
von Dr. S
Scorpius war nie in seinem ganzen Leben froher gewesen Dominique Weasley zu sehen, die einzige Person auf der ganzen Welt, die freundlich zu ihm gewesen war in seiner Schulzeit. Sie als Freunde zu bezeichnen wäre übertrieben gewesen, aber die zwei Jahre ältere Ex-Gryffindor hatte schon in Scorpius‘ erstem Jahr gewusst, wann sie auftauchen musste, um einen Stapel Bücher davon abzuhalten ihm auf den Kopf zu fallen – zufälligerweise war James immer in der Nähe gewesen…
Dominique war ein hübsches Mädchen, dessen kupfernglänzende Haare schon von Weitem keinen Zweifel zuließen, dass sie da am Empfang stand, allerdings fehlte ihr der schimmernde Veela-Charme, der ihre Geschwister so unwiderstehlich machte so ziemlich, was aber wohl ihre freundliche Natur geprägt hatte. Weshalb es ziemlich vorhersehbar gewesen war, dass sie Scorpius in den Arm nehmen würde, nachdem sie ihn entdeckt hatte.
„Mensch, Scorpius… Was macht dein Vater denn für Sachen?“ Dominique umfasste sein Gesicht, drückte einen Kuss auf die linke und einen auf die rechte Wange. Hinter sich konnte Scorpius James grummeln hören, aber inzwischen sollte er keinen Grund haben auf Dominique eifersüchtig zu sein. Scorpius hatte sich natürlich jahrelang aus James‘ Mund anhören müssen, mit wem er auf dem Baum saß und knutschte, aber da war er nur froh drüber gewesen, dass niemand gemerkt hatte, dass er immer schon bis über beide Ohren in James verknallt war.
„Was machst du hier?“, fragte Teddy verdattert, der James zur Seite schob und von Scorpius zu Dominique und zurück schaute.
„Onkel Harry hat mir eine Eule geschickt. Wegen meinem Vater“, erklärte Dominique, ließ Scorpius los und lächelte James an, der sofort Scorpius‘ Hand griff. Leider drückte er sie so fest, dass Scorpius fast gewimmert hatte, aber da er ohnehin ununterbrochen schniefte bemerkte niemand den Unterschied.
„Dein Vater?“ Teddy schüttelte verwirrt den Kopf. „Ich dachte, es ginge um Drake. Hat Harry sich geirrt?“ Der Funken Hoffnung, der in Scorpius aufkeimte, wurde sofort wieder plattgewalzt, als Dominique den Kopf schüttelte.
„Ich bin auch grad erst gekommen“, sagte sie, als würde das alles erklären, aber im Grunde brachte es gar nichts und genauso sah Teddy auch aus, als er abwehrend die Arme vor der Brust verschränkte. „Onkel Harry war eben noch hier, aber er musste irgendein Formular ausfüllen. Er ist bestimmt gleich wieder da.“ Dominique schenkte Scorpius ein beruhigendes Lächeln. „Das wird schon wieder.“
„Das kannst du ja gar nicht wissen“, murrte Teddy dazwischen, drängte sich zwischen Dominique und Scorpius durch und klopfte energisch auf die Holztheke der Rezeption. „Hallo? Hallo!“ Scorpius klammerte sich an James‘ Brust, während Teddy weiterhin ziemlich lautstark alle Aufmerksamkeit auf sich zog. James‘ Hand legte sich auf seinen Hinterkopf und allein diese Geste spendete ihm so viel mehr Trost als irgendein Lächeln es jemals könnte. „Warum ist hier denn keiner, verdammt nochmal!“
„Teddy, ich hör dich durch das halbe Haus. Beruhigst du dich bitte mal?“ Dominique wurde wieder einmal zur Seite geschoben, diesmal aber von James‘ Vater, der sich zu seinem Patensohn stellte und erst nach einer Weile Scorpius zu bemerken schien. „James, was machst du denn hier?“, fragte Mr. Potter aber anstatt Scorpius zu beachten.
„Ich lass meinen Freund nicht alleine, wenn sein Vater verletzt wurde“, sagte James und drückte Scorpius dichter an sich, das kleine Lächeln nicht bemerkend. Wahrscheinlich hatte er es unabsichtlich getan, aber James gab Scorpius ein wunderbar sicheres Gefühl, weil er ‚verletzt‘ und nicht ‚tot‘ gesagt hatte.
„Freund? Wieder? Oh, ja… Bill hat sowas… Wie auch immer.“ Mr. Potter winkte ab und legte eine Hand auf Scorpius‘ Schulter. „Dein Vater kommt wieder auf die Beine. Er mag zwar ziemlich weinerlich sein, aber im Grunde ist er ein zäher Bursche“, versuchte Mr. Potter ihn zu beruhigen und schenkte auch Teddy ein aufmunterndes Lächeln, worauf dessen Mundwinkel kurz zuckten. „Ich bring euch nach oben zu ihm.“
Scorpius nickte hastig und schob James regelrecht in Richtung Fahrstuhl, klammerte sich aber immer noch haltsuchend an ihn. James beschwerte sich auch nicht, drückte Scorpius im Fahrstuhl dicht an sich und presste ihm einen kurzen Kuss auf den Scheitel.
„James, ich möchte trotzdem nicht, dass du mit in Mr. Malfoys Zimmer gehst“, sagte Mr. Potter, als er sie einen viel zu lang erscheinenden Gang herunterführte, der nicht genug von der Morgensonne abbekam um hell und einladend zu wirken. James öffnete empört den Mund, aber sein Vater ignorierte ihn einfach. „Und Dominique, ich hoffe du kannst mit deinem Vater reden. Ich will deine Mutter oder Schwester hier jetzt lieber nicht haben…“
„Was hat Bill damit zu tun?“, mischte Teddy sich ein. „Harry?“ Er wollte seinen Paten an der Schulter fassen, aber der drehte sich in genau dem Moment und klopfte an eine Tür, die er gleich darauf öffnete.
Scorpius drückte James weg und quetschte sich zwischen Teddy und Mr. Potter vorbei, die gleichzeitig in den Raum hatten treten wollen. Sein Vater hatte ein wirklich schönes Einzelzimmer, immerhin zahlte er auch sehr gut und spendete eine Menge, vor allem brauchte er jetzt aber ein gemütliches Bett. Draco sah schrecklich aus. Seine Haut war aschfahl und die sonst so gepflegten weißblonden Haare lagen ihm strähnig in das leicht verschwitzte Gesicht. Scorpius hoffte inständig, dass er sich die Blutspuren auf der Stirn seines Vaters nur einbildete, aber je näher er kam, desto deutlicher wurde das Ausmaß von Dracos Verletzung. Unter dem Pyjamahemd musste er einbandagiert sein wie eine Mumie, aber das hielt Scorpius nicht davon ab die leblose Hand seines Vaters zu greifen.
Er wollte sich auf den Stuhl hinter sich setzen und quietschte auf, als da anscheinend schon jemand drauf saß, den er nicht gesehen hatte. Scorpius fuhr herum, drängte sich gegen die Bettkante und starrte aus großen Augen Louis‘ Vater an, der anscheinend ein kleines Nickerchen gehalten hatte, jetzt aber langsam die Augen aufschlug.
„Bill?“ Teddy hatte sich in das Zimmer gewagt und starrte ziemlich baff den noch leicht desorientierten Mann an. „Oh, nee… Sag mir nicht, du hast jetzt plötzlich deine ewige Liebe zu Drake erkannt.“
„Klappe zu, Ted“, grummelte Bill, der Scorpius jetzt anlächelte, allerdings weitaus unsicherer wirkte, als das letzte Mal als sie sich gesehen hatten, was irgendwie so gar nicht zu ihm passen wollte. „Hi, Scorpius.“
„M-Mr. Weasley…“ Scorpius war froh, als er mit ansah wie verzweifelt James versuchte in das Zimmer zu kommen, weil er ihn jetzt furchtbar gerne an seiner Seite hätte.
„Wir waren doch bei Bill.“ Er gähnte und stand auf, streckte sich ausgiebig, bevor er neben Scorpius trat und merkwürdigerweise in einer sehr liebevollen Geste Draco das Haar aus der Stirn strich. „Die Heiler meinten er hätte das Gröbste überstanden. Zwischendurch sah es gar nicht gut aus, aber Draco ist ein zäher Bursche.“
Scorpius wusste nicht was er sagen oder denken sollte. Er drehte sich um und hielt einfach weiter die Hand seines Vaters, warf Teddy einen fragenden Blick zu, als der auf die gegenüberliegende Seite des Bettes trat, kurz mit den Fingerknöcheln über Dracos Wange strich.
„Merlin sei Dank“, hauchte Teddy, der Scorpius‘ Blicke wohl gar nicht mitbekommen hatte. Er rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht und ließ sich gerade auf einen Stuhl fallen, als seine Augen Scorpius‘ trafen. Teddy schaute kurz zu Bill, lächelte Scorpius dann zu und bedeutete ihm sich zu setzen, aber Scorpius blieb stehen, die Hand seines Vaters festumklammernd.
„Scorpius!“ James war etwas laut, als er sich regelrecht in das Zimmer warf. Draco gab ein hörbares Stöhnen von sich und drehte den Kopf von Teddy weg, öffnete aber nicht die Augen. Warum auch immer, aber Bill strich ihm wieder und wieder durch die Haare, was Scorpius furchtbar nervös werden ließ.
„Verdammt nochmal, James. Kannst du dich nicht einmal in deinem Leben benehmen?“, zischte Mr. Potter, wollte seinen Sohn am Arm packen und wieder herausziehen, aber James rettete sich mit einem Ausfallschritt zu Scorpius, umklammerte schnell dessen freie Hand.
„Wie geht’s ihm?“, hauchte er Scorpius ins Ohr, seinen Vater einfach ignorierend, worauf der schnaubend klein bei gab. Scorpius nickte einfach mal, immerhin wusste er jetzt auch nicht so genau, was mit seinem Vater war. Aber er lebte und würde ihn nicht alleine lassen. Das war alles was wichtig war…
„Papa?“ Dominiques Stimme drang kaum an Scorpius‘ Ohren, aber er spürte die ruckartige Bewegung und den Windzug neben sich und sah zu Bill, der ohnehin schon die ganze Zeit kreidebleich gewesen war, sodass man Narben und Sommersprossen noch deutlicher gesehen hatte, aber jetzt wirkte er eher grünlich.
„Nicci…“ Bill war so heiser, dass man seine kaum vorhandene Stimme schwer hören konnte. „Was machst du denn hier?“
„Vielleicht wollte sie live dein Liebesgeständnis an Drake mit anhören“, sagte Teddy in einem sehr schnippischen Tonfall, aber die Worte lösten trotzdem nur Verwirrung in Scorpius‘ Schädel aus.
„Was?“, presste er hervor, das gefühlt erste Wort seit Stunden. „James?“ Er drückte James‘ Hand und lehnte sich seitlich gegen den größeren Jungen, konnte den Blick aber nicht von seinem Vater nehmen. „James…“
„Pscht…“ James legte ihm den freien Arm um die Schulter und presste Scorpius gegen seine Brust, gab ihm einen sanften Kuss in den Nacken. „Kümmer dich da nicht drum. Lass sie reden…“
„Merlin, Jamie…“ Teddy schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Scheint sich gelohnt zu haben heute deine Jungfräulichkeit loszuwerden. Das klang beinahe erwachsen.“
Scorpius konnte nichts gegen den tiefen Rotschimmer unternehmen, der selbst seinen Nacken herauf kroch, wo James gerade schwer gegen die erhitzte Haut keuchte.
„Bitte was?“ Mr. Potter schien das gar nicht gerne zu hören, aber da sollte er sich mal anschauen, was James früher gerne mal in dunklen Ecken mit seiner Ex getrieben hatte. „Be-Besprecht das später. Dra– Malfoy braucht schon noch etwas Ruhe. Bill, raus jetzt mit dir.“
„Nein“, sagte Bill und lachte kurz auf. „Ich gehe hier nicht weg, das hab ich dir schon mal gesagt.“ Er drehte sich wieder zu Draco, lehnte sich vor und brach Scorpius‘ Herz, als er seinem Vater einen Kuss auf die Stirn gab. „Hier gehör ich hin und das will ich ihm sagen, wenn er aufwacht.“
„Papa…“ Dominique fixierte sich mit leicht geröteten Wangen auf den Boden, während Scorpius sich fragte, wann die Weasleys beschlossen hatten das hier zu ihrem Drama zu machen. Sein Vater lag hier dem Tode nahe und…
Scorpius schniefte auf, anscheinend so herzzerreißend, dass er sofort die ganze Aufmerksamkeit im Raum für sich hatte. Sich auf die bebende Unterlippe beißend drehte Scorpius sich herum und drückte das Gesicht gegen James‘ Brust, bevor er dessen Pullover mit bitteren, aber stummen Tränen durchnässte.
„Merlin, wenn ihr irgendwas zu besprechen habt, dann tut das draußen, klar?“, zischte James, die Arme fest um Scorpius schließend. „Nehmt ein bisschen Rücksicht.“
„Das sagt der Richtige“, murmelte Teddy, die Finger plötzlich ziemlich mit Dracos Haaren beschäftigt, was eben noch Bill getan hatte.
„Ich gehe nicht“, knurrte Bill. „Ihr könnt denken, was ihr wollt, aber einmal möchte ich auch etwas für mich tun. Pfoten weg da, Ted.“
Scorpius hörte ein klatschendes Geräusch, vergrub das Gesicht aber lieber in James‘ Pullover, anstatt den Kopf zu drehen. Es ging seinem Vater gut. Mehr brauchte er nicht wissen. Er würde hier jetzt einfach… einfach…
„Oh… Scorpius, es ist doch alles gut“, murmelte James ihm ins Ohr, die Hände beruhigend über Scorpius‘ Rücken streichend. „Hör bitte auf zu weinen…“
Die Arme fest um James‘ Rücken schlingend schüttelte Scorpius den Kopf.
„Oi…“ James schien etwas überfordert und Scorpius fühlte sich ein klein wenig schuldig, weshalb er aber nicht aufhören konnte seine Augen mit James‘ Pullover zu trocknen.
„Scor…pius…“
„Vater!“ Mit einem kräftigen Ruck schubste Scorpius James weg, der mit großen Augen gegen seinen Vater knallte. „Du bist wach… Ich bin so froh.“ Jetzt strömten die Tränen ohne Unterlass über Scorpius‘ Wangen, aber es war ihm nicht peinlich, wichtig war nur, dass Draco langsam die Augen öffnete, allerdings mogelte Teddy sich in sein Blickfeld. „Ted?“
„Drake! Endlich… Du hast mir fast das Herz gebrochen!“ Teddy machte Anstalten Draco gegen die Wange zu klopfen, aber dann legte er nur die Hand auf die bleiche Haut und lächelte sanft.
Draco drehte langsam den Kopf und versuchte die Augen etwas weiter zu öffnen, schaute Scorpius jetzt direkt an. „Scorpius…“ Langsam hob er den Arm und fuhr über Scorpius‘ Wange. „Nicht weinen…“ Sein Arm sackte wieder leblos auf die Matratze, aber Draco dämmerte nicht weg, sondern blinzelte verwirrt. „Huch… Ich fühl mich etwas… schlapp.“
Mr. Potter gluckste, stellte sich an Dracos Fußende und winkte erstmal. „Hi, Malfoy.“
„Ted, ich find das nicht lustig. Mach sie wieder blau…“, murrte Draco und drehte den Kopf zur Seite, gab ein erschrockenes Geräusch von sich, als er Teddy sah. „Ted? Wie bist du so schnell… Uh… Ich hab Kopfweh… Wo ist meine Mummy?“
James prustete leise und bekam dafür Scorpius‘ Ellenbogen zwischen die Rippen.
„Na, toll… Er ist noch high“, seufzte Mr. Potter und fuhr sich durch die Haare, schüttelte etwas entnervt den Kopf. „Keine Bange, Scorpius. Dein Vater hat nur eine sehr hohe Dosis Schmerzmittel bekommen. Wahrscheinlich würde er sonst…“
„Harry“, zischte James wütend dazwischen, bevor er Scorpius angrinste. „Dein Vater ist lustig, Scorpius. Wir können Dominique als seine Mutter ausgeben und schauen was passiert.“
Scorpius schmunzelte, bevor er sich wieder seinem Vater zuwandte, dabei froh war James‘ Hände auf seinen Schultern zu spüren. „Vater?“ Vorsichtig griff Scorpius Dracos Hand und lächelte ihn an, als die müden grauen Augen sich auf ihn richteten. „Du wirst wieder gesund, oder?“
Draco lächelte zurück. „Natürlich“, sagte er heiser. Seine Finger in Scorpius‘ Hand bewegten sich, aber zudrücken konnte er nicht. „Ich lass mich doch nicht von Greyback umbringen. Den fress ich zum Nachtisch.“ Er gab ein gurgelndes Geräusch von sich, das wohl ein Glucksen sein sollte. „Scorpius… Ich glaub, ich hab geträumt, aber war hier noch jemand?“
Scorpius blinzelte, drehte sich um und entdeckte, dass Dominique und ihr Vater fehlten. Er sah hilfesuchend zu James, aber der zuckte ratlos die Schultern. Wenn Scorpius wüsste, was er von dieser ‚Louis‘ Vater küsste seinen Vater auf die Stirn’-Sache halten sollte… Eigentlich wollte er gar nicht darüber nachdenken. Seine Eltern waren glücklich miteinander. Sein Vater war vielleicht nicht oft zu Hause, aber sie waren glücklich und es gab keinen Grund, warum sein Vater einen Mann… Louis‘ Vater hier haben wollen könnte.
„Nein“, sagte Scorpius und es fühlte sich falsch an, weil Draco wieder blasser zu werden schien. Er drehte den Kopf weg von Scorpius und ließ sich von Teddy angrinsen, aber das schien Draco nicht davon abzuhalten lieber wieder wegzudämmern, als sich einer Realität zu stellen, wo kein Bill Weasley darauf wartete, dass er wieder aufwachte.
Scorpius ballte die Hände zu Fäusten. Nein, das war ganz sicher nicht wahr…
„Scorpius?“ James klang merkwürdig heiser, nicht diese Art von heiser, bevor er Scorpius überall dort antatschte, wo es unangenehm war, aber der Grad von unangenehm schien sich sogar noch zu steigern.
„Was?“ Irgendwie schien ihn jeder in diesem Raum anzusehen, außer Draco, der wohl wieder eingeschlafen war. Scorpius schaute über die Schulter zu James, spürte dessen Hände von seinen Schulter gleiten und fand sich einem Blick ausgesetzt, der ihm gar nicht gefiel. „Was?“
James presste die Lippen aufeinander und schaute zur Tür, wo man leise Stimmen hören konnte, wenn man ganz genau hin hörte.
„James, du verpasst den Zug nach Hogwarts“, sagte Mr. Potter und schaute demonstrativ auf seine Uhr.
„Ich kann apparieren“, murmelte James, sah Scorpius nur ganz kurz an, bevor er sich auf den Boden fixierte.
„Ich kann dich mitnehmen“, schlug Mr. Potter vor. „Ron müsste jeden Moment hier sein. Malfoy steht noch unter Bewachung.“
„Harry, ich hab noch mehr als genug Zeit um selbst nach Hogwarts zu kommen“, schnaubte James.
„Du musst nicht bleiben“, meinte Scorpius, bevor Mr. Potter den Mund öffnen konnte. James starrte ihn geschockt an, bevor er so etwas Ähnliches wie ein Lachen von sich gab.
„Entschuldigt uns kurz“, sagte er, fasste Scorpius am Oberarm und zog ihn zur Tür.
„Hey! Lass… James, was soll…“ Aber Scorpius‘ Proteste wurden einfach ignoriert und er auf den Flur befördert, wo er Dominique und Bill am Ende des Korridors furchtbar ruhig miteinander reden sah. Und das Bedürfnis diesen Mann einfach aus dem Fenster, das hinter ihm offenstand, zu werfen, wuchs mit jeder Sekunde. Aber bevor Scorpius auf Bill zustürmen konnte wurde er mit sanfter Gewalt auf einen Stuhl geschoben und gezwungen James anzusehen.
„Was ist los mit dir, Scorpius?“, hauchte James geschockt, in einer Art und Weise die Scorpius gar nicht von ihm kannte. „So kenn ich dich gar nicht… Du müsstest doch… Scorpius, dein Vater liebt diesen Mann.“ Er deutete auf Bill, bevor er die Hand auf Scorpius‘ Schulter legte. „Und er liebt deinen Vater. Das hast du gemerkt, ich kenn dich doch…“
„Und ich kenne dich“, zischte Scorpius. „Du hättest das nie gemerkt.“ Er fuhr hoch, schlug James‘ Hand weg, als die seinen Arm fassen wollte. „Du wusstest etwas. Du…“ Die Augen zusammenkneifend fuhr Scorpius sich mit beiden Händen übers Gesicht. „Du hast genau das gewusst und mir nichts gesagt. Ha-Hast du deswegen rumgeschnüffelt?“
James senkte den Blick, als Scorpius ihn ansah.
„Oh, du verdammter…“ Scorpius wirbelte herum, damit er lieber die Wand anstatt James ansehen konnte.
„Scorpius…“ Er hörte wie James aufstand, schüttelte die Hände aber ab, bevor sie sich auf seine Schultern legen konnten. „Okay, ja… Aber ich hab mich doch nicht nur deswegen an dich… rangemacht. Ich liebe dich! Wirklich… Das mit dem Tagebuch war ein unglücklicher Zufall und –“
„Was?!“ Scorpius fuhr herum und wich vor James zurück, starrte ihn schockiert aus großen Augen an. „Du warst das? Du hast deinem Vater dieses Buch untergeschoben, damit er meinen Vater verhaftet?!“
James öffnete wortlos den Mund, bevor er abwehrend die Hände hob und hastig den Kopf schüttelte. „Nein, so war das nicht!“, versuchte er sich rauszureden. „Ich würde sowas doch nie tun!“
„Deinetwegen liegt mein Vater hier im Krankenhaus!“, rief Scorpius, gleichzeitig wütend und den Tränen nahe. „Deinetwegen hat ihn ein Werwolf fast zerfleischt! Hast du ihn angesehen?! Hast du gesehen, was du getan hast?!“
„Scorpius, ich –“
„Deswegen hast du mit mir geschlafen, was?“ Scorpius wischte sich über die Augen, bevor er wieder zu weinen anfing, wie ein kleines Mädchen. „Damit du dich von deinem schlechten Gewissen ablenken kannst, falls du überhaupt eines hast. Wahrscheinlich wolltest du nur… Merlin, ich hasse dich, Potter. Ich hasse dich so sehr.“
James schnappte nach Luft, schaute sich hilfesuchend um, aber wer sollte ihm in dieser Lage irgendwie helfen können? „Ich…“ Er konnte ja nicht mal einen vernünftigen Satz bilden. „Ich wollte das doch nicht…“
„Du bist genau wie dein Bruder!“, schnauzte Scorpius. „Immer auf der Suche nach irgendeiner Sache die genauso einen Helden aus dir machen könnte, wie aus deinem Vater! Aber mein Vater ist nicht böse! Nicht ansatzweise! Und er ist nicht schwul! Er liebt meine Mutter!“
„Ich… liebe dich“, sagte James leise.
Scorpius verzog die Mundwinkel und schüttelte den Kopf. „Verschwinde“, presste er hervor und deutete den Gang entlang.
„Scorpius, bitte. Wir… Wir kriegen das wieder hin, wenn wir einfach miteinander reden“, versuchte James es und streckte die Hand nach Scorpius aus, seine braun-grünen Augen glitzerten verräterisch. „Bitte.“
„Denkst du ernsthaft ich könnte jemals vergessen, dass du Schuld am beinahe Tod meines Vaters bist?!“, schnauzte Scorpius, bevor ihm ein Hicksen entwich und seine Beine nachgaben. Er sackte auf den Boden, hob abwehrend die Hand, als James näherkommen wollte, und schüttelte den Kopf. „Hör auf… Hör auf mir immer wehzutun.“
„Ich wollte doch nicht…“ James brach ab und seufzte schwer auf. „Wir haben uns doch gerade erst wieder versöhnt. Heute Nacht war so schön…“
„Heute Nacht war schrecklich. Wenn ich allein daran denke wie sich deine Finger auf meiner Haut anfühlen wird mir schlecht“, sagte Scorpius emotionslos, den Blick auf den Boden gerichtet.
Einen Moment blieb es still, dann schlurfte James davon wie ein getretener Hund. Scorpius hob den Blick, bekam aus den Augenwinkeln mit wie Bill Dominique in den Arm nahm, beobachtete aber lieber wie James die Tür zu Dracos Zimmer öffnete und seinen Vater raus rief. Es interessierte ihn nicht, dass James‘ ganzes Auftreten gegenüber seinem Vater plötzlich ganz anders war und es interessierte ihn genauso wenig, dass er hier wie ein weinerliches Mädchen auf dem Boden hockte. Sein Vater war schwer verletzt und niemanden schien das zu interessieren…
„Mensch, Malfoy… Jetzt flenn doch nicht.“
Scorpius wollte aufschauen, um nachzusehen, wer so unhöflich war, aber ein Koffer rauschte an ihm vorbei, steuerte auf James zu und haute ihn kurzerhand von den Füßen.
„Merlin, ihr verbockt auch alles, wenn man euch mal drei Sekunden alleine lässt.“
Scorpius‘ Augen weiteten sich, als er Fred und Louis zu sich herunterschauen sah, Ersterer streckte die Hand nach ihm aus und zog ihn wieder auf die Beine. „Was…“ Den schneebedeckten Mänteln nach zu urteilen musste draußen ein regelrechter Schneesturm toben. Die Eiskristalle in Louis‘ Haaren waren schon geschmolzen, machten die blonden Strähnen ganz nass und ließen sie weitaus dunkler wirken. Fred hatte sich wieder in diese knautschige Jacke gequetscht, die auch noch gut Platz für Scorpius geboten hätte und tatsächlich verspürte er für einen Moment das Bedürfnis mit drunter zu schlüpfen.
„Was macht ihr denn hier?“, presste Scorpius hervor, während Fred ihm das Blondhaar verwuschelte.
„Dominique hat mir eine Eule geschrieben“, sagte Louis mit einem Seufzen. „Geht eigentlich eher um meinen Vater als um deinen, aber ich hab dir Fred zum Knuddeln mitgebracht.“ Er packte Scorpius an der Schulter und schob ihn in Freds Arme, wo Scorpius feststellte, dass die dicke Daunenjacke ihn nicht mochte, weil sie versuchte ihn zu ersticken.
„Wir sind richtig aus dem Zug gesprungen, Malfoy. Das war so cool! Du hättest dabei sein müssen“, plapperte Fred drauflos, was Louis nutzte um sich davon zu stehlen, bevor Scorpius ihn ansprechen konnte. Also fragte er einfach Fred:
„Kommt deine ganze Familie jetzt her?“
Fred ließ ihn zum Glück endlich los. Entweder war das auch geschmolzener Schnee, der seine Stirn nass glänzen ließ, oder er schwitzte ihn diesem fetten Teil. „Nee, nicht ganz… Nicci versucht nur Bill diesen Floh aus dem Ohr zu treiben, aber anscheinend fehlen ihr Argumente und Lou hat immer Argumente.“ Fred zuckte mit den Schultern. „Solange Victoire oder noch schlimmer Fleur hier nicht auftauchen…“
„Was für ein Floh?“, fragte Scorpius. Aus den Augenwinkeln bekam er mit, wie Mr. Potter versuchte seinen bedröppelten Sohn wieder aufzupäppeln.
Fred blinzelte und legte den Kopf schief. „Du müsstest das doch aus erster Hand wissen. Bill will sich trennen. Wegen deinem Vater.“
Scorpius krallte die Hände in die fette Jacke und vergrub kurzerhand das Gesicht in ihr, dämpfte so sein Stöhnen.
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