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Fanfiction

Am Rande der Nacht - Am Rande der Nacht

von selinabln


"It's the terror of knowing
What this world is about

...

Insanity laughs
...

And love dares you to care for
The people on the edge of the night"

(Queen – Under Pressure)



*****



Das uralte Holz der Treppe knarrte leise unter ihren Füßen. Hermine nahm jede Stufe langsam und vorsichtig, um nicht doch noch Gefahr zu laufen das Portrait von Mrs. Black aufzuwecken. Sie wollte nicht riskieren, dass ihre eigene Schlaflosigkeit die Nachtruhe der anderen, friedlich schlummernden Bewohner von Grimmauldplatz stören würde. Schon gar nicht am Weihnachtsmorgen.

Sie selbst war gegen zwei Uhr aus dem Schlaf aufgeschreckt als wieder einmal im Traum die fratzenhaft-vermummte Gestalt eines Todessers mit schwarzen Klauen versucht hatte nach ihr zu greifen – nach ihr, dem Schlammblut.

Hermine zuckte bei der Erinnerung erneut zusammen.

Wenn der Orden versagt, dann holen sie mich; dann holen sie uns alle.

Diese Erkenntnis wurde immer stärker in ihrem Herzen, mit jedem Tag der verging seit Harry Du-weisst-schon-wen hatte zurückkommen sehen; und jede Nacht wurden die Albträume deutlicher, eindringlicher. Schlaf verlor den letzten, süßen Trost Stück für Stück.

Heute Nacht, nach einer scheinbaren Ewigkeit des sinnlosen Herumwälzens in ihren Kissen, unfähig ihren Weg zurück in einen friedlicheren Schlummer zu finden, hatte Hermine entschieden aufzustehen, fest entschlossen es sich mit einem heißen Kakao und einem wohlbekannten Kapitel aus Hogwarts. Eine Geschichte. in der Küche bequem zu machen.

Und nun wanderte sie durch das Halbdunkel des Hauptquartiers und versuchte mit aller Macht die seltsamen Schatten zu ignorieren, die das fahle Mondlicht an die Wände malte.

Eine Kerze anzuzünden, deren Schein die seltsamen Schattengestalten und ihr Unbehangen im Nu vertrieben hätte, lag aber außerhalb des Möglichen, da sie Kreachers Aufmerksamkeit nicht auf sich ziehen wollte.

Aber als Hermine das Ende der Treppe erreichte und leise durch den Flur zur Küche schlich, sah sie bereits das Licht, das durch den unteren Spalt der Küchentür schien. Das Haus am Grimmauldplatz war offenbar doch nicht so friedlich in Schlaf versunken wie sie angenommen hatte. Wer wohl um diese Zeit noch durch das Hauptquartier geisterte? Lautlos setzte sie ihren Weg fort, doch plötzlich war sie sich ihres verräterisch-ängstlich klopfenden Herzens nur allzu bewusst.

Die Küchentür war lediglich angelehnt. Hermine legte ihre rechte Hand vorsichtig auf das kühle Holz und schob sie langsam auf. Doch als einen Moment später der Raum vollends in Blick kam, sog sie erschrocken Luft ein.

Keine zwei Meter von ihr entfernt saß die dunkle Gestalt ihres Zaubertränkelehrers auf einem Stuhl. Sein Oberkörper war nach vorn über den Küchentisch gebeugt und sein Kopf ruhte auf seinem ausgestreckten rechten Arm, während sein linker angewinkelt auf der Tischplatte lag. Sein Gesicht war von dichten, schwarzen Haarsträhnen verdeckt, nur der Klang seiner schweren Atemzüge erfüllte den Raum. Severus Snape war ganz offensichtlich am Küchentisch eingeschlafen.

Seltsam.

Hermine biss nachdenklich auf ihre Unterlippe und näherte sich mit ein paar Schritten der schlafenden Gestalt. Was machte er nur hier um diese Uhrzeit?

Ihr Blick wanderte suchend über die Szenerie vor ihr. Es musste doch Hinweise geben warum dieser normalerweise so distanzierte und auf seine Privatsphäre bedachte Mann an diesem für jedermann zugänglichen Ort eingeschlafen war, an dem er sich sonst nur mit sichtbarem Widerwillen aufhielt.

Professor Snape musste vollkommen erschöpft gewesen sein...

Oh.

Wie ein kleiner, schmerzhafter Knoten zog eine plötzliche Erkenntnis Hermines Magengrube zusammen als ihr Blick auf den schweren, schwarzen Umhang und die Todessermaske fiel, die neben ihm auf dem Stuhl lagen. Er war bei Du-weisst-schon-wer gewesen. Er hatte das getragen. Er war einer von ihnen gewesen.

Ein Schauder lief Hermines Rücken hinab, und sie griff Halt suchend nach der Stuhllehne als mit einem Mal alle Luft in ihren Lungen wie verschwunden zu sein schien.

Denk’ nach, Granger. Denk’ nach.

Sie zwang sich die Augen zu schließen, um die Panik, die wild in ihren Adern pochte unter Kontrolle zu bringen.

Du weißt, dass Professor Snape auf Befehl des Schulleiters zurück zu den Todessern gegangen ist.

Er ist Dumbledores Mann

Dumbledores Mann.


Ihr Verstand wiederholte die Worte wieder und wieder und langsam beruhigte sich ihr Herzschlag, aber dennoch schien es ihr wie eine Ewigkeit bevor sie sich bereit fühlte, sich erneut dem Anblick ihres schlafenden Professors wie zu stellen.

Als sie die Augen wieder öffnete, stand Hermione immer noch neben ihm, ihre Hand weiterhin fest die Stuhllehne umklammernd.

Jedoch auch die dunkle Gestalt des Zaubertränkemeisters hatte sich immer noch keinen Zentimeter bewegt, und, wie ein unerwarteter Eishauch, breitet sich ein anderes, bedrohliches Gefühl in Hermines Magengrube aus: Vorahnung.

Etwas fühlt sich seltsam an dieser ganzen Situation an. Es war befremdlich ihren wachsamen Professor so fest schlafend in der Küche seines ältesten Widersachers aus Kindheitstagen vorzufinden. Das Hauptquartier insgesamt war ein Ort den Professor Snape unverhohlen verabscheute.

Hermione biss nachdenklich auf ihre Unterlippe und ließ ihren Blick abermals über den reglosen Mann vor ihr streifen. Es dauerte nur Sekunden bis sie ihren Irrtum erkannte und lautlos aufkeuchte.

Oh, bitte nein...

Wie konnte sie das nur auf den ersten Blick nicht erkannt haben? Die ganze Gestalt ihres Professors schien leicht zu beben, seine Hände waren in Fäuste geballt als ob er selbst in seinem bewusstlosen Zustand Schmerzen empfand; und seine schwarzen Haare klebten an der bleichen, nass-glänzenden Haut seines Gesichts. Jemand musste ihn einem Cruciatus-Fluch ausgesetzt haben.

Hermine hatte noch nie zuvor die Symptome der Nachwirkung einer Fluchfolter mit eigenen Augen gesehen, aber sie kannte sie aus ihren Büchern nur allzu gut. Sie hatte die Aufzählung bereits dutzende Mal gelesen, hatte jedes einzelne Wort verinnerlicht, für den Fall, dass sie einmal Harry oder Ron nach einem Cruciatus-Fluch helfen musste.

Erschöpfung.

Anhaltende Muskelschmerzen.

Fieber und Schüttelfrost.

Halluzinationen.


Aber wie hätten sie diese Worte, dieses abstrakte, theoretische Wissen jemals auf den Anblick ihres bewusstlosen Professors vorbereiten können?

Sie schluckte. War das der normale Zustand in dem er nach einem Todesser-Treffen zurückkehrte? Und warum war er nicht bei Madam Pomfrey? Er musste doch gewusst haben, was er erleiden würde, nachdem er einem Cruciatus-Fluch ausgesetzt worden war. Er brauchte dringend medizinische Hilfe. Jedoch hatte er sich offensichtlich dafür entschieden nach Grimmauldplatz zu kommen. Warum?

Oh, nutz’ Deinen Verstand, Granger.


Natürlich. Es war Weihnachten. Madam Pomfrey blieb nie in Hogwarts während der Winterferien, und vielleicht war die Entfernung, die Professor Snape zurück zum Schloss hatte zurücklegen müssen, zu weit zum Apparieren gewesen – oder er zu schwach. Aber der Schulleiter...

„Kalt. So kalt.“ Ein heiseres, elend klingendes Flüstern unterbrach Hermines Gedankengang. Der Zauberer vor ihr zuckte im Schlaf zusammen. Nein, das war kein bloßes Zusammenzucken – der Mann zitterte am ganzen Körper.

Schüttelfrost.


Ihr Verstand zog mehr beiläufig die Verbindung zu dem erlernten Wissen. Viel zu stark und bestimmend war Hermines Instinkt, etwas tun zu müssen, um ihrem Professor zu helfen.

Wärme. Er brauchte Wärme.

Ohne zu zögern, griff sie nach dem schweren Todesser-Umhang, der neben ihm auf dem Stuhl ausgebreitet war und legt ihn vorsichtig über Professor Snapes Schultern. Es war nicht die beste Lösung, aber für den Moment musste sie ausreichen. Sie konnte nicht riskieren ihn aufzuwecken. Professor Snape würde es niemals erlauben, dass ihn jemand in einem solchen Moment der Schwäche sah – und auf gar keinen Fall eine neunmalkluge Gryffindor-Schülerin.

Jedoch der Mann, der da bewusstlos und zitternd vor ihr über den Tisch gebeugt lag, sah dem strengen Zaubertränkeprofessor so unähnlich, den sie kannte.

Er sieht beinahe verletzlich aus...

Die Beobachtung hatte sich kaum in Hermine’s Kopf zu einem Gedanken geformt als, beinahe wie von selbst, ihre Hand sich ausstreckte und sie eine dichte Haarsträhne sanft aus dem fiebrigen Gesicht ihres Professors strich.

Für einen kurzen Augenblick, berührten ihre Fingerspitzen ungewollt seine Haut, und sofort sah sie wie sich der Rücken und die Glieder des Zaubertränkemeisters anspannten, und nur einen Moment später setzte er sich auf und fiebrige, schwarze Augen fanden die ihren.

Professor Snape war wach.

Mist.


Hermine sah mit Entsetzen wie sich der Blick ihres Professors langsam verfinsterte, und eine unsichtbare Hand schien auf einmal ihre Kehle zuzudrücken. Sie schnappte nach Luft während sie innerlich versuchte sich für den Zornesausbruch des Zaubertränkemeisters zu wappnen, aber seine Reaktion traf sie härter als es jeder Klatscher gekonnt hätte.

„Lily?“

Ein Wort. Eine Frage, so zärtlich und mit soviel Hoffnung in der Stimme ausgesprochen, dass sich ihr Herz schmerzhaft zusammenzog.

Lily?

Oh.


Hermine konnte später nicht mehr sagen wie oder weshalb, aber in diesem Moment, führte sie dieses eine Wort, dieser Name, zu drei verschiedenen Erkenntnissen gleichzeitig, die über sie hereinbrachen wie ein Sturzbach.

Halluzination.

Harrys Mutter.

Er denkt ich sei Lily.


Aus einem hilflosen Impuls heraus umfasste Hermine mit ihrer rechten Hand das linke Handgelenk des Zaubertränkemeisters, das noch immer auf dem Tisch ruhte, und drückte es sanft.

Sie konnte fühlen wie unter ihrer Berührung die Anspannung aus seinem Körper wich, aber seinen Blick wandte er niemals von dem ihrem ab.

„Lily?“ fragte er noch einmal. Es klang mehr wie ein Flehen als eine Frage.

Was sollte sie nur tun? Hermine schluckte und lächelte ihn zaghaft an.

„Ich bin hier, Pr... Severus. Aber gleich muss ich gehen um Professor Dumbledore über deine Rückkehr zu informieren... und darüber dass du verletzt bist.“

Sie hoffte, dass ihm das Zittern in ihrer Stimme entgangen war. Sie hatte seinen Vornamen kaum über ihre Lippen gebracht.

„Verlass’ mich nicht“, forderte er mit leiser Stimme, und es schien als wenn sich ein dunkler Schatten über sein Gesicht gelegt hätte als seine langen, feingliedrigen Finger die ihren umschlossen.

Behutsam löste er ihren Griff um sein Handgelenk und führte ihre Finger zu seinem Gesicht und drückte ihre Hand zärtlich gegen seine Wange.

Hermine schloss für einen Moment die Augen. Seine Haut fühlte sich durch das Fieber heiß und verschwitz unter ihrer Handfläche an, aber seine Berührung war sanft und so voll von Sehnsucht, dass etwas in ihrem Herzen für einen Moment lang still zu stehen schien.

„Ich werde Dich nicht verlassen. Alles ist gut.“

Die Lüge brannte kalt und bitter auf ihrer Zunge. Nichts war gut.

Lily Potter würde nicht zurückkommen, nicht zu Professor Snape und nicht zu Harry. Hermine löste vorsichtig ihre Hand aus der seinen, und als sie spürte wie er beinahe schüchtern versuchte sie daran zu hindern, trübte sich ihr Blick unaufhaltsam mit Tränen.

Das hier war alles nicht richtig. Sie war nicht die für die er sie hielt. Sie durfte nicht bleiben.

„Ich muss jetzt gehen um Professor Dumbledore zu informieren. Du brauchst Hilfe, Severus“, sagte sie entschlossen.

„Aber du kommst zurück?“ Fiebrig-schwarze Augen hielten die ihren gefangen, und sie ließen keinen Zweifel an dem unausgesprochenen „zu mir“ in seiner Frage.

Der Abgrund aus lautlosem Schmerz, der in diesem dunklen Blick schimmerte war ihr Verhängnis. Hermine wusste, dass es verrückt war, und dass auch ein wohlgemeinter Schwindel niemals die schonungslose Wahrheit verändern würde. Er war ihr Lehrer, und er sehnte sich danach diese Worte von einer anderen zu hören, aber alles was sie in diesem Moment wollte, war das kleine bisschen von seinem Schmerz zu lindern, dass in ihrer Macht lag.

Er würde sich im Nachhinein nur an Lily erinnern. Er würde niemals wissen, dass sie es gewesen ist.

Schnell und bevor sie ihr Mut verlassen konnte, lehnte sich zum ihm herab und drückte einen Kuss sanft auf seine Stirn, die Berührung ihres Mundes nicht mehr als ein Hauch.

„Wann immer du mich brauchst.“

Ein Flüstern. Ein Versprechen, besiegelt auf seiner Haut, das ihre Lippen immer noch schmerzhaft kribbeln ließ als sie sich von ihm abwandte.

Sie ließ ihm keine Möglichkeit mehr ihr zu antworten. Sie hastete aus der Küche ohne sich nochmals umzudrehen, auch wenn ihre Beine sie kaum auf dem Weg trugen. Selbst als sie den Schulleiter anflohte, um ihn über die Situation zu informieren, waren ihre Gedanken noch wie vernebelt. Sie war sich auch nicht der Tränen bewusst, die lautlos ihre Wangen herunter liefen, als sie sich bei Professor Dumbledore entschuldigte, zu müde zu sein, um seine Ankunft im Hauptquartier abzuwarten.

Sie wusste nur eine Sache ganz sicher als sie in dieser Nacht ihr Gesicht endlich in ihrem Kissen vergrub: Sie wollte ihr Versprechen halten.

Irgendwie.


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