Frühlingsregen - Frühlingsregen
von HolyHarpie
Der Regen prasselte. Er fiel und hörte nicht auf zu fallen. Seit Stunden schon. Seit Tagen. Trotz des Frühlings lief das Wasser die nassen Straßen entlang und sammelte sich in den immer breiter werdenden Pfützen, die den Asphalt unter sich ertränkten. Bäche wurden zu Flüssen. Teiche zu Seen. See zu Meeren. Der Himmel öffnete seine Schleusen und ungehalten tropften die Engelstränen von den Wolken, die dunkel und schwer am Firmament hingen. Der Regen spülte den Schmutz von den Wänden der Häuser, die losen Blätter vom Rasen, die Wärme aus der Luft. Der Himmel beweinte die Menschen, die achtlos an allem vorübergingen, das nicht mit Geld zu messen war. Das keinen Wert besaß. Traurig betrachtete er die zarten Kirschblüten, die zerfetzt auf dem Weg lagen, den er jedes Hogsmeade-Wochende ging. Egal, ob die Sonne schien. Egal, ob es regnete. Egal, ob es schneite. Er war immer hier, schritt langsam an den Blumen entlang und redete mit dem Wind. Manchmal bückte er sich und berührte die toten Blumen, die auf den Beeten lagen, ertrunken in ihrem Lebenssaft. In solchen Momenten fühlte er sich einsam. Wenn dann noch Zauberer an ihm vorbeihetzten, ohne ihn zu beachten, ihn anrempelten und mit Wortflüchen überschütteten, fühlte er sich noch einsamer und älter, als er eigentlich war. Dann war er in seinen Augen ein alter Greis. Dabei war er erst neunzehn.
Er hatte genau ein Foto seiner Eltern. Er konnte sich nicht daran erinnern, wer es ihm gegeben hatte oder wann es in seinen Besitz geraten war, aber er behielt es immer auf seinem Nachttisch. Manchmal saß er einfach nur auf seinem Bett und starrte darauf. Starrte darauf und versuchte sich mit jeder Faser seines Geistes an irgendetwas zu erinnern, das er mit ihnen in Verbindung bringen konnte. Er wusste, dass es unmöglich war, hoffte jedoch, dass vielleicht, nur vielleicht, eine kleine Spur einer Erinnerung in seinem Kopf erwachen und den Schmerz, der ihn schon sein ganzes junges Leben begleitete, etwas lindern würde.
Er hielt seinen Schirm über eine kleine Blume, die noch aufrecht zwischen ihren zerstörten Brüdern und Schwestern stand. Kleine Wassertropfen perlten von ihren Blättern und fielen lautlos auf die nasse Erde, um später mit dem Meer zu wandern. Er fuhr sanft mit den Fingern über ihre Blüte. Dann brach er sie. Einfach so. Ohne zu zögern. Ohne Reue. Er hatte Mitleid mit dieser kleinen Pflanze. Seine Geschwister zu sehen, wie sie tot waren, war sicher nicht schön. Die Blume musste sehr gelitten haben. Er hatte sie befreit. Er konnte nur ahnen, wie es war, wenn man eine richtige Familie besaß. Er war ein Teil von allem, gehörte jedoch nirgends richtig dazu. Irgendwie blieb er immer allein. Es gab nur eine einzige Person, mit der er sich das Wort Familie vorstellen konnte. Aber diese war seine beste Freundin. Er war einfach nur ihr bester Freund, mit dem sie sich sehr oft über viele Dinge stritt. Meistens eben über ihre Verehrer, die er nie mochte. Und das hatte meistens nichts mit den Kerlen selbst zu tun. Seit er realisiert hatte, dass seine Gefühle mehr als nur freundschaftlich waren, fühlte er sich nicht nur einsam. Er war einsam. Allein.
Ihr ganzes Leben. Ihr ganzes verdammtes Leben. Immer dasselbe. Immer und immer wieder. Sie sahen nur das Äußere, aber nicht das, was dahinter war. Es war ihnen egal. Es interessierte sie alle nicht. Niemanden. „Du bist so schön, Victoire – du bist so besonders – so atemberaubend – so glücklich.“ Aber das war nur die Erscheinung. Sie war nicht das oberflächliche liebe Mädchen, das alle in ihr sahen. Sie war beschriftet worden. Vom dem Moment an, in dem sie geboren wurde. Beschriftet. Sie lebte in solch einer voreingenommenen Welt, dass man blind sein musste, um es nicht zu sehen. Und doch schien es irgendwie so, als würde es niemand bemerken. Niemand außer ihr. Doch in dieser Welt lebte sie und spielte ihre Rolle perfekt. Sie ging mit ihnen aus, obwohl sie ihr nichts bedeuteten. Sie tat so, als hätte sie Spaß. So, als wäre dies genau das, wofür sie lebte. Doch es war nicht so. Noch nie. Und es würde auch niemals so sein. Und es gab nur eine einzige Person, die verstehen würde, warum sie so dachte.
Eingehüllt in den tiefen Regen ging sie die matschigen Straßen Hogsmeades entlang. Es war schon spät und sie verspürte aus einem unerfindlichen Grund den Drang, die Regeln zu brechen. Obwohl sie glaubte, den Grund zu kennen, wollte sie sich ihn aber nicht eingestehen. Er…Seit einer geraumen Zeit musste sie immer wieder an ihn denken, an seine eisblauen Augen, sein weiches Haar, das ständig seine Farbe wechselte und dessen Strähnen ihm immer wieder widerspenstig ins Gesicht fielen. Es war zum Haare raufen. Sie kannten sich schon seit ihrer Geburt. Waren beste Freunde. Stritten sich jedoch ständig, warfen sich gegenseitig die wüstesten Beschimpfungen an den Kopf, hielten es jedoch nie lange aus, nicht miteinander sprechen zu können. Und nun musste sie plötzlich dauernd an ihn denken. Wie jedes Hogsmeade-Wochenende seit er die Schule verlassen hatte, kam er, um sie zu treffen. Wie immer hatten sie sich an der Bank am Ende des Dorfes verabredet.
Immer noch in ihre Gedanken versunken, erreichte sie ihr Ziel. Er war noch nicht da. Langsam ließ sie sich nieder und sah zum See hinaus. Er war aufgrund der sich türmenden Wolken nur schwach beleuchtet, was ihm einen Hauch unergründlicher Magie verlieh. Entspannt lehnte sie sich zurück. Wann er wohl kam? Er war immer etwas spät.
Sie würde nie eine Chance haben, an ihn heranzukommen. Sie war für ihn wie eine kleine Schwester. Es war merkwürdig. Einerseits flogen dauernd die Fetzen, denn er wollte keinen einzigen ihrer Freunde akzeptieren. Freunde, die sie seit kurzem als Vorwand verwendete. Still malte sie sich aus, dass ihre Absicht vielleicht Erfolg zeigen würde, dass seine Eifersucht vielleicht einen bestimmten Grund haben mochte. Und wenn man es von dieser Seite betrachtete, so hatte sie wenigstens etwas von seiner Aufmerksamkeit. Erst vor ein paar Tagen, als sie ihm per heimlichem Flohanruf erzählt hatte, dass sie mit ihrem Freund Schluss gemacht hatte, war es wieder zu einem lautstarken Streit gekommen. Zu anderen war er manchmal herablassend und sah sie mit teilnahmslosem Blick an, wenn sie ihm von ihren Freunden erzählte. Bei ihr funkelten seine Augen, auch wenn es nur vor Zorn war. Wenn sie seine Aufmerksamkeit nur so bekommen konnte, musste sie sich damit abfinden. Denn wenn sie ihm sagen würde, was sie seit neustem sicher wusste, würde er sie auslachen. Ihre Freundschaft würde daran zerbrechen und dies wollte sie auf keinen Fall. Es würde sie zerstören. Warum musste sie sich gerade in ihn verlieben? Das war doch nur mit Schmerz verbunden.
Er ging weiter den Weg entlang. Trauernde Blicke für die abgeknickten Pflanzen. Sehnsüchtige Blicke für die Menschen. Nichtssagende Blicke für sich selbst. Hier und da kämpfte noch eine kleine Blume gegen die Wellen, die sie umbrachten. Einige verloren schnell den Kampf. Anderen half er. Sie sahen so hilfsbedürftig aus. Er konnte sie weinen hören. Und schreien. Also half er ihnen. Jetzt stand er dort vor dem Abhang, seinem Tor zu ihr. Das einzige, was ihm noch im Weg stand, war sein Zögern. Er zögerte immer. Doch jetzt, bemerkte er, war die Zeit des Zögerns, die Zeit vorsichtig zu sein und sich selbst zu schützen, vorbei. Heute würde er es ihr sagen. Egal, was passieren würde. Er konnte es nicht länger schlucken. Er konnte nicht länger mit diesem Gewicht auf seiner Seele leben. Er nahm einen tiefen Atemzug und überwand die Barriere hastig. Wenige Schritte noch bis zu der Bank, auf der sie immer saßen. Das lackierte Holz war nass und roch neu. Sie hatten sie weggeholt und gegen eine andere ausgetauscht. Gegen eine Neue. Alt gegen neu. So war das Leben. Als er zwischen den Bäumen hindurch sah, konnte er schon ihre nassen weißblonden Haare sehen. Sie war schon da. Wartete wie immer auf ihn. Sie war schon immer schön gewesen, sogar als schreiendes Baby. Nicht, dass er sich daran erinnern konnte, nein, er war damals ja erst knapp zwei gewesen, hatte jedoch Bilder gesehen. Sogar jetzt, als ihr Haar vom Wind verknotet war und ihr Gesicht vom kalten Aprilregen rot schimmerte, sah sie unbeschreiblich aus. Er hatte die Geschichten ihrer schalkhaften Spielereien als Kind gehört und konnte sich an einige davon sogar noch selbst erinnern. Er war Opfer vieler Streiche gewesen. Wenn er sich nur an den einen erinnerte, in dem sie ihm einen Becher Joghurt über den Kopf geschüttet hatte, während er ahnungslos auf dem Sofa gesessen und einen dicken Schinken gelesen hatte, den er sich von Hermine ausgeliehen hatte. Er mochte Bücher. Man konnte sich in sie flüchten, wenn alles um einen herum keinen Sinn mehr machte. Oftmals hatte er auch als Boxsack gedient, wenn ihre Wut explodiert war. Manchmal war er von ihr sogar manipuliert worden, um eine bestimmte Sache für sie zu vollbringen – obwohl es gar nicht nötig gewesen wäre, ihn zu manipulieren. Er hätte alles für sie getan. Er würde alles für sie tun. Und alle hatten das gewusst. Alle wussten das. Er hatte gesehen, wie die Tränen über ihr helles Gesicht gelaufen waren, als Jaden Treewney ihr das Herz gebrochen hatte. Er hatte gesehen, wie ihre Wangen rot angelaufen waren, als Eric Lowell ihr seine Liebe gestanden hatte. Er hatte gesehen, wie sie ihr Gesicht grün angemalt, sich eine extragroße Nase aufgesetzt und eine Warze gezaubert hatte, nachdem sie im Muggelfernsehen zusammen den Zauberer von Oz angesehen hatten und sie gedacht hatte, die Darstellung der Hexe sei lustig und sich dazu entschieden hatte, sich für eines der Sommerfeste in diesem Stil zu verkleiden. Sie hatte gescherzt, dass es leichter gewesen wäre, ein Kostüm zu finden, wenn sie er gewesen wäre und hatte ihm dann vorgeschlagen, sie auf die Party zu begleiten. Doch er hatte abgelehnt, da ihm der Gedanke daran, sich in einer Horde kichernder Mädchen aufzuhalten, Angst eingejagt hatte. Aber es waren nicht nur all diese Dinge. Es war mehr als das. Viel mehr. Auch wenn er dies erst viel später bemerkt hatte. Sie war seine Vic, seine unschuldige, perfekte Vic. Er wollte nicht zusehen, wie sie mit anderen Kerlen flirtete und es den bestaussehenden Männern erlaubte, sie zu küssen. Er wollte es nicht sehen. Als er das erste Mal zu dieser Überzeugung gekommen war, hatte er gedacht, dass es nur daran lag, dass sie für ihn einfach fast wie eine Schwester war und dass seine Reaktion eher auf die eines Bruders zurückzuführen war. Doch bald darauf schoss die nächste Überzeugung in seinen Kopf. Er war eifersüchtig. Er war ein grünäugiges Monster, eifersüchtig auf jeden Kerl, der sie auch nur ansah. Eifersüchtig auf jeden einzelnen Kerl, der sie küssen durfte. Er wollte derjenige sein. Er wollte mehr als der beste Freund sein. Er hatte immer zu ihr gehört, spätestens seit das kleine freche Mädchen, das sie einmal gewesen war, ihm sein größtes Geheimnis erzählt hatte. Sie hatte Angst vor der Dunkelheit. Aber sie würde nie ganz ihm gehören, egal wie viel er ihr von ihm erzählen würde. Weil er Teddy war. Der nette, zuverlässige, langweilige Teddy. Er war der Junge, der gefragt wurde: „Bist du ihr Bruder?“
Er war der beste Freund, der daneben stand und jedes Mal wortlos starb, als er sie sah. Er war nicht so aufregend wie der Rest von ihnen. Er würde nie diese Begeisterung in ihr hervorrufen können. Weil er Teddy war. Einfach nur ihr bester Freund.
Seufzend setzt er sich neben sie. Es würde eine Weile dauern, bis er sich an die neue Bank gewöhnt hatte.
Weiter in Gedanken vor sich hin fluchend, hörte sie plötzlich leise Schritte hinter sich und wusste sofort, wem diese gehörten. Sie hatten sich nicht verabredet, aber es war eine unausgesprochene Regel, sich an Hogsmeade-Wochenenden an der Bank zu treffen. Langsam drehte sie sich um und erstarrte in ihrer Bewegung. Er war nass vom Regen und hatte trübe Augen. Wissend und gleichzeitig verwirrt sah sie ihn an. Ihm ging es anscheinend auch so, denn auch er stockte in seiner Bewegung. Dies legte sich, denn er bewegte sich zielstrebig auf die Bank zu. Mit einer anmutigen Bewegung - wie ihr schien - setzte er sich neben sie und lehnte sich entspannt zurück. Eine angenehme Stille legte sich über die beiden, während sie dort saßen und auf den See blickten. Sie saßen dort ohne zu sprechen, ohne sich zu streiten, was es sonst nur äußerst selten gab. Aber sie genoss jeden Augenblick. Seine Anwesenheit, seine Wärme gab ihr Trost und sie fühlte sich irgendwie geborgen.
Nach einiger Zeit, in der sie schweigend nebeneinander gesessen hatten, wurde sie langsam unruhig. Sie stand auf und blieb am Ufer des Sees stehen. Mit etwas Angst brach sie die Stille. „Schon seltsam, wir haben uns wochenlang nicht gesehen, sitzen hier und streiten uns nicht.“
Von ihm kam nur ein gebrummtes „Hm“.
„Warum bist du trotzdem gekommen?“ fragte sie.
„Dasselbe könnte ich dich fragen“ antwortete er.
Eine Weile sagte niemand etwas, bis er plötzlich neben ihr stand. „Vic, es tut mir leid. Ich habe überreagiert.“ Er blickte nachdenklich auf den See hinaus, irgendetwas beschäftigte ihn. Sie nahm all ihren Mut zusammen und sagte: „Ich habe mit Ben nicht einfach so Schluss gemacht.“
Er schaute sie an und erwiderte: „Wieso wundert mich das nicht?“
Mit dieser Frage hatte sie nicht gerechnet.
Sollte sie ihm die Wahrheit sagen? Nachdenklich sah sie wieder auf den See hinaus und antwortete: „Keine Ahnung“ Stille. „Teddy, ich...“
„Wieso solltest du gerade mir erklären wollen, warum du mit ihm Schluss gemacht hast? Ich habe dir schon hundert Mal gesagt, dass er nicht der Richtige ist. Aber du konntest es ja nicht akzeptieren. Und jetzt streiten wir uns gleich wieder. Du musst mich dafür hassen.“
„Auch wenn wir uns ständig streiten, heißt das noch lange nicht, dass ich dich hasse.“ Sie drehte ihren Kopf und sah ihn wieder an. Er blickte sie misstrauisch und, täuschte sie sich etwa, paradoxerweise etwas hoffnungsvoll an. „Sieh mich nicht so an. Ich werde sicher nicht zur nächsten Person laufen und ausposaunen, dass du nicht unfehlbar bist.“ Beleidigt wandte sie sich wieder dem See zu. Nach einiger Zeit hörte sie ein Rascheln und sah aus dem Augenwinkel, dass er sich ans Ufer gesetzt hatte. Die Beine dicht an den Körper gezogen und den Kopf auf die Knie gebettet. In diesem Moment sah er so zerbrechlich aus, dass es ihr die Luft zuschnürte. Ein leichtes Zittern ging durch ihren Körper und eine kleine Träne bahnte sich ihren Weg ihre Wange hinunter. Sie war erschüttert, sie weinte und das vor ihm. Aus Reflex setzte er sich dicht neben sie und legte einen Arm um ihre Schulter. Er musste denken, dass sie aus Liebeskummer weinte. Das tat sie. Aber ganz sicher nicht aus Kummer über die zerbrochene Beziehung. Zu ihrer Überraschung zuckte sie nicht zusammen, sondern drängte sich noch weiter an ihn und krallte sich in seinem Mantel fest. Die Tränen liefen lautlos. Sanft strich er ihr durch die Haare und wiegte sie leicht hin und her. Nach einigen Minuten versiegten die Tränen und sie beruhigte sich langsam wieder, blieb jedoch in der gleichen Position sitzen. „Geht es wieder?“ Mit einem leichten Nicken antwortete sie ihm. „Darf ich dich was fragen?“, murmelte er.
„Sicher.“
„Hast du dich jemals einsam und hilflos gefühlt?“
Was sollte sie darauf antworten? Ihn zu lieben machte sie hilflos und zu wissen, dass er ihre Gefühle nie erwidern würde, hinterließ ein tiefes Gefühl der Einsamkeit. Er würde sie auslachen.
„Ja“, sagte sie leise. „Ohne dich, hier in Hogwarts.“
Eine weitere Äußerung blieb aus. Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, doch irgendwann stand er plötzlich ruckartig auf und richtete seine Kleider. „Ich gehe zurück nach Hause.“
Sie erschrak. „Was?! Warum?! Nein, warte. Bleib!“, antwortete sie ihm mit geschlossenen Augen. Er schien zu bleiben. Stille Minuten vergingen, bis sie irgendwann ihre Augen öffnete und zu ihm herüber sah. Er saß ebenfalls mit geschlossenen Augen da und trug ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen.
Ihre Gefühle nahmen Überhand und bevor sie richtig nachdenken konnte, rutschte sie näher zu ihm und legte ihren Kopf auf seine Schulter. Er zuckte kurz zusammen, ließ jedoch die Augen geschlossen. Erneut vergingen stille Minuten, ohne dass einer der beiden etwas sagte.
„Ich will doch nur dein Bestes, Vic. Ich will mich doch gar nicht mit dir streiten...“, flüsterte er schließlich.
„Es tut mir leid“, murmelte sie und hob ihren Kopf. „Ich...ähm...es...“
Mit ihren Augen zeichnete sie die Konturen seines Gesichtes nach. Seine braunen Augen bohrten sich in ihre blauen und die Welt schien für einige Momente stillzustehen. Ihr Herz raste und ihr Blick blieb an seinen weichen Lippen hängen. Ob sie wirklich so weich waren, wie sie aussahen? Sie konnte dem Drang nicht widerstehen und beugte sich langsam zu ihm herüber. Sein Atem strich leicht über ihre Lippen, bevor sich ihr Verstand komplett ausschaltete. Sanft legte sie ihre Lippen auf die seinen und küsste ihn hauchzart. Ihn ihr explodierte ein Feuerwerk und sie wünschte sich, dass jener Augenblick ewig anhalten würde. Als sie jedoch seine Hand an ihrem Arm spürte, kehrte ihr Verstand schlagartig zurück.
„Oh, mein Gott“ sagte sie leise und rutschte von ihm weg. „Ich...tut mir leid...ich...“
Oh je, was dachte er jetzt von ihr? Sie traute sich nicht, ihn anzusehen und hatte Angst, er würde jeden Moment wortlos aufstehen und gehen. Doch nichts dergleichen geschah. Langsam drehte sie ihren Kopf zu ihm und sah ihn peinlich berührt an. Mit immer noch geschlossenen Augen hob er seinen Kopf und fragte leise: „Wieso hörst du auf?“ Ihr Herz schien einen Schlag auszulassen und sie starrte ihn verwundert an. Hatte sie eben richtig gehört?
Sie betrachtete ihn genauer. Er lächelte leicht und um seine Nase hatte sich ein leichter Rotschimmer gelegt. Seine Augen funkelten und er schien angespannter als zuvor.
Sollte sie es wagen, dass er ihr das Herz brach? Ihr Verstand sagte nein, er war schließlich ihr bester Freund. Doch ihr Herz schrie.
„Es tut mir leid“, sagten sie beide gleichzeitig.
Er lächelte verlegen. „Was tut dir leid?“
„Alles“, seufzte sie und sah auf den Horizont. „Ich habe nur gedacht, dass...vielleicht...“
Doch ihre Worte starben unter seinen Lippen. „Aber ich dachte...“
„Wenn du gedacht hast, dass ich nicht total verrückt nach dir bin“, flüsterte er. „dann hast du wirklich den Verstand verloren.“
„Aber-“
„Ich habe über zwei Jahre damit verbracht, mich auf all die Dinge zu konzentrieren, die schief gehen könnten, wenn ich dir gesagt hätte, was du mir bedeutest. Es gab immer einen dummen Grund, der mich davon abgehalten hat.“ Er atmete erneut tief ein. „Wenn ich dich lächeln sehe, dann glaube ich, dass es für mich auf dieser Welt wirklich etwas gibt.“
„Red keinen Unsinn.“ Sie schüttelte ihren Kopf und sah auf ihre Hände. „Als ob ich-“
„Es ist wahr“, bestätigte er. „Manchmal denke ich-“
„Nicht“, unterbrach sie ihn. Ihre Augen waren gewachsen, als er seinen letzten Satz begonnen hatte. Sie war sich sicher, dass sie nicht hören wollte, was er zu sagen hatte. „Du hast jeden Grund zu leben. Du hast eine Familie, die -“
„Welche Familie?“, fragte er. „Ich habe Oma, die mich manchmal nicht einmal ansehen kann. Harry, der mich immer in seinem Haus willkommen heißt, der aber nie wirklich mein Vater sein wird. Ich hatte Eltern, aber was habe ich noch von ihnen? Grabsteine und Geschichten und nicht einmal die kleinste Erinnerung. Ich habe nichts.“
Victoire hatte Tränen in ihren Augen, als sie zu ihm aufsah und versuchte, laut und deutlich zu sprechen. „Glaubst du etwa, du bist der einzige, der jemals jemanden verloren hat? Du hast deine Eltern verloren, ja. Und das ist schrecklich und tragisch. Aber du bist nicht alleine. Es gibt viele Leute, die im Krieg jemanden verloren haben und sie haben nicht aufgegeben. Sie haben einen Weg gefunden, um die Stücke wieder zusammenzusetzen und weiterzumachen.“
„Was weißt du davon, jemanden zu verlieren?“, fragte er anklagend.
„Nichts“, murmelte sie. „Also bitte, ich flehe dich an, bring mich nicht in die Situation, in der ich jemanden verlieren muss.“
Er stockte bei dieser Aussage, bevor er mit unverfälschter Emotion in seiner Stimme weitersprach. „Victoire...“
„Du hast jeden Grund zu Leben“, wiederholte sie. „Du hast eine Familie, Blut oder nicht, sie lieben dich. Harry und Ginny würden alles für dich tun. James, Al und Lily, sogar Rose und Hugo sehen dich als Vorbild. Und ich...ich...du...ich meine...“ Sie schüttelte ihren Kopf und wischte sich die Tränen aus den Augen. Schweigend sog sie die Stille in sich auf und ignorierte die Art und Weise, wie seine Augen sie gespannt durchbohrten. Sie atmete tief ein und versuchte es erneut. „Du warst immer der einzige, der es gesehen hat.“
„Was gesehen hat?“
„Mich“, flüsterte sie beinahe unhörbar. „Die richtige Victoire.“
Er seufzte leise, sah ihr tief in die Augen und kroch langsam zu ihr herüber. Etwas unsicher sah sie ihn an. Langsam hob sie ihren Kopf und ihre Augen verbanden sich einen Moment miteinander, bevor sie erneut seine warmen Lippen küsste. Ein gehauchtes Seufzen kam von ihm, als sie ihre Arme um seinen Hals legte und er sie näher zu sich zog. Er zitterte am ganzen Körper und auch ihr Körper fröstelte durch das überwältigende Gefühl, das seine Nähe auslöste. Leicht drückte er sie noch näher an sich, strich über ihren Rücken und hinterließ eine Gänsehaut. Ihr wurde kalt und dann heiß und sie hatte das Gefühl, dass pures Feuer durch ihre Adern floss. Plötzlich unterbrach er den Kuss und sie öffnete die Augen. Er sah sie einfach nur an. Und was sie in seinen Augen sah, ließ sie tausend Tode sterben. Es lag etwas anderes als die Freundschaft, die sie ihr ganzes Leben lang in seinem Blick gesehen hatte, darin. Zuneigung. Liebe. Und es war so ungewohnt, so fremd, dass sie Angst hatte, dass dies nur an diesem Abend so sein würde. Unbemerkt stahl sich eine Träne aus ihren Augen und lief ihre Wange hinunter. Sie hatte es nicht bemerkt und zuckte kurz zusammen. Seine Hand kam ihrem Gesicht näher und wischte die Träne fort, bevor er leise flüsterte: „Nicht weinen, Vic.“ Und dann küsste er sie wieder. Wenige Minuten später saßen sie dicht beieinander am Ufer des Sees und starrten auf das Wasser, in dem der laue Wind leichte Kreise zog. Liebevoll strich er ihr ein paar Strähnen aus dem Gesicht und sie konnte immer noch nicht glauben, dass dieser Tag eine solche Wendung genommen hatte. Sie hatte Angst. Angst ihn zu verlieren, denn sie wusste, dass nun nicht mehr so sein würde wie früher. Und sie wusste, dass sie nicht ohne ihn leben konnte.
„Du weißt gar nicht, wie lange ich mir das schon gewünscht habe“, murmelte sie leise und ließ ihren Blick abwesend über den Horizont schweifen. Er seufzte kaum hörbar, bevor sich ein leichtes Lächeln auf seinem Gesicht abzeichnete. „Und ich erst.“
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Samstag, 01.07.
Freitag, 02.06.
Mittwoch, 24.05.
Jo Rowling verlangte nicht von mir, den Roman buchstabengetreu umzusetzen, sondern eher dem Geist der Bücher gerecht zu werden.
Alfonso Cuarón