
von Black Tear
Die Tage vergingen. Langweilig wurde mir nicht.
David und ich waren beinahe jeden Tag unterwegs, um Muggelengland mit Angst und Schrecken zu überziehen. Wir waren in Kinos und Einkaufszentren, ließen Bürotürme und Krankenhäuser einstürzen. In England herrschte praktisch Krieg, nur hatten die Muggel keine Chance gegen uns. Wir waren inzwischen auch fotografiert worden, die Zeitungen schrieben über uns als das „Terror-Paar“. Als ich das erste Mal mein Bild auf der Titelseite der „Sun“ gesehen hatte, überschrieben mit „Wer ist der Engel des Todes?“, war ich zugegebenermaßen ein bisschen ausgerastet. Mittlerweile sah ich es als Kompliment. Schade, dass ich wohl schlecht meinen Eltern ein Exemplar zukommen lassen konnte. Aber für David und Lucius hatte ich je eine Ausgabe gekauft. Wobei ich mit gekauft meine, ich hatte den Kiosk-Betreiber getötet und mir dann zwei Zeitungen mitgenommen.
Natürlich konnte sich die Muggelpresse nicht erklären, warum alle in unserer Umgebung starben wie die Fliegen und spekulierten auf Giftgas, vielleicht auch eine Kombination aus Chemie- und Biowaffen. Und obwohl ich jedes Mal vorsorglich disapparierte, sobald ein Mitglied des Ordens des Phönix den Plan betrat, gab es wohl mittlerweile keine Chance mehr, dass sie nicht mitbekommen hatten, wer hinter all dem steckte. Obwohl ich mit meiner Existenz als Todesserin bestens zu Recht kam, wollte ich doch nie gezwungen sein, einen von ihnen anzugreifen. Es reichte mir vollends, Abschaum zu killen. Ich würde nicht direkt sagen, dass es mir Spaß machte, aber nun ja. Ich kam damit klar. Es war einfach irgendwie mein Job. David machte oft Blödsinn und wir verstanden uns prächtig. Wir zogen uns gegenseitig auf wie ein altes Ehepaar – und ja, es ist übrigens möglich, jemanden umzubringen und dabei zu lachen.
Manchmal gesellte sich Lucius zu uns. Das ließ zwar meinen Puls immer in absurde Höhen schnellen und die Schmetterlinge in meinem Bauch durchdrehen, erschwerte es mir aber sehr, mich auf die Muggel zu konzentrieren. Scheinbar vergaß ich jedes Mal, wenn ich ihn nicht sah, wie attraktiv sein Äußeres tatsächlich war. So viel besser als in meiner Erinnerung. Und wenn er dann tatsächlich auftauchte, hatte ich jedes Mal mit Schnappatmung zu kämpfen, weil seine Erscheinung mich einfach flashte. Immer und immer wieder.
David dagegen schien nie besonders glücklich, wenn Lucius dazu stieß. Ich vermutete, dass er immer noch fürchtete, Lucius werde uns die Show beim Dunklen Lord stehlen. Also wirklich – wie viel Lob musste er noch bekommen, um das zu überwinden?
Aber offen gestanden waren diese Aktionen nicht die einzigen Gelegenheiten gewesen, zu denen ich Lucius gesehen hatte. Nach unserem Gespräch im Schloss des Dunklen Lords hatten wir uns öfter getroffen, meist zum Dinner auf Malfoy Manor.
Die Art, wie er mich mit Komplimenten überschüttete, und – naja, einfach das tat, was man wohl „auf Händen tragen“ nennt, hatte mich vollends verzaubert. Bereits mehrere Male hatten morgens Rosen auf meiner Fußmatte gelegen. Und obwohl wir beide nach wie vor davon sprachen, die „Dinge langsam angehen zu lassen“, steuerten wir doch tatsächlich auf eine handfeste Beziehung zu. Ich war noch nie so verliebt und so glücklich gewesen. Wir hatten das nie offiziell besprochen, aber waren irgendwie stillschweigend darin übereingekommen, dass wir jetzt ein Paar waren. Und ich war so glücklich.
Jedes Mal, wenn ich einen Abend bei ihm verbracht hatte, bestand er darauf, mich nach Hause zu bringen. Na gut, auf Zaubererart war das auch weit weniger aufwendig als für Muggeljungen, aber Seit-an-seit-apparieren bekam so eine ganz neue Bedeutung für mich. Vor allem, wenn es so endete wie beim letzten Mal. Da hatte er mich nämlich vor meiner Haustür geküsst – das erste Mal, seitdem wir uns wieder vertragen hatten. UND WIE.
Es war ein unbeschreibliches Glücksgefühl gewesen und es hätte nie aufhören sollen. Doch irgendwann lösten wir uns voneinander und während ich noch völlig high vor Glück war, raunte Lucius mir ins Ohr: „Hast du morgen schon was vor?“ Ich konnte nur den Kopf schütteln. „Willst du mich in die Nokturn-Gasse begleiten? Ich muss ein paar Dinge erledigen und es wäre viel netter, wenn du dabei wärst…“
„Wie kann ich da Nein sagen?“, antwortete ich. „Holst du mich ab?“
Er nickte und nach einem erneuten, endlosen Kuss verabschiedeten wir uns. Unglaublich, dass ich tatsächlich mit Lucius Malfoy im Dunklen vor meiner Haustür rumgemacht hatte, als ob wir Teenager wären, überlegte ich, während ich die Tür hinter mir schloss. Es konnte eigentlich nur ein sehr, sehr realer Traum sein, was hier gerade ablief. Aber ich konnte mich kneifen, so viel ich wollte – das hier war tatsächlich echt. Also gab es eigentlich nur eins, was jetzt zu tun war – wie eine Wahnsinnige lachend durch die Wohnung zu hüpfen. Gott sei Dank sah mich niemand.
Tja und so kam es, dass ich jetzt hier stand, vor meinem Badezimmerspiegel und zum dritten Mal meine Wimpern tuschte. Gleich würde Lucius kommen und ich stand vor einem mittleren Nervenzusammenbruch. Nach dreimaligem Umziehen war ich immer noch nicht ganz überzeugt von meinem Outfit, mein Haar machte scheinbar, was es wollte und ausgerechnet heute fiel mir wieder auf, dass ich keine besonders schönen und ausgeprägten Wangenknochen hatte. Wieso war das so dramatisch für mich? Es war ja nicht unser erstes Date oder so. Aber irgendwie… war es das doch. Es war das erste Mal, dass wir uns außerhalb vom Schloss des Dunklen Lords oder Malfoy Manor sahen oder damit beschäftigt waren, Muggel zu killen. Und deswegen war es Zeit für einen Befreiungsschlag. Entschlossen richtete ich also meinen Zauberstab auf meine Haare, zauderte noch ein bisschen und eine Sekunde später lagen sie in glänzenden Wellen. Perfekt! Es lohnte sich doch, meine natürlichen Hemmungen, einen Zauberstab auf meinen Kopf zu richten, zu überwinden. Dann beschloss ich, dass meine dunklen Jeans und das schlichte grüne T-Shirt jetzt einfach das Richtige waren, frischte noch ein letztes Mal meinen Lipgloss auf, fand das Ergebnis zu aufdringlich, wischte das Meiste wieder ab und – voila, schon war ich fertig. Sobald ich in meine Stiefel geschlüpft war, klingelte es auch an der Tür. Perfektes Timing! Lächelnd öffnete ich die Tür. Und da war er. Noch viel hübscher als sonst. Er raubte mir, wieder einmal, buchstäblich den Atem. „Guten Morgen!“, sagte er. „Hi!“, brachte ich noch hervor, dann hatte er mich schon an sich gezogen. Ich will niemanden zu sehr mit meinem verliebten Geschwafel langweilen, also nur so viel: Es dauerte noch etwas, bis ich mir schließlich meinen Umhang überwarf und wir gemeinsam verschwanden.
Vor dem Tropfenden Kessel tauchten wir wieder auf. Seit der Machtübernahme des Dunklen Lords machte niemand mehr so ein Drama um das Geheimhaltungsabkommen. All die Muggel, die uns sahen, würden wir eh früher oder später umbringen. Deswegen war es auch nicht mehr notwendig, ständig aus dunklen Gassen in finstere Hinterhöfe zu apparieren, um nur ja unbeobachtet zu bleiben. Wir konnten einfach genau da landen, wo wir hinwollten, sehr angenehm. Lucius, David und mir haftete sowieso ein düsterer Ruhm an, seit unsere Bilder jeden Tag auf den Muggelzeitungen prangten. Schließlich waren wir Terroristen. Immer öfter passierte es, dass Muggel uns erkannten und zu fliehen versuchten.
Aber heute waren die Muggel uns egal. Hand in Hand betraten wir den Tropfenden Kessel. Er hatte nichts mehr mit dem Lokal zu tun, dass ich als kleines Mädchen kennengelernt hatte. Auch hier sah man deutlich, wer nun die Macht in der Zaubererwelt, in Großbritannien und bald auch auf dem Kontinent hatte. Die Einzigen, die den Schankraum bevölkerten, waren ein paar Todesser – wir nickten einigen höflich zu, doch keiner von ihnen war wichtig genug, um sie überschwänglicher zu begrüßen oder sich gar dazuzusetzen – und ein paar Gestalten, die selbst mir zwielichtig vorkamen. Nur Tom, der Wirt, zahn- und haarlos, war immer noch da. Ich konnte es mir grade noch verkneifen, ihn strahlend anzulächeln, wie ich es all die Jahre getan hatte. Schließlich war sein Anblick praktisch gleichbedeutend mit Ausflügen in die Winkelgasse mit meiner Mutter. Wunderschöne Erinnerungen. Doch jetzt war ich Todesserin und musste ein bisschen mehr Würde zeigen. Also beließ ich es bei einer kühlen Miene, auch als Tom anhob: „Einen guten Tag, Mr. Malfoy… Miss… Kann ich ihnen etwas anbieten?“ Lucius verneinte. Mir fiel auf, dass er Tom nicht so verächtlich anherrschte, wie ich es bei anderen Gelegenheiten von ihm erlebt hatte und war ihm dankbar.
Wir verließen den Pub gleich wieder in Richtung Winkelgasse und ich tippte mit meinem Zauberstab gegen die entscheidenden Backsteine. Zu sehen, wie sie sich zu einem riesigen Tor teilten, war etwas, dass mich auch nach sieben Jahren magischer Ausbildung in Hogwarts noch beeindruckte. Das sagte ich auch Lucius und er blickte mich ungläubig an: „Tatsächlich?“
„Es hat so etwas Würdevolles und Feierliches.“, versuchte ich, meine Faszination zu erklären. „Du bist so wundervoll“, sagte er und sah mich aus seinen grauen Augen, die oft so kalt blickten, liebevoll an. Meine Knie hätten fast unter mir nachgegeben. ‚Reiß dich zusammen, du bist eine erwachsene Frau!‘, ermahnte ich mich selbst und Seite an Seite traten wir in die Winkelgasse.
Es war ein gutes Gefühl, neben Lucius die Winkelgasse entlang zu schreiten. Lucius‘ Ruf – und mittlerweile auch meiner, schließlich hatte ich mir einen Namen als Todesengel der Muggel gemacht – sorgte dafür, dass man angemessenen Abstand zu uns hielt. Die letzten Todessertreffen hatten gezeigt, dass kein Mann so hoch in der Gunst des Dunklen Lords stand wie Lucius. David kämpfte noch um seinen Platz als Nummer 2 – viele Todesser nutzten die Schwäche des Phönixordens und des sonstigen Widerstands aus, um sich auszuzeichnen. Was dagegen die Frauen anging – von Anfang an war nur Bellatrix Lestrange eine ernsthafte Konkurrenz gewesen und die hatte sich mittlerweile selbst ins Abseits gestellt. Ihre Unfähigkeit, dem Phönixorden den Gar aus zu machen, hatte ihr zunächst noch einigen Hohn des Dunklen Lords eingebracht, mittlerweile würdigte er sie keines Blickes mehr, was noch viel schlimmer war.
Sie tat mir nicht Leid. Ihr Scheitern war mein Gewinn. Hätte sie mich von Anfang an netter behandelt, hätte ich vielleicht anders empfunden, aber so – so hatte sie es nicht anders verdient.
Zwar war die Winkelgasse nicht mehr dieselbe wie noch vor einigen Jahren, viel leerer und düsterer. Doch trotzdem waren einige Zauberer und Hexen unterwegs, um ihre Einkäufe in den wenigen Geschäften zu machen, die noch nicht geschlossen worden waren. Doch sobald die Menschen uns sahen, teilte sich die Menge, um uns Platz zu machen. Manche Leute gingen so weit, in den Hauseingängen und Hinterhöfen zu verschwinden, sobald sie uns sahen. Ich hatte mich noch nie so mächtig gefühlt. Gefürchtet zu werden war eine ganz neue Erfahrung. Wie wir da Seite an Seite gingen, während die verängstigten Menschen vor uns eine Gasse bildeten, fühlte ich mich direkt majestätisch. Lucius und ich. König und Königin.
In der Nokturn-Gasse dagegen war es dicht gedrängt und voll. Jetzt musste sich keiner mehr hüten, hier gesehen zu werden, im Gegenteil. Auch hier stießen wir auf einige bekannte Todesser-Gesichter, aber auch die hielten angemessenen Abstand zu uns und grüßten unterwürfig. Jaja, die wussten schon, mit wem sie sich gut stellen mussten. Der General des Dunklen Lords und sein Todesengel, ließ ich es mir stolz auf der Zunge zergehen. In vergleichsweise kurzer Zeit hatte ich so viel erreicht – es half wohl, wenn man sonst keinen Lebensinhalt hatte. Manchmal dachte ich abends, kurz vor dem Einschlafen, daran, wie leer mein Leben wäre ohne die Todesser. Dann hätte ich keinen Geliebten, keinen besten Freund, keinen Daseinszweck, keinen Grund morgens aufzustehen. Selbst wenn ich es gewollt hätte – ich wollte nicht –, wie hätte ich das aufgeben können?
Wir betraten Borgin & Burkes. Sofort kam Mr Borgin auf uns zu, schleimerisch-gebückte Haltung, die verbliebenen fettigen Haare auf die Halbglatze geklatscht, ich hätte kotzen können. Dass sowas einen Laden für schwarzmagische Artefakte führen durfte – der Kerl war genauso Abschaum wie die Muggel, die ich jeden Tag erledigte. „Mr Malfoy … und Miss…“, stieß er aufgeregt hervor. „Burnton!“, kam es eisig von Lucius. Offenbar war er von dem Verkäufer genauso abgestoßen wie ich. „Miss Burnton. Merken Sie sich den Namen, Borgin. Sie werden sie vermutlich noch häufiger sehen und sie mit demselben Respekt behandeln wie mich! Sie ist das Wunderkind unter den Todessern, also sollten Sie sie besser nicht verärgern!“
Mir wurde ganz warm bei Lucius‘ Worten, doch ich erinnerte mich rechtzeitig daran, mein Eisköniginnen-Pokerface aufrecht zu erhalten. Ich war schließlich Todesserin – oder wie hatte Lucius es gerade genannt? Wunderkind. Wenn es um Massenmord ging. Welche Eltern wünschten sich das nicht für ihr Kind?
Borgin verbeugte sich als Reaktion darauf jedenfalls noch tiefer vor mir, was ich mit einem leichten Nicken zur Kenntnis nahm. ‚Da siehst du mal, Penner! Verärgere mich lieber nicht!‘, schoss es mir spöttisch durch den Kopf.
„Ja, Mr Malfoy, natürlich, Mr Malfoy, verzeihen Sie, Miss Burnton! Womit kann ich dienen?“
Es geschah, als wir den Laden verlassen hatten und wieder auf dem Rückweg durch die Winkelgasse waren. Wieder wichen die Menschen vor uns zurück, Lucius und ich waren ins Gespräch vertieft. Plötzlich rannte eine Gestalt auf uns zu, deren Gesicht von einer großen schwarzen Kapuze verhüllt war. „Ihr seid Monster! Ihr Monster!“, schrie er. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Sofort stellte Lucius sich vor mich und zog seinen Zauberstab. „Jetzt kannst du dein Flittchen noch beschützen, du Mörder! Aber irgendwann werdet ihr alle bestraft! Ihr Verbrecher!“
Ein roter Blitz schoss aus Lucius‘ Zauberstab und der Mann sank geschockt in die Knie.
Unschöne Szene. Monster. Verbrecher. Flittchen. Autsch.
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