„Was denken Sie eigentlich, was wer Sie sind?“, brüllte Hermine mit hochrotem Kopf.
Dieses Mal war sie dran gewesen.
Sie und Mannhauser standen seinem Büro und schrien sich seit einer geschlagenen Viertelstunde an.
„Wir kümmern uns um den Fall. Wenn es anscheinend so einfach ist, dann können Sie ja gerne die Arbeit übernehmen und ich fahre in den Urlaub!“, schrie sie außer sich.
„Sie bringen nicht die Resultate, die Sie laut ihren Zeugnissen bringen müssten. Angeblich sind Sie die beste Ermittlerin in dieser Firma. Und das Einzige, was Sie bis jetzt zustande gebracht haben, ist die Tatsache, dass Bafello in die anderen Fälle verwickelt war! Keine Täter, keine Spuren! Glauben Sie, Sie haben ewig Zeit?“, donnerte Mannhauser genauso wütend zurück.
Hermine spürte wie der Drang, ihm einen Cruciatus auf den Hals zu hetzen, immer größer wurde.
Dass Draco in Chicago war und schon einige wichtige Dinge herausgefunden hatte, dass sie alle Spuren, die es gab, bereits überprüft hatten, aber nichts wichtiges gefunden hatte und das Hermine sich sogar mit einem Uralten treffen wollte, schien nicht zu zählen.
„Ich weiß überhaupt nicht, wie Sie einen exzellenten Abschluss in Hogwarts gemacht haben wollen. Meiner Meinung nach haben Sie keinerlei Begabung. Gehen Sie besser putzen!“, brüllte er.
„DAS MUSS ICH MIR NICHT GEFALLEN LASSEN, MISTER MANNHAUSER!!! ICH KÖNNTE SIE JEDERZEIT MIT LINKS AN DIE WAND ZAUBERN!!!!!!!!!!!!!!!!“
Mannhausers ohnehin schon rotes Gesicht wurde lila.
Hermine bebte vor Wut.
„Noch einen Satz und Sie dürfen Ihre Sachen packen“, zischte Mannhauser leise und bedrohlich.
Sie verschränkte die Arme und starrte ihn hochnäsig an.
„Sie werden mich nicht feuern. Mit meinen Qualifikationen können Sie mich nicht feuern“, behauptete sie.
„Das werden wir ja noch sehen“, drohte er.
„Allerdings“, fauchte Hermine, drehte sich um und knallte die Tür hinter sich zu.
Draußen stand die Hälfte des VKS versammelt und spendete ihr begeistert Beifall.
„Wenn ihr noch ein wenig lauter gebrüllt hättet, hätten die Schallzauber nicht mehr gewirkt“, meinte Seamus spöttisch.
„Dieser...“
Hermine benutzte ein Wort, beidem Seamus nur ein entsetztes „Hermine!“ entfuhr.
„Ist doch wahr!“, knurrte sie und stapfte in ihr Büro.
Ihre Hände zitterten, so wütend war sie.
Sie zündete sich eine Zigarette an und griff nach ihrer Tasse Kaffee, den sie vor zwanzig Minuten hatte stehen lassen. Er war eiskalt, aber das war ihr egal.
Es dauerte keine drei Minuten und sie zündete sich bereits eine weitere Kippe an.
Dieser Kerl war unglaublich!
Sie konnte sich nur noch einmal wiederholen: Was glaubte er eigentlich, wer er war???
Oh, sie würde ihm beweisen, dass sie diesen Fall lösen könnte und zwar so gut, dass er danach seine Sachen packen konnte...
Wo war sie vorhin stehen geblieben?
Storms hatte also ihrem Mann erzählt, sie würde zu einer Fortbildung fahren, während sie eigentlich vorgehabt hatte ihren Steuerberaterliebhaber zu besuchen. Auf dem Weg zu ihm, war sie von einem Auto überfahren worden und noch am Unfallort gestorben. Man hatte im Krankenhaus versucht, sie wieder zu beleben, allerdings ohne Erfolg.
Und da war eben das Problem.
Es hatte überhaupt keinen Sinn im Krankenhaus nach Spuren zu suchen.
Sie musste in Storms vorherigen Kontakten nachforschen.
Hermine war sich ziemlich sicher, dass das Opfer vorher gebissen worden war.
Es gab immer zwei Möglichkeiten einen Vampir zu erschaffen.
Man musste das Opfer entweder beißen, aussaugen und diesem dann Vampirblut zu trinken geben, um ihn zu verwandeln. Oder man biss das Opfer nur, saugte es aber nicht aus. Dann kam die Verwandlung langsam... oder wurde durch den körperlichen Tod hervorgerufen.
Auf die Idee hätte sie auch einmal vorher kommen können.
Die Kippe war schon wieder am Filter angekommen.
„Hermine, es schadet deinen strapazierten Stimmbändern, wenn du eine Zigarette nach der andere rauchst“, ertönte plötzlich Juris Stimme.
„Es sorgt aber dafür, dass ich nicht in Mannhausers Büro stürme und danach die nächsten zehn Jahre in Askaban sitze“, erwiderte sie bissig.
Der Slawe schüttelte lächelnd den Kopf und schloss dann die Tür hinter sich.
Hermine stöhnte innerlich.
Auf seine billigen Anmachversuche hatte sie jetzt wirklich keine Lust.
„Hör mal, Juri ich-“
Er hob beschwichtigend die Hände.
„Keine Angst, ich komm dir nicht zu nahe. Ich wollte mich nur einmal erkunden, wie es dir geht. Du siehst seit Tagen aus, als wärst du krank“, meinte er ruhig.
Wie sollte es ihr schon gehen?
Mannhauser war ein Arschloch und Draco sprach nicht mit ihr. Natürlich ging es ihr blendend!
„Ist bei dir und Draco alles in Ordnung?“, fragte er vorsichtig.
„Juri, ich habe dir schon vor Jahren gesagt, dass aus uns nichts wird. Als ich mit Marcus zusammen war, war das so und jetzt mit Draco ist es nicht anders. Hör auf damit“, fauchte sie.
Die nächste Zigarette glimmte schon.
„Brauchst du Hilfe?“, fragte er, als hätte er ihre Abfuhr nicht gehört.
„Ich will mir den Unfallort von Storms angucken“, erklärte sie Schicksalsergeben.
Sie würde ihn heute nicht mehr los werden.
Also saßen sie zehn Minuten später in Dracos Auto und fuhren zur besagten Kreuzung.
„Wie geht`s Malfoy?“, fragte Juri unschuldig.
Hermine umklammerte mit aller Macht das Lenkrad. Ansonsten hätten sich ihre Hände um Juris Hals geschlossen.
„Was willst du, Juri? Erwartest du ehrlich von mir, dass ich mit dir jetzt meine Beziehung durchspreche? Ich liebe Draco und das wird sich auch nicht ändern, wenn wir uns einmal nicht so gut verstehen“, knurrte sie wütend.
„Habe ich keine Chance?“, fragte er schnurrend.
Hatte er es nicht begriffen?
„Nein, du hast keine Chance“, fauchte sie.
„Es würde mich trotzdem interessieren, wie es ihm geht“, erwiderte er.
„Es geht ihm gut. Es ist wohl sehr schwierig, die Leute sind nicht sehr kooperative“, erklärte sie um Beherrschung bemüht.
„Wann kommt er wieder?“, wollte Juri wissen.
„Wenn er weiß, was in der Oper passiert“, antwortete sie.
Hermine setzte den Blinker und bog rechts ab.
Fünf Minuten später fuhr sie in eine Parkbucht. Mit einem heftigen Ruck zog sie die Handbremse fest und drehte sich zu ihm um.
„Wenn du das Thema nicht fallen lässt, dann werde ich dich unverzüglich ins Büro zurückfahren und das hier alleine machen. Also, halt die Klappe“, drohte sie ihm.
„Dass du aber auch immer so allergisch drauf reagieren musst, Herm. Ich habe dir gar nichts getan. Ich wollte nur nett sein“, brummte Juri in seinen imaginären Bart.
Wer`s glaubt, wird selig...
Hermine sah sich neugierig um.
Die Kreuzung war frei, mit zwei großen Zebrastreifen. Eine Ampelschaltung sorgte dafür, dass niemand von einem Auto überfahren wurde.
Irgendetwas irritierte Hermine.
Ihr Unterbewusstsein hatte etwas registriert, was sie selbst noch nicht bemerkt hatte. Etwas, was eigentlich offensichtlich sein musste...
„Das Auto kam von dort und Storms lief hier über die Straße“, murmelte sie und drehte sich einmal um die eigene Achse.
„Hier sind noch jede Menge Splitter und Metallteile“, sagte Juri und beugte sich auf den Boden.
Die Braunhaarige reagierte nicht darauf.
Stattdessen ging sie zu dem Zebrastreifen hinüber.
Auf dem Boden war nichts zu erkennen. Vermutlich hatte man Blut und den größten Schaden des Unfalls längst entfernt. Sie hockte sich hin und fuhr mit ihren Fingern über den Boden. Die Reifenspuren waren noch zu erkennen.
Ein Wagen hupte, als er an ihr vorbei fuhr.
Natürlich, sie störte ja den Straßenverkehr.
Schnell ließ sie ihren Zauberstab herum fliegen und die gesamte Kreuzung, samt Umleitung und Absperrung war für den Rest des Vormittags nicht mehr begehbar.
In Gedanken versunken starrte sie auf den Boden.
„Juri, komm mal her“, rief sie plötzlich.
Der Hunter war mit zwei Schritten bei ihr.
„Was ist?“, meinte er neugierig.
„Sag mir doch einmal, was du hier siehst“, forderte sie ihn auf.
Er starrte sie verdutzt an.
Es musste sicherlich seltsam aussehen, wie sie da so auf dem Boden hockte, ihren Blick auf die Straße geheftet.
„Das sind Reifenspuren“, meinte er irritiert.
„Und sonst fällt dir nichts auf?“, fragte Hermine und hob den Kopf.
Juri zuckte die Schultern.
„Nein, was soll daran auffällig sein. Es war eine Vollbremsung. Natürlich sind da Reifenspuren“, meinte er.
Die Braunhaarige senkte wieder den Kopf. Dann stand sie plötzlich auf und stellte sich mitten auf den Zebrastreifen.
„Stelle dich mal an die Stelle, an dem die Spuren beginnen“, forderte sie ihn auf.
Juris Gesicht sah aus, wie ein riesengroßes Fragezeichen, er machte aber brav das, worum sie ihn gebeten hatte.
„Siehst du mich?“, fragte sie jetzt.
„Klar und deutlich. Es müsste schon ein Lastwagen dazwischen fahren, damit ich dich nicht sehe“, erklärte er.
Hermine nickte, als hätte sich etwas bestätigt.
„Und wie sehen die Reifenspuren jetzt aus?“, fragte sie ihn.
„Sie beschreiben einen Bogen direkt auf... dich... zu“, murmelte er verdutzt.
„Hast du schon mal gebogene Reifenspuren gesehen?“, meinte Hermine.
Juri schüttelte perplex den Kopf.
Auf das Gesicht der Braunhaarigen huschte ein Lächeln.
„Würdest du mir den Gefallen tun und den Fahrer des Unfallwagens ausfindig machen?“
Als Hermine an diesem Abend nach hause kam, hatte sie ausnahmsweise einmal gute Laune. Sie war Mannhauser nicht mehr über den Weg gelaufen und sie hatte endlich eine neue Spur.
Krummbein begrüßte sie mit einem aufgeregten „Miau“ und schlich um ihre Beine herum.
„Na, was ist denn mit dir los?“, fragte Hermine.
Sie lief an ihm vorbei ins Wohnzimmer und legte ihre Tasche auf den Esszimmertisch.
Krummbein sprang mit einem Satz auf den Tisch.
Seine klugen Augen sahen sie abwartend an.
„Ist irgendetwas passiert?“, meinte Hermine verdutzt und strich ihm über das Fell.
Der Kater gab ein Schnurren von sich.
Dann stand er auf und lief zu der Holzschale, die sich auf dem Tisch befand.
Auffordernd starrte er die Aurorin an.
Hermines Blick blieb an dem Umschlag hängen, der neben der Schale lag.
Er war aus wertvollem, schweren Papier und in einer geschwungenen, edlen, alten Handschrift war ihr Name geschrieben.
Hermine streckte die Hand aus und hob den Umschlag auf.
Ein Wasserzeichen war eingraviert.
Ihr Herz begann aufgeregt zu pochen.