
von holiholly
(Zeitsprung: Dezember)
Die Beerdigung des James Smith, des drogenabhängigen und seiner Sucht erlegenen Mannes, fiel spärlich aus. John Smith Sr., nun einzig Überlebender seiner Familie, trug schweigend die Rosen zum Grabe seines Sohnes. Seine Frau war kurz nach der Geburt ihres ersten und einzigen Kindes an einer Überdosis Scherzmittel gestorben.
Und hier ruht...
Mr Smith erhob sich, nachdem er dem Pfarrer zuliebe, den er sehr mochte, vorgetäuscht hatte zu beten, und verweilte nur der Tradition wegen länger als der Pfarrer an der Grabesstätte.
Nachdem sein Sohn von zuhause ausgezogen war, hatte er beinahe keinen Kontakt mehr mit ihm gehabt. Aus den wenigen Postkarten, die er erhalten hatte, hatte er herauslesen müssen, dass James in einer Sägerei zu arbeiten begonnen hatte und seine Partnerinnen regelmässig wechselte. Mr Smith verabscheute solch Treiben und nachdem er erfahren hatte, was für ein Leben sein Sohn wirklich führte, der mit One-night-stands, Hanf und zwielichtigen Gestlten zu tun hatte, hatte er ganz den Kontakt abgebrochen. Das war vor ungefähr fünf Jahren gewesen. Von Hermine hatte er erst erfahren, als er sie und James zufälligerweise auf der Strasse getroffen hatte. Er hatte James zur Wahl einer feste Freundin beglückwünscht und hatte schon wieder fast freundliche Gefühle für ihn verspürt, wenn er nicht von Hermine erfahren hätte, dass James noch immer kiffte und zwar öfter als zuvor.
Mr Smith wusste, was er tat, wenn er von Drogen sprach: Seine Frau war früher jahrelang heroinabhängig gewesen, bis er sie kennen und lieben gelernt hatte. Er war damals Assistent bei der Entzugsklinik gewesen und hatte gespürt, dass die junge Frau seine Hilfe benötigte. Beim Entzug funkte es zwischen den beiden, und kaum war Jeanne geheilt, wurde sie schwanger. Trotz des großen Altersunterschieds (Mr Smiths erste Eheschliessung hatte in Jeannes Geburtsjahr stattgefunden) blieben die zwei zusammen und Mr Smith war glücklicher gewesen denn je. Auch Jeanne schien komplett geheilt und das Kind, das später einmal James werden sollte, war gesund.
Während den wenigen Monaten, die Mr Smith und Jeanne teilen durften, hatte er viel über ihr Leben und ihre Abhängigkeit erfahren: es hatte mit Zigaretten und Hanf angefangen. Jeanne, die damals noch im Waisenhaus lebte, war von der Schule geflogen und aufgrund ihrer schlechten Noten von ihren Aufseherinnen gescholten worden. Verzweifelt hatte das damalige „gute Mädchen von nebenan“ begonnen zu rauchen und immer häufiger von den älteren Jugendlichen Joints angenommen. Aufgrund ihres schlechten Umganges mit dem Personal und den anderen Waisen wurde sie in eine andere Unterkunft gebracht, wo sie relativ einfach an das Heroin kam: Dealer schmuggelten es regelmässig ins Haus, wo es bei einem bestochenen Mitarbeiter versteckt und abgegeben wurde. Und irgendwann kam Jeanne dann in die Suchtberatung, als alles aufflog.
Sein Sohn war im Familiengrab von dessen Mutter beigesetzt worden. John Smith seufzte und folgte dem Pfarrer aus dem totenstillen Friedhof. Für heute hatte er genug getan. Er selbst war nun der Einzige seiner Familie, der überlebt hatte. Dieser Gedanke beunruhgite ihn eigentlich kein bisschen, da er schon nach Jeannes Tod geahnt hatte, dass das Kind nicht lange leben würde. Nun gut, es war über die Zwanzig, beinahe in die Dreissig geworden. Trotzdem kein Alter, fand Mr Smith. Er wusste nicht, wie James an die Drogen gekommen war, da ihm seine Mutter wohl nie ein Vorbild gewesen sein konnte. Die Ärzte von der Obduktion hatten ihm folgendes erzählt:
Vor zwei Wochen, dem ersten Dezember, hatten sie einen Notruf von einer gewissen Lavender Brown erhalten. Diese war James' Freundin gewesen. Das Paar hatte zusammen ein paar Monate lang exzessiv Drogen konsumiert, bis James an einer Kombination aus Heroin und Alkohol gestorben war. Lavender Brown wurde in die Entzugsklinik gebracht, in genau jene Entzugsklinik, in der Mr Smith vor siebenundzwanzig Jahren Jeanne kennen gelernt hatte. Mr Smith war mit seinen beinahe siebzig Jahren zwar schon pensioniert, arbeitete aber trotzdem noch ab und zu in der Klinik. Er hatte sich vorgenommen, gut auf Lavender zu achten, zumal sie (laut eigenen Aussagen) nicht nur ein One-night-stand seines Sohnes gewesen war und zudem auch noch ein Kind erwartete. Entäuscht hatte er übrigens festestellen müssen, dass das Mädchen, mit dem sie schwanger war, nicht James' Gene in sich trug, sondern aus einer früheren Beziehung stammte. Zu gerne hätte Mr. Smith einen Erben, ein Enkelkind gehabt, doch musste er schon Jahre zuvor seine eigene Unfruchtbarkeit entdecken, ganz zum Frust seiner jetzigen Partnerin Susan, die, wesentlich jünger als er, auch ein Kind wollte.
Mr Smith hatte bereits im Stillen überlegt, Lavenders Kind zu adoptieren. Er rechnete nicht damit, dass sie jemals wieder ganz geheilt werden würde, geschweige denn, dass sie James' Verlust auf die Dauer ertragen könnte. Wie die Ärzte inzwischen verlauten ließen, war das Kind nämlich kerngesund (was nicht selbstverständlich war, bei den vielen Drogen, die sie eingenommen hatte) und würde sehr wahrscheinlich gut zur Welt kommen.
Wenn sich der Vater des Mädchens nicht spätestens einen Monat nach der Geburt meldete, würde er die Adopition beantragen.
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