
von holiholly
Endlich war Feierabend, und James’ Gedanken kreisten schon seit Stunden um etwas Bestimmtes: Rasch schloss James die Türe des Schuppens vor der Sägerei und nestelte nervös in seiner Jackentasche umher, bis er endlich einen Joint zu fassen bekam. Mit vor Aufregung zitternden Fingern entzündete er ein Streichholz, und der erste Zug liess ihn aufatmen: es war genau das, was er nach diesem anstrengenden Arbeitstag brauchte. Dass er bereits in der Mittagspause einen Joint geraucht und an diesem Morgen auf dem Hinweg drei Zigaretten gehabt hatte, hatte er bereits wieder vergessen. Entspannt machte sich James auf den Weg zur U-Bahn Station, von der aus er in einer halben Stunde in seiner Wohnung bei Hermine sein würde. Er freute sich bereits auf die Ruhe, die ihn zu Hause empfangen würde…
Hermine. Weshalb war ihre Beziehung zu einer tickenden Zeitbombe geworden? James hatte schon seit Wochen das Gefühl, dass sie auseinander zu brechen schien, langsam und doch stetig. Weshalb nur? Er gab sich alle Mühe, ihr genug von sich zu geben, und daran lag es wohl überhaupt nicht: Das Paar war sich näher denn je, in den besten Zeiten schliefen sie jeden zweiten Abend zusammen. Hermine schien immer noch genauso verliebt wie am ersten Tag, wenn nicht noch mehr. Woran lag es, dass James das unbestimmte Gefühl hatte, ihre gemeinsamen Tage seien bald gezählt?
James stand inzwischen auf dem Perron und drĂĽckte den Stummel seines Joints mit dem Fuss aus. Dann holte er seinen iPod aus der Tasche.
„And she’s makin’ me feel as if i’ve never been born“, tönte es aus seinen Kopfhörern, während sich James einen zweiten Joint ansteckte. Ja, das war seine Musik. Die Sechziger Jahre, der Rock’n’Roll, die Quelle des heutigen Rocks. Die Jugend damals hatte genau die richtige Einstellung gehabt: Make Love Not War. Peace and Love. Sex, Drugs and Rock’n’Roll.
Bevor er Hermine kennen gelernt hatte - das war vor ungefähr fünf Jahren gewesen – war James, wie konnte man es ausdrücken, nicht wirklich sesshaft gewesen. Nach der High School war er mit Lucy zusammen gekommen und zu ihr gezogen. Doch die Beziehung hielt gerade mal ein Jahr. Danach war James in die Partyszene eingestiegen und tanzte jeden Tag bis ins Morgengrauen mit Hilfe von Discomusik, Alkohol und Zigaretten ab. Ein paar One-Night-Stands später (die Beziehungen hielten zwar länger als nur eine Nacht, waren jedoch hauptsächlich sexbezogen) hatte er zum ersten Mal gekifft.
Diese vollkommen neuen Gefühle, die ihm das Kraut offenbarten, verblüfften ihn dermassen, dass seitdem mehr seine Psyche als sein Köper davon abhängig war.
Wenige Monate später hatte er Hermine getroffen. Ihr intelligentes Gesicht in dieser, wie er fand, Looser-Disco, zu sehen, war, als hätte ihn ein rettender Engel aus der Hölle gezogen.
Im Rausch war es ein Einfaches gewesen, sie anzusprechen, wie er es mit allen Mädchen tat, die ihm positiv auffielen. Sie tanzten lange zusammen, und hatten draussen noch ein wenig zusammen gequatscht. Nachträglich konnte sich James nicht mehr erinnern über was genau, war er doch damals ziemlich bekifft gewesen. Jedenfalls hatte sich James geradewegs in sie verliebt – Hermine war nicht eine jener Disco-Schlampen, mit denen sich James normalerweise abgab, die mehr Schminke trugen als ihren blauen Kontaktlinsen gut taten und sowieso nur das eine wollten.
Sie hatten sich für den nächsten Abend verabredet, an welchem sie ein Paar wurden. Hermine wohnte noch bei ihren Eltern, und so beschlossen die zwei frisch Verliebten, sich gemeinsam eine Wohnung zu mieten. Auch wenn James diesmal überzeugt war, seine wahre Liebe gefunden zu haben, stritten sie sich ab und zu – meistens aufgrund Hermines Bemühungen, James vom Kiffen und vom Trinken abzuhalten. Erst hatte er nicht verstehen können, wieso sie partout keinen Joint anrühren wollte, wenn er ihr einen anbot, doch bald war er froh darum, da seine Vorräte jeweils rasch zur Neige gingen.
Dann hatte sie ihm erzählt, dass es auf der Welt noch immer Hexen und Zauberer gab, und diese versteckt inmitten der nichtmagischen Bevölkerung lebten. Das hätte James gar nicht so sehr gestört, wenn Hermine nicht auch eine von ihnen gewesen wäre. Er fand es mehr als ungerecht, dass Zauberer sich mit Magie das Leben erleichtern konnten.
Inzwischen hatte er Arbeit in einer Sägerei gefunden, und jedes Mal, wenn er hart arbeiten oder schwere Lasten anheben musste, fiel ihm ein, dass Hermine das alles mit einem Schlenker ihres Zauberstabes und ohne eine einzige Schweißperle erledigen könnte. Wenn das nicht fies war!
Trotz aller Befürchtungen, die Beziehung könnte scheitern, waren sie bis jetzt zusammen geblieben. Und das war gut so. Hermine unterschied sich in den meisten Punkten so drastisch von allen anderen Frauen, die er bis jetzt getroffen hatte, dass er nicht mehr ohne sie konnte.
James erwachte schwerfällig aus seinem Tagtraum, als seine U-Bahn einfuhr. Er quetschte sich auf einen Sitzplatz und schloss die Augen. Bald war er zuhause. Bald konnte er sich entspannt auf sein Bett legen und Hermine an sich drücken. Bald würde er erholsamen Schlaf finden…
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