
von Lilly10
Als Marianne am nächsten Tag aufwachte und sich zur Seite drehte, durchfuhr sie ein scharfer Schmerz in ihrem Arm und sie schrie auf. Schnell schlug sie sich die Hand vor den Mund und war still. Sie horchte, doch keines der Mädels schien aufgewacht zu sein. Leise setzte sie sich auf und zog den Ärmel ihres Pyjamas nach oben.
Was konnte das nur sein? Große, blaue Flecken kamen auf ihrer Haut zum Vorschein und sie sah den Abdruck von Snapes Hand. Man konnte genau sehen, wo seine Finger gewesen waren und die Erinnerung an den gestrigen Abend kam immer deutlicher zurück - und damit der peinigende Gedanke an die Strafe, die ihr bevor stand...
Plötzlich bewegte sich eines der Mädchen und Marianne sah auf. Schnell schob sie den Ärmel nach unten, bevor jemand ihre blauen Flecken bemerken konnte.
Lisa war aufgewacht und gähnte:
„Guten Morgen.“
Marianne sah zu ihr hinüber. Lisa lächelte zufrieden und streckte sich genüsslich.
„Das war ein super Abend gestern, nicht wahr!?“, sagte sie.
Für Marianne fühlte es sich an, als wäre das Konzert schon ewig her, denn dazwischen war so viel geschehen.
Aber sie nickte trotzdem.
„Wo warst du denn eigentlich nach dem Konzert? Ich habe dich gar nicht mehr gesehen.“
„Ich war müde.“, log Marianne. „Deshalb bin ich schon früh ins Bett gegangen.“
„Ach so...“, meinte Lisa. „Schade, du hast einiges verpasst...“
Sie setzte sich auf und grinste.
„Ach ja? Was denn?“, fragte Marianne nach und versuchte, Interesse zu zeigen.
Sie war nicht in der Stimmung dazu, irgendwelche Jungs-Geschichten zu hören, aber sie wollte ihrer Freundin nicht erklären, warum. Lisa lehnte sich vor und flüsterte, als wäre es ein Geheimnis:
„Peter und ich haben uns geküsst.“
Was für eine Überraschung, dachte Marianne, aber sie zwang sich zu einem Lächeln:
„Wow, das freut mich für dich.“
„Er ist so süß, wir haben die ganze Nacht lang getanzt und er hat mich auf Butterbier eingeladen.“
„Cool.“, erwiderte Marianne nur. Etwas Besseres fiel ihr dazu einfach nicht ein.
„Und weißt du, wie er mich nennt?“
„Äh... nein keine Ahnung, wie denn?“
„Zuckermäuschen.“
Lisa kicherte und Marianne unterdrückte ein skeptisches Stirnrunzeln.
War man wirklich so geblendet, wenn man verliebt war? Sie hoffte, dass sie das nicht sein würde, wenn sie sich irgendwann verlieben sollte. Aber warum war sie in letzter Zeit nur so negativ eingestellt? Bei jeglichen Liebesgeschichten stellte es ihr die Haare auf, sie hatte dieses romantische Gesülze noch nie leiden können.
„Und weißt du was?“, plapperte Lisa bereits weiter. „Peter küsst wirklich umwerfend, er ist wirklich kein Vergleich zu Michael.“
Eigentlich hätte sich Marianne freuen sollen, dass Lisa ihr immer noch so vertraute und ihr alles erzählte, obwohl sie in letzter Zeit nicht viel miteinander unternommen hatten. Aber es schien ihr diesmal nicht gelingen zu wollen und sie fasste den Entschluss, ihren Freundinnen schnell zu entkommen, wenn sich die Möglichkeit bot.
Sollten sie doch untereinander über ihre tollen Freunde reden, Marianne fühlte sich immer mehr, als könnte sie nicht mitreden und das bevorstehende Nachsitzen drückte ihre Stimmung in den Keller.
„Peter ist einfach so einfühlsam und trotzdem so ... so männlich...“, sagte Lisa und beinahe hätte Marianne laut aufgelacht.
So männlich? Hatte Lisa das tatsächlich gerade gesagt? Den Jungen, den Lisa ihr gestern vorgestellt hatte, als männlich zu bezeichnen, wäre ihr als letztes in den Sinn gekommen...
„Ist etwas?“, fragte Lisa, denn sie musste ihren eigenartigen Gesichtsausdruck bemerkt haben.
„Nein, gar nichts.“, erwiderte Marianne schnell.
Sie verstand sich heute selbst nicht. Warum musste sie den Freund ihrer besten Freundin schlecht machen?
„Ich finde es toll, dass ihr jetzt zusammen seid.“, fügte sie hinzu und versuchte, es auch so zu meinen.
„Wir sind aber nicht die einzigen...“, fuhr Lisa flüsternd fort und grinste verschwörerisch. „Cho ist seit gestern mit James zusammen.“, sagte sie aufgeregt.
„Ach ja?“
Marianne gab es einen leichten Stich, als sie von den vielen Neuigkeiten erfuhr. Sie hatte nicht einmal mitbekommen, was im Liebesleben ihrer besten Freundinnen vorging...
„Oh, und weißt du, was noch passiert ist?“, flüsterte Lisa, bevor sie etwas erwidern konnte.
Marianne verneinte. Eigentlich war sie gar nicht so scharf darauf zu wissen, was sie noch alles verpasst hatte.
„Xavier Malfoy hat sich mit seiner Freundin gestritten. Alle haben zugesehen, wie sie sich beschimpft haben. Sie meinte er hätte mit einer anderen geflirtet und sie haben sich angebrüllt, bis sie weinend davongelaufen ist... Wenn du mich fragst, ist an ihren Anschuldigungen bestimmt was dran.“
Lisa machte eine Pause, um die Neuigkeiten wirken zu lassen. Marianne hoffte, dass sie nicht weiter von Xavier erzählen würde, schließlich erinnerte sie sich nicht gerne an die Erfahrungen, die sie selbst bereits mit ihm gemacht hatte.
„Später, ungefähr nach einer Stunde, haben ein paar Hufflepuffs die beiden im Gang wild herummachen gesehen.“, flüsterte ihre Freundin aufgeregt und grinste. „Sieht also so aus, als hätten sie sich wieder versöhnt...“
Na super. Wenn das so weiterging, würde es ein sehr langer Tag werden, dachte Marianne.
„Hey. Was ist denn das?“, fragte Lisa plötzlich und stand auf.
Marianne folgte ihr mit ihrem Blick. Wovon sprach sie denn nun?
Plötzlich sah sie, dass Lisa den Mantel nahm, den Marianne gestern Nacht über ihren Sessel gehängt hatte.
„Nein!“, rief sie, doch es war zu spät.
„S. Snape...?“, las Lisa und sah sie verwirrt an. „Warum hast du denn bitte Snapes Mantel hier im Zimmer?“
Verdammt, dachte Marianne. Wie soll ich ihr das nur erklären? Lisa starrte sie an, als hätte sie jemand mit dem Petrificus totalus belegt. Es blieb ihr wohl nichts anderes überig, als ihr die Wahrheit zu sagen.
„Na gut, ich erklärs dir: Ich war gestern Abend noch bei Snape.“
„Was?“ Lisas Stimme war laut geworden und einige der Mädchen bewegten sich in ihren Betten.
„Shhh.“, machte Marianne. „Ich erklärs dir ja, aber bitte nicht hier.“
Schnell versteckte Marianne den Mantel unter ihrem Gewand und verließ dann den Schlafsaal. Misstrauisch folgte Lisa ihr die Treppen hinunter in den Gemeinschaftsraum. Nachdem die Schüler die ganze Nacht durchtanzt hatten, schliefen diese alle noch und so waren sie ungestört. Die beiden Mädchen setzten sich aufs Sofa und Lisa sah sie skeptisch an.
„Es ist nicht so, wie du denkst.“, sagte Marianne schnell.
Es war ihr klar, dass es sehr eigenartig auf ihre Freundin wirken musste.
„Ich habe gestern nicht ganz die Wahrheit gesagt.“, gab sie etwas zerknirscht zu. „Ich musste nachsitzen, genauso wie jeden anderen Tag auch, aber ich wollte unbedingt zum Konzert.“, erklärte Marianne.
„Und du hast geschwänzt?“
Lisa sah sie mit großen Augen an.
„So ähnlich...“, erwiderte Marianne, denn sie wollte den Part mit Remus und dem Zeitumkehrer nicht verraten.
Bevor Lisa genauer nachfragen konnte, sprach sie weiter:
„Jedenfalls ist Snape draufgekommen und er hat mich auf dem Fest gesehen. Er hat mich mit in sein Büro genommen und gab mir seinen Mantel zum Anziehen, bevor er mit mir gesprochen hat.“
„Okay, jetzt versteh ich es.“, erwiderte Lisa. „Tut mir leid...“
Marianne wusste nicht, ob ihr die Unterstellung leid tat oder die Tatsache, dass Snape sie bei einem Vergehen erwischt hatte, aber sie fragte nicht nach.
„Wie konntest du mir eigentlich unterstellen, dass ich abends einfach so zu ihm gehen würde?“, fragte Marianne.
Lisa schien es etwas unangenehm zu sein, doch sie antwortete:
„Naja, du warst ja in letzter Zeit andauernd bei ihm...“
„Aber ich musste doch nachsitzen, ich war ja nicht freiwillig dort!“, verteidigte sich Marianne heftig.
„Ich weiß, ich weiß. Tut mir leid.“, murmelte Lisa und sie verstummten beide.
„Schade eigentlich.“, sagte Lisa schließlich. „Als ich den fremden Mantel sah dachte ich schon, du hättest auch jemanden kennengelernt.“
„Nein, aber es ist doch toll, dass du mit Peter zusammen bist! Er sieht wirklich nett aus.“, sagte Marianne und war froh, das Thema wechseln zu können. Lisa lächelte.
„Danke. Ich bin sicher, du findest auch bald jemanden.“
Marianne erwiderte das Lächeln, aber sie bezweifelte es. Sie hatte einfach noch keinen Schüler kennen gelernt, der sie interessierte.
Schon bald kamen Cho und ein paar andere Mädchen herunter und der allgemeine Tratsch über das Konzert begann, sodass Marianne sich unbemerkt zurückziehen konnte. Es war wirklich schade, dass sie sich von den Weird Sisters nicht mehr verabschieden hatte können, und mit Myron hatte sie ja auch noch tanzen wollen... Naja, was solls, Zukunft hätte es sowieso keine, dachte sie bitter und setzte sich wie üblich an ihren Schreibtisch. Das war der letzte Tag, an dem sie lernen musste, morgen war endlich die Prüfung und dann hatte sie wieder etwas Freizeit, sagte sie sich.
Zur selben Zeit saß Snape an seinem Tisch und trank Kaffee. Die Flüssigkeit war so schwarz und dickflüssig, dass man hätte glauben können, es sei Teer. Doch er brauchte in letzter Zeit diese Aufputschmittel einfach, um wach zu werden. Schließlich hatte er ein Zeitlimit, um den richtigen Zaubertrank für den Direktor herzustellen.
Während er in seinem schwarzen Morgenmantel die Brühe trank dachte er an den vergangenen Abend. Richis hat doch tatsächlich gedacht, sie könnte mich hintergehen, dachte er. Aber da ist sie an den Falschen geraten. Und dann hatte sie auch noch geglaubt, so einfach davonkommen zu können... Er sah sie vor sich, wie sie ihn angesehen und eine Entschuldigung gestammelt hatte. Sie hat verdammt heiß ausgesehen in dem Kleid, dachte er. Snape erschrak.
Wie war dieser Gedanke plötzlich in sein Gehirn gekommen? Er verdrängte ihn sofort und schnaubte missmutig. Er würde sich doch nicht von solchen Oberflächlichkeiten ablenken lassen. Er war ja nicht wie diese Schuljungen, die sich von etwas nackter Haut gleich aus dem Konzept bringen ließen. Aber sie hat trotzdem ziemlich gut darin ausgesehen, erwiderte eine kleine Stimme in seinem Kopf. Was interessiert mich, wie eine Schülerin aussieht, verteidigte er sich. Es hat dich so sehr interessiert, dass du Angst hattest, es würde dich aus dem Konzept bringen und du ihr deinen Mantel gegeben hast. Snape seufzte und schüttelte den Kopf. Er wusste, dass er die Stimme nicht loswerden würde, wenn er sich weiter dagegen wehrte.
Na gut, er hab es ja zu, sie hat wirklich nicht schlecht ausgesehen, sagte er zu sich selbst. Und sie war weit davon entfernt gewesen, abstoßend zu wirken. Vielleicht war es sogar unfair gewesen, sie so zu beschimpfen, aber in seinem Zorn war ihm einfach nichts Besseres eingefallen. Und er hatte ja auch nicht damit gerechnet, sie in so einem Kleid aufzufinden, erklärte er der kleinen Stimme, und das musste er zu seiner Verteidigung schon sagen. Doch die Stimme war verstummt und schien mit seinem Teilgeständnis schon zufrieden zu sein.
Snape trank den Rest seines Kaffees aus, kleidete sich an und machte sich an die Arbeit.
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