
von waterloo
Braune Locken tanzen im Wind. „Hermine!“
„Wir sind bei dir, Harry.“ Hermines Stimme wie aus weiter Ferne heran schwebend.
„Wir werden dort sein, Harry.“ Rons Stimme. Rons Gesicht. Unzählige Sommersprossen.
Unruhig zuckten Harrys Augen unter den geschlossenen Lidern. Seine Wimpern zitterten.
Rotes Licht. Grünes Licht. Eine zusammensinkende Spinne auf dem Lehrerpult. Cedrics toter Körper.
Die Highlands. Hogwarts. Der schwarze See. Der Grimmauldplatz. Hogwarts.
„Hogwarts, Hogwarts, Hoggy Warty Hogwarts”
Schweißperlen standen auf Harrys Stirn. Ihm war viel zu warm. Seine Atmung ging flach und schnell.
Keiner kann leben ... während der andere überlebt.
"I thought I was someone else, someone good"
Ein Lachen, kalt und voller Hohn. Rote Augen.
Unkoordiniert traten seine Füße nach der Bettdecke. Die alte Matratze gab quietschende Geräusche von sich.
„Harry!“ Hermine. „Harry!“ Ron. Heisere Schreie.
„Nenn ihn Voldemort, Harry!“ Dumbledores mahnende Stimme. „Nenn die Dinge immer beim richtigen Namen. Die Angst vor einem Namen steigert nur die Angst vor der Sache selbst.“
Zittrige Hände tasteten haltsuchend über das Bettlaken.
Drei junge Menschen. Schulter an Schulter. Braunes Haar, schwarzes Haar, rotes Haar. Vor ihnen ein bewaldeter Hang. Steil. Zwischen ihnen und dem Hang ein tiefes Tal. Nebel hüllt alles ein ...
Der Nebel lichtet sich. Menschen. Viele Menschen. Schreie. Schwarze Roben. Weiße Masken. Noch lauteres Geschrei.
Schließlich fiel die Decke zu Boden, doch Harry strampelte weiter mit den Beinen. Blind trat er in die Luft. Seine Atmung war nunmehr ein abgehacktes Keuchen.
Rote Lichtblitze. Grüne Lichteblitze. „Avada Kedavra“
Harrys Hände krallten sich in das Laken. Er schwitzte. Das T-Shirt, das er zum Schlafen trug, zeigte am Hals und unter den Armen deutlich nasse Flecken. Einige Strähnen seines schwarzen Haars klebten ihm in seiner Stirn.
„Harry, wir sind hier.“ Wo? Wo seid ihr?
Panik.
„Hier sind wir.“ Da seid ihr.
Erleichterung
„Hermine!“ „Ron!“
Harrys Kopf flog auf dem Kissen hin und her.
Wie in Zeitraffer die erste Fahrt nach Hogwarts.
Rons breites Grinsen.
Hermines große Schneidezähne.
Die Häuserzuteilung in der Großen Halle.
„Gryffindor!“
Rons Ratte.
Krätze.
Pettigrew.
Verräter. VERRÄTER!
Sein Gesicht war zu einer angestrengten Grimasse verzerrt. Keuchend warf Harry sich von einer Seite auf die andere.
Blut fließt.
Es hört nicht auf.
Immer mehr Blut.
Mit einem panischen Aufschrei erwachte Harry.
Das Gellen seines Schreis vibrierte in seinen Ohren nach, während er aufrecht im Bett saß und in die Dunkelheit starrte. Sein Herz schlug in einem wilden Rhythmus und er spürte, wie das Blut in rasendem Tempo durch seinen Körper gejagt wurde. Harry presste eine Hand flach auf seine Brust, als könne er damit seinen Herzschlag beruhigen. Doch das einzige, was er damit erreichte, war, dass er sein Herz nur umso heftiger spürte.
Irgendwann fühlte Harry sich bereit, seine Beine über die Bettkante zu schwingen und probierte vorsichtig, ob sie ihn trugen. Zwar waren seine Schritte unsicher, doch Harry ging zum Fenster und zog die dicken, schweren Vorhänge zur Seite, die einen unangenehm miefigen Geruch verströmten. Nicht, dass der Geruch ihn wirklich störte.
Der Himmel über London war grau. Vermutlich war er das zu jeder Tages- und Nachtzeit. Tief in Gedanken starrte Harry auf den Grimmauldplatz hinaus. Ins Bett würde er jetzt bestimmt nicht mehr gehen. Barfuss verließ er das Zimmer und ging leise durch die Flure nach unten in die Küche. Sein Blick wanderte zu der Küchenuhr. Kurz nach sechs. Aufseufzend fuhr Harry sich durch die Haare und griff automatisch nach dem Wasserkessel, um einen Tee aufzusetzen.
Die Tasse in beiden Händen nahm er am Esstisch platz. Dumpf blickte er in den aufsteigenden Wasserdampf.
Als Hermine und Ron die Küche betraten, stieg schon lange kein Dampf aus der Tasse mehr auf, doch Harry hatte seinen Tee nicht angerührt. Mit einem schiefen Lächeln im Gesicht sah er seinen Freunden entgegen.
„Morgen, Harry.“
Beide trugen noch ihre Schlafkleidung und Ron gab sich einem herzhaften Gähnen hin und befand es dabei nicht für nötig, es hinter seiner Hand zu verbergen. Hermine sah in streng an und Ron hatte den Anstand, wenigstes etwas zerknirscht auszusehen.
Mit einem liebevollen Ausdruck in den Augen sah Harry ihnen zu.
„Harry.“
Hermine musterte kurz prüfend sein Gesicht und blickte ihn dann besorgt an.
„Was ist los?“ Die Strenge war aus ihrer Stimme gewichen. Sie ließ sich auf die Küchenbank sinken und zog Ron mit sich. Dann sah sie Harry abwartend entgegen.
Harry holte tief Luft. Er musste ihnen nur von seinem Traum erzählen, sie würden ihn anlächeln und sagen, dass sie nicht von seiner Seite weichen würden. Dass sie es gemeinsam schaffen würden. Hermine würde seine Hand drücken und Ron würde ihm auf die Schulter klopfen. Er musste es ihnen nur erzählen.
Es wäre so einfach.
„Ich habe etwas Seltsames geträumt“, begann er. „Mir war, als -“
Ein schrecklicher Gedanke durchzuckte Harry und er unterbrach sich.
Er konnte es ihnen nicht erzählen. Er konnte sich ihnen nicht anvertrauen. Er konnte ihnen nicht vertrauen.
Sein Blick fiel auf Hermines feingliedrige Hand, die auf dem alten Holztisch die Maserung nachfuhr. So zerbrechlich.
Harry schauderte bei dem Gedanken, wie leicht es wohl wäre, Hermines Finger zu brechen.
Ihr ganzer Körper war so unendlich zart. Wie viel konnte er aushalten? Wie viel konnte Hermine aushalten?
Es schien so einfach, sie zu bezwingen.
Harrys Blick glitt weiter zu Ron. Seine Haut schien fast durchsichtig.
Auch wenn Rons Körper wesentlich kräftiger war, so wusste Harry doch, dass es nur einen gezielten Schlag brauchen würde, ihn niederzustrecken.
Ein präzise gesetzter Tritt konnte unheimliche Schmerzen verursachen.
Allein der Gedanke drehte Harry den Magen um.
An das, was mit Flüchen und Tränken möglich war, wollte er gar nicht denken.
Wie viel würde Ron ertragen können?
Ron erwiderte seinen Blick mit einer Offenheit, die Harry schmerzte.
Er wusste, wie leicht es war, einen Menschen zu brechen.
Der menschliche Geist hielt nicht vielem stand.
Es wäre so einfach ...
Viel zu einfach.
Er konnte es ihnen nicht erzählen.
Und darum schwieg Harry.
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