Granada, 2. Jänner 1492.
Muhammad XII, Sultan von Granada, ging unruhig im Saal der zwei Schwestern, dem prunkvollsten Raum der Alhambra, auf und ab. Erneut warf er einen Blick auf sein Feindglas, in dem die sich darin bewegenden Schatten immer näher kamen. Die düstere Vorhersage seines Wahrsagers schien sich doch zu bewahrheiten: die katholischen Könige rückten vor.
Gemessen an der Tatsache, dass die spanische Inquisition mit jedem Tag mehr an Stärke gewann, blieb ihm keine andere Wahl, als ihnen die Stadt kampflos zu übergeben.
Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn seine Gegner etwas über seine magischen Kräfte herausfinden würden. Oder noch schlimmer: über seine schwarzmagischen Versuche, Unsterblichkeit zu erlangen und seine Magie ins Unermessliche auszudehnen.
Die spanische Inquisition, deren Inquisitoren seit 1478 hier ihr Unwesen trieben, hatte ihre eigenen, grausamen und unmenschlichen Methoden, um einen Zauberer – sei es nun ein echter oder nicht – zum Geständnis zu bringen und anschließend, unter dem lauten Jubel der Menge, hinzurichten. Der Tod in den Flammen würde unnatürlich qualvoll sein… Und wenn man ihm erst den Zauberstab abnahm…
Nein, er, Muhammad XII, hatte nicht die Absicht, sich den Katholischen Königen zu stellen. Vielmehr würde er zuerst die Stadt kampflos übergeben und dann den Freitod wählen – er, der die Unsterblichkeit anstrebte!
Aber noch war nicht alles verloren.
Auf ein Schnipsen mit dem Zauberstab hin tauchte ein runzeliger, kleiner Hauself auf. „Schick mir Yusuf her“, verlangte der Sultan. Der Hauself verbeugte sich und verschwand.
Keine zwei Sekunden später erschien der hofeigene Tränkemeister und Parselmund Yusuf Al-Ibin in der Tür zum Prunksaal. „Mein Sultan wünscht, mich zu sehen?“ Yusuf verbeugte sich tief. Seine samtweiche Stimme hallte leise von den Wänden wider.
Mit stoischer Ruhe und entschlossenem Gesichtsausdruck drehte sich Muhammad XII zu ihm um: „Die katholischen Könige sind im Vormarsch und werden in wenigen Stunden die Alhambra erreicht haben“, erklärte er ohne Einleitung. „Ich brauche von dir den Trank des ewigen Schlafes.“
„A-aber mein Sultan, dann werdet Ihr…“, stotterte sein Tränkemeister herum.
„Ich weiß, dass ich dann sterben werde. Das ist auch meine Absicht. Glaubst du, ich begebe mich freiwillig in die Hände der Katholischen Könige?“ Ungeduldig wedelte er mit der linken Hand. „Nun beeile dich schon, man hat mir prophezeit, dass sie den Angriff zur Abendstunde planen, bis dahin muss alles bereitstehen.“
„Sehr wohl, mein Sultan.“ Yusuf zog sich zurück, um seinem Herrn das Gewünschte zu bringen.
Währenddessen zog sich dieser in die unterirdischen Gewölbe zurück, um alles für sein Ableben vorzubereiten. Er würde diese Welt nicht verlassen, ohne gewisse Maßnahmen getroffen zu haben, was die Bewahrung seines schwarzmagischen Wissens betraf. Sorgsam versteckte er alle Utensilien, Bücher und seine eigenen Notizen in versiegelten Behältern, die er unter dem soliden Steinboden einer kleinen, unterirdischen Kammer verbarg. Anschließend zerstörte er alle seine magischen Artefakte, einschließlich seines Zauberstabs.
Als die Katholischen Könige am Abend desselben Tages in Granada einmarschierten, trank Muhammad XII gerade den letzten Tropfen des tödlichen Giftes. Dann legte er sich mit über dem Bauch gefalteten Händen in sein Himmelbett und wartete auf den Tod.
Zum besseren Verständnis: Der Nasride Muhammad XII, auch Boabdli genannt, ist eine historische Figur. Er war der letzte Sultan Granadas, der den Katholischen Königen (Ferdinand II von Aragon und Isabella I von Kastilien) am 2. Jänner 1492 kampflos die Stadt übergab
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