
von ruckiundtille
Mit klopfendem Herzen und wackeligen Knien durchschritt die zierliche junge Frau an der Seite des massigen Halbriesen das Tor zu Hogwarts.
Es dämmerte bereits, und der kalte Regen prasselte auf die beiden ungleichen Gestalten herab.
Hagrid schmunzelte belustigt durch seinen dicken schwarzen Bart, als er bemerkte, dass das Mädchen stehen geblieben war und mit offenem Mund das gigantische Anwesen bestaunte. „Blitzschlange und Donnervogel!“ hauchte sie überwältigt. „DAS haben Menschen gebaut?“
Nun musste Hagrid dröhnend lachen. „Hogwarts wurde mit der Hilfe der Magie erschaffen, meine Liebe! Aber du müsstest erst mal sehen, was die Muggel alles zusammenzimmern können, mit ihren komischen Maschinen und Motoren!“
Mit ungläubigem Blick aus ihren weit aufgerissenen Augen starrte ihn seine kleine Begleiterin an, und der Halbriese wusste nicht, welche seiner eben geäußerten Tatsachen das junge Ding heftiger beeindruckt hatte.
Er hatte sie in der Winkelgasse kennengelernt, als er in der Apotheke nach Chitinpaste für seine neue Feuerkrabbe suchte, der eines ihrer Beinchen abhanden gekommen war.
Nun, da er Lehrer an Hogwarts geworden war, und in der Pflege magischer Geschöpfe unterrichten durfte, wollte er seinen Schülern etwas bieten, und plante daher, knallrümpfige Kröter zu züchten.
Zu diesem Zwecke hatte er sich bereits eine prächtige Feuerkrabbe zugelegt.
Leider war es eine äußerst brenzelige Angelegenheit, sich dieses Tierchen zu halten, ohne dass einem die Hütte in die Luft flog.
Er hatte das Vieh in einen viel zu engen Käfig gezwängt, um ihm in aller Ruhe einen feuerfesten Verschlag zu handwerkern, aber als er die Krabbe nach getaner Arbeit in ihrem neuen Zuhause einqurtieren wollte, bemerkte er, dass dem armen Ding ein Bein abgebrochen war.
Das verlorene Stück fand er einige Augenblicke später zwischen Fangs Zähnen,- zwar ziemlich angesabbert und mit einigen Kauspuren,- doch mit etwas Chitinpaste konnte man es sicher wieder an seinen ursprünglichen Ort anzementieren!
Wenig später betrat der Halbriese gut gelaunt und nichts Böses ahnend Mister Harpys Apotheke in der Winkelgasse.
Grinsend erinnerte sich Hagrid daran, dass er gerade nach dem dem miesepetrigen Kobold rufen wollte, als aus dem Nebenzimmer ein Gepolter und Gescheppere ertönte.
Dem folgte eine unflätige Schimpftriade aus dem Munde Mister Harpys, beendet von einem wütend gezischtem „…und jetzt ab nach vorne, bevor ich mich vergesse! Kunde droht mit Umsatz! Tun Sie mal zur Abwechslung etwas FÜR das Geschäft!“
Und dann sah Hagrid zum ersten Mal eine Alverliekin.
Nun, dass Tilya eine Alverliekin war, erfuhr Hagrid erst später.
Mit schuldbewusst gesenktem Kopf und über und über mit schwarzem Pulver beschmiert schlurfte die halbe Portion zu ihm herüber.
Hagrid fielen gleich die spitzen Ohren der jungen Dame auf, die sich ihren Weg durch ihr hell schimmerndes, zu einem unordentlichen Zopf zusammengebundenes Haar suchten.
Aber Augenblick mal! Hagrid kniff ungläubig die rabenschwarzen Knopfaugen zu schmalen Schlitzen zusammen. Das waren keine Haare, das waren Federn! Ob sich die Kleine bei ihrem Unfall im Labor versehentlich verhext hatte?
Nun hob sie ihr Köpfchen zu ihm empor, grinste gezwungen, und entblößte dabei ein Paar gefährlich scharfer Eckzähne, die so gar nicht zu ihren unschuldigen blauen Augen passen mochten. „Guten Tag der Herr, darf ich Ihnen weiter helfen?“
Augen mit senkrecht geschlitzter Pupille! War sie etwa ein Vampir? Meine Güte, wo rekrutierte Harpy eigentlich seine Mitarbeiter?
„Ähm… also…die Feuerkrabbe ist kaputt, also, abgebrochen, nun…Chitin brauche ich, also, die Paste.“
„Ach, die arme Krabbe!“ Aufrichtiges Bedauern zeigte sich auf dem kindlichen Gesicht der jungen Dame. “Wie passiert denn so etwas?”
Hagrid erklärte es ihr und versuchte dabei höflich zu sein, indem er es möglichst vermied, ihr auf die perlmuttfarbenen Federn, die spitzen Ohren und Eckzähnchen zu starren.
Und auch das schwarze Pulver zu ignorieren, das von dem einst weißen Kittel stob, als das Mädchen sich auf dem Absatz umdrehte, und zielstrebig auf ein verhältnismäßig hohes, schmales Regal zusteuerte, an dem Hagrid sicher schon drei Mal vorbeigeschlendert war, ohne die Chitinpaste zu entdecken.
„Da oben haben wir sie ja! Wie viel brauchen Sie für ihre Krabbe? Ein Pfund oder lieber ein Kilo?“
„Ähm, nun, ich denke, ich brauche schon die große Tube. So was aber auch! Ich habe die Paste anscheinend direkt ein paar Mal hintereinander einfach übersehen! Da habt ihr sie ja gut versteckt, in diesem morschen Regal! Aber Sie, junges Fräulein, haben anscheinend den Überblick aus dieser Perspektive!“
„Naja, Überblick ist vielleicht das falsche Wort!“ grinste die Kleine, die Hagrid auf höchstens siebzehn Jahre schätzte. „Sehen kann ich von hier unten nur die Tubenfalz. Aber ich weiß ja noch, wo ich welche Medizin hingeschmissen – äh – hingelegt habe. Kaum jemand hält sich Feuerkrabben, wie es scheint. Verstehe ich gar nicht. Sind sehr interessante Geschöpfe, und es muss eine wahre Kunst sein, sie zu halten. Aber Chitinpaste wird nun mal so selten gebraucht, deshalb lagern wir sie auch hier oben, direkt unter den Vorräten.“
Hagrid grinste.
Für ihn war HIER OBEN immer noch HIER UNTEN.
Aber er freute sich, dass er jemandem begegnet war, der die Vorzüge einer Feuerkrabbe zu schätzen wusste.
Er betrachtete die junge Frau, die mit ausgestrecktem Arm an der Regalwand entlang hüpfte, und versuchte, die Tube zu fassen zu kriegen.
Was war sie bloß? Eine Hexe, die zu viel experimentiert hatte? Oder war es bei den jungen Leuten momentan modern, so herumzulaufen? Er dachte an Tonks. Aber selbst die hätte neben Tilya bieder gewirkt.
Für einen Kobold war sie viel zu groß, und auch zu hübsch.
Bei weitem nicht so hübsch wie zum Beispiel eine Veela, aber ihr liebes Gesicht machte sie sehr sympathisch.
Sowie auch ihr Mitgefühl mit seiner verletzten Krabbe.
„Lassen Sie mal, Fräulein, ich hole mir die schwere Tube besser selbst aus dem Regal.“ meinte Hagrid, doch die Kleine schüttelte entschlossen den Kopf. „Was wäre ich denn dann für eine miserable Bedienung? Nein, nein, guter Herr, ich habe die Tube in dieses Regal geschleudert – ähm – verfrachtet, und auf demselben Wege muss ich sie auch wieder heraus bekommen!“
Mit diesen Worten tat das dickköpfige Persönchen einen Sprung, bekam die Tube sogar an einem Zipfel zu fassen, blieb aber mit ihrem Ärmel an einem hervorstehenden Nagel des wurmstichigen Regals hängen, und riss das hölzerne Ungetüm mit sich zu Boden.
Der schwerfällige Riesenhalbling konnte im letzten Augenblick reagieren, und das Möbelstück aufhalten, bevor es das zierliche Mädchen unter sich begraben konnte, aber der gesamte Inhalt des Regals gesellte sich klirrend und berstend zu Tilya auf die Holzdielen.
Schon kam Mister Harpy aus dem Labor geschossen, und begann zu schimpfen wie ein Rohrspatz, und zu jammern und zu heulen.
Hagrid wollte die Schuld für dieses Missgeschick auf sich nehmen, aber das Ende vom Lied war, dass Mister Harpy Tilya fristlos kündigte, da sie für den Betrieb schon aus finanziellen Gründen nicht mehr tragbar sei, bei dem Verschleiß, den sie an teuren, gläsernen Laborgeräten hatte.
Die Chitinpaste schenkte Mister Harpy Hagrid noch, scheuchte den Halbriesen und die Alverliekin dann recht ruppig aus der Apotheke und machte den Laden für diesen Tag dicht.
Mit Tränen in den Augen wankte die Kleine an Hagrids Arm durch die brechend volle Winkelgasse.
Sie tat ihm so unendlich leid.
Sie hatte noch keinen Monat bei Mister Harpy gearbeitet, und somit nicht einmal ihren ersten Lohn erhalten.
Und ihre Mietschulden waren bereits überfällig.
Als Hagrid fragte, wo sie wohnte, konnte er es nicht vermeiden, bei ihrer Antwort erschrocken die dichten Brauen zu lupfen.
„Nokturngasse, der Vermieter heißt Mister Burke.“
„Aber Fräulein, was haben Sie denn nur in diesem Viertel verloren?“ bellte Hagrid empört. „Da treibt sich nur Gesindel und Abschaum herum, anständige Persönchen wie Sie haben dort doch nichts zu suchen! Es ist sehr, sehr gefährlich in der Nokturngasse!“
Tilya schniefte. „Das glaube ich Ihnen, Sir! Das glaube ich Ihnen sofort! Burke bringt mich um, wenn ich ihm diese Woche nicht zahlen kann! Oder Schlimmeres… Oh, dieses verdammte Geld! Wer hat diesen Mist denn nur erfunden? Nichts läuft hier ohne Geld, nicht mal Bildung bekommt man hier ohne diese verfluchten Scheine und Münzen!“
Hagrid schielte zu dem aufgelösten Mädchen hinunter. „Sie kommen nicht von hier, oder?“ fragte er vorsichtig.
Die Federhaarige schüttelte ihr Köpfchen. „Stimmt auffallend. Ich komme von sehr weit her.“
„Von einem Ort, an dem es kein Geld gibt?“
„Von einem Ort, an dem es ganz schön viele von den schrecklichen Sachen nicht gibt, die ich hier kennenlernen durfte.“ flüsterte das Mädchen. „Die Macht des Geldes gehört ja noch zu den harmlosesten Dingen, die ich hier erfahren musste. Ich bin hierher gereist, um neues Wissen zu meinem Volk zu bringen. Ich wollte die Heilkräfte eurer Pflanzen studieren. Und nun habe ich nicht einmal mehr die Möglichkeit, ein Labor von innen zu sehen, geschweige denn Geld für einen Studienplatz – ach was – für die Mietschulden aufzutreiben. Dafür wird mich Burke jetzt sicher in die Lupa Calida zu diesen ganzen furchtbaren Weibsbildern schicken.“
Hagrid verschluckte sich und bekam einen Hustenanfall.
Beim Barte des Merlin! Wusste die Kleine überhaupt, was sie da gerade gesagt hatte?
So nüchtern, wie sie von der Lupa Calida sprach, konnte sie unmöglich wissen, dass diese Institution ein verruchtes Freudenhaus war!
Mit Sicherheit wusste sie allein schon mit dem Wort Freudenhaus nichts anzufangen, und Hagrid wollte der Letzte sein, der das Kind darüber aufklären sollte.
Da gab es nichts zu machen, der kleinen Fremden musste geholfen werden!
Und zwar unverzüglich!
„Was halten Sie davon, Fräulein? Ich lade Sie jetzt erst mal zu einem Butterbier ein, und dann helfen Sie mir als kleines Dankeschön, meine Krabbe zu verarzten!“
Das Mädchen strahlte, die schmalen Pupillen öffneten sich vor Freude zu großen, dunklen Kreisen. „Irre! Das wäre einfach unglaublich! Ich habe bisher noch nie eine lebendige Feuerkrabbe aus der Nähe gesehen! Außer ihren leeren Panzer. Ich heiße übrigens Tilya!“
Tilya reichte dem Halbriesen ihre kleine, weiße Hand, und Hagrid nahm sie ganz behutsam in seine Pranke, voller Furcht, er könnte ihre Fingerchen zerquetschen.
„Hagrid!“ brummte er freundlich.
Und beschloss hiermit für sich, Tilya gar nicht erst wieder zurück in die Nokturngasse zurückkehren zu lassen.
Er würde mit Albus reden.
Wo immer die Kleine auch herkam, und zu welchem Volk sie gehörte,- in Hogwarts würde sie sicher sein vor all dem Übel, mit dem sie hier konfrontiert werden würde, wenn sie hier bliebe.
Und vielleicht würde man ihr sogar zugestehen, dem Unterricht von Mrs Sprout beizuwohnen.
Hogwarts wäre das ideale Umfeld für das Mädchen.
Und wer weiß, vielleicht half sie ihm in ihrer Freizeit bei seiner Arbeit mit den Krötern?
Um die Mietschulden bei Burke würde er sich schon kümmern.
Beziehungsweise Dumbledore.
Er war ein großzügiger Mann mit einem Herz aus Gold, und er würde es nicht zulassen, dass so ein unverdorbenes junges Ding einfach vor die Hunde ging.
Zuversichtlich pfeifend nahm er Tilya beim schwarz bepulverten Kittelärmel und steuerte den Weg nach Hogsmeade an.
In dem Gasthaus Die Drei Besen gab es das Beste aller Butterbiere!
Während Tilya an ihrem Humpen Butterbier nippte, erfuhr Hagrid, dass sie von den alverliekischen Inseln kam, und die Tochter einer Alwin und eines Verlieken- demzufolge also eine Alverliekin war.
Des weiteren erfuhr er auch, dass Tilya eigentlich, wie jeder der Vertreter der beiden Inselvölker, eine gewisse Elementarmagie hätte besitzen müssen, doch ihr persönliches Talent sei in ihrer Kindheit zusammen mit ihrem Totemtier, der Federschlange, vernichtet worden.
Hagrid verstand nur Bahnhof, und das änderte sich nicht, als Tilya versuchte, ihm zu erklären, dass ihr Malar, ein parasitärer Dämon des Unterbewusstseins dafür verantwortlich sei, und dass ihr deshalb bunte Federn auf dem Kopf wuchsen, sowie – verschämt zog sie die Ärmel ihres Kittels hoch – sporadische Echsenhautstellen an Armen und Beinen.
„Hässlich nicht?“ flüsterte Tilya schüchtern.
„Ach was, Kleine, da hab ich aber schon deutlich Schlimmeres gesehen!“ blökte Hagrid.
Tilya schienen diese Worte wenig zu trösten.
Hagrid leerte seinen Humpen mit einem Zug und bestellte schnell Nachschub.
Als Rosmerta an ihren Tisch kam, bedachte sie Tilya mit unverhohlen neugierigen, aber freundlichen Blicken.
Hagrid sah sich unauffällig im Gasthaus um, und es fiel ihm auf, dass so einige der Gäste seine kleine Begleiterin verstohlen musterten.
Armes Ding. Schien ihr nicht besonders angenehm zu sein.
Er überlegte gerade, ihr vorzuschlagen, sich doch, wie es so viele junge Hexen taten, die Haare (oder Federn) zu färben, da unterbrach Tilya das unangenehme Schweigen.
„Nun ja, jedenfalls besitze ich kein nennenswertes Talent, mit dem ich die Gemeinschaft der Insel unterstützen könnte, also fühlte ich mich dazu verpflichtet, etwas anderes nützliches zu tun. Ich dachte mir, ich könnte mir etwas Anerkennung verdienen, wenn ich mal wirklich etwas für die Insel riskiere. Niemand von uns würde freiwillig die Welt der Menschen aufsuchen, nicht einmal, um sich neues Wissen anzueignen. Die Menschen haben uns damals ins Exil gedrängt, weißt du?“
Nichts wusste Hagrid.
Er hatte schon einmal von Alwen und von Verlieken gehört, hielt diese Märchen aber für nichts weiter als Mythen.
So wie die Muggel Geschichten von Hexen und Zauberern für Mythen hielten.
Dieses Volk schien in einer völlig anderen Welt zu leben.
Das überforderte ihn etwas.
Aber er mochte die Kleine. „Und was hast du nun vor, Tilya?“ fragte er und leerte den zweiten Humpen Butterbier. Er unterdrückte einen Rülpser.
„Tja, wenn ich das mal wüsste.“ seufzte Tilya und warf einen ratlosen Blick aus dem Fenster, wobei sich das glühende Licht der untergehenden Sonne in ihrer türkizblauen Iris brach und ihre Augen zum Leuchten brachte, wie die einer Katze.
Es donnerte in der Ferne. Tilyas Mundwinkel hoben sich merklich. „Ein Gewitter zieht heran!“ bemerkte sie erfreut.
Hagrid runzelte die Stirn.
„Nun, dann sollten wir zusehen, dass wir zu unserer Freundin, der Krabbe kommen, bevor es anfängt zu regnen!“ meinte Hagrid. „Runter mit dem Rest Butterbier!“
„Ich kann nicht mehr Hagrid…“ jammerte Tilya.
„Egal, gib her!“ erwiderte der Halbriese vergnügt und gesellte zu den zwei Litern in seinem Magen einen weiteren halben Liter.
Damit erntete er halb bewundernde, halb entgeisterte Blicke seiner neuen Bekanntschaft.
Es wurde bereits dunkel, als die beiden Hagrids Hütte erreichten, die nah zur Grenze des verbotenen Waldes lag.
Tilya war in helle Begeisterungsstürme ausgebrochen, als Hagrid sie vor den Acromantulae warnte, die sich im Unterholz rumtrieben. „Ich liebe Spinnen!“ jubelte sie vergnügt. „Auf den alveriekischen Inseln gibt es auch riesige Spinnen. Wir domestizieren sie, um sie Seide für uns spinnen zu lassen. Hagrid, würdest du mich einmal zu einer Acromantula führen?“
„Sicher, sicher. Das lässt sich einrichten! Ich werde dir meinen guten, alten Freund Aragog vorstellen. Aber halte dich lieber fern von seiner Sippschaft. Die sind nämlich alles andere als handzahm, und haben kleine Mädchen wie dich zum Fressen gern. “
So tollpatschig er die kleine Alverliekin in der Apotheke erlebt hatte, so überraschend einfühlsam ging sie mit der humpelnden Krabbe um.
Während Hagrid das sture Vieh an seinem edelsteinbesetzten Panzer festhielt und betete, dass sein Hinterteil nicht explodieren mochte, schnappte sich Tilya ohne jede Scheu das beschädigte Beinchen, desinfizierte es mit Hagrids Lieblingsspirituose und spachtelte das abgesplitterte Fragment an der Bruchstelle mithilfe der Chitinpaste zusammen.
Hagrid hatte Tränen der Rührung in den Augen, als sie dem Tier noch einen Verband anlegte, und es den beiden gelang, die Krabbe unter Umgehung jeglicher Explosionen wieder in ihren Verschlag zu verfrachten.
Dafür explodierte gerade der dunkelgraue, regenschwangere Himmel über ihnen.
Tilya grinste. „Herrlich! Ich liebe euer Wetter!“ Und das schien die Alverliekin alles andere als ironisch zu meinen. Dann aber erstarb ihr Lächeln. „Ich sollte jetzt langsam nach Hause. Nachts treiben sich gruselige Gestalten in der Gasse herum.“
Hagrid räusperte sich, verschränkte die Arme vor der massigen Brust und baute sich entschlossen vor Tilya auf. „Tilya, ich will dir jetzt mal was sagen, und damit du es gleich weißt,- ich dulde keine Widerrede!“ versuchte der Schwarzbärtige ernst und bestimmt zu klingen. „Du wirst nicht zurück in dieses Drecksloch gehen.“
Wie, um seine Worte zu unterstreichen, schlug ein Blitz mit ohrenbetäubendem Knall irgendwo im verbotenen Wald ein.
„Das will ich ja auch gar nicht, aber Burke wartet doch auf das Geld. Zumindest muss ich ihm heute Bescheid sagen, dass ich meinen Job verloren habe. Vielleicht kann ich dann gleich damit anfangen, meine Schulden in seinem Laden abarbeiten.“ überlegte die Alverliekin.
„Nein!“ brüllte Hagrid entsetzt. „Ich meine: Nein, Tilya. Lass mich das mit Burke klären, ich kümmere mich schon um die Angelegenheit! „
„Das kann ich doch nicht von dir verlangen Hagrid! Außerdem will Burke sowieso in jedem Falle sein Geld sehen!“
„Soll er bekommen. Soll er bekommen. Du wirst jedenfalls nicht zurück in die Nokturngasse gehen. Das ist nicht der richtige Ort für dich, Kind! Und das ist mein allerletztes Wort!“
„Aber wo soll ich denn hin? Meine ganzen Sachen sind auch noch da…“ warf Tilya ein.
„Überlass das Onkel Hagrid. Ich regel das alles morgen früh. Jetzt bringen wird dich erst mal ins Schloss, Tilya, und du wirst sehen, es wird sich alles in Wohlgefallen auflösen! “
Hagrid rieb sich die gewaltigen Hände.
Besser als mit Hogwarts hätte es seine kleine neue Freundin gar nicht treffen können. Nun, gut, der Zeitpunkt ihrer Ankunft hätte ein besserer sein können. Es gab da diese hässlichen Gerüchte um Sirius Black, das Ministerium war in Aufruhr, und an die Geschichte um die Rückkehr des dunklen Lords mochte er gar nicht denken.
Aber jetzt war er vor allem froh, dass er die Kleine gefunden hatte, bevor sie sich ins Unglück hatte stürzen können.
„Ins Schloss?“ Tilya zog fragend eine Augenbraue in die Höhe.
„Ins Schloss!“ bestätigte Hagrid. „Dort werden junge Hexen und Zauberer unterrichtet, und mich soll du-weißt-schon-wer holen, wenn Dumbledore dich nicht mit offenen Armen aufnimmt. Wir haben an unserer Schule eine sehr kompetente Lehrerin in Kräuterkunde, Tilya! Meine Kollegin Mrs. Sprout wird dich lieben!“
„Kollegin? Bist du Lehrer an dieser Schule, Hagrid?“
„Ja!“ verkündete der Halbriese stolz.
„Wahnsinn! Das heißt, du bist ein richtiger Zauberer?“
„Ähm, nein, nicht so wirklich. Komplizierte Sache. Erkläre ich dir später. Aber das spielt jetzt auch gar keine Rolle, ich werde dich Dumbledore vorstellen, und er wird begeistert von dir sein. Und du musst später unbedingt Poppy kennenlernen, ich wette, ihr beiden versteht euch prima! Ganz prima!“
Hagrid schlenderte mit großen Schritten über die regenfeuchte Wiese, geradewegs auf eine hohe Mauer zu, die gelegentlich im Schein eines Blitzes aufleuchtete.
Tilya hatte mit ihren verhältnismäßig kurzen Beinen, Mühe, dem Halbriesen zu folgen, und sie achtete nicht auf ihre Umgebung. So nahm sie auch gar nicht die düsteren Silhouetten der beiden Dementoren wahr, die beinahe mit dem dunklen Gemäuer verschmolzen.
„Aber Hagrid! Das hört sich ja alles wunderbar an, aber von welchem Geld soll ich denn den Aufenthalt bezahlen?“
„Darüber brauchst du keinen Gedanken zu verschwenden, Mädchen! Wir finden hier schon eine Beschäftigung für dich, mit der du dich bei Hogwarts revanchieren kannst. Wie wäre es denn, wenn du mir bei der Pflege von magischen Geschöpfen zur Hand gehst? Hat doch heute wunderbar geklappt. Ganz wunderbar. Ich denke, das wäre genau das Richtige für dich.“
„Das hört sich zu schön an, um wahr zu sein.“
Tilyas Augen leuchteten raubtierhaft im Dunkeln.
Hagrid schmunzelte zufrieden, als sich das schmiedeeiserne Tor wie von Zauberhand vor den beiden öffnete.
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