
von Dr. S
Im Kopf ging James wieder und wieder durch, was er Sirius denn sagen wollte, aber er konnte sich schlecht konzentrieren, wenn in ihm der Drang aufkochte, ein Mädchen zu… na ja, nicht nett zu behandeln, nur weil es in Sirius‘ Nähe gekommen war. Er hatte ja auch gehofft, dass Schniefelus ihn einfach nur ärgern wollte – woher sollte der Kerl denn auch wissen, wie Männer nach Frauenkontakt aussahen? Sirius hatte vielleicht auch einfach verschlafen. Er hatte dafür zwar keine Zeit gehabt, aber… Merlins Bart, er war Sirius Black. Der schaffte so einiges in zehn Minuten, wofür andere acht Stunden brauchten.
Allerdings musste James sich spätestens dann diese wunderbar logischen Gedanken wieder ausreden, als sein kleiner Sirius-Punkt auf der Karte Besuch von einem weiblichen Punkt bekam. Zwar war der siebte Stock um diese Uhrzeit alles andere als leer und damit absolut nicht für romantische Zweisamkeit geeignet, aber Gerüchten zufolge – hatte James sie jetzt mitbekommen oder nicht – hatten sowohl Sirius als auch Dorcas Meadowes nicht viel für sowas übrig.
James wäre fast gegen eine Säule gerannt, als dieser widerwärtige Punkt direkt vor Sirius auf- und abhüpfte. Er hatte doch gewusst, dass es nicht Dearborns Haare gewesen waren, die Sirius‘ Herz so hatten schlagen lassen. Aber er hatte eben gehofft, dass Sirius‘ Niveau noch nicht vom Astronomieturm gesprungen war, nur weil ein passabel aussehendes Mädchen mit kurzem Rock vorbeigehüpft kam. Und der Punkt hüpfte! James kam sich vor, als würde er bei einem Ping-Pong Match zusehen müssen.
Sirius war sicherlich auch schon genervt. James nickte sich entschlossen zu und hastete die letzten Treppen hoch, musste doch erst einmal Luft holen, bevor er sich wieder auf die Suche nach Sirius begab. Wenigstens hatte er die Karte, die so ein Unterfangen weitaus leichter machte, aber ohne Remus hätte er das vorhin beinahe vergessen. Irgendetwas in ihm hatte so hitzig auf den Kommentar von Schniefelus reagiert, dass er fast blindlings losgestürmt wäre.
Und auch jetzt war es die heisere, aber sanfte Stimme, die in seinem Kopf widerhallte und ihm riet, doch erst einmal vorsichtig um die Ecke zu schauen, damit er sich vergewissern konnte, dass Sirius nicht aus Langeweile ein armes Mädchen von einer Wand gegen die andere hexte, was wenigstens das Hüpfen plausibel erklären würde.
James erreichte den offenen Torbogen und schaute nach oben, während er tief durchatmete und sich gegen die Wand drückte. Dabei entdeckte er noch mehr von diesem verfluchten Grünzeug, dass Sirius hoffentlich keinen Schlag auf die Nase von dieser dämlichen, gewalttätigen Kuh einbrachte. Wenn doch, dann würde James ihn auslachen, weil das sozusagen Karma war, nachdem Dearborns blutige Nase Sirius gefühlte Stunden unterhalten hatte.
„…hoffe, du nimmst mir das nicht übel“, hörte er Sirius‘ Stimme heraus. Von irgendwo weiter hinten konnte man Bertram Aubrey lauthals über Professor Slughorn ablästern hören, und das tat er so enthusiastisch, dass James wirklich Schwierigkeiten hatte, sich auf das in normaler Lautstärke gehaltene Gespräch nur wenige Meter von sich entfernt zu konzentrieren.
Laut der Karte saß Sirius auf der Fensterbank, während dem klackernden Geräusch von Absätzen nach zu urteilen, Meadowes eher auf- und abging, anstatt zu hüpfen, aber das tat sie merkwürdigerweise ziemlich schnell. Vielleicht musste sie aufs Klo.
„Wieso?“ Sie klang auch typisch genervt und dabei durfte sie doch mit Sirius sprechen! Was würde James momentan für ein paar ungestörte, ruhige Minuten geben, und Dorcas Meadowes warf das einfach so weg.
„Na, weil du Verwandlungen geschwänzt hast.“ Sirius ließ sich von so einem Ton natürlich nicht aus der Fassung bringen.
„Hätte ein bisschen merkwürdig ausgesehen, wenn du so den Klassenraum betrittst und ich gleich hintendran. Reicht mir, dass ohnehin jeder denkt, man könnte mich unter den nächstbesten Mistelzweig zerren.“
James schluckte hart. Dann hatte Schniefelus wohl doch richtig gesehen.
„Vor allem Potter hätte das wohl in den falschen Hals gekriegt, Schätzchen.“
Noch dabei sich über Dorcas‘ Wagnis, Sirius ‚Schätzchen‘ zu nennen, aufzuregen, realisierte James langsam, was dieser Satz auch bedeuten könnte. Nämlich dass Sirius Angst hatte, James könnte ihn für so ein frauenfressendes Monster halten, wie der Rest der Schule.
„Du behältst das bloß für dich, Dorcas. Sonst gibt’s richtig Ärger.“
James lugte vorsichtig um die Ecke, wo Dorcas gerade stoppte und vor Sirius die Hände in die Hüfte stemmte. Er konnte sich ihren Blick gut vorstellen. Seine Mutter und so gut wie jede Frau hatten diesen Blick drauf, und er beneidete Sirius nicht darum, ihm jetzt schutzlos ausgeliefert zu sein.
„Vor Drohungen von dir hab ich jetzt wirklich keine Angst mehr. Du kannst zusammen mit Caradoc in den Waschlappen-Club eintreten.“ Oh, wenn sie weiter so fies grinste, dann würde James ihr von hinten den Rock hochhexen. „Hast du’s ihm wenigstens gesagt?“
Das Pochen seines Herzens wurde etwas zu laut, weshalb James Probleme hatte sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Mit allmählich warm werdenden Wangen zog er sich wieder hinter die Ecke zurück und versuchte sich die glühende Haut an der steinernen Mauer zu kühlen.
Sirius hatte ihm etwas sagen wollen. Und Lily hatte sich ausgerechnet dann neben ihn setzen müssen. James fluchte innerlich. Wieso war sein Leben auf einmal so kompliziert geworden?
„Na ja, so halb“, riss Sirius‘ Stimme ihn aus seinem innerlichen Schimpf-Marathon. So halb? Sollte das heißen, er hatte gerade falsch gedacht? „Er konnte sich immerhin schneller ablenken als ich.“ Eifersucht. Definitiv. James wusste nicht, ob er grinsen sollte, oder ob er sich zu früh freute.
„Nur weil Lily neben ihm saß, fängst du aber nicht wieder zu flennen an, oder?“
„Ich hab nicht geflennt. Ich hatte einen schwachen Moment. Und wenn du irgendwem auch nur ein Sterbenswörtchen davon erzählst, dann…“
„Dann krieg ich Ärger, ja, ja…“ Dorcas winkte gerade ab und dann zum Abschied, als James wieder um die Ecke schaute. „Ich geh mal Lily fragen, was wir in der Stunde gemacht haben, dann hast du genug Zeit richtig zu machen, was du halb getan hast.“
„Dorcas…“ Sirius schien genervt.
„Sonst tratsch ich herum, dass du schlimmer heulst, als die Maulende Myrte.“ Daraufhin hüpfte Dorcas davon, kassierte aber einen längeren Blick von Sirius, was James ausnutzte, um sich an ihn heranzupirschen, wie ein Raubtier an die ahnungslose Beute. Dementsprechend starrte Sirius ihn auch an, als er die Schritte endlich bemerkte und herumfuhr.
„Scheiße, hast du mich erschreckt.“ Sirius rutschte näher an die Wand, als James sich neben ihm auf die Fensterbank setzte. „Hast du gelauscht?“
„Wär’s dir unangenehm, wenn ich’s hätte?“ James packte die Karte wieder ein und bekam Sirius‘ Schulterzucken nur aus den Augenwinkeln mit. „Stehst du doch auf Meadowes?“
„Frag doch, was du fragen willst, anstatt um den heißen Brei herumzureden, Krone“, sagte Sirius etwas sehr grummelig, damit James sich ermutigt fühlte, sein Herz auszuschütten.
„Bist du sauer? Weil Evans auf deinem Platz gesessen hast?“, fing James deswegen an.
Sirius stützte sich nach hinten ab und begann mit den Beinen zu baumeln. „Wenn ihr’s in einer Doppelstunde nicht geschafft habt, euch beim Vornamen zu nennen, dann hab ich keinen Grund sauer zu sein – eher enttäuscht von dir, Krone.“ Sirius‘ Mundwinkel zuckten, als James ihn fragend ansah. „So eine Chance und du glotzt lieber mich an.“
„Jetzt fang nicht wieder damit an. Ich könnte auch woanders hingesehen haben“, antwortete James, die Finger unruhig ineinander verschränkend. Er fühlte sich ungewöhnlich nervös, dabei berührte sein Oberschenkel nicht einmal den von Sirius‘. Trotzdem war ihm, als würden kleine Blitze von einem Muskel zum anderen zucken, ein prickelndes Gefühl auslösend, das gleichzeitig angenehm und verstörend war.
„Ja, du hast sicherlich Snape angestarrt.“ Sirius‘ Grinsen wurde etwas breiter, als James ihm dafür auf die Finger schlug. Das Bedürfnis, die andere Hand fest zu umschließen, durchzuckte ihn schlagartig, aber er unterdrückte es.
„Snape ist total sexy, Sirius. Er ist mein Ersatz für dich, seit ich bemerkt habe, dass ihr in etwa die gleiche Frisur habt.“ Sirius hatte ebenfalls keine Skrupel James auf die Finger zu hauen, aber er zog seine Hand auch wieder weg, platzierte sie auf seinem Oberschenkel, den er zu kneten begann, als hätten die Blitze vorhin nicht nur in James‘ Kopf existiert.
„Hat Regulus dir noch nicht das Band gegeben?“, wollte Sirius wissen und seufzte schwer auf, als James den Kopf schüttelte. „Dann ist Snape wahrscheinlich grad auf dem Weg zu Evans. Er ist extrem angefressen gewesen, weil sie dich nicht wie den letzten Dreck behandelt hat.“
„Ist mir egal“, sagte James und fixierte den Blick auf seine Fußspitzen, als Sirius ihn verwirrt anschaute.
„Plötzlich ist dir das egal?“ Sirius rutschte näher, worauf James die ganze Umgebung komplett egal wurde. „Nach all dem Scheiß, den wir dafür durchgemacht haben?“
„Mir ist… unsere Freundschaft einfach wichtiger.“ James hob die Hand, um sich durch die Haare zu fahren, aber Sirius kam ihm zuvor und machte sich etwas übermotiviert an die Aufgabe, die schwarzen Strähnen durcheinander zu bringen.
„Mir doch auch, Idiot“, gluckste Sirius und schubste James‘ Kopf zur Seite. „Endlich siehst du das ein…“
James sah wieder zu Sirius, der endlich mal wieder ganz ehrlich zu lächeln schien, als würde durch das Fenster dort die Sonne ihre Strahlen direkt auf sein Gesicht werfen. Dann ging es Sirius anscheinend doch genauso wie ihm. Aber warum sträubte er sich sonst so dagegen und jetzt auf einmal nicht mehr?
„Ich seh das doch schon die ganze Zeit…“ Die Hand nach Sirius ausstreckend beugte James sich vor, fasste seinen besten Freund an der Schulter und zog ihn zu sich herum, sodass er seine Lippen näher zu Sirius‘ Mund bringen konnte. Leider entfernte der sich sofort ruckartig, und Sirius wich mit abwehrend gehobenen Händen an die Wand zurück, die Beine fast schützend auf die Fensterbank gezogen.
„Woah, was soll das jetzt werden?“, presste Sirius sichtlich blass um die Nase hervor.
James schüttelte verwirrt den Kopf. „Du hast doch gesagt… dass unsere Freundschaft dir wichtig ist.“
„Ist sie auch“, sagte Sirius sofort, bewegte sich jetzt wieder in eine normalere Position, die James sich nicht fühlen ließ, wie ein Sexualverbrecher. „Aber… Mann, das zählt nicht zu Freundschaft. Das ist… na ja, nichts weiter als komplizierte Scheiße, die nie lange hält. Ich will das nicht, James. Hör einfach auf damit.“
„Aber…“ Schnaubend riss James sich die Brille von der Nase und rieb sich mit einer Hand übers Gesicht, bevor er sich Sirius‘ schwammigen Anblick antat. „Du hast Schiss, Tatze. Das ist es, oder?“
„Vielleicht auch die Tatsache, dass ich nicht schwul bin?“ Sirius machte irgendeine Bewegung mit den Händen, aber James konnte ohne Brille nichts erkennen und momentan war ihm das auch lieber.
„Du hast mich auch geküsst, ja? Als niemand sonst da war. Warum tust du das denn sonst?“, wollte James wissen, unternahm einen aussichtslosen Versuch Sirius‘ Handgelenk zu fassen zu kriegen und setzte sich daraufhin die Brille wieder auf, konnte Sirius gerade so eben noch auf die Fensterbank zurückziehen. „Hau jetzt nicht wieder ab, Sirius. Das macht dich fertig. Das seh ich doch. Du würdest sonst niemals freiwillig zu deinen Eltern gehen wollen! Wenn wir einfach reden –“
„Ich versuche doch die ganze Zeit zu reden!“, platzte es aus Sirius heraus. „Aber du willst mir ja anscheinend nicht zuhören. Es geht hier rein…“ Er klopfte James etwas sehr hart gegen das linke Ohr. „…und da wieder raus.“ James zog seinen Kopf weg, bevor Sirius noch das andere Ohr schlagen konnte. „Du machst alles kaputt…“
„Ach, ich ganz allein?“ James schenkte Sirius einen vorwurfsvollen Blick, der ihn auch zur Seite schauen ließ. „Was hast du denn zu Meadowes gerade gesagt? Das hörte sich für mich so an, als… als würde dir das hier was bedeuten.“
Den Rücken leicht krümmend, verschränkte Sirius die Arme vor dem Bauch, als hätte er dort Schmerzen. „Es bedeutet mir doch was… Mehr als alles andere auf der Welt…“ Als er James kurz anblickte, glitzerten die grauen Augen ungewohnt traurig. „Ich hab fast geheult, weil du mich dazu zwingst, solche Sachen zu tun oder so fies zu dir zu sein, weil du nicht damit aufhörst zu behaupten, dass da mehr sein könnte. Wieso brauchen wir denn mehr? Uns ging’s doch gut…“
„War’s das, was du mir ‚so halb‘ gesagt hast?“ James scherte sich nicht darum, dass Sirius sich mit jedem Zentimeter, den er näherrutschte, unwohler zu fühlen schien. „Dass du nur ein feiger Slytherin bist, wenn’s um sowas geht? Wie der Rest deiner Familie?“
„Halt’s Maul“, knurrte Sirius ihn an, den Kopf von James wegdrehend. „Du weißt doch gar nicht, wovon du redest. Liebe ist voller Probleme und schnell vorbei, während Freundschaft… das ist doch was für die Ewigkeit. Ich würde mich immer für Freundschaft entscheiden.“
„Und dann knutschst du also einfach mal mit Meadowes rum, damit du dermaßen zerwühlt im Unterricht auftauchen und vor meiner Nase auftauchen kannst, ich versteh schon.“ Ärgerlich die Augenbrauen zusammenziehend hielt James Sirius‘ Blick stand, der ihn trotzdem hart und unerwartet traf, wie ein Klatscher beim Quidditch.
„Ich hab mit niemanden rumgeknutscht, okay?“ Sirius bewegte sich keinen Millimeter, als James ihn daraufhin genauer musterte, besonderen Wert auf Kragen und Hals legend.
„Snape saß direkt neben dir. Er wird’s wohl gesehen haben“, presste James immer noch angefressen hervor.
Sirius hob eine Augenbraue, ließ die andere aber schnell folgen. „Und du glaubst dem mehr als mir?“ Er schnaubte empört auf. „Siehst du, James? Eifersucht! Macht die besten Beziehungen wegen nichts kaputt. Und du bist ohnehin so fürchterlich besitzergreifend, dass du Lily Evans doch schon immer einschweißen und stundenlang angaffen wolltest.“
„Ah, wunderbar, Sirius. Beleidige mich, weil ich keine Freudensprünge wegen dir und Meadowes mache“, gab James genervt zurück.
„Bestes Beispiel“, murrte Sirius, zwar etwas ruhiger, aber immer noch alles andere als zugänglich. „Nur, damit du beruhigt schlafen kannst. Sie hat mir nichts weiter als ihre Schulter geliehen. Weil ich die von dir ja nicht mehr kriege.“ Der Vorwurf kam aus heiterem Himmel und Sirius wandte sich genauso schnell ab, sodass James ihn gar nicht genauer mustern konnte. Der leicht zittrige Atem, der Sirius entfuhr, ließ seinen ganzen Rücken beben, und weckte in James das Bedürfnis Sirius in seine Arme zu ziehen.
Sich die Lippen befeuchtend rückte James wieder näher, eine Hand langsam über Sirius‘ Schulter gleiten lassend. „Du könntest so viel mehr von mir haben, Sirius“, sagte er, schob seine Hand auf Sirius‘ Brust und drückte sich von hinten an ihn. Behutsam bettete er die Schläfe in Sirius‘ Nacken, als sein bester Freund sich diesmal nicht sofort losriss.
„Ich kann gar nichts von dir haben, James. In deinem Kopf ist doch nie jemand anderes als Lily Evans. Von einer Sekunde auf die andere macht es peng und nichts anderes interessiert dich mehr…“ Sirius griff James‘ Hand, aber nur um sie zu lösen und sich umzudrehen. „Was ich seit den Sommerferien mit mir herumtrage interessiert dich gar nicht. Du bemerkst es nicht einmal, weil in deinem verfluchten Schädel nicht mehr ist, als ein Haufen tanzender Hormone.“
„Ach, du hast sie doch nicht mehr alle! Jetzt bin ich… ich…“ James stoppte, als Sirius schwer schluckte und den Blick aus dem Fenster wandte, den goldenen Streifen am Horizont fixierte, der sich in seinen Augen spiegelte. „Tatze?“
„Liest du denn nie Zeitung, James? Ich hab… Ich hab das Gefühl, dass es falsch ist, sich mit solchen Lappalien zu beschäftigen.“ Sirius legte eine Hand auf die Fensterscheibe und seufzte so schwer, dass sie beschlug. „Ich kann doch nicht hier fröhlich durch die Gegend hüpfen und mir über wer mit wem Gedanken machen, während irgendwo eine verrückte Gruppe Menschen Freudentänze aufführt, wenn ein Muggel draufgeht.“
„Sirius… Du bist so ein Idiot.“ James konnte sich schwer beherrschen Sirius nur die Hand auf die Schulter zu legen, so hilflos sah der aus. „Willst du deswegen zurück zu deiner Familie?“
Sirius senkte ertappt den Blick. „Sie sind doch meine Familie. Ich hab… überlegt, dass ich vielleicht… wenn ich es ihnen ruhiger erkläre und nicht immer so schnell ausraste, dann würden sie vielleicht verstehen, was sie alles falsch machen. Immerhin… Regulus hilft dir doch auch, James.“ Hoffnungsvoll schaute Sirius ihn an, aber James konnte ihm jetzt ja schlecht sagen, dass Regulus das nicht unbedingt freiwillig tat. „Da gibt’s doch noch Hoffnung. Zumindest bei meinem Bruder. Und ich fühl mich so unglaublich scheiße, weil ich ihn da allein gelassen hab. Besonders, weil er ständig versucht, mich zu überzeugen, wieder nach Hause zu kommen…“
James hob einen Mundwinkel und schlang den Arm um Sirius‘ Schulter, zog ihn gegen seine. „Genau deswegen hab ich dich gern, Tatze“, sagte er, jetzt leicht lächelnd und die Hand in Sirius‘ Haaren vergrabend, um ihn ja in seiner Nähe zu halten. „Du bist ein verlorenes weißes Schaf.“
„Das heißt, du willst nur mit mir schmusen, weil mein Fell ganz flauschig und weich ist?“ Sirius stupste ihm mit dem Ellenbogen in die Seite, während James zu lachen begann. Allerdings verstummte er schnell wieder, als Sirius fortfuhr: „Aber ich will trotzdem, dass es zwischen uns wieder so wird wie früher.“ Sirius schob James‘ Arm von seiner Schulter und suchte seinen Blick. „Ich weiß nicht, was auf einmal los mit dir ist. Wenn du was zum Knutschen brauchst, dann findest du jemanden – wenn du einen Kerl haben willst, solltest du Caradoc trösten gehen. Der ist ein leichtes Opfer gerade. Wir… Wir sind doch Freunde, Brüder… Seelenverwandte.“ Sirius‘ Mundwinkel zuckten, als James sich verlegen räusperte. „Komm schon… Ich bin doch kein Experiment. Dafür steht zu viel auf dem Spiel.“
James zuckte seufzend mit den Schultern. „Ich wollt ja ausprobieren, ob’s nur eine Phase ist. Aber Regulus zu knutschen war da nicht die beste Idee.“
Sirius hob die Augenbrauen und versuchte sich anscheinend ein Grinsen zu verkneifen. „Er war mir zu ähnlich?“
„Äh…“ James räusperte sich erneut, wünschte sich ein Glas Wasser um den Frosch in seinem Hals gnädig zu stimmen. „Ja.“
Das bellende Lachen hallte von den Wänden wider und das in einer Lautstärke, die James zusammenzucken ließ. Er rammte seinen Ellenbogen in Sirius‘ Seite, aber das Lachen stoppte dadurch auch nicht. Es wurde sogar richtig ansteckend und sie kassierten schon komische Blicke vom anderen Ende des Korridors, wo Bertram Aubrey endlich einmal aufhörte kein gutes Haar an Professor Slughorn zu lassen.
„Scheiße, Krone…“ Sirius schlug ihm die Hand auf den Oberschenkel, lachte jetzt nur noch alleine, weil James keinen Ton mehr heraus bekam, wenn sich diese Finger in sein Fleisch gruben. „Du willst mir weismachen, mein kleiner Bruder würde genauso… oh, scheiße…“
„Na ja, nicht genauso, aber… verstörend ähnlich.“ James schob sich die Brille hoch, die Augen stur auf Sirius‘ Hand fixiert, die seinen Muskel richtig schön durchknetete – und das hatte der bitter nötig, nachdem James das halbe Treppenhaus hochgerannt war.
Sirius atmete tief durch und grinste James an. „Dann knutsch doch weiter mit ihm, bis dir die Lust auf sowas vergangen ist. Besser für uns.“
„Wieso denkst du das?“ James‘ Augen huschten zwischen Sirius‘ Gesicht und seiner Hand hin und her, aber anscheinend hatte der Hut einen Fehler gemacht, weil James nicht genügend Mut zusammenkratzen konnte, um die andere Hand zu greifen. „Sirius, deine Schaf-Version ist weniger weiß, als ich gedacht habe, wenn du so feige bist. Du willst nichts riskieren.“
„Nichts… vollkommen Unnötiges!“ Sirius wollte die Hand wieder wegnehmen und das war der Auslöser, damit James seine Finger zwischen seinen Händen einklemmte. „Was…“
„Niemand kennt mich so gut wie du. Ich wusste auch mal alles über dich, bevor du angefangen hast zu glauben, du müsstest mir was vormachen“, sagte James und ignorierte einfach, dass Sirius versuchte seine Hand aus James‘ festem Griff zu befreien. „Das musst du nicht, Sirius. Niemals. Du siehst doch, was passiert, wenn du versuchst mir was vorzuspielen.“
„Ich…“ Sirius schienen die richtigen Worte zu fehlen, aber wenigstens ließ er seine Hand jetzt genau dort, wo sie hingehörte.
„Mann, es wird mich nicht umbringen, wenn du nicht…“ James holte tief Luft, bevor er weitersprach: „Wenn du nicht so empfindest wie ich. Solange du einfach bei mir bleibst. Nicht mit dir zusammen sein zu können, das würde mich umbringen.“
„Schmalzbacke“, presste Sirius mit schiefem Grinsen hervor.
James löste nur eine Hand von Sirius‘ und klopfte seinem besten Freund gegen die Wange, ließ seine Finger dort liegen. „Geht dir doch genauso, sonst hättest du nicht ebenso geflennt wie ich. Auch wenn Remus‘ Schulter sicherlich gemütlicher war.“
„Uh, es geht nichts über Moonys Schulter“, seufzte Sirius mit verträumtem Blick, den James ebenfalls aufsetzte, aber noch ein schweres Seufzen drauflegte. „James? Deine Hand…“ Sirius umschloss die Finger, die immer noch auf seiner Wange lagen, zog sie dann aber nicht weg. Sich leicht auf die Unterlippe beißend suchte er James‘ Blick und löste mit dem Glitzern in seinen Augen fast einen Herzinfarkt bei James aus.
„Sie liegt da doch gut…“ James schluckte sein Herz wieder herunter, das ihm bis zum Hals schlug, als Sirius sich langsam mit der Zunge über die Lippen fuhr. „Findest du nicht?“
„Hältst du das für eine gute Idee?“, fragte Sirius leicht heiser, senkte seine Stimme so sehr, dass James ihn fast nicht verstanden hätte.
„Ich halt’s für eine verdammt schlechte Idee, es nicht zu versuchen“, sagte James, wartete darauf, dass Sirius‘ Lächeln es bis zu seinen Augen schaffte, und lehnte sich hastig vorwärts. Eine Hand in Sirius‘ Nacken schiebend und in den schwarzen Haaren vergrabend zog er Sirius so heftig gegen sich, dass der Rahmen seiner Brille beim Aufprall ihrer Kiefer wohl ihnen beiden wehtat.
Trotzdem spürte James Sirius‘ Grinsen auf seinen Lippen und für einen Moment fühlte sich das hier an, wie das Happy End, dass er sich schon eine halbe Ewigkeit gewünscht hatte. Sirius hatte endlich eingesehen, dass sie zusammen gehörten, und natürlich hatte er seine Liebe zur Risikofreude wiedergefunden. Jetzt würden sie Weihnachten auch in trauter Zweisamkeit bei James‘ Eltern verbringen können, die gar nicht bemerken würden, wenn James nachts in ein anderes Bett schlüpfen würde.
Und so enthusiastisch wie Sirius seinen Kuss erwiderte, musste James‘ größter Wunsch ja wahr werden…
Allerdings holte ein Räuspern ihn wieder in die Realität, die grausam kalt war ohne Sirius‘ Lippen auf seinen oder die Berührung der anderen Hände. James schaute sich gar nicht um, als Sirius sich von ihm löste, sondern war in Gedanken schon wieder längst anderweitig beschäftigt.
Wer auch immer sie gestört hatte, schien es aber wohl auf James‘ Aufmerksamkeit abgesehen zu haben, da ihn irgendetwas Hartes am Kopf traf. Sirius‘ Glucksen noch im Ohr fuhr James herum und rieb sich die Schläfe, schenkte Regulus Black einen ärgerlichen Blick.
„Hast du sie noch alle?“, schnaubte er ungehalten.
Regulus‘ Wangen waren leicht rosa angelaufen. Wer wusste schon, wie lange der Spanner dort gestanden hatte… „Ich habe dein Band, Potter“, sagte er kalt und deutete auf die Fensterbank, wo das kleine Rechteck gelandet war.
James schnappte es sich schnell und schob es sich tief in die hintere Hosentasche, worauf Sirius die Augenbrauen skeptisch hob.
„Was?“ James grinste breit. „Da wird Schniefelus sicher nicht hinfassen.“
Sirius winkte ab und drehte sich zu seinem Bruder. „Hat er Kopien?“ Ah, was würde er nur ohne Sirius‘ allwissenden Verstand tun… Gut, James redete sich innerlich damit raus, dass sein Gehirn sich gerade in einer Pfütze von emotionalem Schmalz am Boden sammelte, was es ihm nicht erlaubte einen klaren Gedanken zu fassen.
Regulus griff anscheinend leicht widerwillig in seine Umhangtasche und warf seinem Bruder das Tonband wenigstens gegen die Brust, wo es weniger schmerzhaft war. Sirius räusperte sich, ließ das Band in James‘ Schoß fallen und streckte abwartend die Hand nach seinem Bruder aus, worauf der die Augen verdrehte.
Seine Schultasche öffnend offenbarte Regulus noch drei weitere Bänder, für die Sirius sich süßlich lächelnd bedankte.
„Ich wollte sie dir eigentlich als Weihnachtsgeschenk zukommen lassen, Potter“, behauptete Regulus, aber James war sich mittlerweile nicht einmal mehr sicher, ob der kleine Slytherin da nicht noch mehr Vorräte von versteckt hatte.
„Auf anonyme Liebesbriefe hätte ich in deiner Situation verzichtet“, antwortete James amüsiert.
„Wie hast du die bekommen?“, wollte Sirius wissen.
Regulus verschränkte die Arme vor der Brust. „Severus war nicht ganz bei sich. Er saß lethargisch auf seinem Bett und hat mich obskurerweise für Evan Rosier gehalten, was durchaus hilfreich schien, als ich nach seinen… nun ja, Hausaufgaben gefragt habe.“
„Dann weißt du gar nicht, ob das alle waren?“, fragte Sirius, aber James stupste ihm vorher glucksend in die Seite.
„Snape scheint mehr als berührt von eurer intimen Zweisamkeit in Verwandlungen gewesen zu sein“, witzelte James und bekam dafür einen tödlichen Blick geschenkt, den er trotzdem in sein Herz schließen und bis in alle Ewigkeit aufbewahren würde.
„Halt’s Maul“, schnaubte Sirius, konnte sein Schmunzeln aber nur schwer unterdrücken.
Regulus räusperte sich erneut. „Dein Privatleben mag ja äußerst interessant und aufregend im Moment sein, Sirius, aber ich empfehle dir, es nicht beim Weihnachtsessen auszubreiten.“
Auflachend schüttelte James den Kopf. „Ausgeträumt, Black. Sirius und ich sind wieder ein Herz und eine Seele, weshalb er deine schmierige Familie nicht mehr nötig hat“, sagte James, die Hand auf Sirius‘ Knie legend. Dort durfte er für die schönsten Sekunden seines Lebens in dem Glauben leben, wirklich das Wichtigste für Sirius zu sein – plus den Bonus ein Slytherin’sches Herz gebrochen zu haben.
„James…“ Sirius‘ Tonfall löschte das Glücksgefühl aber gleich wieder aus und als wäre das nicht schon schlimm genug, schob Sirius James‘ Hand auch noch von seinem Knie. „Ich fahr nach Hause. Daran ändert sich nichts.“
Das triumphierende Flackern in Regulus‘ Augen interessierte James nicht, der entsetzt herumfuhr und für den Hinweis auf einen Scherz in Sirius‘ Gesicht suchte. Als er keinen fand kochte Wut in ihm auf und er ballte die Hände ärgerlich zu Fäusten, schlug auch eine direkt gegen Sirius‘ Schulter.
„Das ist nicht dein Ernst, oder?“ James wiederholte das, als Sirius den Blick senkte. „Du willst zurück zu diesem Pack, die dich behandelt haben wie sie einen Muggel behandeln würden? Denkst du ernsthaft, du könntest daran irgendetwas ändern? Idiot!“
„James…“ Sirius zischte schmerzhaft auf, als James ihn zornig und mit voller Kraft gegen die Wand schubste.
„Kannst du noch was anderes sagen?“, schnauzte er und rutschte von der Fensterbank, hob abwehrend die Hände, als Sirius nach ihm greifen wollte. James‘ Gehirn befand sich zwar nicht mehr in der rosaroten Traumblase, aber leider hatte es noch nicht den Weg zurück in seinen Kopf gefunden, sonst hätte er sicherlich nicht solche Dinge an Sirius‘ momentan so verwirrten Schädel geworfen. „Meinetwegen lass dir doch eine Gehirnwäsche verpassen, aber komm dann nicht wieder angekrochen und heul mich voll, wie scheiße die dich behandeln.“
Der verletzte Ausdruck in Sirius‘ Augen war das letzte, was James noch sah, bevor er sich umdrehte und sich die Brille von der Nase riss, damit er Regulus nicht ansehen musste. Er rempelte ihn trotzdem absichtlich an, in der Gewissheit, dass sein großer Bruder ihm ja auf jeden Fall aufhelfen würde, falls dieser Wurm sich nicht alleine aufrecht halten konnte.
Oh, wie er diese Schlangen hasste…
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