
von Sisilia D.S.
Der Abend war schon sehr weit fortgeschritten und eigentlich wäre es Zeit gewesen, zu Bett zu gehen. Jedoch war der Mann, der an seinem Schreibtisch saß und begonnen hatte, die Arbeiten seiner Schüler zu korrigieren, nicht wirklich müde und es zog ihn auch nicht unbedingt in sein einsames kaltes leeres Bett.
Der Federkiel in seiner Hand kratzte immer wieder über Pergament, wenn er etwas anstricht oder die ein oder andere Bemerkung dazu notierte.
Neben dem Geräusch der Feder war nur noch das Ticken der Uhr auf dem Kamin zu hören, die just in dem Moment die elfte Nachtstunde ankündigte. Doch Severus Snape achtete nicht darauf, er war viel sehr in seine Arbeit vertieft.
Erst als ein kräftiges Klopfen an seiner Türe die Stille störte, hob er den Kopf.
Er fragte sich, wer das um die Zeit sein mochte. Nachdenklich schob er die Feder in die dafür vorgesehene Halterung zurück, erhob sich von seinem Schreibtisch und glitt zur Tür, die er einen Spaltbreit öffnete und hinaussah.
Lucius? Was führt dich zu so später Stunde zu mir?“ Sein Blick verriet deutlich seine Überraschung, als er sein Gegenüber erkannte.
„Brauche ich einen Grund, um einen Freund besuchen zu dürfen?“ Lucius musterte Severus eingehend, der nicht gleich reagierte und so hob der Blonde seine Hand und deutete in das Büro hinter den Tränkemeister.
„Wie ist es, darf ich eintreten?“
„Entschuldige. Sicher“, erwiderte Severus, öffnete die Türe ganz und ließ seinen Freund ein.
„Fühl dich einfach wie zu Hause!“, forderte er Lucius auf, als dieser seinen Reiseumhang einfach über eine Stuhllehne warf.
Lucius blickte sich kurz in dem großen, mit vielen Regalen und Zaubertrankzutaten überfüllten Raum um, verzog missmutig sein Gesicht, bevor er wieder zu Severus zu sprechen begann.
„Ich hoffe, du bist mir nicht böse, aber unter einem Zuhause verstehe ich wahrlich etwas anderes. Ich kann nicht verstehen, wie du dich in diesem ...“, er verzog sein Gesicht erneut und machte eine abfällige Handbewegung, „... Loch wohlfühlen kannst, mein Freund. Ich hätte dir wirklich mehr Geschmack zu getraut!“
„Dieses Loch, wie du es zu nennen pflegst, ist mein Büro und mein Arbeitsplatz. Ich persönlich fühle mich sehr wohl hier. Aber ich bin sicher, du bist nicht gekommen, um mit mir über meine Einrichtung zu sprechen. Habe ich recht?“ Abwartend, fast lauernd trat er zu Lucius, der mitten im Raum stehen geblieben war und Snape nachdenklich musterte.
„Da gebe ich dir allerdings Recht. Zumal ich denke, dass ich keine Chance hätte, dir einen anderen Einrichtungsstiel nahe zu bringen.“ Das Schmunzeln auf seinem Gesicht war unergründlich in dem Moment und Severus fragte sich, was der wahre Grund seiner Anwesenheit war. Und er hoffte Lucius würde nach dem Vorgeplänkel bald zur Sache kommen.
„Der Grund für mein Kommen? Nun, ich hatte einfach nur das Gefühl, ich müsste mich mal wieder mit dir unterhalten. Du warst schon einige Male nicht mehr bei unseren Treffen?“ Während er ihn eindringlich musterte, stöhnte Severus leise fast theatralisch auf.
„Sicher und du kennst genau so gut wie ich die Gründe dafür. Ich kann während des Unterrichts nicht einfach verschwinden. Warum trefft ihr euch nicht wieder nachts, wie es bisher immer den Fall war?“
„Ich habe leider keinen Einfluss darauf, denn der Lord war es selbst, der uns die letzten Male gerufen hat“, erklärte Lucius ihm jetzt, doch bevor Severus etwas antworten konnte, hob er beschwichtigend die Hand.
„Keine Sorge, mein Freund. Ich habe dem Dunklen Lord deine prekäre Lage erklärt und du weißt doch, mein Wort zählt einiges bei ihm“, er hob aristokratisch eine Augenbraue dabei.
„Ja, das weiß ich und ich bin dir auch sehr dankbar dafür. Wie du dir denken kannst, ist es sowieso nicht leicht unter der Nase von Albus Dumbledore. Er überwacht so gut wie jeden meiner Schritte.“
„Das ist mir durchaus bewusst. Und auch der Grund, warum ich dich bei IHM entschuldigt habe und ich denke er versteht es.“
Mit einem kurzen Nicken drückte Severus seine Dankbarkeit aus, dennoch musterte er seinen Freund einen Moment nachdenklich. Wenn er auftauchte, gab es für gewöhnlich immer einen Grund dafür und meistens wollte er etwas, vor allem wenn es um so eine Uhrzeit war. Er konnte ihm nicht abnehmen, dass es diesmal anders sein sollte.
„Darf ich dir etwas zu trinken anbieten?“, fragte er Lucius, als eine lange Minute des Schweigens zwischen ihnen eingetreten war.
„Danke, im Moment nichts“, gab er zurück, wandte den Blick von ihm ab und schritt schließlich an einem der langen Regale entlang.
„Gut. Warum bist du wirklich hier?“, fragte Severus ihn daraufhin direkt mit ungeduldigem Unterton.
„Du kennst mich wirklich gut, Severus. Doch diesmal muss ich dich enttäuschen. Ich bin tatsächlich nur gekommen, um mich einfach mit dir zu unterhalten, über alles und nichts. Es war einfach so ein innerer Wunsch, mit dir zu sprechen, da wir uns einige Zeit nicht mehr gesehen haben. Das ist wirklich alles.“ Lucius sah ihn dabei nicht an, sondern ging langsam weiter, stieß mit dem Finger gegen ein großes Einmachglas, so, dass das sich darin befindende Etwas, in einer gelblichen Flüssigkeit, hin und er zu schwimmen begann. Kurz beobachtete er das undefinierbare Objekt, ging dann aber weiter, die anderen Dinge musternd, die sich noch in dem Regal befanden. Langsam strich er mit seiner behandschuhten Hand über den Buchrücken, eines großen alten Buches und betrachtete die goldenen Lettern darauf.
„Eine komische Sammlung, die du hier hast.“
„Alles Dinge, die ich für meinen Beruf brauche.“
„Wie macht sich eigentlich Draco? Gibt er sich Mühe?“ Mit diesen Worten wandte sich Lucius wieder zu Severus um.
„Draco? Nun meiner Meinung nach könnte er, wenn er sich ein wenig mehr Mühe geben würde, seine Noten noch um ein ganzes Stück verbessern. Doch ich habe manchmal das Gefühl, er denkt in der Beziehung, wie sein Vater damals, als er noch Schüler war: Wozu sich anstrengen, seine berufliche Zukunft steht sowieso schon fest.“ Über Lucius Gesicht huschte ein Lächeln, bei den Worten seines Freundes.
„Wie der Vater, so der Sohn“, gab er schließlich selbstgefällig zurück.
„Da könntest du in der Tat recht haben, er hat tatsächlich sehr viel von dir.“ Severus lehnte sich gegen seinen Schreibtisch und verschränkte die Arme vor seine Brust, während er Lucius weiter dabei beobachtete, wie dieser langsam durch sein Büro schritt und immer wieder Blicke auf die Gegenstände in seinen Regalen warf, mal sehr interessiert und dann wieder geradezu angewidert, wenn er auf eingelegte Fischaugen oder sonstige Tierinnereien blickte.
„Wie geht seine ...“, Lucius musterte seinen Gegenüber bei dieser Frage genau, „Ausbildung voran?“, wollte er dann wissen und Severus verstand sofort, was dieser meinte.
„Er scheint ein großes Talent zu entwickeln und sehr schnell zu begreifen. Ich bin mir sicher, dass du sehr zufrieden mit ihm sein wirst“, war die Antwort des Zaubertränkemeisters, der nun in ein zufriedenes Gesicht blicken konnte.
„Ich bin dir sehr dankbar, dass du dich seiner annimmst, Severus. Doch das weißt du ja. Zuhause habe nicht die Möglichkeiten und dieses verdammte Gesetz, was minderjährigen Zauberern verbietet, außerhalb von Hogwarts und in den Ferien zu zaubern, erleichtert mir meine Erziehung nicht gerade“, brummte Lucius missmutig.
„Das verstehe ich nur allzu gut. Sag Lucius, würde es dir etwas ausmachen, wenn ich, während wir uns weiter unterhalten, an einem Trank weiterarbeite? Ich sollte ihn noch fertig machen“, fragte er und deutete kurz auf eine kleine Versuchsanordnung auf einem Tisch, in der Ecke des Raumes. Eigentlich musste er ihn nicht fertig machen, aber er verspürte irgendwie den Wunsch, seine Hände zu beschäftigen.
Nein, lass dich nicht stören. Mach nur“, gab er gleichmütig zurück, woraufhin Severus kurz nickte und zu dem Tisch hinüber ging, während Lucius ihm neugierig folgte.
Mit einem kleinen scharfen Messer, dessen Griff aus einem Knochen hergestellt worden war und welcher perfekt in der Hand lag, begann Severus einige grüne Pflanzenteile ganz fein zu zerkleinern, bevor er sich eine Wurzelknolle vornahm, von der er ebenfalls kleine Stücke abtrennte und auch diese in sehr kleine Teile schnitt, beziehungsweise zerdrückte.
„Ich bewundere deine Fingerfertigkeit, mein Freund. Es ist erstaunlich, wie leicht dir das hier von der Hand geht, ich würde wohl Stunden brauchen und es dennoch nicht so perfekt hinbekommen“, gestand Lucius zu Severus Erstaunen und dieser blickte ihn einen Moment an, bevor er mit seiner Tätigkeit weitermachte.
„Du scheinst zu vergessen, dass ich damit mein Geld verdiene. Ich mache das jeden Tag und es wäre doch erbärmlich von mir, wenn ich meine Arbeit nicht beherrschen würde, nicht wahr?“ Severus Lippen kräuselten sich leicht, als er erneut in das Gesicht seines Freundes blickte, der ihn bei seinem Tun ganz genau beobachtete.
„Damit hast du allerdings Recht, doch ich glaube, du beherrscht alles, was du tust sehr gut“, fügte Lucius an und erntete von Severus einen kurzen erstaunten Blick.
„Ein Lob? Und das aus deinem Mund?“
„Ach Severus, Severus. Du weißt genau, dass ich dich dafür bewundere, was du kannst. Auch ..., “ er hob amüsiert eine Augenbraue, „... auch, wenn ich es nie zugeben würde.“
Es hörte sich für Severus seltsam an, er war solche Worte von ihm nicht gewohnt und so blieb es nicht aus, dass er ihn konsterniert musterte.
„Sieh mich nicht so an. Auch ich brauche ab und zu jemanden, mit dem ich auch mal offen reden kann. Dir wird es doch da wohl auch nicht anders ergehen?“ Mit diesen Worten setzte er sich in den großen verschlissenen, aber dennoch bequemen Sessel, der gleich neben dem Tisch stand.
Die zerkleinerten Zutaten in eine kleine Porzellanschale werfend und mit dem Mörser zerstoßend, sprach Severus schließlich weiter.
„Das kommt bei mir so gut wie nie vor. Doch es ehrt mich, dass ich derjenige bin, mit dem du ein offenes Wort reden möchtest.“
Immer wieder drehte er den Mörser in der Schale und zermalmte die Zutaten mit großer Kraft, bis diese am Ende nur noch feinstes Pulver waren.
Lucius ließ sich nach hinten gegen die Sessellehne sinken und stützte seine Hand am Knauf seines Stockes auf, ein Schlangenkopf, dessen Maul offen stand und sich daraus eine lange gespaltene Zunge wand.
„Wie geht es Narcissa?“, fragte Severus, als Lucius einige Zeit geschwiegen und ihm nur dabei zugesehen hatte, wie er das Pulver in einer Flüssigkeit aufzulösen begann.
„Sie ist mal wieder unterwegs, Verwandte besuchen. Schon seit ein paar Wochen“, knurrte er und machte eine abfällige Handbewegung dabei.
„Oh, das erklärt so einiges. Dann leidet euer Eheleben wohl im Moment gewaltig?“, erkundigte sich Severus mit einem gespielten Bedauern in der Stimme.
„Eheleben ist gut“, erwiderte er abfällig. „Was das anbelangt, das hole ich mir schon lange woanders. Aber wo wir gerade dabei sind. Wie sieht es denn bei dir mit Frauen aus? Hast du was am laufen?“, wollte Lucius nun neugierig wissen.
„Lucius, du weißt, wie viel beschäftigt ich bin. Selbst wenn ich wollte, hätte ich keine Zeit für eine Frau“, gab Severus nur knapp zurück und werkelte weiter an seinen Apparaturen herum.
Lucius musterte ihn und er tat ihm fast schon leid, als ihm etwas einzufallen schien.
„Aber sag mal. Damals, du weißt doch noch, an dem einen Abend, nach unserem Treffen, wo ich dich mitgeschleppt hatte, in diesen Pub?“, begann er und Severus wandte überrascht den Kopf. Natürlich wusste er ganz genau, worauf dieser anspielte, doch stellte er sich in dem Moment einfach unwissend und tat so, als hätte er keine Ahnung, was er meinte.
„Severus, erzähl mir doch nichts. Diese Schwarzhaarige! Du weißt doch, die Kleine, die dich den ganzen Abend angeschmachtet hat“, fuhr er fort und konnte ein Schmunzeln nicht mehr verhindern.
„Was meinst du?“, hakte Severus nach, während er einen Kolben, mit einer Flüssigkeit darin, leicht zu schütteln begann.
„Jetzt tu nicht so. Du weißt genau, was ich meine. Ihr beide seid an diesem Abend so plötzlich verschwunden. Du willst mir doch nicht weiß machen, dass das Zufall war.“ Lucius hatte sich wieder nach vorn gebeugt und sah ihn eindringlich an, doch Severus blickte ihn immer noch mit einem Ausdruck an, als wolle er ihm sagen, er hätte keine Ahnung, worüber er überhaupt sprach.
„Du bist und bleibst ein ausgefuchster Hund, Severus. Der Kavalier genießt und schweigt. Nicht wahr?“ Grinsend hatte er sich wieder gegen die Lehne sinken lassen und spielte nun mit seinem Stock zwischen den Händen.
War sie wenigstens gut?“, wollte er nach einer kurzen Pause des Schweigens wissen.
Severus blickte ihn mit zusammengepressten Lippen einen Moment lang an.
„Du gibst wohl nie auf?“
„Nein, mein Freund. Mich würden brennend die Einzelheiten interessieren“, bohrte Lucius lächelnd weiter.
„Vergiss es“, wehrte er ab.
„Ah! Du gibst also zu, dass du was mit ihr hattest!“ Er setzte sich bei diesen Worten wieder gerade hin und deutete mit einem Finger auf Severus.
„Ich gebe gar nichts ...“, begann er, doch als Lucius seine Augenbraue hob und ihn abwartend anstarrte, winkte Severus ab.
„Nun komm schon, lass mich nicht im Ungewissen, du weißt, wie ich es hasse, dir jedes Wort aus der Nase ziehen zu müssen.“ Lucius Worte klangen schon beinahe ungehalten und Severus gab mit zerknirschter Miene nach.
„Ist ja gut, du hast Recht. Bist du jetzt zufrieden?“
„Nein, ich sagte doch, ich will Einzelheiten“, bohrte er weiter und sah ihm hinterher, als er zum Waschbecken ging, um seine Hände zu säubern. Severus kannte die Hartnäckigkeit, seines Freundes. Doch er selber war noch ausdauernder und hatte im Grunde nicht vor, ihm etwas zu erzählen. Er war kein Mensch, der solche Erlebnisse herausposaunte, doch wenn er Ruhe haben wollte, würde er ihm wenigstens etwas liefern müssen, das war ihm dennoch klar.
„Nun?“, hakte er noch einmal nach. Severus trocknete sich die Hände ab, wobei er sich Zeit lies und drehte sich langsam wieder zu ihm, wohl wissend, dass er Lucius damit zappeln ließ.
„Einzelheiten also?“, begann er und fing an zu überlegen. „Sie hatte sehr geschickte Finger, die sie überall hatte, bevor ich es überhaupt bemerkte. So hat das Ganze eigentlich auch angefangen, als ich sie dabei erwischt hatte, dass sie mir mein Geld stehlen wollte.“
„Sie wollte dich beklauen?“, warf Lucius überrascht ein.
„Ja, stell dir vor. Doch das hab ich ihr ganz schnell ausgetrieben und das hat sie wohl dann etwas missverstanden“, seine Mundwinkel hoben sich leicht, bei dem Gedanken, an das Geschehene.
Er hielt immer noch das Handtuch in seinen Händen, als er weitersprach.
„Sie wollte das mit mir in Ruhe klären, woanders, wo nicht so viele Leute waren. Sie wollte kein Aufsehen, deswegen. Tja, aber kaum, dass sie die Türe des Hinterzimmers geschlossen hatte, hatte sie erst sich und dann mich ausgezogen“, fuhr er fort und hing schließlich das Handtuch wieder an seinen Platz. „Den Rest kannst du dir ja denken“, wollte er das Thema beenden und ging wieder zu seinem Tisch zurück.
„Ich würde es aber lieber von dir hören, als es mir vorstellen zu müssen!“
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