
von Sisilia D.S.
Nach der überaus unerfreulichen Zeit, in der die Welt unwiederbringlich vom Nebel verschluckt zu sein schien, kam eine Hitzeperiode nach der andern in diesem Sommer über das Land und alle Menschen stöhnten nur noch auf, wenn der Mann von der Wettervorhersage jeden Abend aufs Neue mitteilte, dass kein Regen in Sicht war.
Sisilia saß an diesem Nachmittag in ihrem Wohnzimmer, in dem es ein wenig kühler war als draußen, aber dennoch klebte ihre Kleidung förmlich an ihrem Körper. Schon seit ein paar Tagen war sie dabei, die alten Fotos von ihren Eltern und Großeltern und die Bilder aus ihrer eigenen Kindheit, welche sie in einer der großen Kisten gefunden hatte, zu sortieren und in Alben einzukleben. Doch obwohl sie Magie einsetzte, schien der Berg kaum kleiner zu werden und allmählich sah sie sich noch bis Weihnachten hier sitzen.
Vielleicht sollte sie sich diese Arbeit doch besser für die Winterzeit aufheben, dann konnte sie es sich vor dem Kamin gemütlich machen und in aller Ruhe Ordnung in die Bildersammlung bringen.
Mit diesem Gedanken und mit einem Blick auf ihr leeres Glas, erhob sie sich und ging in die Küche, um sich etwas Neues zu Trinken zu holen.
Obwohl sie alle Fenster aufgerissen hatte, wehte kein Lüftchen zu ihr herein. Irgendwie schien die Hitze sogar in dem sonst recht angenehm kühlen Haus zu stehen.
Da half nur noch eines.
Eine schöne erfrischende Dusche. Ja, das war genau das, was sie jetzt brauchte.
Noch während sie die Stufen nach oben ging, streifte sie ihr Shirt ab, welches sie gleich in den Wäschekorb warf. Dann befreite sie sich auch vom Rest und stieg in die glasklare Duschkabine. Sofort drehte sie das Wasser auf und ließ das erfrischende Nass über sich rieseln. Die Augen schließend, genoss sie den Wasserstrahl, der über ihr Gesicht und dann über ihren ganzen restlichen Körper floss. Einige Zeit bewegte sie sich gar nicht und ließ die Kühle des Wassers auf ihren Körper wirken. Doch dann griff sie nach dem Haarwaschmittel, mit dem sie sich die Haare wusch und anschließend mit einem gut riechenden Duschmittel den Rest des Körpers. Erst nach einer guten Viertelstunde verließ sie so erfrischt die Duschkabine und starrte überrascht zu dem kleinen Kater, der in der Türe stand und sie von oben bis unten betrachtete.
Reflexartig griff sie nach einem Badetuch und hielt es sich vor ihren Körper.
„Was treibst du denn hier?“, fuhr sie den kleinen Kerl an, der erschrocken zurückwich und sich leise ein Stück rückwärts gehend auf und davon machte.
Doch dann schüttelte Sil den Kopf. Was tat sie eigentlich hier? Das war nur ein Kater, ein Tier. Über sich selber amüsiert, trocknete sie sich ab und kämmte sie sich die Haare. So wie sie war, ging sie über den Flur zu ihrem Zimmer, warf einen Blick zu Pidi, der am Treppenabsatz saß und sie überrascht anblickte, dann verschwand sie in ihrem Schlafzimmer und zog sich ein leichtes Sommerkleid an. Ihr Blick ging zum Fenster und gleich danach beschloss sie, draußen spazieren zu gehen, in der Hoffnung, dass dort vielleicht doch noch ein Lüftchen aufkam, das Kühlung versprechen würde. Sie verließ das Haus durch den Hinterausgang in der Küche und spazierte langsam zwischen den Büschen und Bäumen hindurch. Dabei kamen Erinnerungen in ihr hoch, wie sie als Kind hier gespielt hatte.
Ihr Blick ging zu dem Baum, an dem eine Schaukel befestigt gewesen war, mit der sie nie hoch genug schaukeln konnte. Ihr Vater hatte sie immer angestoßen …
„Mehr, mehr! Höher … ich will viel höher hinauf!“
„Du wirst runterfallen, mein Wirbelwind“, mahnte der Vater sie.
„Ach was, wenn ich hoch genug bin, werd ich die Arme ausbreiten und einfach losfliegen“, rief das kleine Mädchen mit den blonden Zöpfen und versuchte tatsächlich ihre Arme auszubreiten. Sie hatte Glück, dass ihr Vater jedes Mal schnell genug reagierte und mit einem Zauber verhinderte, dass sie mit voller Wucht auf den Boden knallte, wenn sie einfach mitten in der Luft von der Schaukel sprang. Doch dem kleinen Mädchen war durchaus bewusst, dass ihr Vater sie beschützen würde, sonst hätte sie so etwas Waghalsiges nie getan … oder doch?
Sisilia lächelte, als diese Erinnerungen durch ihren Kopf schossen. Es war eine wundervolle Zeit gewesen, als ihre Eltern noch gelebt hatten.
Langsam ging sie weiter, ließ ihre Finger an einem Busch entlang gleiten, dessen Blätter sich wie Samt anfühlten. Schließlich wanderte ihr Blick zu einem kleinen Platz, der von niedrigen Hecken umgeben war. Das war das Fleckchen, an dem sie sonntags, wenn die Sonne schien, oft ein Picknick gemacht hatten, mit einer großen Decke und vielen guten Sachen, die ihre Mutter zubereitet hatte. Ihr lief jetzt noch das Wasser im Mund zusammen, wenn sie an den herrlichen Schokoladenkuchen dachte, den es oft zum Nachtisch gegeben hatte. Wieder war ihr so, als könnte sie ihr eigenes vergnügtes Lachen hören, sah sich, wie ihr Vater sie hochhob und im Kreis herumwirbelte, bis ihm so schwindelig wurde, dass sie beide laut lachend auf den Boden fielen und übereinander purzelten.
Dann sah sie sich mit ihrer Mutter, Blumen pflückend und daraus Kränze flechtend, die sie sich gegenseitig auf die Haare legten. Es war die schönste Zeit ihres Lebens gewesen und keiner von ihnen hatte damals damit gerechnet, dass sie so kurz sein würde.
Leicht betrübt schüttelte sie den Kopf und wandte den Blick von der Stelle wieder ab, als sie plötzlich jemanden ihren Namen rufen hörte.
Einen Moment brauchte sie, um gedanklich wieder in die Gegenwart zu finden und sich an die Stimme zu erinnern, die soeben hinter ihr aufgeklungen war. Erst als sie Harry zum zweiten Mal hörte, wurde ihr bewusst, dass er es war und sie drehte sich in die Richtung, aus der sein Rufen aufgeklungen war.
„Hallo, Sisilia. Ich war grad bei dir drüben“, begann er und lächelte sie gut gelaunt an.
„Mir war zu warm im Haus, ich musste einfach etwas rausgehen“, erklärte Sisilia ihm. „Gibt es einen bestimmten Grund, warum du mit mir reden wolltest?“
„Ähm, ja. Ich hab von Ron eine Eule bekommen, dass er, Hermine und seine Schwester morgen nach London gehen wollen. Anscheinend veranstalten die Muggel dort ein gewaltiges Fest im Hyde Park. Mit Musik, Theater, Akrobaten, Fahrgeschäften und was weiß ich alles. Ich wollte fragen, ob du vielleicht auch Lust hättest mitzukommen, das wird bestimmt lustig werden. Wir wollten uns gegen zwei Uhr am Speakers Corner treffen“, erklärte er und musterte sie hoffnungsvoll.
Einen Moment lang überlegte sie, ob sie zusagen sollte, denn sie war schon lange nicht mehr weg gewesen, doch dann kam sie zu dem Schluss, dass es wohl besser wäre, die Teenager zu viert gehen zu lassen. Sie wollte zum einen nicht das fünfte Rad am Wagen spielen und zum andern wusste sie, dass Ginny nicht begeistert sein würde.
„Harry, tut mir Leid. Morgen kann ich nicht, ich hab leider schon etwas anderes vor. Aber ich bin sicher, ihr werdet Euch bestimmt sehr gut amüsieren“, sagte sie bedauernd.
Harry blickte sie etwas geknickt an, doch darauf nickte er.
„Ist schon in Ordnung. Schade“, antwortet er und Sisilia konnte sich denken, warum er noch gern jemanden dabei gehabt hätte. Er hatte Angst zuviel mit Ginny alleine zu sein. Ron und Hermine klebten ja inzwischen wie die Kletten zusammen und da würde es nicht ausbleiben, dass er und Ginny sich miteinander unterhalten und beschäftigen mussten. Doch vielleicht war es ganz gut, wenn die beiden die Chance bekommen würden, mal in Ruhe zu reden.
„Vielleicht in anderes Mal, Harry. Wir könnten ja mal mit deinen Freunden ins Kino gehen? Oder du lädst sie doch mal zu dir ein. Wenn du das willst, sag es mir und ich werde ihnen Zutritt zum Haus und zum Gelände verschaffen“, erklärte sie augenzwinkernd.
„Danke Sil, das ist nett. Aber ich weiß nicht …“, stotterte Harry leise.
„Hey, es ist freiwillig. Wenn du dich dafür entscheidest, dann gib mir Bescheid, in Ordnung?“, sagte Sisilia zu ihm und legte kurz ihre Hand auf seine Schulter. Er sah zu ihr auf und musste wieder schmunzeln.
„Ich kann nicht umhin, immer wieder festzustellen, dass du doch einiges von deinem Großonkel hast“, erklärte er nun schmunzelnd und nickt dann, „Danke.“
„Hey, das ist schon ok, Harry. Mach dir keinen Kopf, das tue ich doch gern.“
„Ok, dann geh ich jetzt mal Rons Brief beantworten, er hat sich die Eule von Fleur geliehen, und ich soll sie gleich wieder mit einer Antwort zurückschicken, anscheinend braucht sie sie noch“, erklärte Harry, nickte noch einmal und ging dann wieder zurück zu seinem Häuschen.
„Alles klar. Wenn was ist, dann weißt du, wo du mich findest“, rief sie ihm noch hinterher und er hob kurz die Hand, als Zeichen, dass er verstanden hatte.
Langsam ging sie weiter durch den Garten, doch nun wanderten ihre Gedanken zu dem Treffen der vier Freunde. Sie würde trotz ihrer Absage in den Hyde Park gehen und die Teenager unauffällig im Auge behalten … sicher war sicher in diesen Zeiten. Außerdem konnte sie auch das eine oder andere mitbekommen, was die Vier ausheckten, vor allem im Bezug auf die Horcruxe, die Harry noch finden musste.
Auch wenn sie ihn und seine Freunde im Grunde gern hatte, wusste sie, dass sie in die Runde nicht wirklich passte, sie war immerhin gut zehn Jahre älter als sie.
Obgleich sie Harry einen Korb gegeben hatte, ließ sie der Gedanke an dieses Treffen nicht los. Nicht einmal ein sehr spannendes Buch, welches von der Geschichte des Wahrsagens handelte, konnte sie ablenken und so begann sie nach einiger Zeit zu grübeln. Doch über dem Grübeln selber schlief sie dann ein.
Im Gegensatz zu dem, was sie zu Harry gesagt hatte, beschloss sie aber dennoch den Vieren zu folgen und ein Auge auf sie zu haben. Irgendein Gefühl sagte ihr, dass dies notwendig sein würde.
Vielleicht war es aber auch der Traum, den sie in derselben Nacht gehabt hatte, der mehr als makaber war und in dem sich ein Dementor in einen Todesser verwandelt hatte. Jedenfalls war ihr klar, dass sie keine ruhige Minute haben würde, wenn sie daheim blieb.
So war sie kurz nach ein Uhr fertig und wartete, bis Harry das Haus verließ, bevor sie ihm dann in einem sicheren Abstand folgte.
Damit er sie nicht unbedingt gleich erkennen konnte, falls er sich zufällig umdrehte, trug sie eine dunkle Sonnenbrille und einen schicken Sonnenhut, ein Teil, das sie normalerweise nie im Leben anziehen würde, außer eben zur Tarnung. Ihr Zauberstab fand seinen Platz in ihrer Handtasche, die ebenfalls, wie der Sonnenhut, aus Stroh geflochten war. Beides zusammen harmonierte gut miteinander und kombiniert mit dem mit dem weißen, mit großen roten Blumen bedruckten Kleid ließ es sie aussehen wie eine Filmdiva aus den 60er Jahren.
Erst als Harry um die Straßenecke gebogen war, folgte Sisilia ihm. Noch bevor sie die Kreuzung erreicht hatte, hörte sie ein leises Plopp, und nachdem sie in die menschenleere Straße blicken konnte, war von dem Jungen keine Spur mehr zu sehen. Diese Tatsache ließ nur einen Schluss zu: Er war disappariert.
Nur gut, dass Sisilia genau wusste, wohin er vorhatte zu gehen und wo ihn seine Freunde treffen wollten. So verschwand sie, sich kurz umsehend, mit schnellen Schritten hinter einem dichten, hohen Gebüsch und apparierte in das Herz von London.
Da sie dies schon öfters getan hatte, kannte sie zwei - drei Stellen, an denen sie ohne Probleme wieder auftauchen konnte, ohne von neugierigen Blicken der Muggel bemerkt zu werden.
So trat sie keine Minute später hinter einer großen Figur hervor, welche Achilles mit einem Schwert und Schild in der Hand darstellte, der auf einem hohen Sockel stand. Der Platz war ideal, denn sie stand im Hyde Park, direkt vor einer mächtigen Hecke, die vor neugierigen Blicken schützte.
Sisilia zog ihr Kleid glatt ging über die kleine Wiese zu dem Weg, als wäre nichts auf der Welt selbstverständlicher und machte sich auf zur Speakers Corner, die nur wenige Minuten von ihr entfernt war.
Schon aus der Ferne konnte sie Stimmen hören. Stimmen von Menschen, die von der Ungerechtigkeit in der Welt sprachen, von der Tatsache, dass Gott immer unter uns sei und wir nur die Augen aufmachen sollten, um ihn zu sehen.
Ein Mann, er war ein Farbiger, referierte über die Zustände in seinem Land und forderte, dass alle auf der Welt mithelfen sollten, um dagegen anzugehen.
Das laute Rufen der Leute nur mit halbem Ohr wahrnehmend, schritt sie sich umsehend auf dem nicht gerade kleinen Platz herum und hielt unauffällig Ausschau nach Harry Potter.
Es dauerte einige Zeit, bis sie ihn fand, doch die Stimme von Ron, als er seine Freund entdeckt hatte, schallte direkt über ihren Kopf hinweg und war unverkennbar.
„Harry! Harry! Hier sind wir!“, rief er und zwei kichernde Mädchen folgten dem rothaarigen Jungen, der Sisilia inzwischen um mehr als einen Kopf überragte.
„Ron, Hermine!“, antwortete er und winkte ihnen. Sisilia brauchte nicht mal einen Schritt zu gehen, denn keine drei Meter hinter ihr trafen die Vier aufeinander.
Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie die Jungs sich auf die Schulter klopften, Hermine Harry kurz an sich drückte und als Ginny zu ihm trat, er ihr nur unsicher die Hand reichte. Doch Rons Schwester ließ es sich nicht nehmen, ihm zumindest einen Kuss auf die Wange zu geben.
Auch wenn Harry versuchte sich nichts anmerken zu lassen, spürte Sisilia doch, dass es ihm schwer fiel und er nicht recht wusste, wie er darauf reagieren sollte.
Aber zum Glück unterbrach Ron das kurze Schweigen, indem er aufzählte, was alles hier geboten wurde und was er am liebsten alles auf einmal tun würde.
Nach einer kurzen Diskussion beschlossen die Mädchen, erst einmal in den Park hinein zu gehen und sich umzusehen.
Immer auf einen gewissen Abstand achtend, folgte Sisilia ihnen, und da die kleine Gruppe immer wieder irgendwo stehen blieb, weil Ron und Ginny sich von Hermine und Harry eine der muggeltypischen Attraktionen erklären ließen, hatte sie auch Zeit, sich genauer umzusehen.
Ihr erster Weg führte sie durch eine Art Gasse, in der rechts und links viele Buden aufgebaut worden waren. Das Angebot reichte von Würstchen, Fish & Chips bis hin zum Dosenwerfen, Losverkauf und kleineren Fahrgeschäften und anderen Attraktionen.
Plötzlich zog Harry seine Freunde in ein Spiegelkabinett mit Irrgarten und grinste sich einen Ast, als Ron schon fast am Verzweifeln war, weil er den Weg nach draußen nicht wieder fand. Doch dann nahmen die Mädchen es in die Hand und führten einen fix und fertigen Ron in die ersehnte Freiheit.
Sisilia hatte das Ganze von draußen beobachtet, hatte in der Bude nebenan, wo man mit Luftgewehren kleine Blumen von einer Wand schießen konnte, vergeblich ihr Glück versucht und sich dann an einem Stand ein Eis gekauft.
Es war inzwischen ziemlich voll und eine menge Menschen waren gekommen, um an dem Spektakel teilzunehmen. So musste Sisilia sehr gut aufpassen, dass sie ihre Schützlinge nicht gänzlich aus den Augen verlor.
Nachdem sie sich eine gute Dreiviertelstunde alles ganz genau angesehen und dies und jenes ausprobiert hatten, zerrte Ginny ihre Freunde zu einem Platz, an dem eine kleine Bühne aufgebaut worden war. Davor hatte man Bänke und Stühle hingestellt, die auch schon fast alle besetzt waren.
Auf einem kleinen Plakat konnte man lesen, dass eine Studentengruppe hier ein Theaterstück aufzuführen gedachte, mit dem Titel: ‚Taran und der Zauberkessel’.
In gut 10 Minuten sollte es anfangen. Die Freunde konnten sich gerade noch Plätze nebeneinander sichern, direkt mitten unter den anderen Zuschauern.
Sisilia setzte sich auf den erhöhten Sockel einer Laterne an der linken Seite und sah durch ihre dunkle Sonnenbrille unauffällig von der Bühne immer wieder zu der Gruppe.
Ginny hatte sich rechts neben Harry gesetzt, doch dieser gab sich sehr viel Mühe, sich mit Ron zu unterhalten, auch wenn er über Hermine, die links neben ihm saß, hinweg sprechen musste.
Dies ließ sich das rothaarige Mädchen nicht sehr lange gefallen und begann einfach, sich über Harry hinweg lauthals mit Hermine zu unterhalten.
Einen Bruchteil einer Sekunde sah dieser Ginny mit einem verdatterten Blick an, doch bevor er noch hatte reagieren können, begannen die Menschen um sie herum erwartungsvoll zu applaudieren, da der Vorhang sich geöffnet hatte.
Es offenbarte sich ihnen ein Bühnenbild, welches mit viel Liebe zum Detail gemacht worden war und dem Zuschauer das Gefühl vermittelte, sich mitten in einem Wald zu befinden. Doch noch bevor ein Schauspieler auf die Bühne trat, hörten sie nur eine tiefe männliche Stimme aus den Lautsprechern widerhallen, welche sie in die Geschichte einführte und alle Zuschauer auf fast magische Weise verstummen und lauschen ließen.
‚So erzählte sie von einem mächtigen König, der so böse und so grausam war, dass sich selbst die Götter vor ihm fürchteten.
Weil man ihn in keinem Gefängnis halten konnte, wurde er bei lebendigem Leibe in einen Schmelztiegel mit flüssigen Eisen geworfen. Darin wurde sein dämonischer Geist gefangen gehalten und nahm die Form eines großen schwarzen Zauberkessels an.
Unzählige Jahre blieb der schwarze Zauberkessel verborgen. Immer wieder suchten böse gottlose Menschen nach ihm, denn es wurde gesagt, wer ihn besäße, könne eine Armee unverwundbarer Krieger aufstellen … um damit die Welt zu regieren.’
Dann begann die Geschichte in einer kleinen Hütte im Wald und erzählte von dem Jungen Taran, der bei einem alten Mann mit Namen Dalben lebte und sich dort um das Hausschwein Hen Wen zu kümmern hatte.
Taran träumte davon, ein Held zu sein, und als Dalben ihm auftrug, auf das Schwein, das hellsehen konnte, Acht zu geben, versprach er es feierlich.
Doch kurz darauf, als Taran mit dem kleinen Schwein im Freien war, wurde es von zwei schrecklichen drachenähnlichen Geschöpfen entführt. Taran verfolgte diese Wesen und gelangte so in das Schloss eines dunklen Königs, wo er aber von diesem sofort erwischt wurde.
Nachdem sich Taran weigerte, dem König behilflich zu sein, um mit Hilfe von Hen Wen und dessen hellseherischen Fähigkeiten mehr über den schwarzen Kessel zu erfahren, ließ ihn dieser in den Kerker werfen und ordnete an, das Schwein zu schlachten.
Jedoch gelang es Taran mit Hilfe einer kleinen Prinzessin und Dalben, der als Barde verkleidet ins Schloss gekommen war, zu fliehen und das Schwein zu retten. Auf der Flucht fand er dann das Schwert Excalibur, welches er mühelos aus dem berühmten Stein herausziehen konnte. Etwas, das etliche Ritter vor ihm nicht geschafft hatten.
Anschließend machten sie sich dann gemeinsam auf die Suche nach dem Kessel, um ihn zu vernichten.
Nach einiger Zeit der Nachforschung und des Suchens landeten sie in einem Wald, in dem drei Hexen lebten, welche den Kessel bewachten.
Im Tausch gegen das Schwert Excalibur erklärten sich die drei „Ladies“ bereit, ihnen den Kessel zu überlassen. Doch zu ihrer tiefen Enttäuschung fanden die drei Helden heraus, dass der Kessel nur dadurch zerstört werden konnte, dass ein unschuldiges Wesen freiwillig dort hineinsteigen und sein Leben geben müsste.
Während sie noch beratschlagten, was sie tun sollten, wurden sie von den Männern des dunklen Königs überrascht. Diese nahmen sie gefangen und überbrachten den Kessel dem grausamen Herrscher.
Begeistert erklärte dieser jetzt seinen Gefangenen (was der junge Schauspieler so überzeugend darstellte, dass es Sisilia bei seinen Worten eiskalt den Rücken hinunter lief), er würde jetzt seinen Traum wahr werden lassen und seine Armee der Toten zurück rufen.
Es sah mehr als makaber aus, als der in einen dunklen Umhang gehüllte König, dessen Gesicht blass und eingefallen wirkte mit der Schminke und in dem Licht, das auf ihn fiel, ein Skelett packte, welches eine lederne Uniform trug wie einst die Römer und es hoch über seinem Kopf hielt. Kurz war es mucksmäuschenstill, sogar die Zuschauer schienen die Luft anzuhalten und dann begann der König zu sprechen.
„Aus dem Zauberkessel wiedergeboren“, sagte er flüsternd, doch seine Worte drangen dennoch bis in die letzte Reihe und noch ehe sie verhallt waren, warf er das Skelett in den großen schwarzen Kessel, der vor ihm stand.
„Steht auf meine Botschafter des Todes, unsere Zeit ist nun gekommen!“
In dem Moment erzitterte der Kessel und wie es schien, floss eine knallrote Flüssigkeit am Rande des Kessels hinunter. Doch dann zuckten die Zuschauer auf ihren Stühlen zusammen, als es einen lauten Donnerknall gab. Mit einem Male war die ganze Bühne mit Rauch erfüllt und einem blitzenden Licht, welches langsam die Farbe wechselte, zuerst war es blutrot und nahm dann ein unheimliches Grün an. Erneut rann Sisilia ein Schauer über den Rücken und als sie in die Gesichter der Menschen um sich blickte, sah sie, dass es diesen genauso erging.
Immer wieder zuckten grelle Blitze über die Bühne, doch dann wurde es einen Moment lang dunkel und totenstill.
Als dann langsam ein Licht nach dem andern wieder anging, jedoch immer noch grün gehalten, tauchten Gestalten auf, die alle in dunkle Umhänge gehüllt waren und durch das Licht sehr bedrohlich wirkten. Es waren sieben oder acht von ihnen, welche jetzt langsam von hinten nach vorn durch den Nebel auf die Bühne traten und sich ganz vorn aufstellten, ihre Gesichter unter den Kapuzen verborgen. Es wirkte alles sehr beeindruckend, doch irgendetwas irritierte Sisilia an den gespielten Untoten, welche sie sofort an Inferi erinnerten. Im ersten Moment wusste sie nicht, was es war, doch dann fiel ihr Blick in die Gesichter der anderen Schauspieler, die sich fragend ansahen, so als wüssten sie selber nicht, was hier vor sich ging. Da wurde ihr mit einem Mal klar, dass diese Leute nicht zu den Schaustellern gehörten, und in dem Moment sah sie auch schon, wie einer der Kuttenträger einen Stab unter seinen Umhang hervorzog.
Eine Sekunde erstarrte sie vor Schreck, doch dann fuhr sie wie von der Tarantel gestochen von ihrem Platz hoch und riss noch während des Aufspringens ihren Zauberstab aus der Tasche.
„Harry, Ron … Das ist eine Falle, passt auf“, rief sie laut und zielte mit ihrem Zauberstab auf denjenigen, der seinen Stab schon in der Hand hatte. Aus dem Augenwinkel konnte sie sehen, wie Harry und seine Freunde auch nach ihren Zauberstäben griffen und sich gleichzeitig in Deckung warfen. Harry hatte sich über Ginny geworfen um sie zu schützen, das konnte Sisilia noch erkennen, bevor sie ihren Lähmzauber auf den ersten Kerl jagte. Doch dieser ging daneben, da nicht nur Harry von ihrem Ruf gewarnt worden war, sondern auch die Diener Voldemorts. Der Fluch schoss am linken Ohr des Mannes vorbei und riss ein großes Loch in den Vorhang auf der Bühne. Doch Sisilia setzte sofort nach:
„Stupor“, rief sie laut und der rote Lichtstrahl traf den Kerl, dessen Todessermaske sie jetzt deutlich sehen konnte, mitten in die Brust.
Vor lauter Sorge um Harry und seine Freunde vergaß Sisilia für einen Moment ihre eigene Deckung und noch bevor sie einen weiteren Fluch ausstoßen oder einen Schutz aufbauen konnte, traf ein roter Lichtstrahl ihre Brust, riss sie gewaltsam von den Beinen, und im nächsten Augenblick wurde es auch schon dunkel um sie. So spürte sie nicht einmal mehr, wie sie hart rücklings in die Hecke flog, wobei sie sich einige Kratzer an den Armen und am Rücken zuzog, bevor sie auf den Rasen rutschte und bewegungslos liegen blieb.
Leise drang eine ihr vertraute männliche Stimme an ihr Ohr und sie fühlte, wie eine Hand sanft gegen ihre Wange schlug.
„Sisilia? Komm zu dir. Hörst du?“, hörte sie die besorgte Stimme sagen.
Kurz flackerten ihre Augen, doch dann schlug sie diese auf. Verschwommen nahm sie im ersten Moment eine Gestalt vor sich wahr und hob eine Hand, um sich über die Augen zu reiben. Noch einmal blinzelte sie und sah dann in das Gesicht von …
„Charlie? Was … was machst du hier? Was ist passiert?“, fragte sie, doch dann fiel ihr wieder alles ein und sie setzte sich abrupt auf. „Harry! Was ist mit Harry Potter?“, fragte sie von Sorge erfüllt.
„Beruhig dich wieder, Sis. Es geht allen gut, keiner ist verletzt. Ok, außer dem einen Todesser, den Harry schlafen geschickt hat“, erklärte er ihr mit einem Schmunzeln.
Sisilia blickte sich jetzt genauer um und sah einige Männer, es mussten Vergissmichs sein, denn sie richteten ihre Zauberstäbe immer wieder auf die Muggel, die dann mit leicht verklärtem Gesichtsausdruck davon gingen. Manche pfiffen ein lustiges Liedchen vor sich hin und andere begannen in ihren Taschen zu stöbern, so als würden sie nach etwas Wichtigem suchen und wieder andere grinsten in sich hinein, so als hätten sie einen wundervollen Tag gehabt und nicht gerade miterlebt, wie hässliche Gestalten versucht hatten, Menschen zu töten.
„Gibt es unter den Muggeln Verletzte oder …“, fragte sie nach.
„Nichts Schlimmes. Nichts, was unsere Leute nicht wieder hinbekommen hätten. Zum Glück waren Tonks, Kingsley und ich in der Nähe. Durch dein Rufen konnten wir schnell zu Hilfe kommen und als die Todesser uns gesehen hatten, ergriffen sie die Flucht.
„Tonks und Kingsley?“
„Ja, sie sind mit meinen Geschwistern, Harry und Hermine ins Ministerium gegangen, weil sie noch eine Aussage machen müssen. Kannst du aufstehen?“, fragte er sie, woraufhin sie nickte und Charlie sie auf die Beine zog.
Kurz wurde ihr schwindlig und sie schwankte, doch er legt sofort einen Arm um ihre Mitte und hielt sie fest. Sisilia klammerte sich an seiner Schulter fest, aus Angst, dass sie wieder stürzen würde. Überrascht spürte sie seine kräftigen Muskeln unter seinem Hemd, welche stahlhart wirkten, als ihre Finger sich an ihn klammerten.
„Langsam, langsam. So ein Schockzauber ist nicht ganz ohne“, seine Worte wirkten besorgt und so sah Sisilia ihn überrascht an.
„Es geht schon, ich hätte vielleicht nur nicht so schnell aufstehen sollen. Außerdem hab ich nicht viel gegessen heut, was das Ganze wohl verschlimmert.“
Charlie blickte sie einen Moment nachdenklich an und deutete dann den schmalen Weg hinunter.
„Dort hinten gibt es ein kleines Café, neben dem See. Wie wäre es, ich lade dich auf einen Kaffee ein und da könntest du auch etwas essen“, schlug er ihr vor.
Da sie zugeben musste, dass sie im Moment nicht gerne alleine gewesen wäre und Harry sowie seine Freunde gut aufgehoben waren, gab sie dem flauen hungrigen Gefühl in ihrem Magen und Charlies fragenden Blick nach.
„In Ordnung, gehen wir einen Kaffee trinken“, gab sie zurück, woraufhin sich das Gesicht ihres Gegenübers aufzuhellen schien. Doch dann wurde ihr etwas anderes bewusst.
„Sag mal, müsstest du nicht in Rumänien sein?“
„Im Grunde ja. Aber ich habe mich beurlauben lassen. Ich denke, dass ich im Moment in England dringender gebraucht werde. Und ich lag nicht mal so falsch“, erklärte er augenzwinkernd.
Sie sagte daraufhin nichts, sondern ließ Charlie los, an dem sie sich noch immer festgehalten hatte, und ging den Weg entlang, auf den er gedeutet hatte.
„Warte kurz, ich muss mich eben bei den andern abmelden“, erklärte er und trat zu einem Mann, der sehr gewichtig tat und überprüfte, ob ihnen auch kein Muggel entgangen war, dem er das Gedächtnis modifizieren musste. Er hob nur kurz den Kopf, als Charlie ihn ansprach und nickte, während er Sisilia einen knappen Blick zuwarf.
„Darf ich bitten, Mylady?“, mit diesen Worten reichte Charlie Sisilia dann seinen Arm. Zuerst zögerte sie etwas irritiert, doch dann hakte sie sich bei ihm ein.
„Vielen Dank, Mylord“, gab sie zurück, woraufhin beide zu lachen begannen. Einen Moment blickte sie noch in seine Augen und dachte sich, was diese für eine wunderschöne interessante braune Farbe hatten, doch dann wandte sie den Kopf weg und suchte in der Ferne das Café, von dem er gesprochen hatte.
„Wie macht Harry sich so als Untermieter?“, wollte er dann wissen, während sie langsam auf den See zugingen, der jetzt zwischen den Bäumen zu erkennen war.
„Ich kann mich nicht beklagen.“
„Wirklich? Keine Partys bis zum anderen Morgen, keine wechselnden Mädchenbesuche?“, wollte er schmunzelnd wissen.
„Nein, weder noch. Er hat bis jetzt noch nicht mal seine Freunde zu sich eingeladen, was mich sehr verwundert“, erklärte sie nachdenklich.
„Das ist allerdings seltsam.“ In seiner Stimme klang nun wirklich leichte Besorgnis mit.
„Scheinbar macht ihm das Ganze doch mehr zu schaffen, als er nach Außen hin zeigt. Ich hoffe nur, er zieht sich nicht ganz in sich zurück.“
„Das hoffe ich auch. Ich kann zwar verstehen, dass er Angst hat. Er verliert einen Menschen nach dem andern. Zuerst seine Eltern, als er noch ein Baby war. Dann seinen Paten und jetzt auch noch Professor Dumbledore. Ich glaube fast, er fürchtet, dass noch jemand aus seinem Freundes- oder Bekanntenkreis etwas zustoßen könnte. Ich weiß nicht, ob du das gesehen hast, aber als ich ihn gewarnt hatte, war das Erste, was er getan hat, sich über Ginny zu werfen und sie zu schützen.“
„Das hab ich nicht gesehen, es ging einfach alles zu schnell drunter und drüber. Aber du könntest durchaus Recht haben. Ich denke ich werd mal mit Ron reden. Wenn einer einen Zugang zu dem Jungen hat, dann er.“
„Oder Miss Granger“, fügte Sisilia noch an.
Charlie nickte und führte sie jetzt zu dem Café, das wirklich sehr gut besucht war. Doch sie hatten Glück. In dem Moment, als sie auf die Terrasse traten, die zum See hin zeigte, standen zwei Frauen von einem der kleinen schmiedeeisernen Tischchen direkt an der kleinen Mauer zum Wasser hin auf und gingen. Sofort schob er sie dort hin und rückte ihr einen Stuhl zurecht.
„Danke“, sagte sie überrascht, so viel Aufmerksamkeit von einem Mann nicht gewohnt.
„Ist mir ein Vergnügen.“ Schmunzelnd setzte er sich neben sie und reichte ihr die Karte.
„Such dir etwas aus, du bist eingeladen.“
„Ich denke, ich werde nur einen Kaffee nehmen“, erklärte sie und legte die Karte neben sich auf den Tisch zurück.
„Unsinn, du sagtest vorhin, dass du Hunger hast, also wirst du auch etwas essen“, protestierte er und schob ihr die Karte wieder hin. Kurz überlegte sie und nickte dann.
„Gut, aber nur, wenn du auch etwas isst.“
„Sicher, warum nicht“, gab er zurück und öffnete die Karte, die nun zwischen ihnen lag.
„Hmm, hier gibt es französischen Flammkuchen, wäre das nicht etwas?“, schlug er nach kurzem Studieren der Karte vor.
„Gute Idee, warum nicht.“
Gesagt, getan. Als die junge blonde Kellnerin zu ihnen kam, bestellten sie und Sisilias Blick fiel auf den See, auf dem ein paar Paare und auch Familien mit Kindern in Ruderbooten über das Wasser glitten. Der sanfte Wind, der vom Wasser her zu ihnen wehte, tat in der Nachmittagshitze gut und so schloss sie einen Moment lang die Augen.
„Es ist verwunderlich, dass diese Menschen hier nichts von dem ganzen Drama vorhin mitbekommen haben.“ Ihre Worten klangen nachdenklich und sie wandte Charlie wieder den Blick zu.
„Nein, ich würd eher sagen, es war Glück, dass wir in der Nähe waren und schnell Hilfe vom Ministerium erhalten haben. Sie haben einen Schutzbann um die Stelle aufgerichtet, sodass die Muggel, die daran vorbei gingen, nichts mitbekommen haben. Und bei den andern haben sie, wie du gesehen hast, gleich wieder ihr Gedächtnis verändert.“
Sisilia hörte ihm aufmerksam zu und nickte dann.
„Ich verstehe. Das scheint ja wirklich gut zu funktionieren.“ Charlies Gesichtsausdruck wurde ernster.
„Das ist kein Wunder. In letzter Zeit passieren häufiger solche Dinge. Immer wieder treten die Todesser irgendwo auf, ob jetzt unter Muggeln oder auch in der Zauberwelt, stiften Verwirrung, verletzten oder töten Menschen und sind mir nichts dir nichts wieder verschwunden. Es scheint alles planlos zu sein. Nichts, was darauf hindeutet, dass ihr Tun ein bestimmtes Ziel haben würde“, erklärte er jetzt sehr leise.
„Doch, es hat ein bestimmtes Ziel. Nämlich Angst und Schrecken zu verbreiten“, gab Sisilia ebenfalls leise zurück und starrte auf ihre Hände.
„Ja. Ja, da hast du Recht und das gelingt ihnen bestens“, erwiderte Charlie zerknirscht, dann legte er seine Hand auf die von Sisilia, die ihn nun verwundert anblickte.
„Das ganze Grübeln hilft nichts, wir können bloß versuchen das Schlimmste zu verhindern“, erklärte er in einem sanften Ton und sie nickte nur stumm. Irgendwie tat es ihr gut, seine Berührung zu spüren, auch wenn sie befürchtete, dass er es vielleicht falsch interpretieren könnte, wenn sie ihre Hand nicht zurückzog.
Doch sie brauchte sich nicht groß Gedanken darüber zu machen, denn in diesem Moment wurden ihre Getränke gebracht und sie mussten ihre Hände sowieso herunternehmen.
So saßen sie noch einige Zeit zusammen, aßen und tranken etwas und unterhielten sich über Gott und die Welt. Sie kamen vom Hundertsten ins Tausendste und merkten gar nicht, wie es schon langsam dunkel wurde. Interessiert musterte sie ihn, als er ihr von seinem Job erzählte, wie er und seine Kollegen zwei streitende Drachen trennen mussten, die drauf und dran waren, ihr Lager in Schutt und Asche zu legen.
„Du glaubst gar nicht, wie wir alle geschwitzt haben. Und als wir den Zweiten endlich auch schlafen geschickt hatten, musste dieser Bursche doch glatt anstatt nach links nach rechts fallen, und voll auf mich drauf“, erklärte er und begann dann seine Hosenbein hochzurollen.
„Diese Narbe stammt von seinem Horn“, mit diesen Worten deutet er auf seine Wade, die eine große Narbe zierte. „Nicht mal den Heilern gelang es, sie ganz verschwinden zu lassen. Drei Wochen lang konnte ich nicht laufen. Dafür kam ich aber endlich mal dazu ein paar Bücher zu lesen“, erzählte er schmunzelnd. Während er weiter lächelte, fiel ihr sein süßes Grübchen am an seinem Kinn auf, welches sich aber nur bildete, wenn er lachte, wie eben.
„Das hört sich alles ganz schön gefährlich an.“
„Ist es aber im Grunde gar nicht, wenn man weiß, was man tun darf oder nicht. Man sollte seine Aufmerksamkeit nur immer den Drachen schenken und nichts anderem, wenn man mit ihnen arbeitet.“
„Das glaub ich gern. Für mich wäre das nichts“, sie schüttelte sich leicht, bei dem Gedanken einem ausgewachsenen Drachen gegenüberzustehen, und bewunderte umso mehr Charlies Arbeit.
Die Kellnerin trat an ihren Tisch und wollte abkassieren, da sie in wenigen Minuten schließen würden, und Charlie ließ es sich nicht nehmen, für sie beide zu bezahlen, obwohl Sisilia ihren Geldbeutel schon gezückt hatte.
„Danke, ich werde mich aber irgendwann revanchieren“, betonte sie.
„Ich freue mich darauf“, gab er schmunzelnd zurück. „Darf ich dich nach Hause bringen?“, fragte er, als sie sich erhoben.
„Das ist wirklich sehr nett gemeint, doch ich habe mein Haus unter einem Schutzzauber versteckt und da wäre das wohl nicht gut möglich.“
„Ich verstehe. Aber ich halte das wirklich für sehr vernünftig, glaub mir. Ich versuche meine Eltern auch schon die ganze Zeit dazu zu überreden, doch sie wollen einfach nicht. Kann ich dich dann wenigstens zu dem Platz bringen, von dem aus du die Heimreise antreten wirst?“, hakte er nach und dazu nickte Sisilia schmunzelnd.
Gemütlich spazierend schlenderten sie zurück zu der Statue von Achilles, vorbei an Peter Pan mit seiner Flöte, und blieben dann vor dem Krieger aus Stein stehen.
Charlie nahm ihre Hand und hauchte einen sanften Kuss darauf.
„Es war ein wunderschöner Nachmittag und Abend, für den ich mich bei dir bedanken will, auch wenn der Grund unseres Zusammentreffens weniger schön war. Ich würde mich freuen, wenn wir das vielleicht bald mal wiederholen könnten“, schmeichelte er und sah sie fragend an.
„Es war wirklich sehr nett“, musste sie zugeben. „Ich denke es lässt sich bestimmt einrichten, dass wir nochmal einen Kaffee zusammen trinken können“, antwortete sie ihm nun lächelnd, was auch in sein Gesicht ein freudiges Lächeln zauberte.
„Ich hoffe, Ihr lasst mich nicht zu lange darauf warten, schöne Frau“, flüsterte er noch leise und deutete eine leichte Verbeugung an. Nun konnte Sisilia nicht anders als zu schmunzeln. Sich kurz umblickend, ob sie beobachtet wurden, ging sie ein paar Schritte zurück, sodass nur noch Charlie sie sehen konnte, und als sie hinter der Achilles-Statue stand, verschwand sie mit einem knappen Winken und einem leisen Plopp.
Kaum war sie hinter dem Baum hervorgetreten, spürte sie, wie jemand eine Hand auf ihre Schulter legte. Erschrocken drehte sie sich um und starrt in das Gesicht von Snape.
„Bei allen Kobolden, haben Sie mich erschreckt“, sagte sie nun leise.
„Tut mir Leid, das war nicht meine Absicht. Ich hab schon seit Stunden auf Sie gewartet. Ich muss unbedingt mit Ihnen reden“, sagte er ernst.
„Ja sicher“, gab sie mit einem fragenden Gesichtsausdruck zurück und sah sich kurz um. Inzwischen war es zwar dunkel geworden, doch die Straßenlaternen brannten und man konnte sie überdeutlich erkennen. Sie überlegte kurz, doch dann nahm sie einfach seine Hand.
„Kommen Sie mit. Hier können wir nicht reden. Ich nehm Sie mit zu mir“, doch zu ihrer Überraschung hielt Snape sie zurück.
„Nein. Es ehrt mich, dass Sie mir erlauben wollen, in Ihr Haus gehen zu dürfen, doch Sie sollten vorsichtig sein. Auch bei mir.“
Überrascht musterte sie ihn. Sie hätte nicht erwartet, dass er ihren Vorschlag ausschlagen würde.
„Zumindest, bis Sie vielleicht mehr Gewissheit haben, auf welcher Seite ich stehe. Ich meine, es geht schließlich nicht nur um Ihre eigene Sicherheit“, fügte er noch an.
„Gut, wie Sie meinen. Dann lassen Sie uns in den Park dort hinten gehen, da ist um diese Zeit selten noch jemand unterwegs“, schlug sie vor und er nickte. Sie gingen über die Straße und betraten den kleinen Park, an den auch ein Spielplatz grenzte, der aber inzwischen verwaist war.
Erst als sie ein Stück gegangen waren, bog Snape in einen Weg ab, der zu einem kleinen Pavillon führte, in dem Bänke standen.
„Setzen Sie sich doch“, bot er ihr an und deutete auf die freie Sitzfläche.
Als sie beide saßen, blickte er sich noch einmal sorgfältig um und begann dann zu sprechen.
„Ich habe von dem Vorfall im Hyde Park gehört. Harry Potter und seine Freunde sollen auch daran beteiligt gewesen sein, stimmt das?“, fragte er gleich direkt heraus.
„Ja, das ist richtig“, antwortete sie und musterte ihn genau. „Haben Sie nur davon gehört oder waren Sie auch dabei?“
„Ich war nicht dabei“, antwortete er ruhig. „Sonst hätte ich nicht auf Sie gewartet. Ich wollte wissen, ob jemand verletzt wurde?“
„Nein, es geht allen gut. Weder Harry, noch den andern ist etwas passiert“, antwortete sie ihm ehrlich und erzählte ihm dann, was sie wusste. Seine Haltung schien sich merklich zu entspannen.
„Gut. Sehr gut.“
„Sie haben sich wirklich Sorgen gemacht“, stellte sie jetzt verwundert fest.
„Ja, das hab ich. Denn ich weiß, wer die Männer waren, die dort auf Harry gelauert haben. Sie sind genauso dämlich wie brutal. Und wenn ich wirklich gewusst hätte, was passiert ist, hätte ich nicht fünf Stunden auf Sie gewartet“, erklärte er nun.
„Es tut mir Leid“, sagte sie leise.
„Es gibt nichts, was Ihnen Leid tun müsste. Im Gegenteil, so wie Sie mir das erzählt haben, haben Sie die Teenager sogar gerettet.“
„Das war eher Glück“, erklärt sie zerknirscht, als sie daran dachte, dass sie nicht viel mitbekommen hatte, weil einer der Kerle sie gleich ausgeschaltet hatte. Ihr Blick ging zu ihren Schuhen und als Snape plötzlich ihre Hand nahm, sah sie ihn überrascht an.
„Das denke ich nicht. Es gehört eine ganze Portion Mut dazu, sich sieben Todessern in den Weg zu stellen.“
„Oder Dummheit“, erwiderte sie leise und sah zu ihm auf, in seine Augen, die in der Dunkelheit noch schwärzer waren, als sie es sonst zu sein schienen. Auch er blickte sie einen Moment lang an und keiner von beiden sprach ein Wort. In der Ferne fuhr ein Wagen vorbei, dessen Scheinwerfer für einen Moment die Büsche am Rand des Parks streifte und gleich wieder verschwunden waren. Dann wurde es wieder ruhig, nur die Grillen zirpten ihr vergnügtes leises Lied.
Unmerklich hob er seine Hand und stricht eine Haarsträhne, welche der Wind immer wieder vor ihre Augen wehte, hinter ihr Ohr, wobei seine Finger zart ihre Wange berührten.
Ein sanfter Schauer rann über ihre Haut und sie holte Luft um etwas zu sagen, das sie im selben Moment schon wieder vergessen hatte.
Plötzlich, mit einer jähen Bewegung, hatte Snape seinen Zauberstab gezogen und richtete ihn in die Dunkelheit hinein. Doch keine zwei Sekunden später rannten nur zwei Katzen an ihnen vorbei, welche sich gegenseitig jagten.
„Dummes Getier“, murmelt er.
Seinen Zauberstab wieder einsteckend sah er zu Sisilia.
„Danke, dass Sie mir das erzählt haben. Es wird Zeit, dass ich wieder gehe. Geben Sie auf sich Acht“, sagt er leise und erhob sich. Auch Sisilia stand auf und ließ ihn nicht aus den Augen. Ihr Blick glitt über seine Gesicht, während der Wind immer wieder seine langsam länger werdenden Haare in sein Gesicht wehte.
Er war immer auf der Hut, immer angespannt. Kein Wunder, dass er so mitgenommen aussah. Irgendwie tat er ihr Leid, doch da war noch etwas, was sie sich nicht erklären konnte. Ein Gefühl, so als würde sie sich zu ihm … nein, das war nicht möglich. Was dachte sie da. Sie war übermüdet. Der Schock von heute Mittag saß noch ihn ihren Gliedern. Sie wendete den Blick ab und sah zum Weg hinüber.
“Ich werde schon aufpassen. Geben Sie auch auf sich Acht, ja?“
„Sie machen sich doch nicht etwa Sorgen um mich?“
„Doch das tue ich“, sagte sie nun leise und sie glaubte, ein kurzes Auffunkeln in seinen Augen zu erkennen. Doch es war so schnell wieder verloschen, wie es aufgeglommen war.
„Wir hören von einander“, sagte er nur noch, trat einen Schritt zurück und disapparierte.
„Dass Männer immer so schnell kommen und gehen müssen“, sagte sie leise zu sich selber und ging dann nachdenklich nach Hause.
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