
von Seraphin
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Kapitel 5: Einatmen - Ausatmen
Einatmen – Ausatmen.
Draco stand in der Eingangshalle von Malfoy Manor und starrte in den großen Spiegel, der an einer Säule gegenüber des Springbrunnens hing und betrachtete sich selbst.
Dünn, mittlerweile hoch gewachsen, das Gesicht weiß, spitz und bar jeder Emotion.
Es ging wieder los.
Sein Puls raste, seine Handflächen kribbelten und mit jedem neuem Atemzug konnte er sein Herz schneller und schneller gegen seinen Brustkorb hämmern fühlen. Ein wenig, als würde er sich aufblasen, so fühlte er sich, wie er immer tiefer einatmete und versuchte, die aufkeimende Angst dadurch hinunterzuschlucken.
Er war nicht allein. Die Eingangstür öffnete sich und er hörte das polternde Getrampel schwerer Füße, die hinter ihm die Treppe hochgingen und in den Salon hinein und wieder hinaustrampelten.
Aufgeregte Stimmen erfüllten die Aula, doch er konnte nichts von dem verstehen, was sie sagten. Manche der Leute waren so nahe, dass sie ihn im Vorübergehen streiften und doch fühlte er sich ihnen so fern, als stünde er in einer anderen Dimension. Sein Mund war trocken, seine Augen brannten und doch war ihm nicht heiß. Kalt war ihm jedoch auch nicht, er fühlte einfach gar nichts. Sein ganzer Körper war betäubt, unfähig, irgendetwas wahrzunehmen. Im Grunde hätte man es eine Trance nennen können, in die Draco in dem Moment gefallen war, in dem er vor den Spiegel getreten war, um sich anzustarren.
Vermutlich lag es an den Drogen, die auf Voldemorts Geheiß hin an die Todesser verabreicht worden waren.
Einatmen – Ausatmen.
Sie waren nicht zu stark, man sollte ja hinterher noch kämpfen können. Severus Snape war ein Meister seines Faches. Voldemort wusste, dass er es schaffen würde, etwas der Lage Angemessenes zuzubereiten. Die Pillen wirkten angsthemmend und aufputschend. Vielleicht waren die Leute ja deswegen hier alle so aufgeregt und rastlos. Vermutlich konnte deswegen niemand auch nur zwei Sekunden am gleichen Fleck stehen bleiben oder in normaler Lautstärke sprechen.
Einatmen – Ausatmen.
Möglich. Möglicherweise lag es auch an der Aussicht auf den Tod, dem sie nun entweder entgegengehen oder den sie mit sich bringen sollten.
Ja. Draco nickte seinem Spiegelbild zu. Die erste Bewegung seit vielleicht fünf Minuten. Der Tod war unter ihnen, versteckte sich noch im Zauberstab des ein oder anderen, in manchen Herzen hatte er ganz sicher schon Einzug gehalten. Dort saß er und lauerte auf die Opfer, die ihm heute gewiss waren. Ja, einmal mehr sollte Draco den Tod bringen und hier, in der Aula seines Elternhauses, fühlte er nichts, gar nichts.
Nur seinen rasenden Puls, sein pochendes Herz und das Kribbeln, das sich von den Handinnenflächen den Arm hinaufzog, sich quer über den Brustkorb ausbreitete, in seine Leisten schoss und selbst in den Kniekehlen noch als unangenehmes Prickeln zu spüren war.
Einatmen – Ausatmen.
Irgendjemand lachte hinter ihm. Kein fröhliches Lachen, das von einem Menschen stammte, der gerade einen lustigen Witz gehört hatte oder eine spaßige Anekdote zum Besten gab. Es war das überdrehte, aufgeputschte Gekicher eines Menschen, der vor Nervosität zu platzen drohte und der etwas so völlig überflüssiges wie Gelächter von sich gab, um ein klein wenig der Spannung, die sie alle innerlich zu zerreißen drohte, abzubauen.
Erneut betrachtete er sich im Spiegel und konnte nicht glauben, was er dort sah. Als würde er jetzt erst bemerken, worin er gekleidet war, starrte er auf ein buntes T-Shirt, viel zu weite knielange Stoffhosen, Sandalen und eine Baseballmütze, die an ihm einfach nur fremd und lächerlich aussah.
Das Bild seiner selbst im Spiegel verschwamm und stattdessen fokussierte er die hohe, schwarz gekleidete Person, die im Hintergrund einer Schlange gleich durch die Halle glitt und dem einen oder anderen Todesser leise Worte zuflüsterte.
Langsam, fast mechanisch, drehte Draco sich um und beobachtete nun mit eigenen Augen, wie Voldemort sich dicht zu Snape und seinem Vater hinüberbeugte, um ihnen letzte Anweisungen zu erteilen. Im Gegensatz zu ihm trugen sein Vater und Snape Nadelstreifenanzüge. Das war zwar nicht ganz so lächerlich, doch auch an ihnen wirkte die Muggelkleidung fremd und falsch.
Die beiden Männer wirkten vollkommen ruhig. Eine echte Ruhe, nicht diese dissoziative Betäubung, die Draco im Moment empfand. Am Rande seines Bewusstseins wunderte er sich darüber, dass Bellatrix Jeans und eine enges Top trug. Ein klein wenig seltsam war auch, dass auch alle anderen Personen, die so aufgewühlt in der Aula herumwuselten, Muggelkleidung trugen.
Draco schwankte leicht und riss seine halb zugefallenen Augen auf, bemüht, nicht allzu high auszusehen. Voldemort selbst trug Schwarz, vielleicht fiel ihm auch deswegen erst jetzt auf, dass der dunkle Lord keine Robe, sondern einen Anzug trug.
Einatmen – Ausatmen.
Voldemort gestikulierte in der Luft, schien etwas sehr Wichtiges zu erklären. Dann deutete er auf die langen, schwarzen Gegenstände, die vor Lucius’ und Severus’ Füßen lagen. Draco wusste nicht mehr so genau, wie man diese Dinger nannte, aber er hatte gelernt, wie man sie benutzte.
Gestern hatte ihm Bellatrix, nur Merlin wusste, warum sie sich mit solchen Dingen auskannte, Unterricht darin gegeben. Besonders gut war er nicht, doch Bellatrix und Voldemort, der ebenfalls zugesehen hatte, fanden das weniger bedenklich. Es wäre nicht so wichtig wen oder was er an seinem Einsatzort traf, nur, dass er schoss. Wahrscheinlich wäre es Voldemort sogar recht, wenn die Todesser nicht zu gut zielten, da er dadurch gleich beweisen konnte, wie unterlegen diese Muggel-Waffe doch dem Zauberstab waren.
Seine Gedanken glitten ab. Es ging ihm jetzt ein wenig besser. Er fühlte sich leichter und die eben noch nur gedämpft wahrnehmbaren Geräusche wirkten nunmehr lebendiger.
Er hatte Hunger. Mit seligem Grinsen im Gesicht dachte er daran, dass Mutter ihm versprochen hatte, dass es heute Abend sein Lieblingsessen geben sollte. Zudem auch noch Mousse au Chocolat und fünf Sorten Eiscreme mit Sahne zum Nachtisch.
Lecker!
Draco schloss die Augen und während seine Zunge sanft über die leicht geöffneten, farblosen Lippen glitt, versuchte er sich den Geschmack von Himbeereis zu vergegenwärtigen. Himbeereis. Süß, doch nicht zu sehr. Ein wenig herb und eine Note sauer. Er musste immer kurz die Augen schließen, wenn er einen Bissen gegessen hatte und das kalte, herbe Eis auf seiner Zunge gleichermaßen brannte wie kühlte.
Wundervoll.
Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, als er sich nun auch noch weiche, zuckersüße Sahne vorstellte. Steif geschlagene Sahne, die sich wie ein dünner Film auf seiner Zunge verteilte, wenn sie in seinem Mund zerfloss. Draco mochte Sahne sehr gerne. Man sah es ihm nicht an, vor allem jetzt nicht, da er die meiste Zeit keinen Bissen herunterbrachte, doch freute er sich sehr auf das bevorstehende üppige Abendessen.
Er freute sich auf das Schöne, was ihn heute Abend erwarteten würde, sobald er zu Hause war.
Pistole. Ach ja… so hießen die Dinger.
Voldemort hatte die Todesser mit Pistolen ausgestattet, hatte sie im Gebrauch dieser Muggelwaffen unterrichten lassen und sie dann dazu aufgefordert, morgen, also heute, auf alles zu schießen, was ihnen in den Weg kommen sollte.
Einatmen – Ausatmen.
Voldemort hatte sich von Lucius abgewandt und ging mit weiten Schritten auf Draco zu. Sein Körper verspannte sich, unwillkürlich beugte er den Rücken leicht nach hinten, als Voldemort bei ihm stand und ihm die Hand auf die Schulter legte.
Irritiert stellte Draco fest, dass das rechte Auge des dunklen Lords ein klein wenig größer war als das linke. Auch die geschlitzten Pupillen waren nicht absolut gleich breit. Eventuell lag es daran, dass das Licht von der linken Seite her einfiel, und deswegen die linke Pupille dünner schien.
Voldemort war weiß. Nicht blass wie Draco, sondern richtig weiß. Wie konnte jemand, der so blass war, sich selbst den dunklen Lord nennen?
Die Droge begann zu wirken. Dracos Körper entspannte sich ein wenig, seine Atmung wurde ruhiger und das Kribbeln in den Händen ließ nach. Ob Lord Voldemort wütend werden würde, wenn Draco ihn Schneemann nannte?
Voldemorts Züge waren starr, nahezu emotionslos, wie immer, doch er klang sanft und freundlich. „Bist du bereit, Draco?“
„Ja, Meister.“ Seine Stimme klang schleppend und mechanisch. Wie ein Roboter oder eine Maschine. Eine Maschine, so leblos, emotionslos und fremd. Voldemort unterhielt sich nicht mit einem Menschen, sondern mit einem Apparat. Genauso gut hätte sich der dunkle Lord nun auch mit einer Waschmaschine oder einem Anrufbeantworter unterhalten können, als er sprach:
„Du wirst dein Bestes tun, Draco. Nicht wahr? Ich weiß, dass dich viele hier für ein schwaches Kind halten, aber ich weiß auch, dass du zu großen Dingen fähig bist. Nicht wahr?“
Einatmen – Ausatmen.
Der automatische Draco-Beantworter, auf dessen Schulter Voldemort eben den Einschaltknopf gedrückt hatte, sprach gehorsam: „Ja, Mylord.“
Voldemort krallte seine dürren Finger in Dracos Schulter, zog ihn zu sich und drückte Dracos Rücken an seine Brust, hob seinen Arm und deutete auf eine Gruppe von Todessern, die zuvor kichernd in Dracos Richtung gesehen hatten. „Siehst du Travers und Rookwood da hinten? Sie sagten mir, dass sie glauben, du wärest nicht in der Lage, deinen Auftrag zu erfüllen. Und da drüben “, Voldemort drehte ihn herum (einen kurzen Moment erhaschte er einen Blick auf seinen Vater, dem das Entsetzen in den Augen geschrieben stand, als er den dunklen Lord mit seinem Sohn sprechen sah) und deutete nun in Richtung Peter Pettigrews, den Draco nicht wie alle anderen Wurmschwanz nennen durfte. „Und denk dir nur, Wurmschwanz da hinten hat mir gegenüber seine Sorge geäußert, dass du vor Angst wegrennen könntest, falls Auroren hinzustoßen würden. Aber das wirst du doch nicht tun, oder?“
„Niemals, Mylord.“ Draco schüttelte entschlossen den Kopf. „Ich werde Euch nicht enttäuschen, Meister. Ich bin ein guter Diener, ich werde es allen beweisen.“
Voldemorts dünner Mund kräuselte sich zu einem Lächeln, das vermutlich aufmunternd sein sollte. Er ließ von Draco ab, tätschelte noch einmal seine Schulter und verabschiedete sich mit den Worten. „Ich weiß, Draco. Du wirst ein guter Diener sein. Ich vertraue deiner Loyalität. Du wirst tun, was ich dir auftrage, nicht wahr?“
„Natürlich.“ Draco straffte sich und hob das Kinn, seine Wangen verfärbten sich leicht rosa, als ihm klar wurde, dass er soeben ein Vier-Augen-Gespräch mit dem dunklen Lord, der ihm persönlich Mut einflößen wollte, führte.
„Gut Draco, dann höre zu. Severus wird nachher Vielsafttrank an alle ausgeben. Dir ist bewusst, dass die Wirkung nach einer Stunde vergeht?“
Draco nickte.
„Gut. Es ist sehr wichtig, dass ihr von niemandem erkannt werdet. Siehst du einen anderen Todesser, der verletzt ist und nicht mitgenommen werden kann oder der von Auroren gefangen genommen wird, dann töte ihn.“
Dracos Eingeweide zogen sich zusammen, seine Hände kribbelten erneut und seine Nackenhaare sträubten sich.
Einatmen – Ausatmen.
Heute Abend, wenn er zurückkam und geduscht hatte – oder sollte er sich nicht doch ein entspannendes Schaumbad gönnen? - würde er Himbeereis essen.
„Ja, Meister.“ Draco neigte den Kopf und schluckte die brennende Magensäure hinunter, die ihm eben durch die Speiseröhre in den Mund gestiegen war.
Voldemort hatte die Maschine angestellt, und auf den „Töten“-Knopf gedrückt.
Xxx
„Meinst du, wir sollten Neville etwas mitbringen?“ Hermine betrachtete nachdenklich die Familienpackung Kotzpastillen, die sie sich gerade aus einem Regal in Fred und Georges Laden geangelt hatte.
„Glaubst du wirklich, dass er sich darüber freuen würde?“ Ron umfasste ihre Taille von hinten, zog sie an sich und lehnte sein Kinn gegen ihre Schläfe. Hermine schlug genervt gegen Rons Stirn, doch sie wies ihn nicht ab, sondern nahm seine Hände und faltete sie, mit ihren verkreuzt, vor ihrem Bauch zu einer engen Umarmung zusammen.
„Ich will ihm natürlich keine Kotzpastillen schenken“, belehrte sie ihn genervt und verpasste Harry, der interessierte Blicke auf ein Regal mit „Sieh’ sie nur in Unterwäsche-Brillen“ warf, einen Klaps auf den Hinterkopf. „Nein ernsthaft. Ich meine… St. Mungo, was da passiert ist und wir wissen doch…“
Sie biss sich auf die Lippen und ihr Blick bohrte sich herausfordernd in die grünen Augen, die sie nun endlich mit ungeteilter Aufmerksamkeit musterten.
„Er hat ja nie groß herumerzählt, dass seine Eltern dort sind. Aber trotzdem… wir wissen es doch und jetzt…“, Sie zuckte die Achseln und hörte, wie Ron hinter ihr schwer schluckte.
Harry senkte den Kopf und griff nach einer Packung „Nie-mehr-Regelbeschwerden-Zauber“, drehte und wendete die kleine Schachtel, als würde es ihn ernsthaft interessieren, was er in den Händen hielt. „Ich denke schon. Wir können nicht so tun, als wüssten wir es nicht. Aber wir sollten mit ihm nicht vor anderen darüber sprechen. Er soll selbst entscheiden, ob er darüber reden will.“ Er warf die Schachtel angeekelt weg, als er die Aufschrift gelesen hatte, und grapschte stattdessen nach dem Nächstbesten, was er von dem Regal hinter sich zu fassen bekam.
Sie standen dicht an einem Schaufenster, weit hinten im Laden. Freds und Georges Privatraum war ihnen gegenüber, doch im Gegensatz zu ihrem letzten Besuch vor einem Jahr war das Geschäft heute eher mau.
Fred hatte auf der Hochzeit erzählt, dass sie ihre Assistentin entlassen mussten. Es war ja nicht wirklich verwunderlich und im Vergleich zu den anderen Geschäften in der Winkelgasse ging es Weasleys Zauberhaften Zauberscherzen auch noch relativ gut, doch auch hier machte sich die angstvolle Atmosphäre, die vom ganzen Land Besitz ergriffen hatte, deutlich bemerkbar.
Menschen verschwanden, Todesser sorgten für Angst, Lord Voldemort marschierte frei durchs Land und tötete jeden, der ihm vor die Füße kam. Und nun machten sogar schon Muggel jagt auf Magier. In solch wirren Zeiten hatten die Menschen einfach andere Sorgen und andere Bedürfnisse als Feuerwerk, spaßige Krankheiten und Schul-Schummel-Ratgeber.
„Wie wär’s mit Blumen?“, schlug Ron vor. „Neville mag doch Pflanzen.“
„Weiß nicht, ihm ein paar Blumen in die Hand zu drücken, wäre doch etwas platt. Oder?“ Harry schüttelte nachdenklich den Kopf und schüttelte ein Parfüm, das garantiert jede Frau in ein hemmungsloses, triebgesteuertes Raubtier verwandeln sollte. „Für anspruchsvolle Herren“ stand auf der Packung.
Hermine rollte mit den Augen, nahm sie Harry aus der Hand und stellte sie zurück ins Regal. „Also, wir fangen einfach mal mit einer Karte an. Irgendwas Nettes, ich muss nachher eh noch zu Florish & Blotts, da kann ich auch noch mal gucken, ob ich was Taktvolles finde.“
„Seit wann haben die denn Kondolenzkarten?“ Ron ließ von ihr ab und angelte vom obersten Regal einen Spiegel herunter, der seiner Aufschrift nach garantiert nicht Falten, Pickel und Doppelkinn zeigte.
„Schon immer.“ Hermine stemmte die Hände in die Hüfte und schüttelte tadelnd den Kopf. „Hast du dich da drinnen noch nie umgesehen?“
„Nö… Bücher kauft immer Mum.“ Ron zuckte gelassen mit den Achseln, machte eine wegwerfende Bewegung und deutete hinter sich in Richtung Mrs. Weasley, die mit ihrem Mann neben der Kasse stand und sich mit ernstem Gesicht mit den Zwillingen unterhielt.
Neben, vor und hinter sich hatte sie Bücher aufgestapelt. Alles schon fertig vorbereitet, da sie gleich zusammen mit Arthur durch den Kamin zurück zum Grimmauldplatz flohen würde. Ron biss sich auf die Lippen und drehte sich weg. Was immer auch seine Mutter dazu brachte, sich schon wieder die geröteten Augen mit einem Taschentuch abzuwischen, er wollte es nicht hören.
Ginny umarmte ihre Eltern und kam mit hängendem Kopf zu der Dreiergruppe dazu. „Sie hat mit einem Arzt geredet.“ Ginny ruckte den Kopf in Richtung ihrer Eltern. „Der sagt, man könnte wahrscheinlich nichts mehr machen. Nach so langer Zeit wäre es praktisch unmöglich, Füße nachwachsen zu lassen. Und… na ja. Dad war heute Morgen kurz im Ministerium, um mit Percy zu reden.“
„Und?“ Ron glitt ein Paar zehenbeißende Socken aus der Hand. Diese Information wollte er wohl doch nicht ignorieren.
„Na, nichts.“ Ginny schüttelte abschätzend den Kopf und ließ sich in Harrys ausgestreckte Arme fallen. „Er war bei ihm und der Trottel hat gar nicht zugehört. Dad hat geredet und geredet und Percy hat ihn nicht einmal angesehen. Als Dad fertig war, ist er einfach aufgestanden und aus dem Zimmer gegangen.“
„Na, immerhin hat er bis zum Ende zugehört. Ist ja irgendwie schon ein Fortschritt, oder?“ Ron lächelte matt und hielt Hermine ein paar „Betör-sie-für-Stunden“-Blumen unter die Nase, die diese mit seligem Lächeln an sich drückte.
„Hat er dort eigentlich was anderes gehört? Ihr wisst schon, etwas Neues?“ Harry riss Hermine die Blumen aus der Hand, als diese nun auch noch leise zu summen begann.
Ginnys Augen huschten zu Hermine, als würde sie abwägen, was sie sagen konnte und was nicht. „Nein.“ Sie schüttelte den Kopf und biss sich auf die Lippen. „Aber das haben wir ja auch nicht erwartet, oder? Wenn tatsächlich Voldemort samt Anhang hinter dieser Muggel-Organisation steht, dann wird er die Leute nicht selbst auf seine Spur bringen, oder?“
„Wir müssen etwas tun. Bald.“ Harry hatte die Stimme gesenkt und flüsterte nur noch. Die anderen Vier steckten die Köpfe enger zusammen. „Er wird sich noch wundern.“
„Wovon redest du eigentlich?“ Immer noch, obwohl sie nun schon fünf Tage mit den anderen im Grimmauldplatz zusammen war, wollte niemand Hermine sagen, was all diese Andeutungen und immer wieder eingestreuten Drohungen gegen Voldemort eigentlich bedeuteten sollten.
Doch Harry biss sich nur schon wieder auf die Lippen, die mittlerweile schon ganz übersät waren von blutigen Krusten und schüttelte den Kopf. „Ich… nicht hier. Vielleicht heute Abend. Aber…“
„Warum nicht hier? Seit Tagen ergeht ihr euch in Andeutungen und Anspielungen. Ich will endlich wissen, wovon ihr redet“, zischte Hermine wütend und einen Tick zu laut.
Die Köpfe der wenigen Kunden im Laden wandten sich zu ihr um. Hermine zog eine Grimasse und machte eine abwehrende Handbewegung, bedeutete ihnen, sich wieder umzudrehen.
„Nicht hier. Das geht einfach nicht, wenn so viele Leute da sind“, quetschte Ron zwischen kaum geöffneten Zähnen heraus. „Und… es ist schwierig. Wir wollten es dir schon längst sagen aber… es ist so schwierig.“
Hermine bückte sich und griff nach der neben ihr abgestellten Umhängetasche, warf sie sich über die Schulter und entgegnete kühl. „Dann nutzt die Zeit, in der ich weg bin, und denkt darüber nach. Ich lasse mich nicht noch länger vertrösten.“
Harry seufzte schwer und nickte. „Gut, aber heute Abend und… Hermine“, er sah sich kurz nach allen Seiten um, griff unter seinen etwas weit fallenden Pullover und zog den silbrigen, fluoreszierenden Tarnumhang hervor, den er ihr in einer hastigen Bewegung total zerknautscht in ihre Tasche stopfte. „Pass auf! Eigentlich sollte niemand mehr alleine irgendwohin gehen.“
Sie nickte, doch nicht ohne mit den Augen zu rollen. Das gerade er ihr eintrichtern wollte, vorsichtiger zu sein. Gerade er.
„Was genau suchst du eigentlich bei Florish & Blotts?“
„Prüfungsmaterialien, Ron. Wenn wir jetzt doch wieder in die Schule gehen, will ich wenigstens optimal dafür vorbereitet sein.“
„Aber die Prüfungen sind doch erst nächsten Juni.“ Rons Protest wurde von Hermine mit einer zynisch angehobenen Augenbraue quittiert. „Eben“, antwortete sie bestimmt, als ob es die lächerlichste Sache der Welt sei, eine solche Frage zu stellen. „Nur noch knapp zehn Monate. Also höchste Zeit. Tja…“, sie gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange und ging schon ein paar Schritte in Richtung Tür. „Und denkt darüber nach, was wir Neville noch schenken können. Vielleicht helfen ihm ja ein paar aufmunternde Bücher. Ich guck mal… ihr könnt ja auch überlegen, aber eigentlich würde ich nicht hier suchen. Oh, entschuldige Fred, äh George, äh“, sie wedelte mit der Hand. „Egal wer du bist. Jedenfalls überlegt mal, was wir ihm ohne großes Aufsehen schenken können, was ihn aber trotzdem ein bisschen aufheitern könnte und wodurch er erkennt, was er für uns ist.“
Sie drehte sich um, hob die Hand und winkte zum Abschied und entschwand durch die Tür, hinter der sie sich Sekunden später auf mysteriöse Weise in Luft auflöste.
Statt gleich zu gehen, blieb sie vor der Glastür des Ladens stehen, um die Gelegenheit zu nutzen, die ihr der Tarnumhang und die heimlich von Fred/George entwendeten Langziehohren auszuprobieren. Sie rollte die rosa Schnur aus und folgte voll Neugierde dem, was ihre Freunde ohne sie besprachen.
Sie sah Ron drinnen stehen, der grinsend den Kopf schüttelte und sich Harry und Ginny zuwandte. „Irre, oder? Gibt es überhaupt etwas, in dem sie nicht perfekt ist?“
„Nichts!“, bestätigte Harry, der sich nervös durch die strubbeligen Haare fuhr. „Das ist ja das Problem. Sie wird von unseren Plänen nicht begeistert sein, oder?“
Sie wollte eigentlich weiter lauschen, doch in dem Moment kamen Fred und George zur Tür, um draußen einige Werbeplakate aufzuhängen. So rollte sie die Schnur wieder ein und ging, mit mehr Fragen als Antworten im Kopf.
Xxx
Im Grunde genommen war es gar nicht so schwer zu tun was Voldemort wollte, solange man nicht darüber nachdachte.
Der Adrenalinkick blieb nicht aus, als Draco bewaffnet zwischen den johlenden, sich gegenseitig aufstachelnden Todessern stand und seine Dosis Vielsafttrank in einem Zug herunterkippte. Dort, sicher, umgeben von Gleichgesinnten, oder zumindest „Mitarbeitern“, aufgeputscht von Drogen und der mit Gewalt aufgeladenen Atmosphäre fühlte er sich stark, zu allem bereit und groß, als Voldemort seine Leute mit einer letzten Ansprache losschickte.
Er selbst ging nicht mit, da er jedoch auch einen Kelch mit Vielsafttrank in den Händen hielt sowie, im Gegensatz zu den meisten anderen, auch nicht wie ein sonnensüchtiger Tourist gekleidet war, war sein Ziel wohl ein anderes.
Wohin, würde Draco wohl nicht erfahren, doch jetzt im Moment war es ihm auch egal. Er schrie, schwenkte die Waffe durch die Luft und ging in den Salon, um vom dort stehenden Kamin aus seine Reise in die Winkelgasse anzutreten.
Xxx
Hermine sah sich noch einmal vorsichtig um, dann huschte sie in einen schmalen Gang, kaum breiter als fünfzig Zentimeter, der Florish & Blotts von Madame Malkins trennte, riss sich den Tarnumhang herunter und stopfte ihn mit fahrigen Bewegungen in ihre Umhängetasche.
Sie spähte vorsichtig um die Ecke, ob auch niemand die junge Frau bemerkte, die sich aus dem dünnen Spalt heraus stahl. Nein.
Hermine atmete befreit auf, als sie endlich die Türen des Ladens mit leisem Klingeln hinter sich zufallen hörte. Alles hier liebte sie. Den Geruch nach Büchern, das Gefühl des Pergamentes unter ihren Fingern, das Geräusch umgeblätterter Seiten und die leisen Gespräche der Kunden, die sich über ein besonderes Buch unterhielten.
Sie liebte sogar die Menschen, die in dieser Pracht arbeiten durften, da sie Hermine das bieten konnten, was neben Ron die größte Anziehungskraft auf sie ausübte.
Beschriebenes Pergament.
Ihre Finger glitten über einen Stapel in schwarzem Schweinsleder gebundener Folianten, während sie an langen, bis zur Decke mit Büchern vollgestopften Regalen vorbei schritt. Arithmantikbücher standen immer weit hinten im Laden. Kaum jemand liebte dieses Fach. Mit diesen Büchern machte man nicht solch ein Geschäft wie mit Verwandlungsbüchern… oder Büchern zur Verteidigung gegen die dunklen Künste. Doch Hermine liebte dieses Arithmantik.
Sie war schon so oft hier im Laden gewesen und kannte den Weg. Weit hinten, an vielen Regalen voll Meisterwerken und Schätzen vorbei. Wundervoll, dort, wo sie sich nun in Ruhe hinsetzen und ihrer Sucht frönen konnte.
Harry und Ron würden schon wissen, wo sie sie suchen mussten, falls sie beim Stöbern die Zeit vergessen sollte.
Xxx
Draco war in den letzten Minuten um dreißig Jahre gealtert. Er hatte einen Bierbauch, eine Vollglatze und Haare an Stellen, die er bisher nicht für möglich gehalten hätte. Zwischen den Zehen zum Beispiel, wie er voll Gruseln bemerkte, als er auf seine käseweißen Füße hinabschaute, die schwitzend und feucht in den hässlichen Badeschlappen herumrutschten.
Nervös spähte er auf das gewaltige Rolex-Imitat an seinem Handgelenk hinunter. Fünf vor Zwölf. Genau um zwölf Uhr sollten sie loslegen. Nun, da nur noch so wenig Zeit war, fühlte er die Angst und die Nervosität doch wieder langsam in sich aufsteigen. Die Unsicherheit krallte sich in seine Eingeweide, kroch in ihn hinein und nahm mehr und mehr Besitz von ihm.
Nicht nachdenken. Alles, bloß das nicht. Nur wenn er nachdachte, war es schlimm.
Einatmen – Ausatmen.
Der Mann, dessen Haare in seinen Vielsafttrank gemischt worden waren, war offensichtlich nicht sehr sportlich. Draco fiel die Treppe, die hinauf zur Gringottsbank führte, schwer wie nie. Er schnaufte schwer und angeekelt von sich selbst merkte er, wie sich feuchte, dunkle Schweißflecken unter seinen Achselhöhlen bildeten. So warm war es doch heute gar nicht.
Er sah erneut auf seinen haarigen Arm. Noch vier Minuten. Zum tausendsten Mal in den letzten fünf Minuten glitt seine Hand zu der Pistole, die er sich in den Bund seiner Hose gesteckt hatte.
Man hatte ihm zwar gezeigt, wie man die Waffe sichern konnte, doch trotzdem misstraute er dieser Muggeltechnik. Womöglich reichte eine falsche Bewegung, damit er seine Beine verlor.
Er schluckte, streckte seinen Arm aus und keuchte so schwer, dass er den Griff wieder loslassen musste und sich stattdessen gebeugt auf seine Knie stützte, um sich vom beschwerlichen Aufstieg zu erholen. Der Muggel neben ihm, Travers, schenkte ihm ein verächtliches Grinsen und öffnete mit spöttischem Diener die Tür. Travers, oder wer auch immer, hatte gut lachen. Im Gegensatz zu Draco hatte er sich in einen jungen, sportlichen Mann verwandeln dürfen.
Nun ja, Draco hätte es auch schlechter treffen können. Der dunkle Lord musste wirklich wütend auf Bellatrix sein, die durfte sich nämlich gleich wieder umziehen, nachdem sie den Vielsafttrank getrunken hatte, da Voldemort ihr die Gestalt eines etwa achtjährigen Mädchens zugestanden hatte.
Draco lächelte, als er sich an das Gesicht seiner Tante erinnerte, die unter Voldemorts spöttischem Blick nur mit Mühe hatte an sich halten können, um nicht vor Wut zu platzen, als Snape ihr ein Blümchenkleid in Größe 134 überreichte. Er hatte es sich nicht mal nehmen lassen, ihr danach noch einen knallrosa Haarreif ins blonde Haar zu stecken.
Sie hatte aber auch wirklich entzückend ausgesehen. Immer noch… Draco wandte sich um und grinste, als er das am grimmigsten dreinschauende kleine Mädchen seines Lebens sah, das auf seine Barbie-Uhr sah und danach zu Madame Malkins in den Laden hineinstapfte.
Ein Mädchen, das mit einer Uzi bewaffnet war und dort drinnen gleich ein Massaker anrichten würde.
Noch drei Minuten.
Travers, oder wer auch immer, war neben ihm nicht der einzige Muggel in der Zaubererbank. Weiter hinten neben einem Schalter stand ein weiterer Tourist und blätterte gelangweilt wirkend durch ein Prospekt.
Einen kurzen Moment hob er die Augen, erspähte Draco, schenkte ihm ein verschwörerisches Lächeln, dann vertiefte es sich wieder in seine angebliche Lektüre.
Noch zwei Minuten.
Einatmen – Ausatmen.
Draco ging im Geiste noch einmal alle Anweisungen durch, die Mini-Bella vorhin an ihre Mit-Muggel erteilt hatte. Sie würden die Winkelgasse durch einen selten genutzten Kamin in der Nokturngasse betreten, sich dann an den ihnen zugewiesenen Punkten verteilen und sobald es zwölf Uhr mittags war, sollten sie wie die Irren um sich schießen.
Jegliche Art von Magie war ihnen untersagt. Solange sie sich in der Winkelgasse befanden, sollten sie sich wie Muggel, wütende, verrückte Muggel, benehmen. Sie sollten dann einige Minuten dort verharren, wo sie waren, so viel wie möglich zerstören und sich dann, weiter um sich schießend, zum Kamin von Florish & Blotts begeben.
Bei der Gelegenheit konnte der eine oder andere auch gleich ein paar Bücher für den dunklen Lord mitnehmen. Bildung konnte nie schaden, der Rest des Ladens sei zu verwüsten.
Sollte irgendjemand verletzt oder geschockt sein, sollte es ihm also nicht möglich sein rechtzeitig durch den Kamin bei Florish & Blotts wieder zurück zu ihrem ersten Treffpunkt zuentkommen, sollte er erschossen werden.
Da sich die Personen kurz vor 13 Uhr zurück verwandeln würden, hatte Bellatrix die Weisung ausgegeben, verletzte oder geschockte Todesser ins Gesicht zu schießen. Sie hatte Draco das gestern unter Voldemorts prüfenden Augen ausprobieren lassen.
Draco schwankte leicht, als er sich erinnerte.
Gut gezielt, blieb kein Kopf mehr übrig, den man hätte wiedererkennen können.
Einatmen – Ausatmen.
Noch fünfzig Sekunden. Dracos Augen verharrten auf dem Sekundenzeiger der Uhr, während er an die Worte dachte, die Snape ihm zugeflüstert hatte, bevor er zu der Gruppe zurückging, die mit Voldemort ein anderes Ziel ansteuern würde. „Du sollst schießen“, hatte er ihm zugeraunt und ihn etwas näher an sich herangezogen, damit kein anderer mithören konnte, „niemand hat gesagt, dass du treffen musst. Schieß auf den Zauberstabarm, wenn es gefährlich wird. Aber niemand hat gesagt, dass du töten musst.“
Zwölf Uhr.
Ein Schuss! Entsetzte Schreie und ehe Draco den Kopf heben konnte, wurde er auch schon von panisch flüchtenden Menschen gestoßen, die an ihn zur Seite drängten, um zur Tür zu kommen.
Der Muggel, der eben das Prospekt hinten am Ende der Halle gelesen hatte, stand nun in der Mitte und schoss auf alles, was ihm vor die Füße kam, während er sich um die eigene Achse drehte.
Draco sprang zur Seite und drückte sich hinter eine Säule. An ihm vorbei rannten Leute, die sich oder ihre kleinen Kinder in Sicherheit bringen wollten.
Draco drückte seinen fetten Hintern von der Säule weg und ein eiskalter Schauer überkam ihn, als er eine fremde, haarige Hand in seine Unterhose greifen fühlte. Es dauerte eine Weile bis sein auf Sparflamme arbeitendes Hirn begriff, dass es seine eigene Hand war, die die Pistole herauszog.
Niemand beachtete ihn. Er hob schützend die Arme vor die Augen, als direkt vor ihm Glasscheiben zersplitterten und sich kleine und größere aus der Scheibe herausplatzende Splitter in seinen Arm bohrten. Den Kopf gesenkt drehte er sich um zur Säule, ging in die Hocke und versuchte den Knopf zu finden, an dem er seine Waffe entsichern konnte. Immer wieder wurde er von flüchtenden und fallenden Menschen gestoßen, was es seinen ohnehin schon zitternden Händen nahezu unmöglich machte, die Waffe zu entsichern. Jemand stieß ihn an und fiel oder stolperte über seine Beine und blieb reglos auf seinen Fersen liegen.
Draco drehte sich nicht um, wollte nicht sehen. Solange er nicht nachdachte, nicht zu genau hinsah, war das alles gar nicht so schlimm.
Heute Abend würde es Himbeereis und ein warmes Schaumbad geben.
Heftig atmend stand er auf und trat hinter der Säule hervor. Sicherheitskräfte rannten Flüche abfeuernd durch die Halle, die sich innerhalb weniger Minuten in ein Schlachtfeld verwandelt hatte. Menschen lagen mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Manche saßen mit offenen, doch gebrochenen Augen an der Wand, einer - Draco wandte sich schnell ab - hatte ein großes Loch im Kopf.
Die Glasscheiben der Schalter waren zersplittert, Zierskulpturen waren umgestoßen, große und kleine Steinbrocken, die aus dem Mauerwerk herausgesprengt worden waren, kullerten über den Boden.
Draco zog den Kopf ein, als neben ihm ein Fluch vorbeischoss, der ein tiefes Loch in die Mauer hinter ihm sprengte.
Bevor er auf die Idee kommen konnte, wirklich darüber nachzudenken, was er tat, richtete er seine Waffe auf den Urheber des Fluches und zerschoss ihm das Schulterblatt. Gut… mit einem Gefühl der Erleichterung stellte er fest, dass es durchaus Parallelen gab zwischen dem Abfeuern eine Waffe und dem Abfeuern von Flüchen. So schlecht zielte er gar nicht.
Er duckte sich und rannte im Schutz einiger umgefallener Statuen und Pulte durch die Halle, über die dort verstreut liegenden Menschen, achtete nicht darauf, wenn er einem von ihnen auf die immer noch zuckenden Hände trat oder Gesichter unter seinen Schuhen fühlte . Er sah noch nicht mal hin, als er hinter einem Springbrunnen in die Knie ging, die Waffe in die Luft streckte und wild um sich zu schießen begann. Solange er nicht sah wenn oder was er traf, musste er heute Abend in der Wanne nicht darüber nachdenken.
Geistesgegenwärtig riss er den Arm herunter und zielte auf einen Mann, der von der anderen Seite der Halle schnell näher kam und seinen Zauberstab auf ihn richtete. Draco zielte auf dessen Arm, doch der Mann stolperte über eine verletzte, am Boden herumrobbende Frau und traf nicht den Arm sondern…
Schreie!
Draco drehte sich schnell um und presste sich die freie Hand vor den Mund, als saure Magensäure erneut seinen Mund überflutete. Seine Speiseröhre brannte und ihm war übel, es braucht nicht mehr viel und er würde sich übergeben müssen. Doch später, nicht jetzt, jetzt musste er zuerst die Kobolde stoppen, die dort hinten aus der Tür kamen.
Lichtblitze in allen Farben des Regenbogens schossen über seinen Kopf. Einer so nahe, dass die alberne Kappe heruntergerissen wurde. Draco bückte sich, um die Mütze aufzuheben und konnte einen Moment lang nicht an sich halten, als er einer neben ihm gestürzten Frau ins Gesicht sah, aus deren leeren Augenhöhlen Ströme von Blut flossen.
Vielleicht war es gut, dass er sich nun doch erbrechen musste. Seine gebeugte Haltung schützte ihn vor dem Fluch, der dort hinzielte, wo eben noch sein Kopf gewesen war.
Er merkte nicht, dass er weinte. Er hörte seine eigene Schreie nicht, als ihm schwarz vor Augen wurde und kam erst wieder richtig zu sich, als sein Kopf hart und schwer auf den Boden unter ihm knallte. Keine Zeit, sich vor dem Blut und dem Erbrochenen dort zu ekeln, keine Zeit darüber nachzudenken, wie viele Menschen hier außer ihm auf dem Boden der Halle lagen, die nicht wieder aufstehen würden.
Er robbte einige Meter vorwärts und verkroch sich hinter einer gestürzten Statue. Er war lange genug hier drinnen geblieben, die anderen Todesser hatten sicher gesehen, dass er geschossen hatte. Auf Händen und Knien krabbelte er über leblose Körper hinweg. Ein paar Meter vor ihm stand jemand, der wie ein Auror gekleidet war.
Draco hob die Pistole und zielte, der Auror kippte zur Seite. Sicher bewusstlos, man konnte ja nie wissen, welchen Schaden diese Muggelwaffen anrichteten. Darüber wollte er jetzt aber auch nicht nachdenken, denn eine glitschige Hand krallte sich um seine Ferse und versuchte, sie zurückzuziehen. Draco, sein Bein loszureißen. Als das immer noch nicht half, trat er so fest er konnte nach hinten aus und kroch weiter, als die erschlaffte Hand von ihm abließ.
Nicht schlimm, alles gar nicht schlimm, wenn man nicht darüber nachdachte und nicht hinsah.
Einatmen - Ausatmen.
Er war jetzt ganz nahe am Ausgang. Noch immer war es zu früh, um zum Treffpunkt zu flohen, aber vielleicht könnte er ja dennoch schon zu Florish & Blotts gehen und dort warten? Hinter einer Säule richtete er sich auf. Nur noch wenige Meter bis zur in Trümmern liegenden Tür. Auroren und andere Sicherheitskräfte stürmten durch den Saal, doch direkt vor der Tür stand niemand.
Sie hatten nicht genug Leute. Sonnenklar, dass diese arroganten Menschen dachten, hier, in ihrem Zentrum, könnten sie dem langen Arm des Lords entgehen.
Wie naiv.
Er duckte sich und spähte noch einmal vorsichtig hinter sich, ob ihm auch niemand folgte. Nein, die Welt ging zwar gerade unter, doch waren die Leute zu sehr damit beschäftigt zu sterben oder zu töten, als dass sie ihm hätten Aufmerksamkeit schenken können. So leise wie möglich, eigentlich albern, bei dem Krach hörte ihn eh niemand, huschte er zur nächsten Säule. Nur noch zwei Meter bis zur Tür, er müsste sich nur einmal umsehen, dann könnte er…
… seine Füße stießen gegen etwas Weiches. Dracos Blick fiel nach unten. Zwischen ihm und der Tür lag der erstarrte Körper des Muggels, den er für Travers hielt. Ebenso starr wie der Todesser, den einer der Sicherheitsbeamten wohl mit der Ganzkörperklammer gelähmt hatte, betrachtete Draco den vor ihm liegenden Mann.
Lord Voldemort hatte keinen Zweifel daran gelassen, was er von ihm erwartete. Und wenn er einfach gehen würde? Er konnte doch einfach tun, als würde er ihn nicht sehen, denn soviel stand fest, Draco konnte den erstarrten Mann nicht unbemerkt zum Kamin bei Florish & Blotts bringen. Er musste ihn zurücklassen, aber genau das war ihnen verboten worden. Er war nicht ganz sicher, wie viele Todesser außer ihm hier in der Bank waren, alleine war er wohl nicht. Dennoch, Voldemort hatte ihn persönlich angesprochen, dass dies seine Aufgabe sein sollte.
Draco schluckte und hob die Waffe, zielte…
...drückte nicht ab… und ließ die Waffe wieder sinken. Sah er Erleichterung in den Augen des vermeintlichen Travers? Nein, bestimmt nicht. Er war versteinert, konnte sich nicht bewegen. Das redete er sich nur ein. Er musste einfach über ihn steigen und wegrennen. Sollte doch ein anderer tun, was er nicht tun wollte. Nicht um alles in der Welt.
Aber Voldemort würde erfahren, dass dieser Todesser, wer immer es auch war, gefangen genommen worden war. Draco bückte sich und packte den anderen am Kragen, versuchte, ihn nach oben zu ziehen, doch er war chancenlos, der starre Körper wog schwer wie Blei und war unhandlich wie die vielen Marmorstatuen, die auf dem Boden der Eingangshalle lagen. Er konnte ihn nicht mitnehmen. Er war einfach zu schwer, wie sehr Draco auch an ihm zog und zerrte. Heftig atmend ließ er den Körper wieder fallen.
Sein Blick fiel wieder auf seine Waffe. Voldemort würde jeden, der in der Bank gewesen war, fragen, wie ein Todesser mitgenommen werden konnte. Er würde auch Draco fragen und Draco hatte sich schon genug Fehler geleistet. Zu viele. Ebenso wie Dracos Eltern.
Er hob die Waffe erneut und richtete den Lauf auf das starre, unbekannte Gesicht.
Wenn man nicht hinsah, war alles gar nicht so schlimm.
Einatmen – Ausatmen.
Er drehte sein Gesicht weg, als er abdrückte.
Er sah nicht hin. Drehte sich auch nicht um, als er zur Tür stürzte, die Treppe hinunter hastete und, so schnell er konnte, in den Laden rannte, der der Bank am nächsten war.
Hekate Hyres Laden für herzallerliebste Hexenkindermode.
Niemand war hier. Kunden wie Personal hatten sich wohl in Sicherheit gebracht oder waren auf die Straße gerannt, um die Angreifer aufzuhalten. Niemand war da, der den schwerbäuchigen Mann sehen konnte, der sich hinter dem Tresen zusammenkauerte und sich die Hände auf die Ohren presste.
Vielleicht saß er eine Minute, fünf Minuten oder zwanzig Minuten dort, doch irgendwann hatte er sich wieder genug im Griff, um sich daran zu erinnern, dass er sich bald wieder in Draco Malfoy zurück verwandeln würde.
Es half nichts, er durfte nicht hierbleiben. Man durfte ihn nicht finden. Vor allem kein anderer Todesser, der der Meinung war, dass dieses Nervenbündel es nicht mehr zu Florish & Blotts zurückschaffen würde.
Direkt vor der Tür stand eine Hexe, die Schockzauber in alle Richtungen abfeuerte. Draco hob erneut die Waffe, und zielte auf ihren Arm. Nichts passierte, als er abdrückte.
Egal, wie viel er auch schüttelte, fluchte und die Waffe auf den Boden und an die Wand schlug, nichts zu machen. Konnten diese Muggel-Dinger irgendwann leer sein? Offensichtlich. Die Frau sah ihn und stürmte auf ihn los. In Ermangelung einer besseren Taktik stellte er ihr ein Bein und prügelte mit der Pistole auf ihren Kopf ein. Er ließ sie jammernd und blutend zurück, aber das war nur ein Kratzer. Sie würde bald wieder auf die Beine kommen und ihn suchen. Ganz sicher.
Menschen schrieen, drängten sich aneinander, Flüche schossen durch die Luft. Kugeln zerschmetterten Häuserfassaden und Leute, die Draco noch nie zuvor gesehen hatte, brachen vor ihm auf die Knie.
Keine Zeit. Er schubste sie beiseite, denn sein Ziel war nah. Nur noch wenige Meter vor ihm lag Florish & Blotts.
Draco rannte in den Laden, warf die Tür hinter sich zu und stürzte zu dem Kamin, auf dessen Sims unversehrt die Schale mit dem Flohpulver stand.
Im Vergleich zu den anderen Läden, an denen Draco vorbeigekommen war, wirkte Florish & Blotts relativ unbeschadet.
Einige Bücher lagen auf dem Boden, er entdeckte sogar Geldbörsen, die achtlos an der Kasse, an der er gerade vorbei ging, liegen gelassen worden waren. Hier und da lagen Geldstücke, Papierfetzen, die wie Quittungen aussahen, auf dem Boden, und weiter hinten, dort, wo Draco gerade hinging, lag ein Schnuller neben einem falsch herum einsortierten Buch in einem Regal.
Es schien nicht so, als ob hier gekämpft worden wäre. Viel eher erweckte der Laden den Eindruck, als ob die Leute, sobald sie die Unruhe auf der Straße bemerkten, alle hektisch durch den Kamin geflüchtet waren und dabei alles hatten liegen und stehen lassen.
Niemand war mehr hier. Der Kamin befand sich recht weit hinten im Laden. Draco sah ein grünliches Pulver auf dem Teppich vor dem Kamineinstieg liegen. Hektisch und unachtsam verstreut.
Draco hörte Schritte. Er drehte sah sich um und lauschte, wo die Schritte hergekommen waren. Ein wenig weiter weg, hinter einem Regal, lachte jemand. Ein kaltes, schnarrendes, tierisch anmutendes Lachen, das Draco die Nackenhaare zu Berge stehen ließ. Er musste nicht nachsehen, um zu wissen, dass es Greyback war, der offensichtlich auch nicht sofort zurückgefloht war, sondern sich hier im Laden noch ein Weilchen ablenken ließ.
Unwillkürlich sog Draco tief Luft durch die Nase ein und meinte, den erwarteten Geruch nach Fäulnis und Schweiß selbst von hier aus wahrzunehmen.
„So ein süßes Mädchen. Riecht so gut“, schnarrte der Werwolf heiser. Wie viel Uhr war es eigentlich? Der grausam vertrauten Stimme nach hatte sich Greyback ebenfalls wieder zurückverwandelt.
Da die Flohnetzwerke überwacht wurden hatte man die Todesser angewiesen, mehrere Kamine auf ihrer Reise zu durchqueren. Spätestens 13 Uhr sollten sich jedoch alle wieder im Manor einfinden. Draco sah an sich herunter, sah seinen dicken Bauch und die kaum darunter auszumachenden behaarten Füße. Es war also noch etwas Zeit, die Verwandlung hatte noch nicht begonnen. Vielleicht wirkte Vielsafttrank bei jemandem, der aus biologischen Gründen sowieso zur Gestalterwandung neigte anders, als bei richtigem Menschen wie ihm?
Aber das ging ihn ja eigentlich nichts an. Eine Frau schrie. Rote Blitze leuchteten durch die Lücken, die umgestürzte Bücher in dem Regal hinterlassen hatten. Etwas krachte, Draco hörte das Geräusch aus den Regalen herausfallender Bücher und wieder einen spitzen Schrei, dem höhnisches Gelächter folgte. „Was wirst du nun tun ohne Zauberstab? Komm doch her, Mädchen, und hol‘ ihn dir!“, triumphierte Greyback hinter seinem Regal.
Er hörte leise gewimmerte Flüche und das Getrappel schneller Füße, die offenbar gerade versuchten, irgendwie an dem Werwolf vorbeizukommen. Durch eine Bücherlücke im Regal sah Draco einen schmerzhaft vertrauten, braunen Haarschopf vorbeihuschen.
Sie schrie und Draco hörte, wie der Körper des Mädchens auf den Boden prallte. Er duckte sich etwas um durch ein anderes Loch im Regal sehen zu können und sah den Werwolf, der triumphierend über seinem Opfer stand, dem er den Zauberstab entwendet hatte. „Soll ich dir eine Körperklammer verpassen, meine Hübsche?“
Ein wenig näher, nur ein paar Schritte kam er näher, verborgen durch das Regal, das sie trennte. Der Werwolf hatte sich auf den Brustkorb des Mädchens gesetzt und strich der wild den Kopf hin und her werfenden jungen Frau über die Wange.
Ihre Haare waren wieder voll. Irgendjemand, wahrscheinlich sie selbst, hatte die verkohlten Stummel wieder in volles, braunes Wuschelhaar verwandelt. Ihre Füße schlugen hinter seinem Rücken auf dem Boden und der Werwolf kicherte, als er ihr ihren eigenen Zauberstab an die Kehle setzte. „Nein, ich denke ich werde dir keine Klammer verpassen. Ich mag es nicht, wenn die Frau so unbeteiligt ist.“
Das Schlammblut schrie schon wieder irgendetwas, doch weil Greyback so laut lachte und ihre Stimme so schrill war, konnte Draco es nicht verstehen. Noch einen Schritt ging er näher. Nun trennten sie eigentlich nur noch etwa einen Meter. Das Regal genau zwischen ihnen, konnte er durch die Lücken erkennen, dass der Werwolf seinen Gürtel auszog, ihren Körper, den er zwischen seinen Knien eingeklemmt hatte, anhob, umdrehte und ihr die Hände hinter dem Rücken zusammenband. Wirklich ekelhaft war, dass er nun seine Schuhe abstreifte und dem Mädchen seine dreckigen Socken in den Mund stopfte. Sie japste, zappelte und scharrte mit den Beinen, doch der nun wieder auf ihr sitzende, hünenhafte Mann war einfach zu schwer. Sie würde ihn nicht von sich herunterbekommen.
Aber was ging ihn, Draco, das an?
„Du riechst gut, Mädchen. Ich werde viel Spaß mit dir haben… auch hinterher.“
Draco lehnte sich zur Seite und presste seine Stirn an die Mauer neben sich. Ihm war übel von dem Gedanken, Greybacks stinkende Socken im Mund zu haben. Auch hier, wo er stand, stank der Mann schon genug. Wie ekelerregend musste dieser Geruch aus der Lage des Schlammblutes sein? Aber das ging ihn nichts an.
Zögerlich wandte Draco den Kopf ab und überlegte, dass er gehen sollte. Wenn er nun zurückging, hatte er seinen Auftrag korrekt ausgeführt und würde nicht Gefahr laufen, von irgendjemandem in seiner wahren Gestalt erkannt oder sogar gefangen genommen zu werden. Niemand war hier, der ihn aufhalten konnte. Er war ganz allein.
Abgesehen von Fenrir und dem Schlammblut, dessen Bluse er scharf zerreißen hörte. Er wagte noch einmal, durch die Buchreihen zu spähen und sah, wie der Werwolf seine Hand in seine aufgeknöpfte Hose steckte und sich selbst rieb. Er stöhnte kehlig.
Aber Draco konnte gehen.
Der Werwolf zog seine Hand aus seiner Hose wieder heraus und drückte seine Finger, die er eben an seinem Penis gehabt hatte, gegen die Nase des Mädchens.
Draco zuckte zusammen, als er hörte, wie der Werwolf dem Mädchen danach ein paar Mal sehr kräftig ins Gesicht schlug. Vermutlich, um sie ruhig zu stellen.
Sie zappelte jetzt nicht mehr so widerspenstig, sondern zitterte nur noch schwach. Draco konnte sie nicht ganz sehen. Nur etwa bis zur Hüfte, ihr Oberkörper war hinter einer Reihe dicker Bücher verborgen. Den Werwolf sah er auch nicht ganz, so groß waren die Lücken im Regal ja nicht. Er krabbelte auf den Knien rückwärts, und zog dem Mädchen grob Hose und Slip von den Beinen. Schwach wand sie sich, doch die Schläge hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Sie war zu weggetreten, um sich wirklich zu wehren.
Draco presste die Hände gegen die Ohren und ließ sich wieder gegen die Wand fallen. Wieso war er überhaupt noch hier? Das ging ihn alles gar nichts an. Es war höchstens etwas ärgerlich, da der ganze Stress, den er sich selbst aufgeladen hatte, als er das Mädchen zum Manor mitnahm, letzten Endes doch umsonst gewesen sein würde.
Umsonst, denn Draco war bewusst, dass der Werwolf das Mädchen töten würde, nachdem er sie vergewaltigt hatte. Die Fleischeslust war bei ihm wörtlich zu nehmen. Wenn er das Mädchen attraktiv fand, dann in mehr als einer Hinsicht.
Seine Hände glitten schlaff von seinem Kopf und er sah durch ein Loch, das etwa zwei fehlenden Büchern entsprach, dass der Werwolf seine Hose bis zu den Kniekehlen heruntergezogen hatte.
Dracos Blick fielen auf die wertlose Waffe, die er immer noch in seinen Händen hielt. Innerlich fluchte er, dass er nicht irgendeinem der Leute, die er heute zu Fall gebracht hatte, den Zauberstab entwendet hatte. Aber so… er hatte nur eine nutzlose Waffe und wenig Zeit.
Der Werwolf spuckte in seine Hände und rieb damit in eindeutiger Bewegung an dem Mädchen herum. Vermutlich war sie so nicht feucht genug. Er sah ihre Beine schwach strampeln.
Wenige Sekunden lang erwog er die Möglichkeit, dem Werwolf die Pistole einfach auf den Kopf zu schlagen. Aber nein, das wäre Selbstmord. Greyback war viel breiter und stärker als er, zudem machte dessen offen bekannte Gier nach jungem Blut ihm Angst. Wer wusste schon, ob Greyback im Falle eines Falles nicht auf zwei Menschen… nur weil er ein Junge war… würde Greyback auch ihn?
Aber warum stand er dann immer noch hier? Warum ging er nicht einfach? Warum war ihm übel, warum zitterte er und warum zuckte er jedes Mal wie unter Schmerzen zusammen, wenn er hörte, wie das Mädchen verzweifelt seinen Kopf hin und her warf?
Draco hörte das Quietschen der Tür, die sich hinter ihm öffnete, er fühlte den Windstoß der die blonden Haare in seinem Nacken durchfuhr, er hörte Schritte hinter sich und doch fuhr er erschrocken zusammen, als den Druck eines Zauberstabes fühlte, der sich in seinen Rücken bohrte. „Umdrehen!“, flüsterte die Stimme einer Frau, die er dunkel Nymphadora Tonks, seiner kaum bekannten Cousine, zuordnete. „Hände hinter den Nacken!“
Draco gehorchte. Wie in Trance, noch immer betäubt von dem, was sich hinter dem nächsten Bücherregal abspielte, hob er die Hände und gehorchte.
„Draco?“ Eine junge Frau, Mitte Zwanzig, mit bonbonrosa Haaren, bedrohte ihn aus kurzer Distanz mit einem länglichen, schwarzen Zauberstab. Ihre Augen trafen sich. Dracos Gesicht fühlte sich an wie versteinert, doch in ihrem spiegelten sich Triumph wie auch Ärger.
„Ich wusste es, ich wusste, dass ihr diese Muggel seid“, wisperte sie leise.
Die Gedanken in Dracos dröhnendem Kopf überschlugen sich. Er war entwaffnet und stand mit dem Rücken zur Wand. Fast zur Wand, genau genommen, war hinter ihm ja ein drei Meter hohes, schweres Bücherregal, das sich als überraschend umsturzsicher erwiesen hatte. Er konnte nicht weg und Voldemort hatte unmissverständlich klar gemacht, dass er gefangene Todesser nur ohne Kopf für akzeptabel hielt.
Greyback fluchte laut und etwas, das wie der Körper des Mädchens klang, den er auf den Boden zurückwarf, ließ die Aurorin aufhorchen. Sie verengte die Augen und spähte über Dracos Schulter, um die Ursache des unerwarteten Geräusches zu ergründen. Es waren nur Sekunden, die sie abgelenkt war, doch Super-Potters Suchererfolgen zum Trotz, hatte auch Draco ausgezeichnete Reflexe. In dem Moment, als Nymphadora die Augen von ihm abwandte und stattdessen durch das Regal zu spähen versuchte, schlug er ihr den Zauberstab aus der Hand, presste seine Hand vor ihren Mund und drückte sie mit dem Rücken an die Wand. So leise wie möglich ging er mit ihr gemeinsam auf die Knie und setzte sich, wie eben zuvor von Greyback gelernt, auf ihren Brustkorb, die Hände immer noch auf ihr Gesicht gepresst.
Gegen Greyback würde er kaum eine Chance haben, doch seiner in jeder Hinsicht schandhaften Cousine war er körperlich problemlos überlegen, und das sollte diese Blutsverräterin, die nicht davor zurück geschreckt war, so etwas wie Greyback zu heiraten, jetzt spüren.
Sie zappelte und wand sich, doch Draco war abgelenkt von dem tiefen, kehligen Laut, den Greyback hinter dem Regal von sich gab. Wirklich viel konnte Draco jetzt nicht mehr erkennen. Er sah einen nackten Hintern, der auf etwas lag, das so heftig wackelte, dass der Hintern quer über den Boden geschoben wurde und Draco kurze Zeit später den Rücken des Werwolfs sehen konnte.
Sie musste wieder richtig zu sich gekommen sein. Erneut das klatschende Geräusch der schweren Männerhand, die dem Mädchen ins Gesicht boxte.
Das männliche Becken hob sich und senkte sich nun wieder nach unten.
Suchte er? Konnte er nicht? Wollte er am Ende vielleicht doch nicht?
Doch das tierische Stöhnen kurz später verriet Draco, dass der Werwolf wohl doch konnte und wollte. Er sah, wie sich der weißen Hintern des Wolfes rhythmisch zustoßend hob und senkte. Hörte das kaum unterdrückte Stöhnen des Werwolfes und so wie es aussah, wehrte das Mädchen sich nicht mehr.
Ob sie bewusstlos war? Draco überlegte, dass er eventuell einen Schockzauber abfeuern könnte, wenn es ihm gelänge, Tonks’ Zauberstab zu ergreifen. Dummerweise lag der außerhalb seiner Reichweite und er konnte die Aurorin nicht loslassen, ohne die Gefahr einzugehen, von ihr verletzt zu werden. Immerhin, sie war eine Aurorin. Vielleicht würde sie ihren Zauberstab schneller erreichen als er.
Er schloss die Augen und versuchte, den Zauberstab nur mit seinem Willen zu sich zu rufen, doch nichts geschah. Stablose Magie beherrschte er bedauerlicherweise nicht. Also wieder überlegen, er konnte Tonks loslassen und sich selbst in Gefahr bringen, oder er konnte hier sitzen bleiben und darauf warten, dass der Werwolf fertig werden würde. Dann wäre das Schlammblut aber tot.
Sein Puls raste und seine Atmung wurde flacher. Dann wäre sie tot, so tot, wie der Todesser, den er vorhin hatte erschießen müssen und den er noch nicht einmal wirklich erkannt hatte. So tot wie… waren die Menschen tot, auf die er geschossen hatte? Er hatte eigentlich niemanden absichtlich schwer verletzen wollen, doch wer wusste, wie schnell Heiler bei ihnen sein konnten, wie schwer die Verletzungen waren, die Muggelwaffen zufügten? Möglich… Tot wie die Leute, an denen er gestern hatte üben müssen.
Noch eine Tote, eine mehr…
Tonks unter ihm wand sich, aus den Augenwinkeln sah er eine bläuliche Hand tiefe, rote Striemen auf seinem Arm hinterlassen. Am Rande seines Bewusstseins war ihm klar, dass selbst für einen Metamorphmagus wie Tonks Blau eine eher unübliche Hautfarbe war. Doch das rhythmische Klatschen, das entstand, wenn nacktes Fleisch auf nacktes Fleisch traf, das schneller wurde und Greybacks heiserer Atem, lenkten ihn ab.
Er musste sich jetzt etwas einfallen lassen. Auch wenn der Werwolf keinen Grund zu sehen schien, den Orgasmus so schnell wie möglich zu erleben, wenn er seine Beute ausgiebig genießen wollte, irgendwann würde es vorbei sein und dann…dann hätte er ganz umsonst Angst gehabt, als sie getarnt als Elfe mit ihm durch sein Elternhaus gegangen war. Dann wäre sie ja doch tot.
Einatmen – Ausatmen.
Nein, er war noch nicht so wie die anderen. Es war ihm nicht egal. So wenig egal, wie ihm die anderen Opfer des Tages sein würden, sobald er zuhause in seinem Bett lag. Aber jetzt, jetzt waren sie weit weg und nur einen Meter fünfzig von ihm entfernt lag ein Mädchen, das nur hoffen konnte, dass ihre Vergewaltigung noch lange andauern würde, weil sie danach sterben würde.
Greyback stöhnte kehlig und Draco schloss die Augen. Er wollte aufstehen, er wollte hinübergehen und den Werwolf wegreißen, zumindest, bevor er zubeißen konnte, um ihr junges Fleisch in Fetzen zu reißen.
Aber er traute sich nicht. Beschämt und elend musste er sich eingestehen, dass er viel zu große Angst hatte vor der Aurorin unter ihm, vor allem aber vor dem Werwolf neben ihm, als das er wirklich mit Greyback kämpfen würde.
„Was machst du denn hier?“
Draco wirbelte herum und sah seine Tante, die in einem albernen, viel zu engen und viel zu kurzen Blumenkleidchen in der Tür des Ladens stand und ihn interessiert musterte. Draco starrte sie mit offenem Mund an, unfähig, etwas zu sagen.
Bellatrix stieß sich vom Türrahmen ab und kam mit neugierig hochgezogenen Augenbrauen näher. Als sie neben ihm stand beugte sie sich herunter, lachte, und tätschelte ihm anerkennend die Schulter. „Ich glaub ja fast, ich habe dich wirklich unterschätzt. Respekt… schon wieder einen Auroren.“
Draco wusste erst nicht was sie meinte, bis er nach unten sah und Tonks unter sich liegen sah. Reglos, mit weit aufgerissenen Augen. Die Haut nicht mehr blau, sondern weiß. Offenbar hatte er sie erstickt, als er seine Hände auf ihr Gesicht gepresst hatte.
Ohne dass er es bemerkt hatte… lag unter ihm eine Leiche.
Entsetzt warf er sich zur Seite und robbte und krabbelte so schnell er konnte von der Toten weg. Er drehte sich um, drückte seinen Oberkörper auf den Ellenbogen abgestützt nach oben und starrte seine Tante an, die Tonks Gesicht zu sich gedreht hatte, und ihr mit unergründlicher Miene in die toten Augen sah. „Sie war deine Cousine, weißt du?“
Draco antwortete nicht, sondern setzte sich auf und schob sich dann auf dem Hintern hoch weiter von den beiden weg, bis sein Rücken gegen den Kamin stieß.
„Tja, aber ihre Mutter ist eine Verräterin und sie hat diesen Werwolf geheiratet. Nun ja…“, Bellatrix ließ Tonks Gesicht los, richtete sich auf und trat gegen die bleiche Wange, „jetzt ist dieses Problem jedenfalls auch gelöst. Schade, ich dachte, ich könnte es tun.“
Greyback, immer noch eifrig bei seiner schmutzigen Arbeit, röchelte nach Luft. Bellatrix drehte den Kopf in Richtung des Keuchens, deutete mit dem Daumen hinter sich und fragte in belustigtem Ton: „Ist das Greyback?“
Draco nickte schwach, immer noch war er weder fähig, die Augen von der Leiche zu lassen noch zu sprechen. Bellatrix schob ein paar Bücher zur Seite, steckte ihren Kopf die Lücke und rief: „Beeil dich gefälligst. Wir haben nur noch zehn Minuten, bis wir beim Treffpunkt sein sollen.“
Ohne die zu ihren Füßen liegende Nichte anzusehen, stieg sie mit einem weiten Schritt über die tote Frau, packte Draco am Kragen, griff in die Flohpulverschale und ehe Draco wusste, was ihm geschah, wurde er auch schon weggerissen und überließ das Schlammblut seinem Schicksal, was er wohl ohnehin getan hätte, wenn er geblieben wäre.
Xxx
Hermine hatte die letzten fünfzehn Minuten damit verbracht, sich genau die Struktur der Decke über ihr einzuprägen. Der schlecht verputzte Stuck war an manchen Stellen abgeblättert, so dass durch die weiß getünchte Flächen hindurch an manchen Stellen grüne und bräunliche Flecken zu sehen waren.
Der Stuck selbst hatte jugendstiltypische, verschnörkelte, Blumenformen. Schön, Hermine liebte Jugendstil. Eine Jugendstilvilla wäre ihr Traum. Die hohen Räume, kunstvoll verzierten Fenster, die prachtvolle Häuserfassade und die bunten Glasfenster, in der in ihrem Traum Motive von Gustav Klimt eingearbeitet waren.
Wenn sie so darüber nachdachte, hatte die Villa der Malfoys, die im viktorianischen Stil gebaut war, durchaus Ähnlichkeiten zu der Villa, die sie sich gerade imaginär eingerichtet hatte. Aber Jugendstil war trotzdem schöner.
Natürlich gab es dabei noch ein Problem. Um einen solchen Traum finanzieren zu können, würden sie und Ron sehr hart arbeiten müssen. Da würde kein Zeit sein, diese Villa selbst in Ordnung zu halten. Ob sie genug verdienen würde, um sich Diener leisten zu können? Äußerst unwahrscheinlich. Gegen den Gedanken selbst Hauselfen zu versklaven, wehrte sie sich aber dennoch.
Au!
Ein aus dem Regal rutschendes Buch war ihr auf den Kopf gefallen. Ohnehin hatte sie Kopfschmerzen, da ihr Schädel jedes Mal heftig gegen das Regal schlug, wenn Greyback in sie hineinstieß.
Welches Buch es war, hatte sie bedauerlicherweise nicht erkennen können. Schade, dann hatte sie aber wenigstens Zeit, weiterhin über ihr Traumhaus nachzudenken. Es war nicht verputzt. Jugendstilvillen waren am schönsten, wenn die sauber abgespülten Steine zu erkennen waren. Sie konnte auch schon die Farbe sehen. Hellbraun bis Beige. Ein großer Wintergarten gehörte selbstverständlich auch dazu.
„Hermine!“ Rons laute Stimme brachte sie ein wenig durcheinander. Sicher wohnte er mit ihr in dieser Villa, doch warum klang seine Stimme so echt und so nah? Warum hörte sie ihn jetzt schon wieder? Hermine verengte die Augen und versuchte, den Kopf zur Seite zu drehen, doch in der verdrehten Haltung, in der Greyback sie gegen das Regal gedrückt hatte, war es kaum möglich, selbstständig die Position zu ändern.
Greyback? Wo war der überhaupt?
Kalt, ihr Bauch und ihre Beine fühlten sich kalt an. Greyback lag nicht mehr auf ihr. Rote Lichter leuchteten über ihrem Kopf auf und ließen den Stuck in Flammen aufgehen.
Jemand packte ihre Schultern, drehte ihren Körper um und riss an ihren Armen. Zuerst dachte sie, dass es Greyback sei, der sie in einer noch bizarreren Haltung irgendwo anbinden wollte, doch statt die Riemen straff zu ziehen, lösten überraschend vorsichtige Hände den Gürtel und drehten sie behutsam zurück auf den Rücken.
Jemand schrie, brüllte und fluchte.
Harry war es nicht, der beugte sich über sie und zog ihr Greybacks Socken aus dem Mund. Hatte sie eigentlich schon die ganze Zeit so schlecht Luft bekommen? Warum fiel ihr erst jetzt auf, wie kurzatmig sie war, als sie röchelnd und spuckend nach vorne in die Arme ihres Freundes fiel.
Ihr Hals schmerzte, ihre Handgelenke schmerzten, ihr Kopf schmerzte und ihre Augen brannten. Nur ihr Unterleib tat nicht weh, er war taub und hätte sie nicht gewusst, dass sie Bauch, Becken und Beine hatte, so hätte sie es nicht geglaubt. Jemand, vermutlich Harry, warf einen Umhang über sie und bedeckte die Teile ihres Körpers, von denen sie in diesem Moment nur glauben konnte, dass sie diese besaß.
Ihr war übel und etwas Saures quoll über ihre Lippen. Sie blinzelte, als Harry sie vorsichtig gegen das Regal setzte und sah sich etwas genauer um, wo sie war.
War sie wirklich immer noch bei Florish & Blotts? Sah zumindest so aus. Wenn es auch um einiges unaufgeräumter war, als vor der Ewigkeit, da sie den Laden betreten hatte.
Kurz vor Zwölf war sie in den Laden gegangen, um nach dem Buch zu suchen, das sie ganz sicher für die Arithmantikprüfung nächstes Jahr brauchen würde. Man konnte ja nie früh genug anfangen zu lernen. Das Buch war aber auch ausgesprochen weit hinten einsortiert worden. Sicher, sie hatte gehört, dass es etwas unruhig im Laden wurde, aber sie wollte das Buch unbedingt haben und so hatte sie weitergesucht.
Dass sie irgendwann ganz alleine war, dass alle aus dem Laden gefloht waren, hatte sie nicht bemerkt. Wie prekär ihre Lage war, wurde ihr eigentlich erst klar, als Greyback sie am Boden hockend und lesend fand, und ihr seine haarige Hand auf die Schultern gelegt hatte.
„Ich bring dich um! Ich bring dich um!“
Hermine hustete und hob ihren schweren Kopf. Der, der so brüllte, war Ron, der etwa zwei Meter vor ihr entfernt wie ein Rumpelstilzchen herumhüpfte und gegen etwas trat, was aussah wie ein besonders schmutziger Wäschesack.
Greyback fiel zur Seite und Hermine beobachtete, ohne die Miene zu verziehen, wie Ron ihm mit voller Wucht ins Gesicht trat. Da Greyback auch keine Miene verzog, war er entweder bewusstlos oder gelähmt. Letzteres schien wahrscheinlicher, denn seine Augen waren noch offen. Ginny saß auf einmal neben ihr, zog den wärmenden Umhang von ihr weg und hantierte mit etwas, was sie entfernt als ihre eigene Kleidung erkennen konnte.
Sie hörte Harry irgendetwas rufen, sie verstand nicht genau was, doch es stoppte Ron, der sich, statt Greyback zu verprügeln, nun zu ihr kniete und ihr sanft über die Wange strich. Ehe Hermine sich gegen diesen fremd wirkenden Hautkontakt wehren konnte, schob er auch schon seine Arme unter sie und hob sie in die Höhe.
Ihr Kopf fiel nach hinten und wieder sah sie den Stuck über sich. In ihrem Haus würde der Stuck anders getüncht werden als der Rest der Decke.
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