
von safranblüte
Als sie wieder ins bewusste Leben zurückglitt, hielt Hermine ihre Augen zunächst geschlossen.
Ich sehe dich nicht, also siehst du mich auch nicht.
Sie fühlte das weiche Laken unter sich, und ihre Hände krallten sich langsam im seidenen Stoff fest.
Tief atmete sie ein, aus, öffnete ihre Augen. Sie war wieder angezogen.
Mit der rechten Hand fuhr sie langsam über den Stoff ihres Tops. Auch er war seidenweich.
Eine Träne schlich sich in Hermines Augenwinkel. Wäre sie nur zu Hause.
Hätte sie nur ein Zuhause.
Voldemort hatte nicht unrecht gehabt. Hermine war zur Zeit nicht weniger einsam als er. Ihre Freunde waren tot, ihre Eltern ausser Landes geflüchtet. Sie hatte niemanden mehr, keinen Ort mehr, an den sie sich zurückziehen konnte.
Diese Gedanken kreisten in Hermines Kopf umher, während sie so dalag, die Hand noch immer auf ihrem Bauch liegen.
"Eigentlich,", dachte sie, "sollte ich ihn einfach machen lassen. Irgendwann wird er mit mir fertig sein, und dann hört das alles endlich auf. Und das hier ist vielleicht nicht unbedingt schlimmer als auf den von Todessern eingenommenen Strassen Londons umherzuirren, als Vogelfreie, mit einer Zielscheibe auf den Kopf gemalt."
Die Todesser würden wohl kaum netter zu ihr sein als Voldemort. Allen voran Lucius Malfoy.
Sie schauderte, als sie an den blonden Widerling dachte.
Genau in diesem Moment flog die schwere Zimmertür auf, und Voldemort kam herein.
Zuerst wollte Hermine sich aufrichten, doch dann beschloss sie, gleich liegen zu bleiben.
So würde sie wenigstens nicht nochmal auf das Bett geworfen werden.
Die Matratze gab unter dem Gewicht des dunklen Lords nach, als er sich auf das Bett setzte.
Er sah sie nicht an.
"Wie lange bist du schon wach?"
Sie blickte an die Decke und überlegte. Eigentlich hatte sie keine Ahnung, wie lange sie schon so dagelegen und sinniert hatte.
"Nicht lange."
Sie glaubte, ihn seufzen zu hören, aber sicher war sie sich nicht.
"Ich hoffe, du hast gelernt, dass du dich nicht mit mir anlegen solltest."
Sie schwieg.
"Worüber denkst du nach?"
Jetzt verzog sie das Gesicht zu einer verbitterten Grimasse.
"Wieso siehst du es dir nicht einfach an? Dring doch einfach in meinen Kopf ein, nimm dir meine Gedanken, genauso wie du mir meinen Körper nimmst, mein Leben, meine Seele. Na los, worauf wartest du?"
Sie wusste selber nicht, wieso sie ihm das gesagt hatte. Es war beinahe ein Schwächegeständnis, eine Kapitulation. Doch es machte sowieso keinen Unterschied.
Er drehte sich um, beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie leicht auf die Lippen.
Die Berührung war so flüchtig, dass Hermine sie fast nicht bewusst wahrnahm.
Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt, und sie sah, dass seine Augen rot schimmerten.
Er mochte wieder ein menschliches Gesicht haben, doch noch immer war er nicht menschlich.
"Dumbledore sagte, ich wüsste nicht, was Liebe ist. Vielleicht stimmt das. Aber dafür bist jetzt du da, nicht wahr?"
Entgeistert sah sie ihn an.
Was meinte er damit?
"Wie fühlt es sich an?"
"Was?"
"Wenn man jemandem liebt, wie merkt man das?"
Hermine kaute auf ihrer Unterlippe herum.
Schwere Frage.
Natürlich hatte sie Leute gehabt, die sie gern hatte.
Ihre Eltern, ihre Freunde, die Weaslys. Und noch einige andere.
Doch so richtig verliebt war sie nie gewesen. Viktor Krum hatte sie nett gefunden, doch hauptsächlich hatte sie sich darum mit ihm eingelassen, weil sie ein paar von den Dingen selber erfahren wollte, von denen Lavender und Parvati andauernd sprachen.
Ron..Ron war eine Nummer für sich.
Sie hatte immer versucht, ihn zu lieben, doch so sehr sie es wollte, es ging nicht so richtig. Es war schön gewesen, in dieser harten Zeit jemanden an seiner Seite zu wissen.
Doch Liebe war es nicht.
Sie beschloss, ihr angelesenes Wissen zu verwenden.
Langsam legte sie sich ihre Hand wieder auf den Bauch, genau unter den Bauchnabel, genau dort hatte sie auch vorhin gelegen.
Voldemort Körper war ihr sehr nah, sie musste vorsichtig sein, um ihn nicht zu berühren.
"Hier spürst du es zuerst. In deinem Bauch. Man sagt, es sei wie wenn Schmetterlinge darin herumflögen.", flüsterte sie.
Er senkte den Blick hinunter zu ihrem Bauch.
"Schmetterlinge, ja? Was für ein Unsinn."
Als er ihr wieder in die Augen sah, war ein schiefes Grinsen auf seinem Gesicht erschienen.
Noch einmal legte er seine Lippen auf ihre, dann stand er auf und sagte:
"Geh ins Esszimmer, Dizzy wartet dort auf dich."
Wieder verschwand er in einer Geschwindigkeit aus dem Zimmer, die sie fast ans Apparieren erinnerte.
Hermine wollte zuerst nicht aufstehen, doch dann erinnerte sie ihr Magen mit einem lauten Knurren daran, dass sie ihn vernachlässigte.
Draussen war es dunkel, sie hatte wahrscheinlich den ganzen Tag geschlafen.
Und doch fühlte sie schon wieder, wie eine bleierne Müdigkeit ihre Lider nach unten zu drücken begann.
"Mistkerl.", dachte sie wütend.
Sein Crucio hatte sie völlig fertiggemacht.
Wer weiss, was er noch mit ihr anstellte, ohne dass sie es bemerkte? Ein Legilimentiker seines Ranges..er konnte alles tun, und sie würde nicht den Hauch einer Ahnung davon haben.
Sobald sie das Esszimmer betrat, kam Dizzy ihr entgegengeeilt.
"Was wünscht Miss?"
"Ähm..äh..was Warmes?"
Dizzy nickte, dann verschwand er.
Als er Sekundenbruchteile später wieder auftauchte, hielt er einen Teller voll Lasagne in den Händen.
Hermine sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
Lasagne war ihr Lieblingsessen.
Naja, bestimmt ein Zufall...
"Sie mögen Lasagne so gern, ist das gut? Oder soll ich etwas anderes machen??
Kein Problem Miss, kein Problem.."
Jetzt war Hermine komplett verwirrt.
"Nö, ist gut so, danke.", sagte sie, dann machte es "Plopp" und Dizzy war wieder weg.
Sie mochte den Elf irgendwie, auch wenn sie ihn ein bisschen komisch fand.
Er tat ihr Leid. Bestimmt hatte er ein furchtbares Leben, als Voldemorts Diener...
Sie begann, die Lasagne zu essen, doch trotz ihres Hungers ass sie nicht viel.
Immer wieder tauchte Voldemort in ihrem Gedanken auf, sie zerbrach sich den Kopf über sein seltsames, unberechenbares Verhalten.
Und ausserdem hatte sie Angst. So sehr, wie noch nie zuvor.
Er hatte irgendetwas mit ihr vor, dass wusste sie genau. Wenn dem nicht so wäre, hätte er sie nicht so lange am Leben gelassen, und sie dann auch noch in seinen Gemächern einquartiert und ihr zu Essen gegeben, und so weiter..
Wenn er nur Sex gewollt hätte, hätte er sie einfach in den Kerker geworfen, so lange vergewaltigt, bis er genug gehabt hätte und sie dann getötet.
Nach einer geschätzten Viertelstunde tauchte Dizzy wieder auf und besah sich besorgt ihren Teller.
"Miss isst nicht gut."
"Es war sehr gut, Dizzy, wirklich, das hast du toll gemacht. Aber ich mag einfach nicht so recht."
Man sah dem Elf an, dass er sich über ihr Lob freute, doch er sah noch immer besorgt aus. Und nicht weniger ängstlich als sie.
"Miss kann nicht mehr essen? Bitte."
Misstrauisch fragte sie: "Wieso?"
Jetzt begann der Elf, seine Hände zu ringen und sie sah, dass er kurz davor war, in Tränen auszubrechen.
"Der Herr hat gesagt, Dizzy soll dafür sorgen, dass Miss isst. Der Herr wird sehr wütend sein, weil Dizzy seine Aufgabe schlecht macht."
So etwas hatte sie nicht erwartet. Vollkommen überrumpelt sah sie von Dizzy zu ihrem Teller und dann wieder zurück, und meinte:
"Hat er gesagt, wieso ich essen soll?"
Dizzy schüttelte hastig den Kopf.
"Nein, Miss, nein, nur dass sie essen sollen, hat er gesagt."
Hermine nickte, dann drehte sie sich um und verschlang schnell den Rest der Lasagne.
Das Mitleid für den kleinen Elf und ihre immer stärker werdende, angsteinflössende Vorahnung liessen das Essen zwar wie Karton schmecken, aber troztdem schaffte sie es, den Teller zu leeren.
Sie überreichte ihn Dizzy.
"So, siehst du, alles in Ordnung. Dein Herr wird stolz auf dich sein."
Dizzy lächelte traurig, sagte "Danke, Miss" und verschwand.
"So, er will also dass ich esse.", dachte Hermine.
Das konnte nur einen Grund haben.
Er wollte, dass sie am Leben blieb. Stark genug war, um einiges zu überstehen.
Inzwischen fiel gar kein Licht mehr durch die grossen Fenster.
Die nächste Nacht war angebrochen, und Hermine betete, sie möge so schnell wie möglich vorübergehen.
TBC
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