Das philosophische Café - Über den Mut
von CathyWheeler
Über den Mut
Erst abends, als ich auf meinem Bett lag und die Zimmerdecke anstarrte, rekapitulierte ich die Stunden im Café.
Insgesamt konnte ich nicht zufriedener sein.
Sie hatte sich nicht nur zu mir gesetzt. Nein, sie hatte sogar mit mir geredet, gelacht, mich geduzt.
Allerdings wusste ich nicht, wie sich das Ganze wohl weiterentwickeln würde.
Nicht, dass ich keine Wunschvorstellung hätte.
Vor meinem geistigen Auge sah ich sie, mit mir Hand in Hand...
Ich grübelte weiter vor mich hin, bis ich mich schließlich wenigstens auf einen Namen für sie einigte.
Philosopha war mir so eingekommen. Ich weiß, nicht sehr kreativ. Aber besser als Pergamentröllchen auf alle Fälle.
In meinen Kopf summte ich Philosopha, Philosopha, Philosopha... , bis er mir tatsächlich gefiel.
Plötzlich kam mir ein schrecklicher Gedanke ein und ich setzte mich ruckartig auf. Was ist, wenn sie einen Freund hat? Oder noch schlimmer, sie ist schon verheiratet?
Hatte ich irgendwelche Indizien für das eine oder andere?
Ihre Hände auf den Pergamentblättern waren ohne jeglichen Schmuck gewesen, das wäre mir aufgefallen...
Aber was heißt das schon?
Aber es war meine Philosopha. Außerdem... hat sie mich angelächelt. Erwartungsvoll angeschaut. Eindeutig angeflirtet... oder?
Auf den Schreck holte ich mir erst mal ein Glas Wasser.
Ja, so konnte die Stimmung kippen. Von himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt.
Ich kam zu dem logischen Schluss, dass ich einfach den nächsten Samstagnachmittag abwarten muss. Aber war das alles logisch?
Während der Arbeit versuchte ich dann Philosopha aus meinem Kopf zu bannen.
Das klappte eigentlich auch ganz gut.
Nun gut, wenn ich durch die Abteilungen schritt, ertappte ich mich dabei, dass ich nach einem bestimmten weiblichen Lockenkopf Ausschau hielt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Ministerium arbeitet, ist schließlich nicht mal so gering.
Manchmal schaute ich auch verträumt aus meinen Bürofenster und erinnerte mich an ihr Lächeln.
Ja, zusätzlich malte ich auf Memos Herzchen. Die sahen aber so krüpplig aus, dass sie als meine Unterschrift durchgingen...
Mit anderen Worten, ich wurde fast verrückt.
Und als dann endlich, endlich Samstag war, kam ich später als sonst in die Winkelgasse. Finnigan musste ja auch unbedingt noch eine Privataudienz in meinem Kamin halten.
Als ich dann den gewohnt einladenden Duft des Cafés förmlich aufsaugte, galt mein erster Blick natürlich dem hintersten Tisch in der Ecke. Aber wider Erwarten war er leer und ich bemerkte, wie sich meine Gereiztheit in Aufregung verwandelte.
Tatsächlich, als ich mit zitternden Händen meinen Kaffee trug, die Zeitung zwischen meinen rechten Arm geklemmt, bekleckerte ich meinen linken Ärmel meines Umhangs.
Gerade als ich dabei war, meinen Ärmel mit Tergeo zu säubern, öffnete Philosopha die Eingangstür, dicht gefolgt von einem Zauberer.
Im ersten Moment dachte ich mir dabei nichts und wollte lieber noch mal schauen, ob ich nicht einen Flecken übersehen hatte.
Doch dann durchbrach Philosophas verängstigte Stimme das gedämpfte Gemurmel des Cafés: „Ich möchte nichts mit Ihnen zu tun haben. Bitte gehen Sie!“
Sofort ließ ich meinen Umhangsaum fallen und alarmiert wie ich war, schlängelte ich mich so zügig wie ich konnte zwischen den Tischchen zum Eingangsbereich.
Wenn ich eins aus meinen Fehler gelernt hatte, dann aufmerksam zu sein und ohne zu zögern einzugreifen.
Von hinten sah ich, dass dieser schmierige Typ sie an die Schulter fasste und in seine Richtung drehte. Für einen kurzen Augenblick konnte ich ihr Gesicht sehen, das zeigte, dass sie wie geschockt war.
Ich war entsetzt und versuchte schneller zu ihr zu kommen.
Der Widerling redete auf Philosopha leise ein, aber ich verstand seine Worte nicht.
Langsam wurde ich richtig wütend. Nicht nur aufgrund dieser dreckigen Kakerlake da vorne, sondern auch auf die Gäste im Café, die entweder die brenzlige Situation gekonnt ignorierten oder einfach nur die beiden angafften, als wären sie die Maskottchen der bulgarischen Quidditchmannschaft. Man kann es kaum glauben, aber es gab sogar welche, die sich noch nicht mal bequemten mich vorbeizulassen.
Stinksauer, mit den Nerven am Ende, stellte ich mich schließlich zwischen die beiden. Entschlossen nahm ich Philosophas Hand in die meine und zog sie von dem Idioten weg.
„Geht's dir gut?“, fragte ich sie mitfühlend.
Sie nickte, aber ihre Augen sprachen das Gegenteil.
Energisch wandte ich mich, den Zauberstab gezückt, um, doch der Feigling war gerade dabei durch die Tür zu entwischen. Ich versuchte ihn einzuholen, aber ich wurde zurückgehalten.
„Das ist es nicht wert, es ist ja nichts passiert.“, sagte sie mit schwacher Stimme.
Ich drehte mich zu Philosopha um und wollte eigentlich dagegen kontern, doch als ich vor ihr stand, stockte mir der Atem als ich die Situation realisierte.
Wir hielten uns immer noch an der Hand und es fühlte sich gut an, vollkommen richtig.
Zum ersten Mal war nicht dieser Tisch dazwischen, die Distanz war durchbrochen.
Sie war so viel kleiner als ich. Aber es war richtig süß, wie sie ihren Kopf in den Nacken legen musste, um mich mit ihren herrlich grün-braunen Augen anzuschauen.
Kurz dachte ich, die Zeit würde stehen bleiben, doch dann ließ sie mich los, schaute nach unten, dass ich nur noch ihre Locken sah, bedankte sich schüchtern und murmelte etwas von wegen Früchtetee kaufen.
Wie in Trance ging ich wieder zu meinen angestammten Platz.
Erst als sie mit einem gefassteren Ausdruck im Gesicht nach ein paar Minuten zu mir kam, wurde dieser Traumzustand beendet.
„Noch mal vielen lieben Dank, das ist mir alles so peinlich. Ich bin viel zu vertrauensselig, der Mann wollte mir einreden, etwas von ihm abzukaufen, aber als mir das klar wurde, war es auch schon fast zu spät.“, redete sie so hastig, dass ich kaum etwas verstand.
„Was wollte er dir denn verkaufen?“, fragte ich neugierig. Ich überlegte mir schon mal, welche Leute im Zaubereiministerium ich auf den Typen ansetzen konnte.
Beschämt schaute Philosopha nach unten. „Schönheitstrank“, flüsterte sie gequält.
„Der Widerling sollte lieber mal seine Augen untersuchen lassen, als unschuldige Frauen auf diese abscheuliche Art und Weise verdünnten Salamandermist unterzujubeln!“, empörte ich mich hitzig.
Sie lachte kurz auf und schenkte mir ein unwiderstehliches Lächeln.
Das lenkte mich aber nicht von meiner Wut ab. „Und weißt du, was ich noch schlimmer finde, als diesen Knilch?“
Sie schaute mich gespannt an.
„Diese verantwortungslosen Leute, die dabei zuschauten, wie du belästigt wurdest!“
Philosopha seufzte tief. „Weißt du, wie viel Mut man braucht, um in dieser Situation zu helfen? Es gibt mindestens zehn Gründe dagegen, wenn nicht mehr. Das kann nicht jeder, im Mittelpunkt zu stehen. Auch ich wäre überfordert gewesen an ihrer Stelle.“
Verblüfft schaute ich Philosopha an. „Du rechtfertigst sie?“
„Nicht rechtfertigen, aber ich versuche sie zu verstehen und dadurch, dass ich dann die Motive kenne, kann ich vielleicht selbst in der nächsten Situation helfen.“
„Aber, du bist noch nicht so weit.“, stellte ich fest und trank aus meiner halbleeren Tasse.
„Nein, das ist auch nicht einfach zu erreichen. Eigentlich wünsche ich mir auch einfach lieber einen Bruder oder Freund, der sich um so was kümmert, damit ich mit derartigem gar nicht behelligt werde.“
Die Information sickerte in mein Gehirn und ich konnte gar nicht anders als zu strahlen. Am liebsten wäre ich sofort aufgesprungen und um die Tische gehüpft. Sie hatte keinen Freund! Ja, sie wünschte sich sogar einen! Das Leben war schön!
Anscheinend war ihr gar nicht bewusst gewesen, was sie gerade da ausgeplaudert hatte. Denn erst jetzt, als sie mich beobachtete, wurde sie rot.
Ich versuchte mich zu beruhigen und mit einigermaßen kontrollierter Stimme sagte ich zu ihr: „Zehn Gründe? Das ist echt viel, aber vielleicht fallen mir zehn Gegenargumente ein?“
„Versuchen wir's. Ich fange an.
Es könnte sein, dass man selber geschockt ist und deshalb nichts unternimmt.“ Philosopha nippte an ihrem Tee.
Ich überlegte, aber es war gar nicht so einfach. „Hm, aber... man sollte etwas unternehmen, da man, wenn man selbst in so einer Lage ist, ja auch Hilfe möchte.“
„Das klingt natürlich logisch, aber so was denkt man da nicht. Eher fürchtet man sich, dass man die Sache falsch einschätzt, dass sie vielleicht gar nicht so schlimm ist oder sich von selbst regelt.“
Irgendwie fand ich den Grund ziemlich schwach. „Na gut, sagen wir, eine Person ist an sich überfordert, eine andere hat angst sich zu blamieren, aber was denken denn die anderen zwanzig?“
„Ein paar haben wahrscheinlich kein Interesse daran. Oder denken, es geschieht dem Opfer ganz recht.“, sagte sie mit einem Schulterzucken.
Entrüstet erwiderte ich: „Das sind dann aber Monster und nicht Menschen. Man sollte einfach helfen, weil man einfach ein Mensch ist und Mitgefühl hat.“
Philosopha blickte mich verständnisvoll an. „Monster ist ein hartes Wort. Ich würde sie eher als... fehlgeleitet bezeichnen.
Ich denke, dass die große Mehrheit sich einfach nicht angesprochen fühlt, schließlich kennt man sie nicht, sie kennen das Opfer nicht. Mut wird einfach von Anonymität untergraben.“
„Man sollte dennoch helfen, weil... man dann auf sich selbst stolz sein kann, sich selbst akzeptieren kann. Man kann in den Spiegel sehen und sich ohne Schuldgefühle anschauen.“, antwortete ich und war selbst über meine Worte überrascht.
Ihre Augen blitzten und sie antwortete enthusiastisch: „Aber genau das ist der springende Punkt. Kann man von einer Person erwarten, die nicht tolerant gegenüber sich selbst ist, dass sie zu anderen tolerant ist? Man liebt sich selbst nicht und soll aber andere bedingungslos lieben? Jemand der nicht weiß, ob er mutig sein kann, soll furchtlos helfen? Das kann gar nicht funktionieren.“
„Man soll sich also selbst lieben?“
„Ja, man sollte seinen Körper, seinen Verstand, seine Seele erkennen und lieben.
Das würde eine ganze Reihe von Ängsten auslöschen. Vielleicht sogar die Welt verbessern.“, sagte Philosopha ernst.
Ich verstand. „Das ist, was du mit bewusst meintest?“
Sie nickte, auf ihrem Gesicht lag ein schwärmerischer Ausdruck.
Ihre Meinung war plausibel, dennoch sträubte sich irgendetwas in mir. „Aber, das ist doch fast unmöglich! Ich meine, viele brauchen Jahre, damit sie überhaupt ansatzweise ihren Körper akzeptieren!“
„Warum glaubst du, laufen hier alle so miesepetrig rum? Weil sie sich selbst nicht verstehen und es noch nicht mal versuchen.
Aber wir sind vom Thema abgekommen. Wenn viele Zeugen da sind schiebt man einfach die Verantwortung an die anderen ab.“
„Ich weiß gar nicht was ich dazu sagen soll, eine Schande einfach nur. Aber sind das Gründe? Hört sich alles ganz stark nach Ausreden an.“
„Natürlich, aber die meisten Menschen machen nichts lieber, als sich selbst zu belügen und zu vertuschen! Sie sagen, was für gütige Menschen sie doch sind, nur leider handeln sie nicht danach.“ Philosopha rollte mit den Augen.
„Ich glaube nicht, dass ich besser bin.“, meinte ich.
„Wirklich?“ Sie schaute mich ungläubig an.
„Na ja, vielleicht bin ich ja schon ein klitzekleines bisschen bewusst?“
Wir lachten gemeinsam und einigten uns dann darauf, dass wir für heute genug Ausreden gehört hatten. Wobei wir aber zu dem Schluss kamen, dass geschockte Personen einen wirklichen Grund haben und es auch andere Umstände gibt, die man wirkliche Gründe nennen kann.
Dann hörte man wieder nur das Kratzen ihrer Feder und ich konnte zum ersten Mal an diesem Samstag meinen Tagespropheten entfalten. Hinter diesem versteckt, lächelte ich und das nicht nur wegen den braunen Klecksen auf dem Papier.
Ja, eigentlich sollte dieses Kapitel wohl eher Gefühlschaos heißen. Ich hoffe es hat euch trotzdem gefallen. Percy wächst mir mehr und mehr ans Herz.
Eigentlich wollte ich nie über „Held rettet Heldin“ schreiben, bitte verzeiht mir, es ist schließlich nichts passiert, oder? ^^
Ich habe mich natürlich wieder richtig doll über die Reviews gefreut! Vielen lieben Dank und Rose_Weasleys Wünsche sind schon Kapiteln zugeordnet, leider erst sehr späten.
Übrigens zu Philosophas wahren Namen, ich habe da so eine Idee im Kopf, werde aber noch nichts verraten...
Und wieder rufe ich euch auf, eure Meinung zu schreiben! Oder Vorschläge mir zu unterbreiten!
Ich wäre auch echt nicht sauer, wenn ihr meine Geschichte in Stücke zerreißt und mich richtig extrem kritisiert.
Was noch wichtig ist: Das was ich über Philosophie schreibe, ist natürlich meine persönliche Meinung und nicht die elementare Wahrheit. So weit bin ich noch nicht.^^
Aber ich habe Philosophie und Psychologie an meiner Schule, also ganz unwissend bin ich in diesen Richtungen nicht.
Ganz liebe Grüße und ich wünsche euch einen fleißigen Osterhasen
Eure CathyWheeler
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Samstag, 01.07.
Freitag, 02.06.
Mittwoch, 24.05.
Manchmal glaube ich, es gibt kaum noch unsignierte Harry-Potter-Bücher.
Joanne K. Rowling