
von Bl00dyButterfly
Die Nacht war für Harrys Geschmack viel zu kurz gewesen, voller Albträume und ungemütlich.
Am vorherigen Abend waren Dean und Seamus aus den Ferien wiedergekommen und hatten einen heftigen Streit mit Ron angefangen, der an diesem Tag aus unerfindlichen Gründen äußerst Reizbar gewesen war. Harry konnte sich denken, dass er beim Lauschen an Hagrids Fenster etwas gehört oder gesehen hatte, was ihn erzürnt hatte; dennoch hatte er dem Klima im Gryffindor Schlafsaal nicht gerade etwas Gutes damit getan.
„Komm schon“, Neville war wie immer als Letzter fertig und stieß Harry an: „Du musst auch was frühstücken, oder hast du Angst irgendwen in der großen Halle zu treffen, den du nicht sehen willst?“
Harry wusste genau auf wen Neville ansprach, aber eigentlich war es ihm egal ob Ginny im selben Raum wie er selbst war, er hatte nichts mehr mit ihr zu schaffen.
Der blonde Gryffindor seufzte und verließ den Raum, während Harry regungslos im Bett lag. Er hatte sich nicht mal die Mühe gemacht am vorherigen Abend die nasse Kleidung auszuziehen, geschweige denn sich unter die weichen, warmen Decken zu legen, die nun eine leicht schlammige Farbe angenommen hatten.
Rons Bett war ordentlich gemacht und schien so kühl, verlassen und Harrys Augen wurden warm.
Er versuchte nicht einmal die Tränen aufzuhalten, die nun seine Wange nässten, das Kissen benetzten. Wieso tat man ihm das nur an, dachte Harry, wieso behandelte man den Helden der ganzen Welt, den Jungen, der lebt, wie einen Hund, der um jedes bisschen Liebe, um jede Sekunde Aufmerksamkeit, um jeden Augenblick Glaube betteln musste.
Seine Gedanken schwirrten um Trauer, Schadenfreude, Sehnsucht und die Sonne stand hoch am Himmel, als Professor McGonagall den Schlafsaal betrat, um nach Harry Potter zu sehen.
„Mister Potter, Ihnen ist bewusst, dass Sie unerlaubt eine Reihe Unterrichtseinheiten versäumt haben?!“, ihre Stimme war streng und besorgt zugleich, doch sie ließ sich nichts anmerken und blieb einige Meter vom Bett entfernt stehen, wo sie Harrys Gesicht gerade so erkennen konnte.
Dieser erwiderte nichts: sollte sie doch selbst in diesen sinnlosen Unterricht gehen, ihn aus der Schule schmeißen, ihm das Herz herausreißen.
„Mister Potter“, begann sie erschöpft erneut, „wenn es Ihnen nicht gut geht, müssen Sie den Krankenflügel besuchen. Ich kann Ihnen nicht alles durchgehen lassen, nur weil sie uns einen Dienst erwiesen haben, der wahrlich bemerkenswert ist, dennoch ihre Pflichten als Schüler an dieser Schule nicht außer Kraft setzt!“
Sie schien nervös zu werden, Harry konnte ihre Ungeduld fast spüren, doch er hatte nicht vor ihr irgendwie ein Zeichen zu geben – sie hatte es nicht verdient beachtet zu werden.
Die Verwandlungsmeisterin schritt aus dem Raum, ohne ein weiteres Wort an Harry zu richten und die Tür fiel knarrend hinter ihr zu. Ein Sonnenstrahl benetzte die Stelle, an der sie kurz zuvor gestanden hatte, nichts verriet ihre Anwesenheit.
Harry drehte sich auf den Rücken, sein Blickfeld wurde vom Rot des Baldachin gesäumt. Sollte sie doch zu Dumbledore rennen, sollte er doch hier hinauf steigen und selbst nachsehen wieso der berühmte Harry Potter es nicht mehr nötig hatte seinen Regeln zu folgen; sollte Dumbledore nur den Raum betreten, um zu sehen was seine kalte Art aus seinem Lieblingsschüler gemacht hatte.
Die Regeln dieser Welt würden ihn nicht mehr interessieren, denn nun war die Zeit für Harry Potter gekommen sein Leben selbst in die Hände zu nehmen, selbst zu wählen, wen er unterstützen würde.
Weder Dumbledore noch ein Mitschüler betraten an diesem Nachmittag den Raum, anscheinend hatten sie ihn aufgegeben – gut so!
Alle Augen folgten dem Magier als er den Gemeinschaftsraum durchschritt – niemand sagte ein Wort.
Alle Blicke verfolgten Harrys Schritt hinaus in die glutrote Sonne – niemand hielt ihn ab.
Alle schwiegen über Harry Potters Verschwinden zu so später Stunde.
Seine grünen Augen schimmerten im Sonnenlicht, sein Umhang wehte dahin, rundete seine entschiedenen Schritte ab. Er blieb an der Spitze eines Hügels stehen, von dem aus er das Eingangstor zu den Ländereien sehen konnte. In naher Ferne hörte Harry das entspannte Schreien der Thestrale, lauschte ihren Gesang und schloss die Augen.
Der Schnee glitzerte, als die Sonne den Horizont streifte, der Wind wehte verschneite Böen um den jungen Zauberer, der ohne jede Regung dastand.
Ein Hauch von glitzernden Kristallen umwehte eine große Gestalt, die lautlos neben ihm zum Stehen kam.
„Es ist unklug den Regeln zu trotzen und es ist ungewöhnlich für dich, Harry, entgegen deinem warmen Herzen dich von allen abzuwenden, die sich um dich sorgen.“ Dumbledores Stimme war ruhig, ohne Emotion.
„Sorge … ja...“, sagte Harry leise, seine Stimme war heiser, „Sorge darum, dass Voldemort unschuldige Menschen in seinen Bann zieht, wenn ich nicht da bin, um ihn aufzuhalten.“ Dumbledore atmete merkwürdig aus: „Denkst du wirklich, dass die ganze Welt auf dich angewiesen ist, Erwartungen nur in dich setzt?“, der Unterton erschien verärgert, doch Harry kümmerte sich nicht darum.
Er wandte sich dem alten Mann zu, sein Blick stechend grün, bedrohlich: „Wäre dem nicht so, hätte irgendwer mir die Bürden abgenommen, die ich zu tragen hatte!“
Dumbledores Hand zuckte zu seiner Tasche und Harry erwartete fast, dass er seinen Zauberstab hervorziehen würde, um Harry eine Lektion zu erteilen, doch der Schulleiter zückte ein Zitronenbrausebonbon hervor.
Die Hand war geschwärzt und sah tot aus. Wieso war ihm das vorher noch nicht aufgefallen?
„Ich weiß, „ begann er als er das Zuckerstück auswickelte, „Ich habe Fehler gemacht. Ich hätte mich mehr um dich kümmern müssen... Aber ich fürchte um deine Sicherheit, wenn ich dir zu nahe komme, Harry. Ich fürchte, dass Voldemort schon einen Plan hat, wie er dich zu fassen bekommt und der erste Weg wird über das sein, was er am meisten.... achtet“
Harrys Lunge schien wie leergefegt, seine Kehle wie zugeschnürt: Wieso kapierte der Alte nicht, worum es wirklich ging? „Sie...“, begann er mit vor Wut zitternder Stimme, „Sie wollen immer alles besser wissen, wollen Voldemorts Gedanken interpretieren, obwohl ich derjenige bin, der ihn hören kann. Wenn sie doch so klug sind... WIESO RETTETEN SIE MEINE ELTERN NICHT VOR SEINEN ANGRIFFEN?!“, Harrys Stimme schwoll an, seine Stimmbänder schmerzten, als er den alten Mann anschrie.
Doch dieser sah ihn nur lange an, seine Augen waren stumm, verrieten kein Gefühl – als wenn er seine Emotionen nicht mit Harry teilen wollte, den Jungen, den er doch so sehr zu schützen bemüht war.
„Ich weiß viel“, begann er dann, „aber selbst ich konnte nicht ahnen, dass deine Eltern den größten Fehler ihres Lebens taten, ohne mein Wissen den Geheimniswahrer zu wählen, der sie später in den Tod treiben sollte...“, er atmete ermüdet aus.
„Peter Pettigrew war schon immer schwach, ich hoffte, dass dein Vater und seine Freunde ihn in die richtige Richtung lotsen würden. Ich hoffte er würde nie auf die Idee kommen sich dort Zuflucht zu suchen, wo er selbst nie mehr als ein Sklave sein würde.“
Harry sah zu Boden, sah die rot leuchtenden Schneekristalle, sah feuerrotes Haar im Wind tanzen. „Sie hätten sie beschützen müssen... Sie hätten sich ihnen widmen sollen, nicht mir.“
„Komm ins Warme Harry. Ich möchte, dass du verstehst, was wirklich passiert. Du bist so verwirrt von falschen Eindrücken. Du bist fehlgeleitet durch Gefühle, die sich selbst noch nicht kennen... Du sollst nachdenken und mich zu verstehen versuchen“.
Harry schwang herum und schritt, ohne den Schulleiter zu beachten, ins Schloss, hinauf in die engen, dunklen Gänge, zu einem Raum, den nur er kannte.
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