. Jungs und ihr verdammtes, übergroßes Ego. Das sollte mal jemand verstehen.
„Oliver, es ist mir vollkommen egal, ob dein Ruf mir gegenüber wegen einer herrenlos rumliegenden Butterbierflasche einen kleinen Kratzer abbekommt.“, meinte sie in einem Tonfall, als würde sie mit einem Dreijährigen sprechen. „Du solltest mal darüber nachdenken, was du sonst alles so tust und läßt, was auf meinen Eindruck von dir sehr viel gravierendere Auswirkungen hat.“
„Das habe ich. Dazu hatte ich hier schließlich an den vergangenen zweieinhalb Tagen genug Zeit.“, antwortete Oliver zu ihrer völligen Verblüffung und grinste sie dann verschmitzt an, während er einen ziemlich zerfledderten Bogen Pergament von seinem Nachtisch zog und ihn ihr hinhielt. Katie runzelte irritiert die Stirn, doch Oliver zwinkerte ihr nur grinsend zu und sprach weiter. „Das hier ist eine genaue Analyse der wahrscheinlichen Slytherintaktik für nächsten Samstag und eine detaillierte Planung unserer Gegenstrategie. Ich werde zwar heute und vielleicht auch morgen noch nicht wieder selber mittrainieren können, aber ich kann euch prima von der Tribüne aus Anweisungen geben. Du siehst also“, meinte er und warf Katie einen triumphierenden Blick zu, „die Auswirkungen meiner kleinen Ungeschicktheit sind längst nicht so gravierend, wie sie es im ersten Moment zu sein scheinen. Ich bin immer noch perfekt in der Lage, uns zum Pokalsieg zu führen.“
Katie sah ihn eine volle Minute lang mit vor Verblüffung offenem Mund und riesengroßen Augen an. Schließlich ließ sie sich jedoch mit einem lauten Ächzen rückwärts in die Kissen sinken und vergrub das Gesicht in den Händen.
„Ich glaube es einfach nicht.“, nuschelte sie undeutlich in ihre Hände und konnte sich gerade noch daran hindern, in hysterisches Gekicher auszubrechen.
„Wie bitte?“ Oliver sah sie jetzt reichlich irritiert an. „Kannst du das nochmal sagen? Ich habe dich nicht richtig verstanden.“
Doch Katie schüttelte lediglich den Kopf und grunzte etwas unverständliches vor sich hin, während sie sich müde die Augen rieb. Das alles wurde ihr langsam aber sicher zuviel. Sie mußte hier raus, und zwar schleunigst. Madame Pomfrey schien ein Einsehen mit ihr zu haben, denn sie kam in exakt diesem Moment aus ihrem Büro gewuselt und sah sich Katies Wunde an, bevor sie zufrieden nickte. Sie verband sie mit einem dünnen Verband und wies Katie an, diesen möglichst nicht vor dem Abendessen zu entfernen. Katie nickte und stand auf. Es ziepte noch ein wenig beim laufen, aber daran hatte sie sich schnell gewöhnt, und es war eigentlich auch eher lästig als wirklich hinderlich.
„Vergiss nicht, dass wir nachher Training haben, Katie.“, rief Oliver ihr nach, als sie sich ohne ein Wort von ihm abwandte und zur Tür ging. Dies war Absicht, denn sie war sich nicht sicher, ob sie ihn sonst nicht vielleicht doch endlich mal mächtig angeschrien hätte. Allerdings wandte sie sich jetzt doch langsam um und sah ihn einen Moment lang nachdenklich an, bevor sie den Kopf schüttelte.
„Erwarte nicht, dass ich nachher da bin, Oliver.“, meinte sie in einem Tonfall, den weder Oliver noch Madame Pomfrey so recht deuten konnte. Letztere war auf ihrem Weg zum Büro zurück stehen geblieben und hatte Oliver einen finsteren Blick zugeworfen, als das Wort „Training“ fiel. „Ehrlich gesagt sehe ich nämlich keinen sonderlich großen Sinn darin, auf völlig ungedeckte Torringe zu werfen, während du von der Tribüne aus den großen Zampano spielst. Ich sehe ein, dass wir vor dem Spiel anständig trainieren müssen, aber das hier ist eine reine Zirkusnummer und ich weiß mit meiner Zeit besseres anzufangen, als für nichts und wieder nichts auf einem Besen rumzuhampeln.“
„Zirkusnummer?“ Oliver sah sie vollkommen entgeistert an. „Und was heißt hier, du weißt mit deiner Zeit besseres anzufangen? Hier geht es um den Quidditchpokal, Katie. Um den ganz großen Coup.“
„Falsch, Oliver.“, widersprach sie ihm. „Hier geht es um deinen krankhaften Ehrgeiz und deine verdammt eingeschränkte Weltsicht. Mag sein, dass für dich Quidditch das ganze Leben ist, aber es gibt Menschen, für die das lediglich ein Freizeitvergnügen ist. Menschen, die Quidditch nicht als Lebensaufgabe sehen, sondern andere Wünsche und Karriereträume haben. Ich will Aurorin werden, Oliver. Und ob es mir nun gefällt oder nicht, ich brauche dazu einen guten UTZ in Zaubertränke. Und den kriege ich nur mit einem sehr guten ZAG, denn sonst läßt Snape mich nicht in die UTZ-Kurse. Und einen guten ZAG kriege ich wiederum nur, wenn ich so langsam mal meine Noten hochschraube. Wir schreiben nächste Woche Dienstag einen Test in Zaubertränke der ein Viertel der Endnote ausmacht und ich habe nicht vor, den zu versauen, weil ich unnötig Zeit auf dem Quidditchfeld verplempert habe, die ich genauso gut zum lernen hätte nutzen können. Also setze von mir aus Training an, aber finde dich damit ab, dass du in dem Fall nur zwei von drei Jägerinnen auf dem Spielfeld haben wirst, verstanden?“
Sie sah ihn noch eine Weile herausfordernd an. Oliver sah sie so perplex an, dass sie es schließlich aufgab, eine Antwort von ihm zu erhoffen, sich umdrehte und den Krankenflügel ohne ein weiteres Wort verließ. Ganz sicher war sie sich im Nachhinein nicht, aber sie meinte, Madame Pomfrey etwas von „Das war schon lange mal fällig“ vor sich hin murmeln zu hören, als sie an ihr vorbei durch die Tür stürmte.
***
Zufrieden mit sich selber – schließlich hatte Madame Pomfrey Recht, denn diese Ansprache war definitiv schon längst mal fällig gewesen – machte sie sich auf den Weg in die Große Halle, wo inzwischen das Mittagessen angefangen hatte. Sie umkurvte eine Gruppe Ravenclaws, nickte einigen besorgt ausschauenden Hufflepuffs mit denen sie Pflege magischer Geschöpfe zusammen hatte kurz zu, um ihnen zu sagen, dass es ihr gut ginge und sie sich keine Sorgen um sie zu machen brauchten, und steuerte auf den Gryffindortisch zu. Allerdings überlegte sie es sich kurz darauf spontan anders, als sie Lee entdeckte, der sie nachdenklich und ein wenig finster ansah. Noch so einen Streit wie am Morgen brauchte sie nun wirklich nicht. Vor allem nicht so kurz nach einer deftigen Ansprache an Oliver. Also faßte sie einen spontanen Entschluß, drehte sie sich um, wich einigen Gryffindors und Ravenclaws aus, die den Gang zwischen den Tischen der beiden Häuser entlang liefen und sich einen Platz zum essen suchten, und ging schnurstracks auf den Slytherintisch zu.
Sie konnte den Moment exakt festlegen, als die fast vollständig versammelte Hogwartsschülerschaft auf sie aufmerksam wurde und das Ziel ihrer festen und sicheren Schritte erkannte. Es wurde schlagartig sehr viel stiller in der Großen Halle, bis sich ein erst leises, dann aber doch sehr schnell lauter werdendes Geraune in ihr ausbreitete. Köpfe wurden verrenkt und sie registrierte aufgeregtes oder irritiertes Getuschel in ihrer Nähe, das sie jedoch völlig ignorierte. Ausnahmsweise grenzten sich die Slytherins mal nicht von den übrigen Hogwartsschülern ab, denn auch sie wußten nicht so recht, was sie davon halten sollten, dass sich Katie Bell ohne Rückendeckung von Seiten ihrer Team- oder Klassenkameraden aus dem sicheren Gryffindor-Ravenclaw-Bereich der Großen Halle jenseits der Hufflepuff-Pufferzone in ihre höchsteigenen Gefilde wagte. Lediglich derjenige, zu dem sie wollte, schien sich absolut nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, denn er schaufelte sich gut gelaunt und scheinbar vollkommen ahnungslos von ihrer stetig näherkommenden Gegenwart Nudeln mit Tomatensoße in den Mund. Er schaute erst auf, als sie sich direkt vor ihm an den Slytherintisch setzte und sich räusperte.
„Bell?“, kommentierte er ihre Anwesenheit und jeder der nahe genug saß, um ihn deutlich zu verstehen, merkte, dass er nicht halb so überrascht über ihre Anwesenheit war, wie er vorgab. Gelassen spießte er einige weitere Nudeln auf, schob sie sich in den Mund, kaute eine Weile und zog fragend eine Augenbraue hoch. „Was verschafft mir die Ehre deiner Anwesenheit? Bist du dir sicher, dass du dich nicht verlaufen hast?“
„Wenn du mein Nachhilfelehrer in Zaubertränke bist nicht, Pucey.“, gab sie übertrieben spöttisch zurück und erntete damit ein unterdrücktes Grinsen seinerseits. Das war die Katie die er kannte und schätzte. Ein wenig kratzbüstig und nicht um eine Antwort verlegen. Nicht so geisterhaft abwesend wie letzten Freitag Abend. „Was machst du heute Abend?“
Ein heftiges Husten war auf diese Frage hin zu hören, als Adrian sich nicht entschieden konnte, ob er Nudeln runterschlucken oder lachen sollte. Sein Unterbewußtsein entschied sich spontan für beides, was seine Speiseröhre seinem Unterbewußtsein deutlich übel nahm. Doch schließlich hatte er sich wieder soweit unter Kontrolle, dass er Katie breit angrinsen konnte.
„Was soll das denn werden, Kitty?“, fragte er sie spöttisch und registrierte zufrieden, wie sich ihre Hände bei dieser von ihr so verhassten Anrede auf der Tischplatte zu Fäusten ballten. „Willst du dir mit der Ausrede um Nachhilfestunden ein Date mit einem der großen, bösen Jungs verschaffen, vor denen deine Eltern, deine Patentante und und neuerdings scheinbar auch Lee Jordan dich immer so eindringlich warnen?“
Amüsiertes Gelächter war im näheren Umkreis zu hören, denn keinem der Anwesenden war die Anspielung auf die lautstarke Auseinandersetzung zwischen Katie und Lee am Morgen entgangen. Auch Katie nicht, aber sie dachte gar nicht daran, jetzt in die Defensive zu gehen. Ganz im Gegenteil. Sie war, seitdem sie den Krankenflügel verlassen hatte, in ziemlich abenteuerlicher Stimmung.
„Ich bin durchaus in der Lage, mit jemandem wie dir fertig zu werden, Adrian.“, erwiderte sie und hörte überdeutlich das überraschte Luftholen des Hufflepuffs hinter sich, als sie Adrian wie selbstverständlich bei seinem Vornamen nannte. Doch sie ignorierte auch dies und fuhr stattdessen an Adrian gewandt fort. „Du bist nicht halb so gefährlich wie du es gerne wärst, mein Lieber. Mit dir werde ich jederzeit fertig, wenn es sein muß. Also, hast du nun heute Abend schon was vor oder nicht? Ich könnte nämlich wirklich deine Hilfe gebrauchen, um bei deinem heißgeliebten Hauslehrer nicht völlig zu versagen, wenn der uns nächste Woche einen seiner berühmt-berüchtigten Tests vor die Nase legt.“
Adrian musterte sie eine Weile nachdenklich und aß währenddessen ungerührt weiter.
„Mit mir wirst du jederzeit fertig, hm?“, meinte er und spießte ohne Katie anzusehen einige Nudeln auf die Gabel. „Meinst du damit fertig werden wie vor drei Wochen in der Bibliothek, als ich dich zwischen mir und dem Zaubereigeschichteregal festgepinnt habe? Oder meinst du damit fertig werden wie vor einer Weile, als ich dich in derselben Bibliothek beim lernen ohne weiteres hätte küssen können, obwohl deine Freunde kaum fünf Meter entfernt am Tisch saßen?“ Leises, amüsiertes Gelächter von den Slytherins im näheren Umkreis war zu hören, als Katie es nicht verhindern konnte, leicht rot anzulaufen. Doch sie schaffte es zumindest immer noch, den Blick von der Tischplatte fern zu halten und Adrian abwartend anzusehen. Dieser sah jetzt auf und hielt ihr scheinbar unbewußt die Gabel samt aufgespießter Nudeln entgegen wie einen Zeigestock, während er ihren Blick einfing und nun zum entscheidenden Schlag ausholte. „Oder meinst du fertig werde wie vor kurzem im Korridor vor dem Krankenflügel, wo ich dich definitiv geküßt habe?“
Die Worte hingen immer schwerer in der Luft, je länger die Stille andauerte, die sich danach zwischen Katie und Adrian ausbreitete. Sie fochten ein stummes Blickduell aus, dem Katie irgendwann nicht mehr standhalten konnte und schließlich resigniert seufzend den Blick abwandte.
„Nein.“, meinte sie so leise, dass nur Adrian und die Slytherins sie verstehen konnten, die höchstens einen Meter von ihnen entfernt saßen. „Ich meine damit fertig werden, wie damals, als ich dich nach dieser höllenmäßigen Rutschpartie windelweich geprügelt habe.“
Adrian stutze kurz, brach dann jedoch in heftiges Gelächter aus. Er grinste sie an und schob sich schließlich die Gabel in den Mund.
„OK“, nuschelte er schließlich undeutlich um die Nudeln herum. „Der Punkt geht an dich. Ich kriege immer noch blaue Flecken, wenn ich nur an die Tracht Prügel denke, die du mir da verpaßt hast.“
Das irritierte Getuschel der Hufflepuffs hinter ihr setzte wieder ein, als er dieses Geständnis wesentlich lauter von sich gab, als Katie ihre Erklärung kurz vorher. Es verdrängten die überraschende Erkenntnis, dass es scheinbar irgendwann in der nicht sehr fernen Vergangenheit einen Kuß zwischen Katie Bell und Adrian Pucey gegeben hatte, völlig. Keiner von ihnen konnte sich nämlich in diesem Moment so recht einen Reim darauf machen, wann und wo Katie Bell Adrian Pucey eine Tracht Prügel verpaßt hatte – wenn man mal von einem ganz normalen Spiel ihrer beiden Hausteams gegeneinander absah – aber die Tatsache, dass es diese Tracht Prügel offenbar gegeben hatte genügte ihnen für's erste völlig aus, um aufgeregt miteinander zu tuscheln. Und es dauerte gar nicht lange, bis diese Info auch den Weg über den Ravenclawtisch hinüber zu den Gryffindors gefunden hatte, die Katie jetzt mit einer Mischung aus Irritiation und Stolz ansahen.
Diese saß allerdings immer noch am Tisch des Erzfeindes und diskutierte mit einem von ihnen, was die Irritation schließlich doch über den Stolz siegen ließ.
„Ich werde nicht nochmal fragen, Adrian.“, meinte Katie jetzt und sah ihn wieder an.
„Schade“, meinte dieser und zuckte ungerührt mit den Schultern. „Dabei habe ich es so gerne, wenn du bettelst.“
„OK, das reicht.“, erwiderte Katie, schlug genervt mit den flachen Händen auf den Slytherintisch, dass die Kürbissaftbecher nur so klirrten, und stand auf. „Ich habe es nicht nötig, mich von dir veräppeln zu lassen.“
Sie stieg über die Holzbank wieder in den Gang zwischen Slytherin- und Hufflepufftisch hinaus und ging.
„Ach komm schon, Kitty.“, rief Adrian ihr nach. „Seit wann verstehst du denn keinen Spaß mehr?“
„Seitdem du Scheißkerl mich nicht mehr ernst nimmst.“, kam die Antwort von Katie, die es weder für nötig hielt, sich umzudrehen, noch, zumindest anzuhalten, während sie mit ihm sprach.
„OK. Du hast gewonnen.“, gab Adrian schließlich nach und Katie blieb jetzt doch stehen und drehte sich mit fragend hochgezogener Augenbraue halb um. „Ernsthaft. Du hast gewonnen.“
„Also sehen wir uns nachher noch?“
Adrian nickte.
„Wir sehen uns nachher noch.“, bestätigte er. „Um halb acht im Zaubertränkekerker. Und sei pünktlich.“, konnte er es dann doch nicht lassen, noch anzufügen. „Zwing mich nicht dazu, dir eine Strafarbeit aufzubrummen.“
Katie schnaubte und hob ihm warnend den Zeigefinger entgegen.
„Dieses Thema hatten wir schon und ich werde nicht nochmal mit dir darüber diskutieren, Pucey.“
„Jetzt wieder Pucey, hm? Du solltest dich so langsam mal entscheiden, wie du mich nennen willst, Kitty. Auf Dauer ist dieses hin und her nämlich schädlich für unsere Beziehung.“
Ein genervtes Schnauben samt überdeutlichem Augenverdrehen war Katies Antwort hierauf, doch sie behielt einen Kommentar für sich. Auf Dauer würde dieses Duell doch keiner von ihnen gewinnen, und alles was Adrian dadurch definitiv schaffte, war, die Temperatur der Gerüchteküche wieder in astronomische Höhen schnellen zu lassen.
Schweigend ging sie zum Gryffindortisch rüber, ignorierte weiterhin sämtliche Blicke ihrer Mitschüler und setzte sich schließlich Matt und David gegenüber auf die Bank. Letzterer schob ihr wortlos die Nudelschüssel rüber, während Ersterer sie mit deutlichem Interesse ansah.
„Ich werde keinen Kommentar in Bezug auf Adrian Pucey abgeben. Klar?“, fragte sie und schaufelte sich einen gigantischen Berg Nudeln auf den Teller, während sie die beiden Jungs nacheinander finster musterte.
„Klar.“, meinte Matt nickend und kippte ihr ungefragt Soße über die Nudeln. „Wie wäre es stattdessen mit einem Kommentar über Oliver Wood?“
„Engstirniger Sturschädel.“, nuschelte sie um ihre Nudeln drumzu. „Allerdings hat sich dieser engstirnige Sturschädel inzwischen einiges von mir anhören müssen, was ihn hoffentlich zum nachdenken anregen wird.“
„Ach ja?“
Matt zog fragend eine Augenbraue in die Höhe und auch David sah sie deutlich interessiert an.
„Ach ja!“, bestätigte Katie jedoch nur und widmete sich dann mit Heißhunger ihrem Mittagessen. So langsam verkomplizierte sich diese ganze Charade. Und Komplikationen machten sie grundsätzlich entweder melancholisch oder hungrig. Heute war definitiv ein hungriger Komplikationen-Tag.
***
Mit angehaltenem Atem sah Katie in ihren Kessel und betete stumm. Eine Sekunde verging, dann noch eine, und gerade als sie ein resigniertes Schnauben von sich geben wollte, weil sie scheinbar wieder mal einen Zaubertrank vermasselt hatte, veränderte sich die Farbe von undurchdringlichem Moosgrün in ein so klares, blasses Violett, dass sie bis auf den Kesselboden gucken konnte. Ein Jubelschrei entfuhr ihr, den sie gleich darauf abwürgte, indem sie sich die Hand auf den Mund schlug.
Adrian verschränkte grinsend die Arme vor der Brust, lehnte sich an den Tisch hinter sich zurück und sah sie auffordernd an.
„Nur zu. Freu dich ruhig.“, forderte er sie mit einem Funkeln in seine tiefblauen Augen auf. „Du hast immerhin allen Grund dazu. Immerhin scheinst du doch kein so völlig verkorkster Fall zu sein, wie Snape immer angenommen hat.“
Langsam ließ Katie die Hand sinken und grinste breit.
„Scheint so. Vielleicht habe ich ja doch Glück und ich schaffe einen guten UTZ. Dann brauche ich meinen Traumberuf wohl noch nicht frühzeitig aufzugeben.“
„Der da wäre?“, fragte Adrian neugierig nach und rechnete eigentlich gar nicht mit einer Antwort. Doch zu seiner grenzenlosen Überraschung bekam er sie doch.
„Aurorin. Ich will Aurorin werden.“, kam es leise von Katie, die sich jetzt wieder über ihren Kessel gebeugt hatte und sich dann etwas auf einen Schmierzettel aufschrieb. Erst danach sah sie Adrian an. Eigentlich hatte sie mit einem spöttischen Grinsen gerechnet, doch stattdessen sah sie ihn nur nachdenklich zu ihr hinüber starren und schließlich einen beeindruckten Pfiff ausstoßen.
„Aurorin, hm?“, meinte er schließlich und erhielt ein Nicken von Katie, dass nun doch leicht unsicher wirkte. „Das ist ein verdammt großer Berufswunsch. Vor allem für jemanden wie dich, die sich mit Zaubertränke so schwer tut. Du weißt schon, dass Snape dich nur in die UTZ-Kurse läßt, wenn du in den ZAGs im nächsten Jahr ein Ohnegleichen schaffst, oder?“
„Ja“, meinte Katie und beugte sich wieder über ihr Schmierpapier, während sie weiter sprach. „Das weiß ich nur zu gut.“ Sie atmete einmal tief durch und sah Adrian dann wieder fest an. Ihr war nicht ganz wohl bei dem, was sie gleich sagen würde, aber was bedeutete schon ein klein wenig verletzter Stolz im Tausch für einen vielleicht wahr werdenden Traum? „Und genau deshalb brauche ich deine Hilfe. Auch über die Zeit dieser erzwungenen Nachhilfestunden hinaus.“
Adrians Augenbrauen schossen fragend in die Höhe und Katie legte schließlich seufzend die Feder zur Seite und stand auf. Langsam kam sie um den Tisch herum und blieb direkt vor ihm stehen.
„Ich meine es ernst, Adrian.“, fuhr sie leise fort und Adrian merkte sehr wohl, wie schwer es ihr viel, ihn um Hilfe bitten zu müssen. Sie war vollkommen angespannt, ihre Stimme zitterte leicht und sie mußte sich deutlich dazu zwingen, ihn weiterhin entschlossen anzusehen. „Ich brauche deine Hilfe. So verrückt es klingen mag, aber du bist bisher der Einzige, der es geschafft hat, mir Zaubertränke einigermaßen verständlich zu machen. Ohne dich schaffe ich das nicht.“
Es war völlig verrückt, was hier gerade vorging. Das merkten sie beide. Bis vor ein paar Wochen hatten sie sich höchstens hin und wieder mal auf den Gängen oder auf dem Quidditchfeld getroffen. Und dann waren es meist feindselige Begegnungen gewesen. Und beide hatten mit dieser Charade erst angefangen, weil Matt sie darauf gebracht hatte. Katie erst nach einigem Zögern und Adrian eigentlich nur deshalb, weil er seinem Cousin noch etwas schuldete und sich dadurch einigen Spaß und mögliches Chaos im gegnerischen Team versprochen hatte, das seinem eigenen Team nur nutzen konnte. Doch seitdem sie damit angefangen hatten, hatte sich das Verhältnis zwischen ihnen verändert. Schon vom ersten Augenblick an, seit dem Zusammentreffen in der Bibliothek damals, war es für beide eher ein Spiel gewesen, dass sie miteinander spielten und bei dem alles andere eher zweitrangig war. Sogar Oliver, der der eigentliche Grund für dieses Verwirrspiel gewesen war. Langsam aber sicher war eine völlig verrückte Beziehung zwischen ihnen entstanden, die irgendwo zwischen Freundschaft und Liebe rangierte. Etwas, was sie sich selber gegenüber inzwischen eingestanden, voreinander allerdings nicht auszusprechen wagten. Dass sie jetzt hier zusammen im Zaubertränkekerker stehen und sich so ernsthaft miteinander unterhalten konnten, statt sich zu fetzen – egal ob ernsthaft wie früher oder spielerisch wie noch am frühen Abend in der Großen Halle -, war so völlig verrückt, dass es schon wieder gar nicht mehr verrückt war.
Es war schließlich Adrian, der das Schweigen brach.
„Unter einer Bedingung.“ Katie zog fragend eine Augenbraue hoch und Adrian konnte sich nicht daran hindern, ihr eine Haarsträhne sanft hinters Ohr zu schieben. Eine Geste die beide leicht irritierte, aber Adrian gab ihnen keine Gelegenheit, weiter darüber nachzudenken, denn er sprach schon weiter. Ein wenig hastiger vielleicht, als er es geplant hatte, aber zumindest deutlich entschlossener, als Katie vorhin, als sie ihn um ernsthafte, längerfristige Hilfe gebeten hatte. „Ich will, dass du das mit Oliver ein für alle mal klärst, damit du den Kopf vernünftig frei hast und sich die Lernerei auch wirklich lohnt.“
Damit hatte Katie nicht gerechnet und sie stolperte verwirrt einige Schritte zurück.
„Du willst was?“, fragte sie ihn und sah ihn völlig entgeistert an.
„Du hast mich genau verstanden, Katie.“, gab Adrian immer noch entschlossen zurück. „Ziehe endlich vernünftige Konsequenzen und rücke diesem Idioten den Kopf zurecht. Ich habe nicht vor, meine Zeit mit dir zu vergeuden, wenn du vor hast, geistig immer nur halb da zu sein.“
„Ach, habe ich bisher diesen Eindruck auf dich gemacht, oder was?“, fuhr sie ihn an. Blitzschnell war sie wieder auf Abwehrhaltung gegangen und hatte in den Streitmodus gewechselt, so als wäre dieser kleine, vertraute Augenblick nie da gewesen.
„Ganz ehrlich?“, fragte Adrian sie provozierend und stieß sich schließlich vom Tisch ab, um den Abstand zwischen ihnen wieder zu verringern. „Ja, du hast den Eindruck auf mich gemacht, Kitty. Zugegebenermaßen hast du dich zwar inzwischen verdammt verbessert, aber ich weiß, dass du wesentlich mehr erreichen könntest, wenn du dich wirklich zu 100 Prozent hierauf konzentrieren würdest und nicht immer in Gedanken halb bei ihm wärst.“
Katie schüttelte verwirrt den Kopf und ging unbewußt noch ein paar Schritte zurück, doch Adrian ließ nicht zu, dass sie sich davon stahl und folgte ihr mit festen Schritten.
„Was? Glaubst du etwa tatsächlich, ich würde das nicht merken? Ich bin nicht blöd, Katie. Ich weiß, dass deine Leute im Moment da draußen sind und trainieren, auch wenn es mir ein Rätsel ist, wie Woody-Boy mit seinem völlig ramponierten Bein trainieren will. Wie immer es sich diesen Bruch auch zugezogen haben mag.“, fügte er mehr zu sich selber hinzu.
„Woher weißt du, dass die gerade da draußen sind?“, flüsterte Katie überrumpelt. Offiziell war heute Abend niemand auf dem Platz. Auch die Ravenclaws und Hufflepuffs nicht.
Adrian schnaubte und hielt ihr eine genau Antwort vor. Er würde ihr bestimmt nichts über das interne Spionagesystem der Slytherins verraten. Und erst recht nicht, dass sie sogar ein paar Spione direkt bei ihnen im Gryffindorturm hatten. Nicht, dass er Angst vor ihrer Reaktion hatte - immerhin wußte er, dass er sie im Ernstfall locker im Griff hatte -, sondern weil es sie schlicht und ergreifend nichts anging.
„Sieh mir in die Augen und überzeuge mich davon, dass sie nicht da sind.“, meinte er stattdessen und sah Katie durchdringend in die Augen. Ein Blick, dem Katie schließlich nicht mehr stand halten konnte und ihn deshalb abbrach. Adrian nickte, so, als hätte er nichts anderes erwartet.
„Genau das meine ich, Kitty“, meinte er leise und nicht mehr ganz so forsch wie er noch kurz zuvor gewesen war. „Du bist nicht zu 100 Prozent hier und da mache ich einfach nicht mit. Ich helfe dir. Definitiv. Aber dazu erwarte ich von dir, dass du die Sache mit ihm klärst und für vernünftige Verhältnisse sorgst. Sonst wird aus der ganzen Sache nichts und diese Nachhilfestunden sind vorbei, sobald Snape mich aus dieser Pflicht entläßt.“
„Du willst, dass ich mit ihm Schluß mache?“, fragte sie ihn ziemlich entgeistert. Wieso sie eigentlich so entgeistert war, wußte sie selbst nicht. Schließlich war sie sich ja selber nicht mehr ganz so sicher, ob sie die Beziehung mit Oliver überhaupt noch wollte. Vielleicht war sie es einfach nur deshalb, weil Adrian dies so nachdrücklich von ihr forderte, obwohl er eigentlich kein Recht dazu hatte.
„Das habe ich nicht gesagt.“, widersprach er ihr jedoch und Katie runzelte irritiert die Stirn. Adrian seufzte und wandte sich schließlich ab, um seine Sachen zusammen zu packen. „Alles was ich gesagt habe, ist, dass du für klare Verhältnisse sorgen sollst. Mach Schluß mit ihm, wenn du meinst, dass es das richtige für dich ist. Oder mach ihm endgültig begreiflich, dass du keine Lust mehr hast, ständig die zweite Geige hinter Quidditch zu spielen. Mir ist völlig egal, was du tust, aber tue endlich was.“ Er schob seine letzten beiden Bücher in seinen Rucksack, schloss diesen und schwang ihn sich lässig über eine Schulter, als er sich schließlich wieder zu ihr umdrehte. „Denn diese Eifersuchtssache scheint es absolut nicht zu bringen. Dazu ist dein Freund scheinbar zu blind. Oder zu blöd. Oder scheinbar auch beides. Was weiß ich. Aber was auch immer der Grund ist, tue endlich was dagegen, denn sonst kommen wir beide nicht ins Geschäft.“
Jetzt endgültig überrumpelt sah Katie ihm nach, als er zur Tür hinüber ging und diese öffnete. Dort angekommen drehte er sich noch einmal zu ihr um, warf ihr einen unleserlichen Blick zu und nickte schließlich zum Tisch hinüber, auf dem ihr Kessel immer noch munter vor sich hin brodelte.
„Und vergiß nicht aufzuräumen, bevor du gehst. Snape killt dich sonst noch vor dem Frühstück, wenn er seinen Kerker wieder mal völlig ramponiert vorfindet.“
Katie nickte wie ferngesteuert und Adrian verließ mit einem knappen Nicken schließlich den Raum. Mit einem langen, völlig frustrierten Seufzer ließ Katie sich auf einen Stuhl sinken. Wie hatte dieser Abend, der eigentlich bisher so positiv verlaufen war, nur so eine merkwürdige Wendung nehmen können? Sie hatten sich den ganzen Abend über so gut verstanden. Es hatte keine Streitereien und Provokationen in Bezug auf ihre Hauszugehörigkeit gegeben. Genauso wenig, wie es zu einem dieser Streit-Flirts gekommen war, die sie immer mehr verwirrten, je öfter sie passierten, die sie aber immer mehr genoss, solange sie andauerten. Aber sie konnte beim besten Willen nicht einschätzen, was hier gerade vorgefallen war. Diesen Adrian, den sie vorhin erlebt hatte, kannte sie nicht. Und das verunsicherte sie mehr, als sie es sich selber eingestehen wollte.
„Katie? Hey, warte mal.“
***
Katie verdrehte genervt die Augen und wäre am liebsten weiter gelaufen, doch sie blieb schließlich doch stehen. Warum sie dies tat, wußte sie selber nicht so genau. Immerhin hatte sie sich in letzter Zeit fast nur mit Lee gestritten, wenn sie zusammen waren, doch irgendetwas hielt sie in diesem Moment zurück. Vielleicht war es das schlechte Gewissen, weil er es ja eigentlich nur gut meinte, vielleicht war es auch einfach nur Faulheit. Immerhin hatte sie keine Lust, einen nervenden Lee auf den Fersen zu haben, der wissen wollte, warum sie nicht auf ihn wartete. Sie hatte eine recht unruhige Nacht hinter sich – wieder mal – und wollte eigentlich nur ein oder zwei Becher Kaffee, um richtig wach zu werden. Oder von ihr aus auch fünf. Im Grunde genommen war ihr alles recht, was sie von diesen wirren Träumen ablenkte, die sie in der letzten Nacht gehabt hatte.
Lee war inzwischen bei ihr angekommen und sah sie skeptisch an.
„Du siehst richtig scheiße aus heute früh.“, meinte er ohne falsche Zurückhaltung.
„Danke. Das ist genau das, was ein Mädchen morgens hören will.“, gab Katie trocken zurück und setzte sich wieder in Bewegung. Ihr Blick fiel dabei auf die Mauer hinter der sich das Ende der Röhre befand, die vom Nebenraum des Gemeinschaftsraums der Slytherins hierher führte, und sie fragte sich, wie viele dieser geheimen Röhren wohl insgesamt durch Hogwarts führten, ohne dass der Großteil der Bewohner auch nur die leiseste Ahnung davon hatten. Adrian würde es ihr beantworten können, aber würde er es auch tun, wenn sie ihn fragte? Sie wußte es nicht so recht und überhaupt wollte sie heute lieber nicht an Adrian Pucey denken. Nicht nach den Träumen, die sie in der letzten Nacht gehabt hatte. Die viel zu oft ihn beinhaltet hatten und viel zu selten Oliver, mit dem sie doch eigentlich zusammen sein wollte. Oder?
Sie verbat sich diesen Gedankengang vehement. Sowas war nach einer unruhigen, auslaugenden Nacht und auf nüchternem Magen einfach nicht gesund. Deshalb zwang sie sich, Lee zu zu hören, der irgendetwas von Gemeinschaftsraum, Langeweile und Quidditchtraining vor sich hin plapperte, dass für sie absolut keinen Sinn ergab, und ging neben ihm her die große Marmortreppe zur Großen Halle hinab. Mit einem müden Seufzer ließ sie sich schließlich zwischen Alicia und Lee auf die Bank fallen und griff gleich nach der Kaffeekanne, um sich ihren Becher so voll zu schütten, wie es nur irgend ging. Danach warf sie zwei Würfelzucker hinterher, rührte den Kaffee um und trank in kleinen Schlucken, zwischen denen sie immer wieder über die pechschwarze Flüssigkeit pustete, um sie auf angenehme Trinktemperatur zu kriegen. Dass ihr Blick dabei immer wieder suchend durch die Menge zum Slytherintisch hinüber glitt, bemerkte sie erst, als Lee ihr einen nicht sonderlich sanften Klaps auf den Hinterkopf gab, bei dem sie sich beinahe an dem heißen Getränk verschluckte.
„Sag mal, geht’s noch?“, fuhr sie ihn verärgert an und wischte sich mit dem Handrücken über Mund und Kinn, um einige verirrte Kaffeetropfen los zu werden.
„Es würde gehen, wenn du nicht ständig so verklärt zu den Schlangen rübersehen würdest.“, gab Lee ebenso verärgert zurück und erntete dafür einen finsteren Blick und eine heftige Zurechtweisung von ihr.
„Ich habe dir schon mal gesagt, dass dich das hier nichts angeht, Lee. Also halte dich gefälligst raus und kümmere dich um deinen eigenen Kram, kapiert?“
„Kapiert.“, antwortete Lee, brach den finsteren Blickkontakt jedoch nicht ab. „Aber ich werde mich nicht daran halten. Wenn du nicht langsam zu Verstand kommst, werde ich Oliver stecken, was hier läuft. Vielleicht schafft er es ja, dir den Kopf wieder zurecht zu rücken.“
„Ich bin es definitiv nicht, der der Kopf zurecht gerückt gehört, Lee.“, zischte sie zurück. „Er ist es. Denn vielleicht würde er dann endlich merken, dass er drauf und dran ist, seine Freundin an einen Slytherin zu verlieren.“
„Ach, ist er das?“, spottete Lee humorlos. „Verliert er dich tatsächlich an einen Slytherin? Oder verlierst du dich eher selbst?“
„Was soll das denn jetzt heißen?“
„Dass ich so langsam glaube, dass du hier ein Spiel spielst, über das du schon längst die Kontrolle verloren hast. Ich habe zwar keine Ahnung, wie du Pucey dazu gekriegt hast, mit dir diese Eifersuchtsnummer abzuziehen, aber ich bin nicht zu ahnungslos, um nicht zu sehen, dass er dich inzwischen fast völlig unter seiner Kontrolle hat.“
„Gar nichts hat er, Lee.“, brauste Katie verärgert auf. „Wir verstehen uns einfach nur gut und er hilft mir mit Zaubertränke weiter. Das ist alles.“
„Sicher?“, fragte Lee sie und sah Katie eindringlich an, bevor er den Blick abwandte und nach einem Brötchen griff. „Ich glaube dir kein Wort, Katie. Und ich werde nicht zulassen, dass er dir weh tut. Dazu bist du mir einfach zu wichtig. Ich werde nicht zulassen, dass eine daher gelaufene Schlange mit einer meiner besten Freundinnen spielt wie mit einem hypnotisierten Kaninchen.“
Mit halb offenem Mund sah Katie Lee noch eine Weile an, doch schließlich schnaubte sie verärgert. Was ging es Lee eigentlich an, was zwischen ihr und Adrian lief. Oder zwischen ihr und Oliver? Das war ganz alleine ihre Angelegenheit und er hatte ihr nichts vorzuschreiben. Selbst wenn da etwas mit Adrian laufen sollte, was es schließlich nicht tat. Sie schnaubte noch einmal verärgert und trank einen tiefen Schluck von ihrem nun leicht abgekühlten Kaffee, als sie ihren Blick wieder schweifen ließ. Denn schließlich war es nicht verboten, sich ein wenig in der Großen Halle umzusehen. Und sollte sie dabei zufällig einen bestimmten Slytherin entdecken, wäre das schließlich purer Zufall.
***
Katie hatte sowohl Lee als auch alle anderen Gryffindors das restliche Frühstück über ignoriert. Olivers Begrüßung hatte sie nur halb mitbekommen und dann geistig wieder abgeschaltet, denn kurz nach dem flüchtigen Guten-Morgen-Kuß hatte er sich zwischen sie und Lee gequetscht und ihr lang und breit erklärt, was sie am vergangenen Abend verpaßt hatte und dass er es nicht dulden würde, dass sie beim nächsten Training wieder fehlte. Karriereträume hin oder her, aber Quidditch war nunmal auch wichtig und der Pokalsieg war in wesentlich näherer Zukunft als eine mögliche Aurorenausbildung für sie.
Erst in Zaubereigeschichte kam sie wieder einigermaßen in die Realität zurück, was an sich völlig paradox war. Immerhin war dieses Fach ansonsten das Fach, in dem man aus der Realität floh. Aber der Grund dafür war nicht das immer noch sterbenslangweilige Unterrichtsfach, sondern ein Zettel, den Cho ihr so offen zuschob, dass es in jedem anderen Fach eine bodenlose Frechheit gewesen wäre und gewaltige Konsequenzen nach sich gezogen hätte. Doch Professor Binns sah und hörte mal wieder nichts, sondern leierte wie immer ohne sich vom Verhalten seiner Schüler irritieren zu lassen, sein Wissen herunter.
Kopfschüttelnd wandte Katie den Blick von dem Geisterprofessor ab und sah auf den Zettel, der sie schlagartig wach machte.
Du magst ihn wirklich, oder?
Irritiert runzelte sie die Stirn und sah zu Cho rüber, die nur unschuldig mit den Schultern zuckte und stumm zurück sah.
Wen? Binns?
Ebenso auffällig, aber ebenso ungerührt schob sie Cho den Zettel wieder zu. Wieso sie sich nicht gleich unterhielten, wenn auch flüsternd, wie alle anderen auch, wußte sie nicht, sollte es aber gleich darauf erfahren, als Chos Antwort kam.
Nicht Binns, du Pfeife! Ich meine Adrian Pucey!!! Du scheinst ihn wirklich ernsthaft zu mögen.
Vollkommen überrumpelt sah Katie auf den Zettel und versuchte nur mit mäßigem Erfolg ihren plötzlich wie wild rasenden Herzschlag unter Kontrolle zu kriegen. Wie kam Cho denn da drauf? Eiligst schrieb sie eine Antwort und schob den Zettel wieder zurück.
So ein Quatsch!!! Wie kommst du darauf? Ich bin mit Oliver zusammen.
Mit dem du immer weniger zusammen zu sehen bist. Und wenn, dann nur streitend. Mit Adrian ist das anders. Mit dem scheinst du dich zu verstehen, wie man gestern beim Mittagessen überdeutlich sehen konnte.
Also die meisten haben das als das angesehen, was es war. Ein Streitgespräch zwischen zwei Quidditchspielern aus verfeindeten Häusern.
Also, was ich gesehen habe, waren zwei Quidditchspieler aus verfeindeten Häusern, die mehr als auffällig in aller Öffentlichkeit miteinander geflirtet haben. Du magst dir vielleicht selber was vormachen können, aber mir nicht. Und wann, bei Merlin, habt ihr zwei euch eigentlich geküßt???
Ein genervtes Stöhnen entfuhr Katie, als sie diese Antwort las. Cho hatte recht. Sie machte sich selber was vor. Und das wußte sie schließlich nicht erst seit heute. Sie wußte schon länger, dass sie dabei war, sich in Adrian zu verlieben, aber sie wollte es einfach nicht wirklich vor sich selber zugeben. Es führte schließlich zu nichts. Schließlich konnten ein Slytherin und eine Gryffindor kein Paar werden. Oder doch? Nein, das konnten sie nicht. Das würde Hogwarts in seinen Grundfesten erschüttern. Vor allem wenn es sich dabei auch noch um zwei Quidditchspieler kurz vor dem alles entscheidenden Spiel um den Pokal handelte. Und außerdem hatte sie schließlich einen Freund, was sie nicht vergessen sollte. Seinetwegen hatte sie sich schließlich überhaupt erst auf dieses Spielchen mit Adrian eingelassen.
„Ssssst“, kam es von links und als Katie rüber sah, sah sie Cho, die heftig auf einen Zettel vor sich tippte und dann zu dem Zettel von Katie rüber nickte. „Antworte gefälligst. Ich lasse da nicht locker.“
Katie seufzte nochmal und tunkte schließlich ihre Feder in ihr Tintenfaß, um doch noch zu antworten.
OK, du hast recht. Ich mag ihn. Bist du nun zufrieden? Und geküßt haben wir uns an dem Tag, als wir zusammen dieses Referat bearbeitet haben und ich danach hinter ihm her gerannt bin (was seinen Grund hatte und bevor du fragst: Nein, ich werde ihn dir nicht nennen). Aber ich bin immer noch mit Oliver zusammen!!!
Was du nicht sagst! Wundern tut mich das allerdings schon, wenn man von den Blicken ausgeht, die du den beiden immer wieder zuwirfst. Theoretisch solltest du Oliver so ansehen, wie du Adrian ansiehst, wenn du wirklich noch ernsthaft mit ihm zusammen bist. Und Adrian sollte die giftigen Blicke ernten, die du Oliver seit Wochen zuwirfst. Ich weiß zwar nicht, was da in letzter Zeit mit dir los ist (den ganzen Gerüchten traue ich nicht über den Weg), aber ich merke es, wenn eine meiner Freundinnen verwirrt ist. Und du bist definitiv völlig durch den Wind, wenn ich das mal so sagen darf. Aber erzähl mir lieber, wie der Kuß war. Wie man so hört, versteht er sich da ja verdammt gut drauf.
Was für ein Roman! Hmmm ... der Kuß? Der war ... verwirrend, um ehrlich zu sein. Er hat ihn abgebrochen bevor er richtig in Gang kam. Wahrscheinlich wollte er nur beweisen, dass er mich dazu bringen konnte. Was hältst du eigentlich von ihm?
Sorry für den Roman. Mich hat's da halt ein wenig gepackt. Was ich von ihm halte? Ich weiß nicht recht. Er sieht gut aus. Verdammt gut, um ehrlich zu sein. Und wenn man den Gerüchten trauen kann, kann er ja immerhin verdammt gut küssen, aber das kannst du ja sicher besser beurteilen als ich. Auch wenn er den Kuß abgebrochen hat. Aber ich weiß nicht recht, ob ich mich mit ihm einlassen würde. Er scheint nicht gerade ein Chorknabe zu sein und einen ziemlichen Verschleiß an Freundinnen zu haben. Oder eher, an Mädchen, die sich mal eben mit ihm irgendwo zum knutschen oder sonstwas tun hin verziehen wollen. Trotzdem habe ich so eine Ahnung, dass es mit dir was anderes ist.
Wie meinst du das?
Er läßt dich genauso wenig aus den Augen, wie du ihn. Und er hat den gleichen Blick drauf, wenn er dich sieht. Ist schwer zu beschreiben. Nicht wirklich verliebt, sondern eher ...ich weiß nicht ... besorgt. Vor allem, wenn er dich und Oliver zusammen sieht. Oliver sieht er übrigens an, als würde er ihn am liebsten völlig auseinander nehmen.
Sag mal, seit wann beobachtest du uns schon? Das kannst du doch unmöglich an nur ein oder zwei Tagen bemerkt haben.
Habe ich auch nicht. Ich beobachte das schon länger. Seitdem du diese Nachhilfestunden bei ihm hast.
Hmmm ... und was würdest du an meiner Stelle tun?
Meinst du in Bezug auf eine Entscheidung zwischen Adrian und Oliver?
Ja
Ich weiß es nicht. Ganz ehrlich, Katie, ich weiß es nicht. Ich finde Oliver nicht unbedingt beziehungstauglich, so versessen, wie er auf Quidditch ist. Deswegen würde ich mich nicht unbedingt mit ihm einlassen, auch wenn er verdammt gut aussieht. Andererseits sieht Adrian ebenso gut aus. Wenn auch auf eine ganz andere Art. Aber er ist mir einfach eine Spur zu gefährlich, zu verboten, falls du verstehst, was ich meine. Ich gehöre nicht zu dem Typ Mädchen, die auf die Bad Boys steht.
Und du meinst, ich wäre das?
So wie du dich in letzter Zeit verhältst, ja. Aber entscheiden mußt du dich letztendlich. Nicht ich. Also Katie, wen von beiden liebst du wirklich?
Wen von beiden liebst du wirklich? Diese Frage geisterte Katie noch den ganzen Tag über durch den Kopf, während sie sich durch Verwandlung, Kräuterkunde und Pflege magischer Geschöpfe quälte und sich schließlich in die Bibliothek verzog, um ihre Hausaufgaben zu erledigen und im Anschluß daran noch für den Zaubertränketest in der kommenden Woche zu lernen. Und auch in den Tagen darauf beschäftigte sie sich viel zu oft mit dieser Frage, statt dem Unterricht oder dem Quidditchtraining zu folgen, bei dem Oliver wieder voll mitmachen konnte und sie so auch wieder daran teilnahm. So langsam wurde ihr kleines Spielchen wirklich kompliziert und das gefiel ihr gar nicht. Wann hatte sie eigentlich so völlig die Kontrolle darüber verloren? Hatte sie sie überhaupt je gehabt? Sie wußte es nicht. Aber sie wußte definitiv, dass Adrian an diesem Abend im Zaubertränkekerker recht gehabt hatte. Sie mußte so langsam anfangen, ernsthaft etwas zu tun, wenn sie nicht völlig im Chaos versinken wollte.
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