
von Lilly10
Sie blickte noch eine Weile auf die geschlossene Tür und wandte sich dann um. Als erstes versuchte sie, es sich etwas gemütlich zu machen und heizte den Kachelofen ein, dann holte sie sich etwas zu essen. Sie aß, las etwas und nach einer Weile rollte sich einfach nur auf dem Sofa ein. Sie zog die Beine an und starrte ins Feuer.
Je länger sie da saß, desto sentimentaler wurde sie. Mit jedem weiteren Tag, den sie hier verbrachte – und es waren nun schon mindestens drei Wochen vergangen - wurde sie einsamer und sehnte sich nach Nähe und Zärtlichkeit. Von Snape bekam sie außer Drohungen und Beleidigungen gar nichts. Sie hatte Sehnsucht nach jemandem, der sie umarmen und einfach festhalten würde.
Während sie alleine hier saß, waren ihre Freunde so weit von ihrer derzeitigen Welt entfernt, niemand war für sie erreichbar, Hogwarts war wie eine unwirkliche Erinnerung und sie fragte sich, wie lange diese Situation noch andauern würde. Sie sehnte sich nach Gesellschaft, so sehr, dass sie es sogar bevorzugen würde, wenn ihr gehasster Lehrer hier wäre.
Sie erinnerte sich daran, wie Snape letzte Nacht sofort in ihr Zimmer gestürzt war, als sie geschrien hatte. Auch wenn er oft hartherzig schien, hatte sie doch gemerkt, dass er unter dieser kalten Oberfläche irgendwie besorgt um sie war. Hatte Dumbledore Recht und er wollte tatsächlich nur ihr Bestes?
Sie verbrachte den Abend sehr nachdenklich, als plötzlich die Tür aufgestoßen wurde und Marianne zusammen zuckte.
Snape kam herein gestürmt, sein Gesicht war verzerrt. Sie sah ihn erschrocken an, doch er rannte an ihr vorbei, ohne ein Wort zu sagen, und verschwand in seinem Zimmer. Besorgt sah Marianne ihm nach. Was war bloß geschehen?
Als sie sich von dem Schrecken erholt hatte und Snape keine Anstalten machte, aus seinem Zimmer heraus zu kommen, nahm sie allen Mut zusammen und ging die Treppe hinauf zu seinem Zimmer. Nach kurzem Zögern klopfte sie an seine Tür. Erst nach dem dritten Mal vernahm sie seine Stimme. Sie öffnete und trat ein.
Sie fand Snape auf dem Sessel kauernd vor. Neben ihm bemerkte sie eine Schale, in der glitzernde Fäden schwammen und sie wusste, dass es ein Denkarium war. Snape sah erst auf, als sie schon vor ihm stand.
„Professor, was ist passiert?“
„Ich denke nicht, dass Sie das etwas angeht.“, erwiderte er.
„Bitte sagen Sie es mir, Professor.“
„Warum müssen Sie eigentlich immer ihre Nase in alles hineinstecken?“
„Was meinen Sie mit ‚immer‘?“, erwiderte Marianne mit einem leichten Anflug von Zorn.
„Nun, erst haben Sie diese Visionen und dann...“
„Wollen Sie etwa behaupten, dass ich das freiwillig getan habe?!“, unterbrach Marianne ihn.
Was sollte das? Warum ließ er seine Wut nun an ihr aus? Snape antwortete nicht, er hatte seine Stirn wieder in seine Arme gestützt.
„Gehen Sie.“, sagte er leise, aber deutlich.
„Professor, ich bin 17 Jahre alt, behandeln Sie mich nicht wie ein Kind!“, brauste Marianne auf.
Sie konnte einfach nicht anders, denn sie war voller Sorgen. Eindeutig war etwas nicht in Ordnung und sie musste wissen, was es war. Was, wenn jemandem etwas zugestoßen war? War etwas mit einem ihrer Freunde nicht in Ordnung?
„Professor, bitte!“, sagte sie, nachdem sie keine Antwort bekommen und sie sich etwas beruhigt hatte.
Snape wandte sich ihr zu.
„Es ist alles in Ordnung.", sagte er matt. "Und nun gehen Sie bitte, Miss Richis.“
Zornig warf Marianne die Tür zu und lief wieder hinunter. Sie saß unzufrieden auf dem Sofa und verschränkte die Arme. Sie hatte den Kopf gesenkt und starrte wütend ins Feuer. Sie hasste es, wenn sie etwas nicht wusste, noch dazu, wenn es etwas sein könnte, das beunruhigend war. Sie saß einige Minuten so da, während der Zorn auf Snape in ihr brodelte.
Nach einer Weile löste sich die Wut jedoch auf und sie saß resigniert da. Was hatte sie sich eigentlich anderes erwartet, fragte sie sich, dass er ihr bereitwillig alles erzählte was sie wollte?
In ihr regte sich etwas, das ihr sagte, dass sie tatsächlich etwas anderes erwartet hatte. Sie hatte geglaubt, eine andere Seite von Snape gesehen zu haben, bevor er heute gegangen war. Eine tiefere, nettere Seite, als er sie gefragt hat, was sie beschäftigte – doch jetzt war alles wieder wie zuvor.
Eine halbe Stunde saß sie bereits auf dem Sofa, als plötzlich Snapes Tür aufschwang und er heraus eilte. Langsam schritt er die Treppen hinunter und ging an ihr vorbei in die Küche.
Ein paar Minuten später kam er mit einer Tasse Tee in den Händen wieder und setzte sich schließlich auf das Sofa, das etwas näher am Feuer stand. Verwundert betrachtete Marianne ihn. Noch nie hatte er sich außerhalb der Schulstunden zu ihr gesetzt.
Sie wartete eine Weile, ob er etwas sagen würde, doch er blieb stumm. Marianne beobachtete ihn heimlich von der Seite und fragte sich, was in ihm vorging. Noch nie hatte sie ihn so aufgewühlt erlebt wie heute. Jemand, der ihn nicht kannte, würde nun keinen Unterschied mehr erkennen, doch Marianne fand, dass er etwas aus der Bahn geworfen wirkte. Sie schloss daraus, dass etwas Wichtiges vorgefallen sein musste, wenn es ihn so beschäftigte. Schließlich siegte die Neugier und sie setzte an, um etwas zu sagen, als Snapes Stimme sie daran hinderte.
„Können Sie etwas für sich behalten, Miss Richis?“
Marianne nickte, doch dann fiel ihr ein, dass Snape sie nicht ansah und sie fügte hinzu:
„Ja, Professor.“
Sie bemerkte, dass sein Blick traurig war.
„Haben Sie Professor Dumbledores rechte Hand bemerkt?“
„Ja...“, sagte Marianne zögernd. "Sie ist schwarz."
Snape starrte weiter ins Feuer.
„Es ist ein Fluch, zu dem es höchst wahrscheinlich kein Gegenmittel gibt... Professor Dumbledore hat mir heute eröffnet, dass er möchte, dass ich den Posten des Direktors übernehme, sollte er in baldiger Zukunft dem Fluch... erliegen.“
Marianne starrte ihn geschockt an.
„Gibt es denn keine Möglichkeit, dass Sie ihn doch noch heilen können, Professor?“
„Ich weiß es nicht.“
„Aber... aber warum sind Sie dann hier? Wir sollten dies hier abbrechen und zurückkehren, damit Sie nach einem Gegenmittel suchen können...“, sprach Marianne.
Snape verzog seinen Mund zu einem leichten Grinsen und erwiderte:
„Es sieht so aus, als ziehe er es vor zu sterben.“
Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören, doch Marianne glaubte auch, Frustration darin zu bemerken.
„Professor Snape, ich komme auch alleine zurecht. Wenn Sie abends nach Hogwarts zurückkehren, könnten Sie vielleicht ein Gegenmittel...“
Marianne verstummte, denn er hatte seinen Kopf gewandt und musterte sie eindringlich. Warum sah er sie so an? Sie wagte es nicht mehr, weiterzusprechen.
„Sie sind ein erstaunliches Mädchen, Miss Richis.“, sagte er.
Marianne wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Überrascht von seinen netten Worten lächelte sie schüchtern. Er wandte sich wieder dem Feuer zu und sie hingen beide ihren Gedanken nach.
Wehmut und Traurigkeit überfiel Marianne, sie mochte Dumbledore sehr gerne und mit ihm als Direktor fühlte sie sich immer wohl in Hogwarts. Eine einzelne Träne rollte an ihrer Wange hinunter, doch sie wischte sie schnell weg, bevor Snape sie bemerken konnte. Wie würde sich das Leben verändern, mit Snape als Direktor, fragte sie sich. Würde er den Slytherins all die Vorteil einräumen und die anderen vernachlässigen?
Bange sah sie in die Zukunft, doch dann beendete sie ihre Gedanken. Sie wollte jetzt noch nicht darüber nachdenken, schließlich war es noch nicht so weit. Dumbledore war am Leben.
Es war bereits stockdunkel und Marianne war froh, dass Snape sie nicht alleine ließ.
„Wollen Sie noch eine Tasse Tee, Professor?“, fragte sie ihn.
„Nein. Ich denke, jetzt ist es Zeit für etwas anderes.“, erwiderte er.
Er stand auf und ging in die Küche. Als er zurückkehrte, hatte er zwei Flaschen Rotwein in der Hand und – zu Mariannes Überraschung – zwei Gläser. Sie sagte nichts, als er sie auf den Tisch stellte, sich neben sie aufs Sofa setzte und einschenkte. Niemals hätte sie daran gedacht, in Snapes Anwesenheit Alkohol trinken zu dürfen – geschweige denn, dass sie ihn von ihm selbst angeboten bekam. Sie lachte innerlich bei der Vorstellung, dies ihren Freundinnen zu erzählen.
„Kein Wort darüber – zu niemandem, haben Sie verstanden?“, sagte Snape, als hätte er ihre Gedanken erraten.
„Ja, Professor.“, erwiderte sie.
„Alles, was Sie heute Abend hören oder tun, bleibt unter uns.“, sagte er nachdrücklich.
Marianne nickte.
„Versprochen, Sir.“
Schade, dachte sie, sie hätte es zu gern ihren Freundinnen erzählt, doch dann konnte sie sicher sein, dass es am nächsten Tag ganz Hogwarts wusste – inklusive den Lehrern.
Er reichte ihr das Glas und sie stießen an. Es war das Beste, was ihr heute passieren hätte können – außer natürlich, wieder nach Hogwarts zurück zu kehren. Sie mochte Wein und er verschaffte ihr jedes Mal ein wohliges Gefühl. Sie sah, dass Snape den Wein mehr hinunter leerte als ihn genoss. Er schien ihn wirklich nötig zu haben, dachte sie. Schließlich fragte sie sich, ob da noch mehr war, als Snape ihr erzählt hatte. Doch Mariannes Gedanken brachen ab, denn die Wirkung des Weines begann einzusetzen. Es wurde ihr ganz warm und gleichzeitig kam wieder die Sehnsucht. Wie schön wäre es, jetzt in zärtlichen Armen zu liegen und sie fragte sich dabei, wie lange sie wohl noch hier bleiben musste. Wann würde Snape entscheiden, dass sie gut genug in Okklumentik war?
Snape leerte er den Rest in einem Zug und beugte sich vor, um sich einzuschenken.
„Ich hoffe, Sie vertragen etwas. Morgen geht der Unterricht weiter und ich werde keine Rücksicht auf Kopfweh nehmen.“, bemerkte er und füllte auch Mariannes Glas wieder auf.
Da sie sonst nur selten Alkohol trank, vertrug sie ihn nicht sehr gut, doch diese Schwäche gab sie nicht zu.
„Keine Sorge, Professor, ich bin kein kleines Mädchen mehr.“
Marianne stieß also mit ihm an und trank weiter. Nach einer viertel Stunde fühlte, dass ihr leicht schwindlig wurde. Als Snape sich nachschenken wollte, bemerkte er, dass die Flasche bereits leer war.
„Geben Sie mir bitte die zweite Flasche, Miss Richis?“
Marianne nickte, beugte sich vor und reichte sie ihm. Als er sie entgegen nahm, berührten sich ihre Hände und sie erschrak. Ihr Blick wanderte zu Snapes Gesicht und es gab ihr einen Stich, als sie bemerkte, dass er sie ansah. Schnell zog sie die Hand zurück und widmete sich wieder ihrem Glas. Die Wirkung setzte nun vollends ein und sie stand auf.
„Ich denke, ich gehe besser.“
„Wie Sie wollen.“
Marianne wurde so schwindlig, dass sie Angst hatte, sie würde vor Snape hinfallen, deshalb setzte sie sich erst wieder.
„Haben Sie es sich anders überlegt?“, bemerkte Snape amüsiert.
Vor Scham antwortete sie ihm nicht.
Sie lehnte sich zurück und merkte, wie es in ihrem Kopf schwirrte. Gleichzeitig war sie so müde, dass ihr, bevor sie etwas dagegen tun konnte, die Augen zufielen und sie auf dem Sofa einschlief.
Auch Severus, der mehr als zwei Drittel der Flasche getrunken hatte, bemerkte die Wirkung mehr als deutlich und wurde schläfrig. Nach wenigen Minuten döste er ebenfalls ein.
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