
von waterloo
Der nächste Morgen kam viel zu früh. Das erste Mal erwachte Draco um halb sieben. Hätte er Unterricht gehabt, müsste er aufstehen, doch es war ein Samstag. Draco verfluchte seine innere Uhr und strampelte sich die Decke von den Beinen. Sie hatte zu viel Gewicht und er hatte das Gefühl, von ihr erdrückt zu werden.
Er drehte sich auf den Bauch und rutschte unruhig auf dem Laken hin und her, um ein kühles Stück von dem Stoff zu erwischen. Schließlich blieb er auf der Seite liegen. Sein Blick wanderte zu Blaise. Sein schwarzer Haarschopf ruhte auf seinem Kissen und seine sonst so beherrschten Gesichtszüge waren gelöst. Ein Arm lag über seinem Kopf, die Finger entspannt, wie bei einem Kleinkind. Unwillkürlich huschte ein Lächeln über Dracos Gesichtszüge. Ja, Blaise sah so aus, wie damals vor sechs Jahren, als sie gemeinsam nach Hogwarts kamen und zusammen in dieses Zimmer gezogen waren.
Draco ließ seine Gedanken zurückschweifen. Als er seinem Vater erzählt hatte, dass er sich ein Zimmer mit Blaise Zabini teilte, war dieser erfreut gewesen. Draco hatte sich gefragt, was Blaise’ Eltern wohl geleistet hatten, dass sein Vater ihnen ein solches Wohlwollen entgegen brachte. Er konnte sich nicht erinnern, den Namen Zabini bis dahin schon mal gehört zu haben. Die Namen Nott, Crabbe und Goyle waren ihm geläufig gewesen. Jedoch hatte der kleine Draco es vorgezogen, sein Zimmer nicht zu verlassen, wenn seine Eltern Besuch empfingen. Die Atmosphäre im Manor steigerte sich dann von unangenehm zu bedrohlich. Vermutlich hätte ihm sein Vater sowieso verboten, sein Zimmer zu verlassen.
Inzwischen wusste er, dass Mrs. Zabini selbst keine Todesserin war. Über ihre sieben verstorbenen Ehemänner konnte Draco das nicht sagen. Woher sein Vater Blaise’ Mutter, die nie bei ihnen zu Gast gewesen war und die auch nie erwähnt wurde, kannte, wollte Draco am liebsten gar nicht wissen.
„Draco, bist du wach?“ Erschrocken riss Draco die Augen auf und ein Grummeln entfuhr ihm. Wann war er wieder eingeschlafen? Vor ihm stand Blaise, ein Handtuch um die Hüften geschlungen. Leicht amüsiert blickte er auf ihn hinab: „Stehst du auch auf?“
Kurz fragte sich Draco, ob er liegen bleiben sollte, am besten für immer, doch dann nickte er stumm. Er fühlte sich fast erschöpfter als gestern Abend, als er zu Bett gegangen war. Müde fuhr er sich durch die Haare.
Kurze Zeit später ließ Draco sich schwer auf seinen Platz am Slytherintisch sinken. Dieser Platz wurde immer für ihn freigehalten. Niemand würde es je wagen, sich dort hinzusetzen. Die Luft der Großen Halle schwirrte von dem freudigen Gelärme der Schüler. Auf der anderen Seite der Halle fielen Draco zwei Hufflepuffs ins Auge, die unablässig Zärtlichkeiten austauschten. Draco mustere sie abschätzig mit gehobenen Augenbrauen.
Blaise, der sich ihm gegenüber niedergelassen hatte, schob ihm den Brötchenkorb zu. Blind griff Draco sich ein Brötchen. Noch immer hielt das Hufflepuffpärchen seinen Blick gefangen. Er konnte dieses harmonische Bild jungen Glücks nicht ertragen und doch hielt ihn etwas davon ab, den Blick abzuwenden. Der Anblick löste einen stechenden Schmerz in seiner Brust aus, der langsam anwuchs. Mit grimmigem Gesichtsausdruck hob er seinen Zauberstab und murmelte leise einige Worte.
Dann beobachtete er mit genüsslicher Mine, wie der Junge das Mädchen plötzlich grob von sich stieß.
„Schlampe!“
Der Ausruf hallte durch die Halle und ließ alle Gespräche verstummen.
Der Huffelpuff schlug sich die Hand vor den Mund. Panisch blickte er sich um, bevor er, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, aus der Großen Halle stürmte.
Alle Augen richteten sich nun gebannt auf das Mädchen, das wie vom Donner gerührt noch immer auf der Bank saß und dem Jungen hinterher starrte. Ihre Unterlippe zitterte verdächtig und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Mit einem lauten Aufschluchzen hetze auch sie auf die Flügeltür zu. Draco blickte ihr versonnen nach.
„War das denn nötig?“, wollte Blaise wissen. Seine Stimme war ruhig und fragend sah er Draco an.
„Ich fand’s gut“, ließ Draco verlauten. Doch das Grinsen, das er aufgesetzt hatte, erreichte seine Augen nicht.
Tatsächlich hatte ihn die Aktion nicht so sehr befriedigt, wie er gehofft hatte. Und so schwieg er und widmete sich seinem Frühstück. Nicht, dass er Appetit gehabt hätte, aber aus Appetitlosigkeit aufs Essen zu verzichten, widersprach seiner Vernunft. Heftiger als nötig gewesen wäre, biss er von einem Brötchen ab.
Blaise wusste es besser, als seinen besten Freund weiter auszufragen. Daher behielt er es sich vor, den Blonden kurz prüfend zu mustern. Dieser tat so, als merke er nichts und kaute weiter teilnahmslos auf seinem trockenen Brötchen herum.
Dankbar bemerkte Draco, dass die Posteulen kamen und Blaise’ Aufmerksamkeit auf sich zogen. Erschrocken blickte er auf, als eine Eule auf ihn zusteuerte und einen Brief auf seinen Teller fallen ließ. Mit einem schnellen Handgriff ließ er den schlichten Umschlag in seiner Tasche verschwinden. Darum würde er sich später kümmern. Schnell setzte er seinen unbeteiligten Gesichtsausdruck wieder auf. Unauffällig ließ er seinen Blick durch die Reihen der Slytherins gleiten. Doch niemand schien etwas bemerkt zu haben.
Blaise war beschäftigt, in seinen Händen hielt er drei Blatt Pergament, die er mit einem Augenrollen las. Auf dem zerrissenen Umschlag, der vor ihm auf dem Tisch lag konnte Draco den Namen seiner Großmutter entziffern. Ein kleines Lächeln schlich sich in Dracos Gesicht. Blaise’ Großmutter schickte jede Woche mindestens einen Brief an ihren Enkel. Und auch wenn Blaise beim Lesen mit den Augen rollte, wusste Draco, dass Blaise lange Antwortschreiben zurück schickte.
Neben Blaise saß Pansy. Ihre sonst so kühl dreinblickende Miene hatte sich zu einem glücklichen Lächeln gewandelt. Draco wollte gar nicht wissen, von wem der Brief war, der auf ihren Schenkeln lag. Ihr verklärter Gesichtsausdruck lag ihm ähnlich schwer auf der Brust, genauso wie der Anblick des Huffelpuffpärchens von vorhin. Schnell wandte Draco sich ab.
Sein Blick blieb an Theodore hängen. Draco beobachtete seine langen schmalen Finger, die den Kaffee umrührten. Dann wanderte sein Blick höher zu seinen Augen, die gelangweilt auf das Frühstück herunterblickten. Theo hatte keine Post bekommen. Draco runzelte die Stirn. Er wusste nicht, wie Theos Verhältnis zu seinen Eltern war oder ob er außerhalb von Hogwarts Freunde hatte. Eigentlich hatte Theo auch innerhalb von Hogwarts keine wirklich engen Freunde. Er hatte es nie für nötig gehalten, sich irgendwo einzuklinken. Trotzdem brachten ihm alle Schüler Respekt entgegen und keiner hatte Protest eingelegt, als der stille Slytherin zum Jahrgangssprecher gewählt wurde. Seitdem wohnte er in einem Einzelzimmer in den Kerkern.
Verwirrt blinzelte Draco, als er bemerkte, dass Theo ihm offen in die Augen schaute. Er wusste nicht, wie lange dieser Blickkontakt schon bestand.
Peinlich berührt senkte Draco schnell seinen Blick.
Blaise stupste ihn sacht an.
„Hey Draco, hast du Lust, mit in die Bibliothek zu kommen? Wir müssen noch den Aufsatz für Snape schreiben.“
Draco konnte den Blick in Blaise’ warme Augen im Moment nicht ertragen. Zu viel schwirrte ihm an diesem Morgen im Kopf umher. Er wusste nichts zu erwidern und zuckte unbeteiligt mit den Schultern.
„Ach, komm schon!“, bat Blaise, „Ich könnte dir auch bei Kräuterkunde helfen.“
„Nee, lass mal.” Draco erhob sich. Er stieß Blaise nicht gern vor die Stirn, doch die Aussicht auf Stillsitzen missfiel ihm.
„Wir sehen uns“, verabschiedete er sich und gab endlich seiner inneren Unruhe nach. Als er sich von seinen Beine aus der Halle tragen ließ, bemerkte er nicht, dass ihm zwei Paar Augen aufmerksam folgten.
tbc
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel