
von Zelda-Angel
Danke für die lieben Kommis!
Kapitel 5
Seit der Unterricht begonnen hatte, war Tom gegenüber Leandra sehr kurz angebunden. Sie fragte sich wieso. Sie sprachen zwar in den Stunden, in denen sie nebeneinander saßen, miteinander, aber Tom wirkte auf einmal wieder so unnahbar wie früher.
Ende Januar traf Leandra Tom abends in der fast leeren Bibliothek, wie er alte Schulakten, Listen ehemaliger Vertrauensschüler und Familienchroniken durcharbeitete.
„Hallo.“
Tom sah auf.
„Hi, Leandra.“
Sie setzte sich neben ihn. „Sieht ja sehr aufwendig aus. Was suchst du denn?“
„Ich versuche, etwas über meine Eltern herauszufinden.“
„Verstehe. Das würde ich an deiner Stelle auch wissen wollen. Kann ich dir dabei helfen?“
„Nein, danke. Ich mach das allein“, sagte er knapp.
„Okay. Dann viel Glück.“
Leandra versuchte, sein Verhalten nicht persönlich zu nehmen, aber es gelang ihr nicht so recht.
In den nächsten Wochen fiel ihr auf, dass Tom sie wie Luft behandelte, besonders, wenn andere Slytherins dabei waren. Und er lachte, wenn die anderen Slytherins auf andere Schüler losgingen oder sie als „Schlammblut“ bezeichneten. Natürlich tat er das nur, wenn kein Lehrer in der Nähe war.
Das war Toms fiese Seite, wie Leandra es nannte.
Dann gab es noch die Schleimer-Seite gegenüber Slughorn. Der kaufte Tom das alles auch noch ab.
Dann die Muster-Schüler-Seite gegenüber allen anderen Lehrern und dem Schulleiter.
Und die Seite, wenn sie mit ihm allein war. Von der sie nicht wusste, ob es echt oder gespielt war. Aber auf jeden Fall war es „die andere Seite“, wie sie es nannte.
Oh, und dann natürlich die dunkle Seite. Der Erbe Slytherins.
Diese Seite verdrängte sie gern. Manchmal wollte sie selbst nicht glauben, dass er die Kammer des Schreckens geöffnet hatte.
Ob Tom ahnte, dass sie das wusste? Sie glaubte nicht, denn sonst hätte er sicher etwas unternommen.
Sie war ein klein wenig stolz auf sich, dass sie den Desillusionierungszauber so gut hingekriegt hatte, dass er sie damals im Mädchenklo nicht bemerkt hatte und klopfte sich in Gedanken auf die Schulter.
Trotzdem fragte sie sich, warum er plötzlich wieder so distanziert zu ihr war – fast als hätte es die Ferien nie gegeben.
Im Februar stand der Höhepunkt der Quidditchsaison auf dem Plan: Gryffindor gegen Slytherin. Die aufkochende Stimmung schien sogar Tom anzustecken. Am Tag vor dem Spiel meinte er in Zaubertränke zu Leandra: „Eigentlich braucht ihr gar nicht anzutreten.“
„Das hättest du wohl gerne. Hast doch nur Angst, dass wir euch schlagen.“
„Angst? Ich? Nie im Leben! Wir machen euch fertig!“
„Ha! Das werden wir ja sehen!“
Die beiden zankten sich eine Weile, bis Slughorn ihre Tränke kontrollierte.
Am Samstag war es dann soweit: Gryffindor gegen Slytherin. Bilius Weasley, ehrgeizig wie immer, hielt eine kurze Ansprache und motivierte alle. Dann ging es los.
„Und Gryffindor in Ballbesitz, Emily McDonald auf dem Weg zum Tor, das sieht gut aus – aah, nein, der Quaffel abgefangen von Rockwood, Rockwood jetzt in die Gegenrichtung, aber Weasley hat aufgepasst und schön mit dem Klatscher gearbeitet, Rockwood verliert den Quaffel, Fawcett schnappt ihn sich und schießt auf das Tor der Slytherins zu, los, Leandra! Tor! 10:0 für Gryffindor!“
Leandra flog jubelnd einen Looping und klatschte sich mit Bilius ab. Die Gryffindors, Ravenclaws und Hufflepuffs jubelten, die grüne Kurve buhte. Es war eine hart umkämpfte Partie. Gryffindor schoss noch zwei Tore und führte nach zehn Minuten mit 30:0. Die Slytherins wurden daraufhin zunehmend unfairer.
Nachdem Emily das dritte Tor gemacht hatte, flog Travers absichtlich in sie rein und sie fiel fast vom Besen. Kurz darauf packte Crabbe Leandra am Pferdeschwanz, als sie auf dem Weg zum Slytherin-Tor war, worauf Treiber Rooney Crabbe eins mit dem Treiberschläger überzog. Romulus bekam kurz danach ebenfalls einen Schlag mit dem Treiberschläger auf die Nase.
Der Schiri sprach beiden Teams Strafstöße zu. „Los, Leandra, mach ihn rein!“
Aber Leandra war so wütend, dass sie daneben schoss. Dann trat Lexia Yaxley, die jüngere Schwester von Sucher Kreon Yaxley, gegen den Hüter der Gryffindors, Cole Lovejoy, an.
„Los, Cole! Den hältst du!“, rief Emily.
Alfie Weasley, der Stadionsprecher, rief durchs magische Megafon: „Wir wissen natürlich, dass Lovejoy ein Spitzenhüter ist, der nur selten mal einen Quaffel verfehlt und – jaaa! Er hat ihn gehalten! Es bleibt beim 40:0 für Gryffindor!“
Die Slytherins wurden wütend. Runcorn, der Hüter, versetzte Leandra einen Ellenbogenstoß ins Gesicht, die Treiber Crabbe und Travers hatten sich jetzt Adrian, den Sucher, vorgenommen. In dem ganzen Trubel schaffte es Theira Selwyn – Gayas verhasste Cousine – zwei Tore zu schießen. Es stand nur noch 40:20. Leandra betete, dass Adrian schnell den Schnatz fing. Romulus erhöhte auf 50:20, worauf die Gryffindor-Treiber wie Bodyguards um ihn herum flogen, damit die Slytherins sich nicht auf ihn stürzen konnten. Die Treiber des Schlangenhauses gingen dafür auf Hüter Lovejoy los. Sie schmetterten ihm beide Klatscher in die Magengegend und Lovejoy fiel fast vom Besen und war kurz davor, ohnmächtig zu werden.
Der Schiri schnappte sich die Slytherins und schimpfte lautstark mit ihnen, dann sprach der Gryffindor einen Strafstoß zu. Romulus verwandelte. 60:20. Die Slytherins stürzten sich jetzt auf jeden Jäger der Gryffindors, sobald derjenige den Quaffel in der Hand hatte. Da wurde getreten, geschubst und geschlagen. Die Slytherins holten dann auch noch auf. 60:40. Dann war Leandra wieder mit dem Quaffel unterwegs zum Tor. Sie sah von rechts Crabbe und von links Travers auf sich zufliegen – sie zog ihren Komet hoch, dann spürte sie nur noch einen heftigen Schlag auf ihren Kopf und wurde alles schwarz um sie.
Leandras Schädel dröhnte. „Ich glaub, sie wacht auf.“ Benommen öffnete Leandra die Augen. Megan, Gaya und das ganze Quidditchteam standen um ihr Bett herum. Sie lag im Krankenflügel.
„Leandra, wie geht's dir?", fragte Gaya besorgt.
„Mein Kopf tut weh. Was ist passiert?"
„Schädelbruch. Runcorn hat Travers den Schläger weggenommen und dir eins übergezogen", fing Bilius an, aber Leandra unterbrach ihn: "Ah, schrei doch nicht so!"
Leandras Kopf fühlte sich an, als würde eine Horde Nashörner darin herumtrampeln. Dabei hatte Bilius ganz normal geantwortet. Er senkte die Stimme und fuhr erbittert fort: „Du bist aus ungefähr 10 Metern abgestürzt. Zum Glück war Dumbledore da und konnte deinen Sturz rechtzeitig bremsen."
„Wie ist das Spiel ausgegangen?", wollte Leandra wissen.
Da begannen alle breit zu grinsen. „Nur ein paar Sekunden, nachdem du gefallen bist, hat Adrian dem blöden Kreon Yaxley den Schnatz direkt vor der Nase weggeschnappt!", triumphierte Romulus begeistert.
„Ja, war ein klasse Fang!", bestätigte Cole.
„Endstand 210:40! Wir sind Tabellenführer!", rief Emily.
„Schön", murmelte Leandra und dämmerte wieder weg, denn ihr Kopf fühlte sich an, als würde er gleich platzen.
Als sie wieder erwachte, stand Madam Summers vor ihr. „Hier, trink, das hilft gegen die Kopfschmerzen."
Der Zaubertrank schmeckte erwartungsgemäß widerlich, aber Leandra schluckte es, ohne mit der Wimper zu zucken.
Schon eine Minute später fühlte sie sich besser, aber sie duselte sofort wieder ein.
Es war schon dunkel, als Leandra wieder aufwachte. Sie fühlte sich völlig ausgeruht und munter, die Kopfschmerzen waren weg.
„Schön, dass du noch unter den Lebenden verweilst."
Leandras Kopf ruckte auf die andere Seite. Tom Riddle saß an ihrem Bett und sah sie an.
„Was machst du denn hier?", fragte Leandra verwundert.
Tom zuckte mit den Schultern und sah plötzlich so aus, als wüsste er das selbst nicht.
„Warten, dass du aufwachst, vermute ich mal.“
Leandra sah ihn fragend an.
„Das mit Runcorn tut mir leid. Wenn's um Quidditch geht, schaltet er sein Hirn aus“, meinte er.
„Ach, Runcorn hat ein Hirn?"
Beide prusteten los.
„Ich hab dir was mitgebracht", sagte Tom schließlich und nickte mit dem Kopf Richtung Nachttisch. Dort stand eine Vase mit einem Strauß voller bunter Blumen.
Leandra war sprachlos. Tom grinste amüsiert über ihren Gesichtsausdruck.
„Danke. Das ist wirklich... ich weiß gar nicht, was ich sagen soll."
„Dann sag einfach nichts. Wie geht's dir denn?"
„Schon viel besser. Aber ich hab eine fiese Beule da hinten. Wie spät ist es eigentlich?"
„Kurz nach zehn."
„Aber dann darfst du doch gar nicht mehr hier sein."
„Na und? Ist ja nicht meine Schuld, wenn du so lange schläfst. Ich sitze seit fast zwei Stunden hier."
„Was?" Leandra sah ihn verblüfft an. Das hätte sie nie von ihm erwartet.
Tom grinste. „Ich hab schon meine Wege, um unentdeckt wieder in den Gemeinschaftsraum zu kommen, mach dir keine Gedanken."
„Das glaub ich dir ja, aber wieso hast du denn so lange gewartet, bis ich aufwache?"
„Weiß ich eigentlich auch nicht... Ich dachte, du freust dich vielleicht, dass jemand da ist, wenn du aufwachst."
„Willst du damit sagen, dass du womöglich noch bis morgen früh hier sitzen geblieben wärst, wenn ich weiter geschlafen hätte?"
„Ja, ich denke schon."
„Du spinnst."
Leandra schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich glaube, du bist der merkwürdigste Mensch, der mir je begegnet ist."
„Wieso?", wollte Tom interessiert wissen.
„Da fängt's ja schon an, ich weiß nicht mal, wie ich es erklären soll... du hast tausend Gesichter, Tom Riddle, vielleicht ist es das."
„Und wie viele davon kennst du?"
„Vielleicht drei oder vier. Du bist ein wandelndes Rätsel."
Tom grinste. „Danke."
„Das gefällt dir, was?", fragte Leandra lachend.
„Irgendwie schon."
Die beiden schwiegen eine Weile.
„Wieso gibst du dich eigentlich mit mir ab?", fragte Leandra auf einmal.
„Wie soll ich das denn verstehen?", fragte Tom zurück.
„Du bist ein Slytherin und ich eine Gryffindor. Eigentlich müssten wir uns hassen wie die Pest."
„Oh, das tu ich auch", bestätigte Tom.
„Na danke." Leandra verschränkte die Arme vor der Brust. „Warum?"
„Weil du anders bist als die anderen."
„Findest du? Ich dachte immer, ich bin normal."
Tom lächelte jetzt. „Normal und gleichzeitig ganz anders."
„Warum?"
„Weil du keinen Respekt vor mir hast."
„Warum?"
„Weil du mich gleich in der ersten Stunde Zaubertränke angemotzt hast."
„Warum?"
„Weil du sauer auf mich warst."
„Warum?"
„Weil ich dich geärgert hab."
„Warum?"
„Weil – kannst du diese blöde Warum-Fragerei mal lassen?!"
„Warum?"
„Leandra!"
Sie begann zu lachen. Tom schnappte sich das Kissen vom Nachbarbett und warf es nach ihr.
„Hey!" Leandra warf ihr eigenes Kissen und traf ihn im Gesicht.
„Na warte!" Tom nahm das Kissen und begann, es ihr um die Ohren zu hauen. Leandra feuerte mit ihrem Kissen zurück.
Im Nu war die wildeste Kissenschlacht im Gange, bis die Federn flogen. Irgendwann konnte Leandra vor lauter Lachen nicht mehr.
„Tom - Stopp! Ich kann nicht mehr! Hör auf!" Tom schlug noch einmal zu, dann ließ er das Kissen, von dem nur noch ein kläglicher Rest übrig war, fallen.
Leandra fiel kichernd auf ihr Bett zurück. Überall lagen Federn.
„Auweia, glaubst du, Madam Summers hat uns gehört?"
„Nein, definitiv nicht."
„Aber wir waren richtig laut."
Tom hielt seinen Zauberstab hoch. „Muffliato."
„Muffliato?"
„Ein nützlicher kleiner Zauber, der einen Raum komplett schalldicht macht. Man hört von draußen nichts - gar nichts."
„Toll! Aber wir sollten hier mal aufräumen. Reparo!"
Die beiden Kissen setzten sich wieder zusammen und die Federn flogen wieder hinein. Die beiden schwiegen eine Weile.
„Ich hau jetzt doch besser ab", meinte Tom mit Blick auf die Uhr. Es war fast halb zwölf.
„Okay."
„Wann darfst du hier raus?"
„Morgen nehme ich an."
„Dann sehen wir uns vielleicht."
„Ja."
„Dann bis morgen. Gute Nacht."
„Gute Nacht, Tom."
Er war schon fast an der Tür, als sie ihm nachrief: „Danke für die Blumen!"
Tom winkte kurz, dann verschwand er.
Leandra lag noch lange wach. Wenn sie mit Tom alleine war, war er ... fast normal. Aber sie konnte ihn schwer einschätzen. Vielleicht spielte er ihr auch etwas vor, so wie er den Lehrern immer den braven Schüler vorspielte. Sie fragte sich, ob es ihr gelingen könnte, Tom daran zu hindern, dass er zu dem wurde, den sie in ihrer Vision gesehen hatte.
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