
von Nitsrek
Ich stand in einer dunklen Ecke direkt am Eingang des Lokals. Sofort beim Hereinkommen war mir der hellblonde Haarschopf aufgefallen und obwohl ich das Treffen vorgeschlagen hatte, war mein erster Impuls, mich in den Schatten zu verbergen.
Dort stand ich nun und versuchte, meine Atmung und das heftige Herzschlagen wieder unter Kontrolle zu bringen.
Er war wirklich gekommen. Ganz ehrlich: So sehr ich mir das gewünscht hatte, ich hätte nie damit gerechnet, dass er sich darauf einlassen würde. Meine vorher fein säuberlich zurecht gelegte Rede, die ihm alles sagen sollte, was in mir vorging, war in sich zusammengefallen wie ein Kartenhaus und ich erinnerte mich an absolut gar nichts.
Super, wo ich doch so ein Naturtalent im Improvisieren war… Wahrscheinlich würde ich ewig nicht auf den Punkt kommen und bei dem Geschwafel auch noch meinen Mut verlieren.
Aber nein, diesmal durfte ich nicht feige davon laufen… wie schon einmal… nein, sogar zweimal. Ich hob mein Kinn, straffte meine Schultern und lief auf den Tisch zu, an dem der Mann saß, der mich nicht ruhig schlafen ließ.
„Ist hier noch ein Platz frei?“, fragte ich schüchtern.
Draco wandte seinen Kopf zu mir um und sah mir direkt in die Augen. Nach einigen Sekunden wanderte sein Blick langsam von meinem Gesicht aus nach unten und schlieĂźlich, als er bei meinen FĂĽĂźen angekommen war, wieder nach oben.
Ich lächelte unsicher, doch er erwiderte mein Lächeln nicht. Mit einer knappen Kopfbewegung in Richtung ihm gegenüber bot er mir einen Platz an und drehte sich dann wieder zum Tisch um.
Ich atmete einmal tief ein und setzte mich dann auf den freien Stuhl. Meine Hände legte ich vor mir auf den Tisch, wo meine Finger sofort nervös trommelten. Eilig zog ich sie zurück und legte meine Hände in meinen Schoß. Meine Augen waren meiner Bewegung gefolgt und ich starrte nervös und unsicher vor mir auf den Tisch.
War es hier heiĂź oder war ich einfach nur so aufgeregt?
Draco räusperte sich und ich hob meinen Kopf, um ihn zum ersten Mal seit langer Zeit richtig offen anzusehen. Er hatte sich nicht allzu sehr verändert: immer noch die selben hellblonden Haare, vielleicht ein Stückchen länger, das blasse, schmale Gesicht mit den markanten Wangenknochen und diese Augen, grau wie Sturmwolken, die tief in mein Innerstes sehen konnten.
Um seinen Mund lag ein angespannter Zug, während er mich ebenso betrachtete wie ich ihn und keiner von uns beiden wusste, was er sagen sollte.
Ich wollte gerade etwas sagen, als er anfing, zu sprechen.
„Bist du nicht falsch angezogen?“
Ich sah ihn fragend an. Gut, ich hatte mich nicht gerade schick gemacht, aber wir saĂźen ja auch nur im Drei Besen. Ich wusste nicht, dass er auf so etwas achten wĂĽrde.
Draco merkte, dass ich ihn nicht verstand und rollte mit den Augen. „Solltest du nicht ein weißes Kleid tragen und vor einem Altar stehen?“ Seine Stimme triefte vor Sarkasmus.
Ich sammelte mich, bevor ich antwortete. „Ich denke, es wäre nicht richtig, einen Mann zu heiraten, wenn ich doch einen anderen will.“
Mein Herz schlug bis zum Hals.
Draco hob fragend eine Augenbraue, während seine Hände mit der Flasche Butterbier spielten, die vor ihm auf dem Tisch stand.
„Seit wann weißt du denn, was du willst? Das wäre ja mal etwas Neues.“
Ich spürte Zorn in mir hochkochen. „Du hast kein Recht, so mit mir zu sprechen. Ich wusste immer, was ich wollte!“, zischte ich aufgebraucht.
Draco schnaubte. „Natürlich wusstest du das… Du wolltest das Wiesel… und immer, wenn er etwas verbrochen hatte, hast du dich mit mir zufrieden gegeben.“
Ich hörte neben dem Vorwurf auch den Schmerz in seiner Stimme und blickte ihm in die Augen. Ein Sturm tobte darin und sein ganzer Körper zitterte leicht.
Ich ĂĽberlegte, ob ich seine Behauptung mit einer Antwort wĂĽrdigen sollte, entschied mich jedoch dagegen und schĂĽttelte nur meinen Kopf. Draco bemerkte meine Geste.
„Tu nicht so, Granger… Im dritten Jahr kamst du zu mir, als ihr beide gestritten habt. Im vierten Jahr wolltest du eigentlich viel lieber mit ihm zum Ball gehen. Im Fünften dachtest du tatsächlich, er wäre deine Valentinsverabredung! Im sechsten Jahr…“
„Haben WIR miteinander geschlafen!“, unterbrach ich ihn wohl etwas zu laut, da sich die Leute an den Nachbartischen nun die Hälse verrenkten, um zu sehen, wer da gerade gesprochen hatte. Bildete ich mir das ein oder lachte Draco gerade vor sich hin? Nein, es musste wohl Einbildung gewesen sein.
„Ja, und wie kam es dazu? Was war der Auslöser? Es lag daran, dass Weasley mit Brown rumgeknutscht hat, weil er natürlich immer noch nicht gemerkt hatte, dass du etwas für ihn übrig hattest! Also war ich da auch wieder nur der Trostpreis. Versuch gar nicht erst, etwas Anderes zu behaupten!“
Ich spürte, wie Röte mein Gesicht überzog. „Denkst du wirklich, ich hätte mich auf dich eingelassen, wenn du nur Plan B gewesen wärst?“
Er zuckte mit den Schultern. „Was soll ich schon davon halten? Als ich weg war, hast du dich ja auch sofort wieder ihm an den Hals geschmissen!“ Seine Stimme klang sehr energisch.
Ich beherrschte mich gerade noch, bevor ich ihn anschrie. Langsam zählte ich in meinem Kopf bis zehn, während ich tief durchatmete. „Du warst ein Todesser! Hätte ich auf dich warten sollen? Ich wusste ja nicht einmal, ob wir uns jemals wieder sehen werden! Du hast mich verraten, und trotzdem konnte ich mich, als wir uns wiedergesehen haben, nicht von dir abwenden!“, brachte ich mit zusammengebissenen Zähnen hervor.
Draco lächelte mich höhnisch und kalt an. „Und auch damals hast du dich für Weasley entschieden… Warum die Notlösung nehmen, wenn es doch endlich mit der ersten Wahl geklappt hat?“
Ich trat ihm unterm Tisch heftig gegen sein Schienbein. Er zuckte zusammen und rieb sich danach sein schmerzendes Bein.
„Ja, ganz hervorragend hat es mit ihm geklappt! So gut, dass ich, sobald er weg war und ich keine Fluchtmöglichkeiten vor dir hatte, wieder einmal nicht anders konnte, als … als…“
Ich spĂĽrte, wie mir bei der Erinnerung an unser letztes Zusammentreffen Hitze ins Gesicht stieg.
„Trotz ihm. Und dann hast du einfach gesagt, es wäre nur für eine Nacht…“, fuhr ich kaum hörbar fort. Ob er mich wohl gehört hatte?
Ich sah auf und begegnete seinem erstaunten Blick. Meine Augen wanderten zu seinem leicht geöffneten Mund – diesem Mund, der schon so unglaubliche Dinge in mir verursacht hatte – und schloss meine Augen, um meine Erinnerungen besser vor ihm verbergen zu können.
Trotzdem spürte ich, wie er mich mit seinem Blick durchbohrte. Er räusperte sich.
„Ich habe das damals gesagt, damit du dich darauf einlässt… Wenn es nach mir ginge, hätten wir aus dieser einen Nacht Millionen Nächte machen können.“
Die Hitze, die vorher mein Gesicht befallen hatte, wanderte an meinem Hals entlang in meinen Oberkörper. Ich öffnete meine Augen, um ihn anzusehen, doch er wandte seinen Blick ab.
Wir saĂźen ein paar Minuten schweigend da, bis ich schlieĂźlich genug Mut gefunden hatte, die Frage zu stellen, die mir immer noch ein Loch in die Seele brannte.
„Du hast die letzte Frage in unserem Briefwechsel noch nicht beantwortet, Draco.“
Ich hörte, wie er die Luft einsog. Seine Finger trommelten nervös auf der Flasche herum, während ich auf eine Antwort wartete.
Schließlich erlöste er mich.
„Ja“, antwortete er unglaublich leise. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr.“
Tränen stiegen in meine Augen und ich wusste, dass ich nicht genug Willensstärke besaß, um sie zurückzuhalten.
Fragend sah ich ihn an. „Aber Astoria…?“
„…ist meine Notlösung, so grausam das klingt. Ich kann nicht für immer einsam sein.“
Das Kribbeln in meinem Bauch wurde immer stärker. Ich nahm ihm die Flasche weg und trank einen Schluck.
„Was sollen wir jetzt tun?“, fragte ich leise, nachdem mein Mund wieder leer war.
Draco sah mich mit schmerzerfüllten Augen an. „Du solltest zu dem Mann gehen, den du liebst, mit ihm leben und ihn für immer glücklich machen.“
Ich fing an, zu lachen. Draco sah mich verständnislos an und hob fragend seine Augenbrauen.
„Würde ich ja gerne, aber er sitzt nur hier rum, wirft wüste Anschuldigungen um sich und zieht eine Miene, als würde es seit Monaten regnen!“
Erkenntnis zeichnete sich auf Dracos Gesicht ab, doch er wirkte noch unsicher. „Aber deine Hochzeit…“
Ich neigte mich über den Tisch und nahm seine Hand. „Habe ich kurz nach meinem ersten Brief abgesagt. Ich habe Ron gesagt, dass er mir unglaublich wichtig ist, dass es aber einfach nicht fair wäre, ihm Gefühle vorzumachen, die so einfach nicht vorhanden sind.“
Draco grinste spitzbübisch. „Was hättest du gemacht, wenn ich heute nicht gekommen wäre?“
Ich kicherte weiter. „Stand außer Frage… du bist mir so lange nachgelaufen, warum solltest du dann jetzt plötzlich damit aufgehört haben?“
Mit einem unheilvollen, fröhlichen Funkeln in den Augen legte Draco seine zweite Hand auf meine und wir verschwanden mit einem Plopp aus dem Gastraum des Drei Besen und tauchten in einem der Gästezimmer wieder auf.
Bevor ich mich umsehen konnte, hatte er mich in seine Arme gezogen und seinen Mund auf meinen gedrückt. Das vertraute Gefühl seiner weichen Lippen, sein köstlicher Duft, sein trainierter Körper… alles zusammen zog mich in einen tiefen Strudel und ließ mich nicht mehr los.
Seine Zunge glitt über meine Oberlippe und ich stöhnte leise, während er mich so fest an sich zog, dass ich kaum noch atmen konnte. Aber was brauchte ich schon Luft, wenn ich ihn wieder hatte?
Nach mehreren köstlich langen Minuten lösten wir unsere Münder voneinander und sahen uns nach Luft schnappend in die Augen.
„Was bitte soll das hier werden, Mr. Malfoy?“, fragte ich mit einem gespielt empörten Unterton.
Draco grinste von einem Ohr zum anderen. „Ich würde sagen, wir haben einiges an Nachholbedarf“, sagte er und schubste mich lachend aufs Bett.
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Hier nun das letzte Kapitel. Es folgt noch der Epilog.
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