Ein kalter Wind zerzauste meine Haare. Völlig verknotet und wirr hingen sie mir in den Augen. Ich starrte über die Ländereien Hogwarts', doch eigentlich konnte ich nichts sehen. Tränen verschleierten meinen Blick, rollten meine Wangen hinunter, fingen sich in den Spitzen meiner Haare. In meiner Kehle stiegen Schluchzer empor, die sich ihren Weg über meine Lippen bahnten. Meine Hände krallten sich in meine Jacke, um mir Halt zu geben. Meine Welt war aus den Fugen geraten und mein einziger Halt war ich selbst.
Erschreckend, nicht wahr? Eigentlich denkt man, dass die Familie einem in solchen Situationen beisteht. Oder die besten Freunde. Das mit der Familie wurde in meinem Fall ein wenig schwierig, war doch gerade sie es, die mich ins Unglück gestürzt hatte. Meine Eltern sind bei einem schweren Autounfall ums Leben gekommen. Sie waren sofort tot, ich hatte nicht einmal die Möglichkeit mich von ihnen zu verabschieden. Und der Rest meiner Familie besteht aus meiner Schwester Petunia, die mich seit ich elf bin am liebsten erwürgen würde. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich schon lange tot.
Und was meine Freunde betraf, war ich selber Schuld. Sie wollten mir ja helfen, mich trösten, mir beistehen. Doch was sie auch taten, sie gingen mir auf die Nerven. Ich wollte nicht ständig jemanden um mich herum haben, der mich bemitleidete und mir sagte, wie Leid ihm doch alles täte. Das glaubte ich ihnen ja auch, aber keiner von ihnen hatte so eine Situation schon mal am eigenen Leibe erleben müssen. Zum Glück! Aber deswegen wussten sie eben auch nicht, wie es einem dann geht. Deswegen hatte ich mich hierher geflüchtet, auf den Nordturm, auf den sich nur ganz selten mal ein Schüler verirrte. Meist waren das dann Pärchen, die sich nach der Sperrstunde noch aus ihren Gemeinschaftsräumen geschlichen hatten. Und jetzt war ich es.
Mit dem Rücken lehnte ich an der rauen Steinmauer, die Arme fest vor meinem Körper verschränkt und bibbernd vor Kälte. Meine Gedanken flogen immer wieder zurück in eine andere Zeit. Wie Fotos blitzen Bilder in meinem Kopf auf.
Zwei kleine Mädchen, die im Garten Fangen spielten. Ein großer, dunkelhaariger Mann und eine blonde Frau auf Fahrrädern, während hinter ihren Rücken zwei kleine Kinderköpfe hervorlugten. Ein Urlaub am Strand, in dem sie alle zusammen Wasserball spielten. Ein Termin beim Fotografen für das Familienfoto. Alle lächelten. Alle sahen glücklich aus.
Und dann die anderen Bilder. Zwei Särge, in denen Personen mit wachsbleichen Gesichtern aufgebahrt waren. Überall Blumen, Tränen, leises Flüstern. Eine junge blonde Frau, die mich anstarrte. Sie schien einen Schritt auf mich zumachen zu wollen, doch dann wandte sie sich ab, sprach kein Wort mit mir. Tränen über Tränen. Erstickte Schluchzer. Eine warme Hand auf meinem Rücken, eine leise Stimme die mir beruhigend ins Ohr murmelte. „Pst, Lily. Es ist okay.“
Woher kam diese Erinnerung? Das hatte ich nie erlebt. Auf der Beerdigung hatte ich alleine gestanden, neben einem Baum, aus dem großen Regentropfen auf den Boden pladderten, als ob er mit mir um meine verstorbenen Eltern weinen würde. Alle hatten mich mitleidig angesehen, doch keiner hatte mich in den Arm genommen und versucht mir meinen Kummer durch einige Worte zu nehmen. Alle waren nur mit ernstem Blick auf mich zugekommen, hatten genickt oder mir die Hand geschüttelt, einige Worte des Beileids auf den Lippen, manchmal auch ein verzagtes Lächeln. Doch jedem von ihnen hatte man angesehen, dass sie nur so schnell wie möglich aus dem Regen raus und heim in ihre trockenen, warmen Häuser wollten, wo das Leben seinen gewohnten Gang nehmen würde. Dass mein Leben nie wieder so werden würde, wie bisher, schien kaum jemanden zu kümmern.
An die Arme, die mich sanft umfingen, und die Schulter, an die ich meinen Kopf gelehnt hatte, konnte ich mich nicht erinnern. Langsam hob ich meine Lider, schaute hoch und sah genau in zwei haselnussbraune Augen, deren Blick auf mir lag.
Ich war nicht mehr allein auf meinem Nordturm. Jemand war gekommen. Jemand, der keine Fragen stellte, sondern einfach nur da war und mich weinen ließ. Jemand, der meine Schluchzer ertrug und keine Miene verzog, wenn ich ein wenig hysterisch wurde. Ich bekam kaum noch Luft, doch er strich mir nur über den Rücken und redete mir gut zu. Er war einfach nur da.
Meine Arme lösten sich, als ob ein Krampf sie zuvor gefesselt hätte. Ich musste mir nicht mehr selbst Halt geben, jemand anderes war da, um es zu tun. Langsam versiegten die Tränen, verschwanden die Schluchzer. Die Bilder waren wie fortgejagt, drängten sich nicht mehr in den Vordergrund. Mein Kopf war leer, einfach nur leer. Es war eine gute Leere, watteweich und wolkigweiß.
Ich hatte versucht mich in die Einsamkeit zu flüchten, um meinen Schmerz zu ertragen, doch hatte sie es nur noch schlimmer gemacht. Erst als er mich in den Arm nahm und hielt, mich aber dennoch allein ließ, konnte ich beginnen, die Bilder zu verarbeiten.
Vorsichtig setzte ich mich auf, wollte mich bedanken. Doch er winkte nur ab. „Schon okay, Lily. Ich weiß, wie das ist. Als meine Eltern starben, wollte ich auch einfach nur meine Ruhe haben, doch alleine kann man mit dem Schmerz nicht fertig werden. Wenn jemand dabei ist, der einfach da ist und keine Fragen stellt, dann ist es viel leichter.“ Ich konnte nur nicken und kuschelte mich dann wieder in seine Arme.
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