
von holiholly
(20. Dezember)
Es war schon fast dunkel, als Ron vor der Klinik in einem Gebüsch apparierte. Vorsichtig spähte er zwischen den Zweigen hindurch, ob er von einem Muggel beobachtet worden war, und ging sich dann langsamen Schrittes zum Eingang.
Ron hatte sich perfekt im Muggel-Style gekleidet und seinen Zauberstab tief in seine Tasche geschoben. Trotzdem war er nervös, zu Recht, schliesslich musste er sich in den nächsten Minuten wie ein waschechter Nichtmagier aufführen, um keinen Verdacht zu erwecken.
Zum Glück besuche ich Hermines Kurs, dachte er erleichtert, und zuckte nur schwach zusammen, als sich die Eingangstüre der Klinik automatisch öffnete. Er trat ein, sah sich um und ging auf den Tresen zu.
„Guten Tag!“, sagte er unsicher. Die Empfangsdame lächelte ihm an. „Ja?“
„Ich möchte gerne Miss Lavender Brown besuchen. Man hat mir mitgeteilt, dass ich sie nun sehen dürfe!“
Die Dame lächelte noch immer und tippte etwas in ihren Computer ein. „Zweiter Stock, Zimmer zweihundertzwölf!“
Ron bedankte sich und liess seinen Blick in der Halle umherschweifen.
„Sie finden den Lift hier rechts, er ist angeschrieben!“
Ron versuchte ein Grinsen; die ganze Sache war ihm sehr peinlich. Er lief langsam zum Lift hinüber und drückte nach kurzem Überlegen die Taste „aufwärts“. Sie leuchtete auf. Ein Brummen sagte Ron, dass der Lift angekommen war. Er zog am Griff der Türe und trat ein.
Drinnen wischte er sich die Schweissperlen von der Stirne und verdammte Hermines Plan, der es ihr verbot auch mitzukommen. Er drückte die Taste „2“. Und der Lift setzte sich tatsächlich in Bewegung! Ron konnte stolz sein auf sich.
Nachdem er und Hermine monatelang nach Lavender gesucht hatten, die im August spurlos verschwunden war, hatte er Anfang Dezember dann doch das Ministerium benachrichtigt. Dieses verfügte über gute Beziehungen mit der Muggelwelt und konnte Ron binnen weniger Tage mitteilen, dass Lavender gerade kürzlich in die Entzugsklinik der Muggel eingewiesen worden war. Die Tatsache, dass Lavender an die Drogen gekommen war, schockierte sowohl Hermine wie auch Ron. Beide befanden sich für Schuld an dem Unglück (Hermine, weil sie Ron Lavender weggenommen hatte, und Ron, weil er Lavender betrogen hatte) und wollten auf jeden Fall den Kontakt zu ihr wieder aufnehmen. Dem Kind ging es gut, hatte es in der Nachricht der Klinik geheissen, die Ron postwendend auf seine Besucheranfrage bekommen hatte, und er dürfe Lavender bald besuchen. Sie sei auf dem Weg der Besserung, sowohl gesundheitlich wie auch betreffend ihrer Heroinabhängigkeit. Und jetzt war Ron hier, um Lavender zu besuchen.
Der Schock ĂĽber Lavenders Werdegang in den vergangenen Monaten hatte Hermine dazu veranlasst, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.
„Wenn Lavender erfährt, dass du sie nicht liebst, und sie die ganzen Monate nur ausgenutzt hast, wird sie danach vielleicht aus Verzweiflung wieder zu den Drogen greifen oder schlimme Dinge tun, die ihr Leben in Gefahr bringen. Die Wahrheit ist in diesem Fall nicht die beste Lösung!“
Ron hatte den Kopf geschüttelt. „Du warst immer diejenige, die gesagt hat, ich solle ihr alles beichten. Aber ich verstehe, was du meinst. Wir kennen Lavender inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie zu allem fähig ist, was Selbstzerstörung angeht.“
Hermine hatte genickt. „Also bin ich der Meinung, dass du Lavender sagen sollst, dass es dir Leid tut, sie mit mir betrogen zu haben, und dass du die ganze Zeit in sie verliebt warst und es noch immer bist. Ich hätte dich dazu gezwungen und du seist jetzt nur mit mir zusamen, um mich sexuell auszunützen. Sobald sie aus der Klinik ist, willst du sie heimlich ab und zu treffen, ohne dass ich davon erfahre!“
Ron hatte eingewilligt. „Aber ich will sie ja in Wirklichkeit gar nicht mehr sehen“, hatte er gesagt. „Ich will mit dir zusammen sein. Ich liebe nur dich!“
Darauf hatten sie sich lange geküsst, und Hermine hatte bestätigt, dass auch sie das möchte, jedoch momentan keine bessere Lösung habe.
Zimmer zweihundertzwölf. Ron wollte gerade anklopfen, als sich die Türe öffnete und ein älterer Herr mit kurzen Haaren im weissen Kittel rückwärts gehend herauskam.
„Vergessen Sie nicht Ihre Vitaminkapseln, Miss Brown!“, sagte er, drehte sich um - und erkannte Ron. „Sie haben Besuch!“, stellte der Arzt fest und schenkte Ron ein Lächeln. Ron erwiederte es halbherzig und trat ein.
Es war ein Einzelzimmer, schön hergerichtet, doch Rons Augen suchten Lavender.
Da lag sie in ihrem Bett, ruhig. Ihre Haare waren länger geworden in den Monaten, in denen er sie nicht gesehen hatte, und auf ihrem Gesicht lag ein Hauch von Reglosigkeit. Sie mussten ihr Beruhigungsmittel gegeben haben, dachte Ron (an Hermines Unterrichtslektionen zurückdenkend), da Lavender bei seinem Anblick keine Reaktion, weder negativ noch positiv, zeigte. Obwohl er erfreut darüber war, dass sie ihm nicht nochmals an die Gurgel sprang, war er dennoch entsetzt über ihre Teilnahmslosgigkeit.
„Ron?“, flüsterte sie schon fast. Er trat langsam näher und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. Er wagte es nicht zu sprechen.
Eine lange Pause entstand, während der sie ihn jedoch eingehend musterte. Es war, als ob sie etwas tun oder sagen wollte, es aber nicht konnte.
„Sie haben mir... ein Medikament gegeben, damit ich nicht... voll bei Besinnung bin und... irgendwas wegen den Drogen, halt.“, sagte sie langsam, und es klang, als ob sie erst kürzlich gelernt hatte, alle Wörter richtig auszusprechen und zu betonen.
Rons mulmiges Gefühl verstärkte sich. Diese Muggel ließen Lavender im Medikamentenrausch schwielen, damit sie physisch die Nachteile des Entzugs nicht mitbekam. Die Zaubererwelt hatte da bessere Möglichkeiten zu bieten! Warum auf der Welt war Lavender nur auf die Idee gekommen, die Muggel zu benachrichtigen, und nicht das St. Mungo oder so?
„Lavender, kannst du mir alles erzählen? Alles, was passiert ist, nachdem... du weißt schon. Ich werde dir danach auch alles erzählen, versprochen!“
Lavender blickte ihn lethargisch an. „Haben sie dir nichts gesagt?“
Ron schüttelte den Kopf. Die Klinik hatte auf das Ärztegehimnis hingewiesen, das für Lavender galt, und da er mit ihr weder verwandt noch verheiratet war, war die Chance gleich null, etwas auf diesem Wege zu erfahren.
„Also... du musst mir auch alles sagen, auch das mit... ihr!“. Lavender legte besondere Betonung auf das letzte Wort.
Ron nickte. „Versprochen!“
Lavender versuchte sich aufzusetzen, gab es jedoch auf (die Medikamente schienen ihre Muskeln zu lähmen) und blickte ihm ins Gesicht.
„Also, ich... apparierte in die Stadt. Dort hab ich James kennen gelernt. Er ist ein netter Typ. - Gestorben!“, sagte sie bestimmt.
Ron hob die Augenbrauen. James... sie konnte unmöglich Hermines Ex meinen! Es gab viele James. Obwohl... James Smith war ja derjenige gewesen, den Hermine verlassen hatte, weil er Heroin genommen hatte...
Rons Gedanken rotierten. Lavender war mit Hermines Ex zusammen gewesen! Wie war das möglich?
„Ich habe bei ihm gelebt... und auch seine Freundin hat ihn verlassen!“
Kein Zweifel, dachte Ron. Sie spach von James Smith. Von Hermines Ex. Ob sie das ĂĽberhaupt wusste?
„Er hat mich zu sich nach Hause gebracht, und wir haben zusammen Drogen genommen!“, flüsterte sie. „Hanf, Acid und Heroin. Wir hatten kein Geld. Einmal hab ich mit einem Fremden geschlafen, um ihm Geld abzuknöpfen.“
Rons Herz raste. Was Lavender da erzählte war unglaublich.
„James hat gesagt, er wird Jennys Vater werden, wenn sie zur Welt kommt. Es war wunderschön mit ihm!“
Stumme Tränen flossen aus Lavenders Augen. Ron spürte den unwillkürlichen Drang, sie abzuwischen und Lavender zu umarmen. Vorsichtshalber rückte er mit dem Stuhl ein wenig zurück.
Er konnte verstehen, was Lavender dazu gebracht hatte, sich diesem Fremden hinzugeben, mit ihm zu leben und Drogen zu konsumieren: James gab ihr Halt in einem Leben, dass er, Ron, ihr gründlich vermiest hatte. Er schloss kurz die Augen und wünschte, es wäre nie so weit gekommen. Das Gefühl der Schuld stieg in ihm hoch.
„Irgendwann... hat er einen Mix aus Heroin und Alk genommen und ist gestorben.“
Lange Pause, in der es Ron nicht wagte, sie anzublicken.
„Ich habe die Muggel alarmiert, weil James kein Zauberer ist und die Muggel wissen müssen, dass er tot ist... du verstehst... so kam ich hierher.“
Lavender schaffte es, sich aufzurichten, und streckte die dünne Hand nach Ron aus, welcher keine Sekunde zögerte, sie in seine zu nehmen. Ihre Hand war kalt und abgemagert, und irgendwie erkannte er in ihr wieder die Lavender Brown, die mit ihm auf Hogwarts gewesen war. Ron umklammerte ihre Hand und rückte den Stuhl näher.
„Und du? Wieso hast du mich betrogen?“
Ihre Stimme war inzwischen fast wieder so selbstsicher wie frĂĽher.
Ron seufzte und vergass seinen spontanen Plan, ihr doch die Wahrheit zu erzählen.
„Es tut mir Leid, das mit Hermine. Wirklich. Sie hat mich dazu gezwungen, mit ihr zu schlafen.“
Lavenders Augenbrauen hoben sich.
Das war keine LĂĽge, dachte Ron bei sich. Inzwischen bereute er so vieles in seinem Leben und Hermine hatte ihn wirklich um den Sex gebeten.
„Aber wie ist sie rein gekommen?“
„Sie wollte bei mir wohnen, weil ihr Freund sie schlecht behandelt hatte. Ich hab ihr gesagt, dass das nicht möglich wäre, doch sie hat sich unter dem Bett versteckt, während wir... du weisst schon.“
Ron lächelte verschämt, in Lavenders Augen jedoch las er ein „Warum nur?“.
„Nachdem du verschwunden bist, hab ich sie fertig gemacht. Sie wollte jedoch noch immer bleiben und jetzt sind wir eben zusammen. Ich... liebe sie nicht. Ich... nutze sie nur aus. Aber ich kann sie nicht verlassen, sie ist schwanger!“
Lavender hatte ruhig zugehört. Doch jetzt griff sie auch nach seiner zweiten Hand.
„Von dir?“, fragte sie leise.
Ron sackte das Herz in die Hose. Jetzt, da Lavender es so klar aussprach, war er sich keinesfalls mehr so sicher, dass Hermines Kind seine Gene in sich trug. Nie hatten sie sich Gedanken darüber gemacht, dass das Kind auch von James sein könnte... nie. Hatte Hermine in den Tagen vor der Trennung mit James noch mit ihm geschlafen?...
„Kommst du zu mir, wenn ich entlassen werde?“, fragte Lavender langsam. Ron blickte sie unsicher an.
„Ich hab dir gesagt, ich kann nicht! Sie ist schwanger!“
Jetzt tönte dieser geübte Spruch nur halb so gut wie als ihn Hermine vorgesprochen hatte.
„Ich auch...“, sagte Lavender leise. „Und ich war zuerst schwanger. Ausserdem ist der Vater wohl sowieso ihr Ex und nicht du!“
Ron schluckte und hoffte es wäre nicht so. Aber jetzt, da er darüber nachdachte, schien es ihm durchaus möglich.
„Also können wir doch zusammen leben!“
Ron fiel glĂĽcklicherweise endlich das richtige SprĂĽchlein ein.
„Hermine wird verrückt werden, wenn sie davon erfährt. Wir können uns aber heimlich treffen, das wäre toll!“
Lavender strahlte.
Der Abend war zu viel gewesen für Rons Nerven. Als er sich eine halbe Stunde später von Lavender verabschiedete, hatte er sie nicht nur zwei Mal geküsst, sondern ihr auch versprochen, sich regelmässig mit ihr zu treffen. Dazu war noch sein Mitleid mit ihr gekommen.
„Ach übrigens, wegen Jenny. Der Arzt, den du am Anfang gesehen hast... er ist James Vater und arbeitet hier. Er hat etwas von Adoption erwähnt, aber ich will das nicht. Kannst du da was tun für mich?“
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