
von einstein90
Es war bereits Vormittag als Harry aufstand. Die Nacht war unruhig. Die Gedanken an Sirius und Dumbledore hielten ihn lange Zeit bis früh am Morgen wach. Er fühlte sich für ihren Tod verantwortlich. Mit bedrückter Miene schlürfte er ins Bad und betrachtete sich im Spiegel. Tiefe Augenringe zeichneten sein Gesicht. Seine Haare waren zerzaust. Er warf sich ein Schwall kaltes Wasser ins Gesicht, doch dies änderte nichts an seinem Erscheinungsbild. Harry kehrte wieder in sein Zimmer zurück, wo er die selben Sachen anzog, die er bereits gestern und am Tag davor getragen hatte. Sein Magen meldete sich zu Wort. Harry überlegte wann seine letzte Mahlzeit war und bemerkte, dass er die letzten beiden Tage nichts gegessen hatte. Doch wie konnte er jetzt nur an Essen denken? Zwei seiner engsten Vertrauten sind Tod. Wegen ihm. Und er denkt ans Essen. Er drehte sich auf dem Absatz der Treppe herum und ging wieder in sein Zimmer. Auf dem Nachtschrank lagen ein paar Bilder. Sie zeigten Dumbledore, Sirius und seine Eltern, wie sie lachten, winkten und ihn einfach nur aus dem Bild heraus anschauten. Harry setzte sich auf sein Bett und sah sich die Fotos mit ihren sich bewegenden Motiven nacheinander an. Ab und zu schreckte er kurz auf als er hörte, wie sein dicker Cousin Dudley die Treppe hinauf und hinunter tapste.
Der Tag war kühler als die davor. Schwere Regenwolken hingen über dem Ligusterweg. Große Regentropfen prasselten an das Fenster. Die Straße war von einer dünnen Wasserschicht bedeckt. Ab und zu zuckte ein greller Blitz vom Himmel hinab. Harry hatte bereits nachts mitbekommen, dass sich das Wetter draußen veränderte. Irgendwie hatte er den Eindruck gewonnen, das der Himmel nur wegen ihm weinen würde. Die Hitze die sich über die Tage in seinem Zimmer gesammelt hatte, war wie weg geblasen. Harry atmete die frische Luft tief ein und genoss es, wie sie nach und nach seine Lungen füllten. Er spürte wie eine gewisse Kraft in ihm aufkam. Er fühlte sich etwas besser.
Es waren bereits zwei Wochen vergangen, als Harry in der Winkelgasse war. Hedwig war inzwischen wieder gesund und wohlauf wieder zurück gekehrt. Seitdem hat er das Haus nicht mehr verlassen. Doch jetzt hielt er es nicht mehr aus. Er wollte sich etwas von seinen Gedanken ablenken. Er riss die Tür von seinem Zimmer auf und stürmte hinaus. Doch weit ist er nicht gekommen. Stattdessen prallte er mit Dudley zusammen, der gerade vor seiner Tür stand und, wie Harry vermutete, lauschte. Er prallte zurück in sein Zimmer als wenn Dudley ein übergroßer Gummiball wäre. Sein Cousin selbst lachte laut auf und ging glucksend die Treppe hinab um seinen Eltern zu erzählen was gerade passiert war. Harry rappelte sich auf und versuchte es ein zweites Mal. Ohne weitere Zwischenfälle kam er zur Haustür und ging hinaus. Er stand nun im Regen. Schnell sogen seine Sachen das Wasser auf. Seine Haare legten sich nun vom Regen getränkt gleichmäßig auf seinen Kopf. Von dort ran es ihm über das Gesicht. Durch seine Brille konnte er nur noch wenig erkennen. Er schloss die Augen und hörte dem Spiel der Regentropfen und dem Grollen der Blitze zu. Es vergingen einige Minuten, bis er eine wütende Stimme vernahm. Es war sein Onkel, der in der Eingangstür stand und wild mit den Armen herumfuchtelte.
„Was fällt dir ein, einfach die Tür offen zu lassen?“ brüllte er zu ihm hinüber, doch Harry reagierte nicht. „Hey du Freak, ich rede mit dir!“ Harry drehte sein Gesicht in die Richtung aus der er die Stimme vernahm, bevor er seine Augen öffnete. Er sah seinen Onkel gleichgültig an, was dessen Wut noch mehr anfachte. Doch bevor er etwas sagen konnte ging Harry auf ihn zu, blieb kurz vor ihm stehen, wobei er ihm tief in die Augen sah, schob sich dann an ihm vorbei und ging die Treppe hinauf in sein Zimmer. Er hörte seinen Onkel laut fluchend ins Wohnzimmer zurück kehrend. Harry lies sich ins Bett fallen und starrte an die Decke. Dann fiel ihm wieder das seltsame Buch ein, welches er aus der Winkelgasse mitgenommen hatte. Er richtete sich auf, schaute sich um und fand das Buch auf dem Boden vor dem Kleiderschrank liegend. Wieder drehte er das Buch hin und her, blätterte darin herum, doch es hatte sich nichts getan. Ein Wassertropfen löste sich aus seinem Haar und fiel auf die gerade geöffnete Seite. Mit erstaunen stellte er fest, dass der Fleck sofort wieder verschwunden ist. Immer rätselhafter wirkte nun das Buch auf ihn. Er vermutete, das sich dabei um einen mächtiger Zauber handeln musste. Zugleich musste er aber auch einsehen, dass er vorerst nichts weiter darüber herausfinden könnte.
Der Abend brach herein und wieder hatte Harry nichts gegessen. Er lag in seinem Bett und dachte an die Menschen, die wegen ihm gestorben waren. Plötzlich wurde er von einem lauten Knall aus seinen Gedanken gerissen. Krachendes Holz gefolgt von dem lauten Schrei seiner Tante Petunia.
'Jetzt kommen sie mich holen. Jetzt ist es nun endlich soweit. Endlich ist es vorbei. Nun wird er sterben.' dachte er sich in Erwartung, dass gleich eine Horde Todesser sein Zimmer stürmen würde.
Nichts passierte. Nur Vernon Dursleys wütende Stimme war zu hören. Harry wurde stutzig. Er stand auf und schaute vorsichtig die Treppe hinab. Ein paar Männer und Frauen standen im Eingangsbereich. Einer schwenkte seinen Zauberstab in Richtung Harry's Onkel, der darauf hin sofort schwieg. Tante Petunia kreischte immer noch, die auf einen weiteren Wink des Zauberstabes auch still wurde. Dudley stand mit einem Keks im Mund daneben.
„Gehen sie rauf und schauen nach Harry. Er soll sich zur Abreise bereit machen.“ übertönte der Mann, der Harry's Onkel und Tante zum schweigen brachte. Die raue Stimme klang ihm vertraut, aber er konnte sie niemandem zuordnen. Ein anderer Mann nickte und löste sich von der Gruppe, und betrat den Treppenabsatz. Harry wich zurück und ging in sein Zimmer, darauf wartend das der Fremde hinein trat. Das Knarren der Treppe unter dem Gewicht des Mannes wurde lauter. Immer näher kam er der Zimmertür, die Harry gar nicht erst geschlossen hatte.
„Harry? Bist du da?“ fragte die schemenhafte Gestalt.
„Bist du gekommen um mich zu töten?“ war die ruhige Antwort seinerseits.
„Harry, was redest du da?“ war die ernüchternde Reaktion seines Gegen übers.
„Lupin?“
„Ja Harry, ich bin's.“
Remus Lupin erkannte eine Bewegung im dunklen Raum. Harry ging langsam auf ihn zu, bis er kurz vor ihm zu stehen kam.
„Harry. Pack deine Sachen. Du bist hier nicht mehr sicher.“
Harry begann sofort damit seine Sachen in den Koffer zu werfen, den er unter dem Bett hervor gezogen hatte. Er war nach wenigen Sekunden fertig, denn viel besaß er nicht. Mit dem Koffer unter dem rechten Arm und Hedwigs Käfig in der linken Hand. Lupin schritt voran die Treppe hinab. Unten im Flur standen noch immer die Gruppe, die sich, wie Harry nach und nach feststellte, aus alten Bekannten zusammensetzte. Da waren Madeye Moody, Arthur, Percy und Bill Weasley sowie Fleur und Kingsley. Außerdem waren noch zwei Auroren aus dem Ministerium dabei, die Harry aber nicht kannte. Sie wurden ihm als Gorden Davis und Konstantin Varrant vorgestellt, zwei Mitglieder des Orden des Phönix, die seit mehr als fünf Jahren im Ministerium operierten. Gorden war ein groß gewachsener Mann mit breiten Schultern, blonden kurzen Haaren und blauen Augen. Konstantin war im Gegensatz zu Gorden wesentlich Älter. Die dichten schwarzen Haare wurden durch zwei breite graue Strähnen durchzogen. Beide trugen schwarze große Ledermäntel, knapp über dem Boden endeten.
Sie musterten Harry. Gorden nickte leicht mit dem Kopf, als Harry ihn ansah, Konstantin hingegen sah ihn nur kurz an, bevor er ein leises Schnauben von sich gab und sich wieder auf die Umgebung konzentrierte. Harry begrüßte schnell seine Freunde bevor er wieder an die Seite von Lupin trat, der sich nun Gehör verschaffte.
„Kingsley, sie werden zusammen mit Bill und Fleur Harry's Verwandte in Sicherheit bringen. Bill weiß wohin.“ Die Drei nickten kurz. Vernon Dursleys, der sich langsam vom Schweige-Fluch lösen konnte, ergriff das Wort im wütenden Ton.
„Was fällt ihnen ein hier einfach so hinein zu spazieren. Sie gehören wohl zu dem selben Pack wie dieser Potter, oder was? Verlassen sie umgehend mein Haus. Und nehmen sie diesen undankbaren Balg mit.“ Mit dem Finger auf Harry zeigend.
„Mister Dudley, wir sind hierher gekommen um sie an einen anderen Ort zu bringen. Dies dient nur zu ihrem Schutz. Ich bitte sie daher uns zu vertrau...“ begann Lupin mit diplomatischer Stimme, wurde aber gleich wieder von Vernon unterbrochen.
„Was wollen sie? Habe ich da etwa richtig gehört? Wir bleiben hier. Es fehlte uns noch das Freaks uns vorschreiben was wir zu tun und zu lassen haben!“ fuhr Vernon nicht minder erregt fort.
„Mister Dudley, dies ist nicht verhandelbar. Sie haben die Wahl: Freiwillig oder...“ Lupin lies eine kurze Kunstpause, „...oder auf einem anderen Wege.“
„Was? Wollen sie uns etwa umbringen?“
„Warum eigentlich nicht?“ schaltete sich nun Moody ein, und richtete seinen Zauberstab auf Vernon Dursley, der sofort zusammen zuckte.
„Nein, lass nur Moody. Deswegen sind wir nicht hier.“ an Vernon gerichtet fuhr Lupin fort, „Ich rate ihnen, dass sie jetzt nur die nötigsten Sachen packen und sich dann zur Abreise bereit machen.“
Vernon, Tante Petunia und Dudley gingen leise fluchend die Treppe hinauf.
„Harry, wir werden nach deinen Verwandten abreisen.“ Harry nickte und begann wieder mit Bill und Fleur zu reden und sich nach den Weasleys zu erkunden.
Nach gut zehn Minuten und mehren Aufforderungen seitens Moody sich zu beeilen, stolperten die Dursleys voll bepackt die Treppe hinab. Kingsley schnaubte leise bei dem Anblick, und ging langsam zur Tür hinaus. Bill wies die Dursleys an Kingsley nach draußen zu folgen. Vernon, immer noch leise fluchend, ging vorweg an der Gruppe und Harry vorbei, ohne ihn auch nur anzusehen. Tante Petunia folgte ihm, schaute aber kurz Harry an bevor sie ihrem Mann folgte. Nur Dudley hielt kurz vor ihm an und brachte ein leises „Danke“ heraus. Harry verzog kurz den Mund, bevor auch Dudley nach draußen ging, gefolgt von Fleur und Bill. Harry sah, wie Kingsley kurz etwas sagte, was bei den Dursleys Unbehagen auslöste. Bill sagte ebenfalls etwas, woraufhin die Dursleys zögernd die ihnen angebotenen Hände nahmen. Und bevor sie es sich anders überlegen konnten, verschwanden sie mit einem Plopp in der Dunkelheit. Sie disapparierten.
„Harry, wir werden nun wie folgt vorgehen. Wir werden ebenfalls zuerst apparieren, zu einem Ort den nur ich und Moody kennen. Dort warten Besen auf uns. Wir werden von dort aus zu einem zweiten Wegpunkt fliegen, wo ein Portschlüssel wartet, der uns in die Nähe vom Fuchsbau bringt. Von dort aus gehen wir zu Fuß. Bist du soweit? Hast du alles?“
„Ja.“ war dir kurze aber klare Antwort von Harry.
Wie besprochen verließen die Übrigen das Haus in der Winkelgasse vier und versammelten sich auf der Straße. Sie nahmen sich bei den Händen und verschwanden auf einmal aus Little Whinning. Harry fühlte sich, als wenn er durch einen dünnen Schlauch gezogen wurde. Alles um ihn herum drehte sich. Er spürte wie ihm übel wurde. Plötzlich merkte er, wie er auf festem Boden aufschlug. Seine Sinne waren noch nicht wieder ganz da, da musste er sich übergeben. Moody stellte sich neben ihn, lachte kurz auf und klopfte Harry auf den Rücken bevor er ihn auf die Beine zog. Lupin trat auf sie zu.
„Alles ok?“
„Ja Remus, der junge Potter hat sich noch nicht ans apparieren gewöhnt.“ grinste Moody ihn an.
„Wie dem auch sei. Wir müssen sofort weiter.“ Lupin wies über seine Schulter in den Wald.
Harry realisierte jetzt zum ersten mal, wo er sich befand. Die Gruppe erreichte eine große Weide, die auf der einen Seite von einem dichten Wald begrenzt wurde. Auf den anderen Seiten konnte Harry nicht viel erkennen, denn der Nachthimmel war bedeckt. In der Ferne jedoch erhellt. Er vermutete, das sich dort eine große Stadt befinden musste. Doch auf die Frage wo sie jetzt genau seien, entgegneten ihm die Anderen mit Schweigen. Stattdessen schritten sie zügig auf den Wald zu. Madeye hielt an und wies Gorden, Lupin und Percey an die Umgebung im Blick zu behalten. Er selber ging mit Konstantin in den Wald. Sie kehrten nach wenigen Augenblicken zurück. Konstantin hatte jeweils zwei Besen und Moody jeweils einen Besen unter den Armen, die sie verteilten. Alle bestiegen sie nun ihre Besen.
„Harry, du bleibst immer an meiner Seite. Egal was passiert! Hast du verstanden?“ unterbrach Lupin die Stille. Harry nickte.
Sie stießen sich allesamt vom Boden ab und flogen hinauf in den Sternenhimmel. Die Nacht war drückend, nur der Gegenwind machte es Harry erträglich. Schweiß ran ihm über die Stirn. Die anderen Vier flogen in Rauten-Formation, Harry in ihrer Mitte um ihn vor möglichen Angriffen ab zuschirmen.
Immer wieder änderte die Gruppe abrupt die Richtung. So konnte niemand vorhersagen was ihr Ziel war. Harry wurde langsam müde. Er spürte wie langsam seine Narbe anfing zu schmerzen. Es wurde immer stärker. Ihm wurde schwarz vor Augen.
Er spürte wie er durch die Luft flog. Ohne Besen. Es war Nacht, die Sterne waren am Himmel zuerkennen. Neben ihm flogen gut ein Dutzend Leute in schwarzen Umhängen. Plötzlich vernahm Harry eine Stimme.
„Er ist ganz in der Nähe. Ich spüre ihn. Bald werde ich ihn haben.“
„Ja mein Lord.“
Harry sah nun wie in der Ferne eine Gruppe auftauchte. Es waren fünf Personen. Es waren sie selbst. Er sah wie sich ein grüner Blitz von der Spitze des Zauberstabes löste.
Harry besann sich wieder. Er rief: „Aufpassen, sie sind hinter uns.“
Doch kaum hatte er es ausgesprochen, traf Gorden der grüne Lichtblitz in den Rücken. Er fiel leblos in die Tiefe und wurde von der dichten Wolkendecke verschluckt. Die restlichen vier brachen sofort aus der Formation und zwangen die Verfolger sich ebenfalls aufzuteilen. Grüne und rote Lichtblitze schwirrten durch die Luft. Harry musste sein ganzes fliegerisches Können aufbringen um den unzähligen Todesflüchen und Schockzaubern auszuweichen, die ihm hinterher geschleudert werden.
In kurzen Abständen warf er einen kurzen Blick zurück um seine Verfolger zu erkennen, doch deren schwarze Umhänge verhinderten dies.
Harry hatte sich so oft mit hohem Tempo gedreht, ist Schleifen geflogen und immer wieder spontane Richtungswechsel vollzogen, dass er sich langsam seiner Verfolger entledigen konnte. Aber dafür hatte er auch die anderen Ordensmitglieder aus den Augen verloren. Er gönnte sich eine kurze Verschnaufpause, wo er sich zu allen Seiten umsah. Plötzlich überschlugen sich die Geschehnisse. Harry's Narbe brannte höllisch auf. Zum gleichen Zeitpunkt traf ein grüner Todesfluch seinen Besen, der daraufhin in tausend Teile zersplitterte. Harry viel in die Tiefe. Er sah sich selbst schon auf dem Boden aufschlagen, wie seine Gliedmaßen unnatürlich von seinem Körper ab standen, falls sie dann überhaupt noch an seinem Körper sind. Sein Leben lief noch einmal vor seinen Augen ab. Da waren seine Kindheit bei den Dursleys, die Schuljahre in Hogwarts, seine Eltern. Und seine Freunde, von denen er sich nun nicht mehr verabschieden konnte. Harry fiel immer weiter, bis er schließlich in den Wolken verschwand.
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel