
von Zelda-Angel
Kapitel 8
In der Nacht zum 9. August hatte Leandra wieder eine Vision, aber keine besonders schöne: Sie sah sich selbst in einem leeren Klassenzimmer in Hogwarts, wie sie weinend mit dem Rücken an der Tür zu Boden sank, in der Hand einen Brief.
Am nächsten Morgen war sie total beunruhigt. Würde sie im nächsten Schuljahr eine schlechte Nachricht erhalten, so schlimm, dass sie völlig verzweifelt war?
Sie war froh, dass sie sich heute mit Tom treffen wollte. Die ZAG-Ergebnisse kamen nicht, sodass Leandra sich ein hübsches knielanges Sommerkleid mit schmalen Trägern anzog, ihre Tasche nahm und um kurz vor elf Uhr in den heimischen Kamin trat. Sie nahm eine handvoll Flohpulver und rief: „Winkelgasse!“
Kurz darauf stieg sie im Tropfenden Kessel aus dem Kamin und säuberte mit einem Schlenker ihres Zauberstabs ihr gelbes Kleid, obwohl sie wusste, dass sie in den Ferien nicht zaubern durfte.
Suchend sah sie sich nach Tom um, als gerade die Tür zur Straße aufging und Tom den Pub betrat. Er trug einen großen Lederbeutel über der Schulter. Leandra winkte und Tom kam zu ihr und sah sie von unten bis oben an.
„Hi!”, sagte Leandra fröhlich.
„Hallo.“
„Warum guckst du so?“, fragte sie.
„Ungewohnter Anblick.“
„Naja, in Hogwarts ist es meistens nicht ganz so heiß wie hier, da kann ich sowas nicht anziehen.“
„Ja. Stimmt.“
„Wieso hast du deinen Schulumhang an?”, fragte sie stirnrunzelnd.
„Ich mag keine Muggelsachen.“
Leandra zuckte mit den Schultern, dann machten sie sich auf den Weg in die Winkelgasse. Leandra tippte mit dem Zauberstab gegen die Steine.
„Bei mir zu Hause kannst du aber nicht die ganze Zeit in der Schuluniform rumlaufen, sonst steckt Mum dich persönlich in normale Sachen“, sagte sie, während sie warteten, dass sich die Mauer öffnete.
„Ja, wahrscheinlich.“
Bei Flourish & Blotts brauchten sie eine Weile, bis sie ihre Bücher zusammen hatten. Dann gingen sie zur Apotheke, um ihre Zaubertrankzutaten aufzufüllen, Leandra wollte noch bei Qualität für Quidditch vorbeisehen, wo sie sehnsüchtig auf den neuesten Rennbesen starrte, der dort ausgestellt war.
„Du hast doch einen guten Besen“, meinte Tom.
„Ja, ich weiß. Nur kucken, nicht anfassen, schon klar. Dad würde mir den sowieso nicht kaufen, ich hab den Komet ja erst seit zwei Jahren und der hat ein Vermögen gekostet. Und mein Taschengeld reicht dafür sowieso nicht.“ Sie seufzte. „Lass uns weitergehen.“
Sie bummelten durch die Läden.
„Hey, sieh mal, da vorne hat ein neuer Laden aufgemacht“, rief Leandra und zog Tom dorthin. „Ein Scherzartikel-Laden! Los, rein!“
Da drin war viel los, anscheinend gab es Freud und Leid wirklich erst seit kurzem. Es gab Trickzauberstäbe, explodierende Federkiele, Pergamente, die einen beleidigten, wenn man versuchte, sie zu lesen, Stinkbomben, Knallfrösche und vieles mehr.
„Wahnsinn!“, sagte Leandra.
„Ja, das ist schon außergewöhnliche Magie“, meinte Tom anerkennend. Leandra gab einen Großteil ihres Taschengeldes für das Scherzzeug aus und schenkte Tom die Hälfte.
„Das kann ich nicht annehmen“, sagte er.
„Und ob du das annimmst! Ich weiß, dass du nicht viel Geld hast und ich hab deinen Blick gesehen, als du die Sachen angeschaut hast. Also nimm schon, sonst jag ich dir einen Fluch auf den Hals!“
„Das würdest du dich nie trauen!“
„Oh doch.“
„Das will ich sehen.“
„Bitte, kannst du haben. Rictusempra!“
Sofort musste Tom anfangen zu lachen, weil Leandra ihn mit einem Kitzelzauber belegt hatte. Leandra ließ ihn eine Weile zappeln, ehe sie leise „Finite“ sagte.
„Ich hab dich wohl falsch eingeschätzt“, meinte Tom, als er wieder Luft bekam.
„Scheint so. Also nimm endlich das Zeug!“
„Okay, okay. Danke.“
„Gern geschehen.“
Am Nachmittag setzten sich beide in Fortescues Eissalon, wo Leandra einen Kirsch-Joghurt-Eisbecher und Tom einen Schoko-Banane-Eisbecher bestellte. Dieses Mal bestand er aber darauf, zu bezahlen, was Leandra zuerst vehement ablehnte.
„Soll ich dir mal einen Fluch aufhalsen?“, fragte Tom grinsend.
„Nein, danke. Okay, dann zahl halt.“
Nachdem Tom die Eisbecher bezahlt hatte, fragte Leandra: „Wollen wir dann los?“
„Ja, gehen wir.“
Im Tropfenden Kessel vor dem Kamin sagte Leandra: „Ich geh zuerst. Das Ziel heißt: Fawcett Farm.“
„Fawcett Farm?”
„Dad“, meinte Leandra nur, als ob dies zur Erklärung reichte. Tom runzelte fragend die Stirn.
„Wir haben viele Tiere. Deshalb.“
„Ach so.“
„Also, bis gleich. Laut und deutlich sprechen.“
„Okay, bis gleich.“
Leandra trat in den Kamin, nahm das Flohpulver und rief: „Fawcett Farm!“
Die grünen Flammen schossen hoch. Sie wurde weggesaugt und drehte sich schnell um sich selbst und dann kam sie im Wohnzimmer der Fawcett Farm raus.
„Mum, Dad!“ Leandra klopfte sich die Asche von den Klamotten und stellte ihre Einkäufe in die Ecke. Ihre Eltern kamen ins Wohnzimmer. „Er müsste gleich auftauchen“, sagte Leandra.
Kurz darauf gab es einen Knall und grüne Flammen, dann stieg Tom aus dem Kamin. Er musste sich ducken, um sich nicht den Kopf zu stoßen, er war schon ziemlich groß. Leandras Mum strahlte ihn an.
„Herzlich Willkommen bei uns, Tom! Schön, dass wir uns endlich kennen lernen, Leandra hat soviel von dir erzählt!“
Sie umarmte Tom herzlich, der solchen Überschwung überhaupt nicht gewohnt war. Leandras Vater reichte ihm die Hand, als ihre Mutter ihn wieder losgelassen hatte.
„Herzlich Willkommen.“
„Vielen Dank, Mr. und Mrs. Fawcett. Es ist sehr freundlich von Ihnen, dass ich eine Weile bleiben darf.“
„Das ist doch selbstverständlich“, sagte Mrs. Fawcett und ihr Mann nickte bestätigend.
„So, mein Lieber, ich schlage vor, Leandra zeigt dir erst mal dein Zimmer und danach gibt es Abendessen.“
„Komm mit“, sagte Leandra und führte Tom aus dem Wohnzimmer in einen kleinen Flur und dann die Treppe hoch.
Tom sah sich neugierig um. Das Haus war gemütlich, mit hellen Farben, vielen Bildern an den Wänden (die sich natürlich bewegten und redeten) und weichen Teppichböden.
„Nichts besonderes. Unser Haus eben“, meinte Leandra.
„Ich find’s super hier“, sagte Tom, der so etwas, was für andere normal war, überhaupt nicht kannte.
Toms Zimmer lag im zweiten Stock. „Das hier ist dein Zimmer“, sagte Leandra und öffnete die weiße Tür. Tom bekam den Mund nicht mehr zu. Das Zimmer war sehr groß, schlicht weiß gestrichen, mit dunkelblau-weißen Vorhängen, einem großen Bett mit dunkelblau-weißen Bezügen, einem weißen Kleiderschrank, einer weißen Kommode und einem Schreibtisch mit Stuhl. Der weiche Teppichboden war ebenfalls dunkelblau.
„Und das beste“, sagte Leandra und ging zu einer schmalen Tür an der rechten Seite des Zimmers. „Du hast dein eigenes Badezimmer. Ich bin ganz neidisch – ich muss das Bad mit allen teilen.“
Tom kam zu ihr und sah sich das Bad an. Es war in türkis-weiß gehalten.
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll...“
„Dann freu dich einfach. Mein Zimmer ist übrigens den Flur runter, das letzte auf der linken Seite.“
„Okay.“
„Willst du erst mal auspacken?“, fragte Leandra. „Du kannst ja zu mir rüberkommen, wenn du fertig bist.“
„Ja, in Ordnung.“
„Bis nachher dann.“
Leandra ließ ihn allein und trug ihre Einkäufe in ihr Zimmer. Die Wände ihres Zimmers waren gelb gestrichen, ihr Bett war mit rot-gelber Bettwäsche bezogen. Sie begann, ihre Einkäufe zu verstauen und war kaum fertig, als es an ihre Tür klopfte. „Herein.“
Tom öffnete die Tür.
„Schon fertig?“, fragte sie.
„Ich hab nicht viel“, sagte er und sah sich interessiert in ihrem Zimmer um.
Überall hingen Bilder an den Wänden, von den Montrose Magpies, Leandras Lieblings-Quiddtich-Mannschaft, von Einhörnen, Pferden und, und, und.
„Oh, du spielst Klavier?“ Toms Blick fiel auf das schwarzen Klavier, das an der Wand direkt vor den großen Fenstern stand.
„Ja, aber nur zu Hause. In Hogwarts geht das ja leider nicht. Bevor ich nach Hogwarts gekommen bin, hab drei bis vier Stunden am Tag gespielt. Musik ist gut, um seine Gefühle rauszulassen, wenn man wütend oder traurig ist.“
Tom nickte nachdenklich.
„Du hast ja auch Muggelbilder an den Wänden“, sagte er dann plötzlich und zeigte auf das Foto eines Pferdes in einem Zeitungsausschnitt, das sich nicht bewegte.
„Das ist Sun Chariot, eine Tochter des legendären Hyperion. Sie läuft drüben in Newmarket auf der Rennbahn. Sie war vorletztes Jahr Champion der zweijährigen Stuten und letztes Jahr Champion der dreijährigen Stuten. Sie hat die Oaks, das St. Leger, die 1000 Guineas und die Middle Park Stakes gewonnen. Ich bin gespannt, was sie diesen Sommer noch schafft.“
„Du interessierst dich für Muggelsport?“
„Naja, Pferderennen ist ja mehr ein Tiersport. Schließlich muss das Pferd laufen, oder?“
Tom zuckte mit den Schultern.
„Du mit deinen Vorurteilen. Ich hab mich schon als ganz kleines Kind ständig wegen den Pferden dort rüber geschlichen. Bin dort rumgestromert. Als ich acht war, bin ich aus Versehen in Hyperions Box gelandet. Also ich wusste nicht, dass er es war. Sein Trainer hat mich erwischt und ich hab Riesenärger bekommen. Hyperion hat sich durch das Gebrüll total aufgeregt und hat gegen die Boxenwände geschlagen, dabei hat er sich eine Wunde am Fesselgelenk geholt. Ich hatte zum Glück ein Fläschchen Diptam dabei und hab’s drauf geschmiert. Da hat der Trainer natürlich erst mal blöd geguckt, als die Wunde in Nullkommanichts wieder verheilt war. Seit dem darf ich immer zu Hyperion. Ich kenne alle da drüben in den Trainingsställen, die sind alle echt in Ordnung, auch wenn’s Muggel sind.“
„Aha.“
„Pass auf, ich schlepp dich nächste Woche auf die Rennbahn, dann wirst du schon sehen, dass das gar nicht so blöd ist, wie du denkst.“
„Meinetwegen.“
„Jedenfalls hab ich Dad genervt, seit ich vier war, dass ich ein Pony haben will und irgendwann hat er dann nachgegeben. Tja, dann hat er selber gemerkt, dass Pferde ganz toll sind und hat noch mehr gekauft. Jetzt haben wir schon elf Pferde und Ponys auf der Koppel. Siehst du das kleine dicke, gescheckte Pony da hinten? Das ist Kari, er war mein erstes Pony.“ Tom blickte neben ihr aus dem Fenster.
„Kari... nach dem Saturnmond benannt?“
„Ja, genau. So, jetzt zeig ich dir mal das ganze Haus.“
Leandra führte Tom herum, dann zeigte sie ihm noch das Gelände draußen. Dort gab es neben den Pferden auch Hühner, Schweine, Hunde, Katzen, Crups, Knarle, Kniesel, Knuddelmuffs, Gnome und oben unterm Dach lebte auch ein Guhl.
„Dad ist sich ziemlich sicher, dass bei den Pferden auch ein Porlock lebt, aber die sind ja so scheu, deswegen haben wir ihn noch nie gesehen“, erklärte Leandra.
„Jetzt versteh ich jedenfalls, warum es Farm heißt.“
Leandra kletterte durch den Koppelzaun und pfiff leise. Sofort ertönte ein helles Wiehern und ein pechschwarzes Pferd löste sich aus der Herde und kam auf Leandra zugetrabt.
„Darf ich vorstellen: Das ist Casanova, ebenfalls ein Sohn von Hyperion. Casanova war früher ein sehr guter Galopper, jetzt ist er Deckhengst. Einer seiner Söhne hat die 2000 Guineas gewonnen. Er macht sich gut als Vererber. Mal sehen, ob wir mal das Derby holen.“
„Das Derby?“
„Das wichtigste Rennen des Landes.“
„Du bist vollkommen pferdeverrückt, oder?“
„Ja, ich weiß, ich hab nen Knall. Das sagen andere auch. Aber das ist mir egal.“
Casanova stupste sie mit der Nase an und rieb seinen Kopf an ihrem Arm.
„Ja, mein Großer, du bist der Beste, das wissen wir doch.“
Sie klopfte dem Pferd den Hals und er trottete zurück zu seiner Herde.
„Du musst mal auf ihm reiten. Er läuft noch genauso schnell wie früher. Es ist noch schöner, als auf einem Besen zu fliegen. Freiheit pur.“
Tom sah sie nachdenklich an, bis plötzlich ein großer schwarzer Hund angelaufen kam.
„Keine Angst, das ist kein Grimm. Das ist Blacky. Sie ist ganz lieb.“
Aber als Blacky Toms Geruch in die Nase bekam, fing sie an zu knurren.
„Ich wusste gar nicht, dass Blacky weiß, wie das geht“, meinte Leandra etwas erschrocken. „Blacky, aus!“
Aber die Hündin dachte gar nicht daran.
„Tja, irgendwie mag sie mich nicht, was?“, meinte Tom gelassen.
„Scheint so. Aber das ist komisch. Sie hat noch nie jemanden angeknurrt oder gar gebissen.“
Dann rief Mrs. Fawcett: „Leandra, Tom! Ich hab das Abendessen fertig!”
„Wir kommen, Mum!“, rief Leandra zurück und die beiden machten sich auf den Weg. Blacky folgte ihnen knurrend und ließ Tom nicht aus den Augen.
Aber der Hintertür blieb sie zornig sitzen, denn die großen Hunde durften nicht ins Haus.
„Ich muss dich warnen. Lovisa war nicht so begeistert, als sie gehört hat, dass du uns besuchst. Sie hat was gegen Slytherins. Aber lass dich nicht von ihr ärgern, sie ist jetzt dreizehn, da ticken die sowieso auf einmal anders. Mum hat ziemlich oft Stress mit ihr. Pubertät eben.“
Tom gab sich beim Abendessen reserviert und höflich, fast so, wie er sich gegenüber den Lehrern in Hogwarts verhielt. Lovisa hielt zum Glück ihre Klappe, funkelte Tom aber vom anderen Ende des Tisches wütend an. Falls er es bemerkte, überspielte er es gekonnt, dachte Leandra. Ihre Eltern fragten Tom Löcher in den Bauch, bis Leandra meinte: „Jetzt lasst ihn doch mal in Ruhe essen, wir sind hier doch nicht vor dem Zauberergamot.“ Daraufhin wurde schweigend weitergegessen. Mrs. Fawcett forderte Tom öfters auf, sich nochmal etwas zu nehmen und Tom langte ordentlich zu.
Nach dem Nachtisch sagte Tom: „Es war sehr köstlich, Mrs. Fawcett.“
„Danke, mein Lieber. Ich möchte dich noch bitten, mir ein paar deiner Lieblingsgerichte aufzuschreiben, du sollst dich schließlich wie zu Hause fühlen.“
„Das ist sehr freundlich von Ihnen, Mrs. Fawcett.“
„Was habt ihr beiden jetzt vor?“, fragte Leandras Vater.
Die beiden sahen sich etwas ratlos an, dann sagte Leandra plötzlich: „Dad ist ein Ass in Zauberschach, Tom. Spielt doch mal gegeneinander. Tom ist wirklich gut, Dad.“
„Also schön. Wie wär’s, Tom?“
„Gerne, Mr. Fawcett.”
Die Schachpartie dauerte fast bis Mitternacht. Die beiden schenkten sich nichts. Am Ende gewann Tom und hatte damit bei Leandras Vater einen Stein im Brett.
„Ich bin beeindruckt, du bist wirklich verdammt gut. Morgen will ich eine Revanche!“, sagte Mr. Fawcett.
„Einverstanden“, antwortete Tom grinsend. „Ich würde jetzt gerne zu Bett gehen.“
„Natürlich, mein Junge. Gute Nacht.“
„Nacht, Tom”, sagte Leandra.
„Gute Nacht, Tom“, wiederholte Mrs. Fawcett.
„Gute Nacht“, antworte Tom und verließ das Wohnzimmer.
„Er ist entzückend“, sagte Leandras Mutter.
„Und du bist peinlich, Mum. Behandelst ihn wie ein Kleinkind.“
„Ich bin doch nur nett.“
„Mum, Tom ist fast erwachsen, der weiß schon selbst, wie viel er essen will. Wenn du ihn weiter dauernd aufforderst, soviel zu essen, nimmt er zehn Kilo zu, bis er wieder geht.“
„Jetzt übertreibst du aber. Ich bin doch nur gastfreundlich.“
„Ich finde, er ist ein netter junger Mann“, schaltete sich Leandras Vater ein.
„Ich hab doch gesagt, ihr werdet ihn mögen. Ich geh jetzt auch schlafen. Gute Nacht. Und nochmal danke, dass ihr Toms Besuch erlaubt habt.“
Am nächsten Morgen waren sie gerade mit dem Frühstück fertig, als zwei Eulen durchs Fenster flatterten. „Tom, Leandra, da sind Eulen für euch“, sagte Mr. Fawcett.
Die beiden, die gerade aus der Küche gegangen waren, kamen wieder rein.
„Bei Merlins Unterhose, das sind die ZAG-Ergebnisse!“
Tom und ihre Eltern sahen Leandra baff an.
„Bei Merlins Unterhose?“, wiederholte Tom grinsend. „Du musst deine Prüfungen ja total vermasselt haben!“
„Klappe! Oh Gott, oh Gott, oh Gott!“
Tom grinste breit über Leandras Reaktion.
„Kannst du vielleicht mal aufhören, dich ständig über mich lustig zu machen?”
„Es macht Spaß, dich zu ärgern.“
„Haha. Oh nein, ich bin bestimmt überall durchgerasselt.“
„Was?“, sagte ihre Mutter.
„Nein, bist du nicht“, antwortete Tom ruhig und ging auf die Anrichte zu, wo die Eulen hockten und beide ihr rechtes Bein ausgestreckt hielten.
„Die linke ist deine“, sagte Tom und zog von der rechten Eule seinen Brief ab. Leandras Hände zitterten, als sie den Brief losband. Dann flogen die Eulen davon. Tom hatte seinen Brief schon geöffnet und las zufrieden seine Prüfungsergebnisse.
„Lass mich raten: Zehnmal Ohnegleichen mit voller Punktzahl“, meinte Leandra.
„Genau“, sagte Tom zufrieden.
„Donnerwetter“, sagte Mr. Fawcett anerkennend. „Gratuliere.“
„Vielen Dank.“
„Nun, Tochter?”
„Ähm...“ Leandra las sich ihre Ergebnisse durch:
Alte Runen: E
Arithmantik: A
Astronomie: O
Geschichte der Zauberei: M
Kräuterkunde: E
Pflege magischer Geschöpfe: O
Verteidigung gegen die Dunklen Künste: E
Verwandlung: O
Zauberkunst: O
Zaubertränke: E
„Du bist in Geschichte durchgefallen?!“, rief Tom glucksend, der sich von hinten über sie gebeugt hatte. „Wie hast du das denn geschafft?“
„Ach, wen interessiert denn schon Geschichte?“, maulte Leandra, aber ihre Eltern sahen nicht begeistert aus: „Wieso hast du nicht mehr gelernt?“
„Das ist doch wirklich unnötig, Leandra!“
„Ach, lasst mich doch in Ruhe!“
Leandra sprang auf, lief in ihr Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Sie ärgerte sich ja selbst am meisten. Sie hatte Geschichte einfach zu leicht genommen, aber gehofft, dass es noch für ein A reichen würde.
Unten in der Küche herrschte betretene Stille. „Das kenn ich gar nicht von ihr“, sagte Mrs. Fawcett schließlich.
„Ich glaube, sie ist wütend auf sich selbst“, sagte Tom leise. „Wir sollten sie in Ruhe lassen, sie wird schon wieder runter kommen, wenn sie sich beruhigt hat.“
„Das ist wohl das beste. Komm mit, Tom, ich zeig dir, woran ich gerade bastle“, sagte Mr. Fawcett und die beiden verschwanden im Bastelschuppen.
Nachdem Leandra eine Weile auf ihrem Bett gesessen und geschmollt hatte, ging sie ans Fenster. Von dort konnte sie die hauseigenen Koppel überblicken und bis zur Rennbahn von Newmarket sehen. Dann sah sie, wie Tom und ihr Dad aus dem Bastelschuppen kamen. Beide sahen recht vergnügt aus. Leandra lächelte. Sie vergaß oft, dass Tom die Kammer des Schreckens geöffnet hatte, wenn sie ihn so sah oder mit ihm zusammen war. Er war dann so... nett, so normal. Sie beschloss, wieder hinunter zu gehen.
„Na, hast du dich wieder beruhigt?“, fragte ihre Mum, aber Leandra warf ihr nur einen genervten Blick zu und ging nach draußen. Tom und ihr Dad standen immer noch redend vorm Bastelschuppen, also ging Leandra zu den Pferden. Casanova kam auf ihren Piff hin her und Leandra kletterte auf den Zaun und dann auf seinen Rücken. Sie konnte ihn ohne Sattel und Zaumzeug lenken; die beiden verstanden sich blind. Sie drückte ihm sanft die Fersen in die Seite und schon jagte der schwarze Hengst los. Der Wind peitschte ihr ins Gesicht, genauso wie die schwarze Mähne, an der sie sich festhielt.
Inzwischen hatten Tom und Mr. Fawcett Leandra gesehen.
„Dieses Mädchen! Ich hab schon hundertmal gesagt, dass sie nicht ohne Sattel und Zaumzeug auf dieses Pferd steigen soll! Die ist so stur wie zwanzig Esel!“, schimpfte Mr. Fawcett und Tom lachte.
„Ja, ihren Sturkopf habe ich auch schon zu genüge kennen gelernt. Aber sie sieht doch sehr sicher mit dem Pferd aus.“
„Ist sie eigentlich auch, aber Casanova ist und bleibt ein Heißsporn und als Vater macht man sich ständig Sorgen.“
„Mal sehen, ob ich sie von dem Pferd runterkriege“, meinte Tom.
„Ich glaube eher, dass sie dich auf eins raufkriegt“, antwortete ihr Vater und genauso kam es.
Eine Viertelstunde später saß Tom etwas unsicher auf einer hübschen Fuchsstute und Leandra auf Casanova – mit Sattel und Zaumzeug diesmal.
„Keine Sorge, wir gehen nur eine kleine Runde. Außerdem ist Eternity ganz lieb.“
Die beiden ritten los und nach einer Weile machte es Tom sogar Spaß.
„Wer spielt denn jetzt eigentlich im Finale?“, fragte er.
„Fidschi-Inseln gegen Spanien. Keine gute WM für die britischen Teams.“
„Was war denn?“
„England spielte ja nicht mit. Irland ist gegen die Fidschi-Inseln im Halbfinale untergegangen, 370:30. Wales konnte sich schon nach der Vorrunde verabschieden und Schottland ist im Viertelfinale gegen Transsilvanien abgesoffen und die haben dann im Halbfinale von Spanien eins auf die Mütze gekriegt.“
„Oje. Und für wen bist du nun?“
„Also, die Fidschi-Inseln sind die Überraschung des Turniers, mit denen hat niemand gerechnet. Die sind wirklich gut drauf, haben eine gute Mannschaft. Aber Spanien hat den besten Sucher, Diego Alvarez. Der ist wirklich verdammt gut. Da kommt es ganz drauf an, wer den Schnatz schneller fängt. Die Fidschis haben sehr gute Jäger, aber ob sie einen Vorsprung rausspielten können, der reicht, um die 150 Punkte für den Schnatzfang abzufangen, also ich weiß nicht. Von der Sympathie her hoffe ich, dass Fidschi gewinnt, aber ich glaube, dass Spanien es machen wird. Die sind zu gut.“
„Also, wenn die Fidschi-Inseln die Überraschungsmannschaft ist, warum sollten sie dann nicht auch den Titel holen?“
„Stimmt auch wieder. Wir müssen heute Abend früh ins Bett, Dad sagt, wir müssen um halb vier aufstehen.“
„Wieso das denn?“
„Wir reisen mit einem Portschlüssel. Und der geht um 5:36 Uhr los. Wenn wir ihn verpassen, Pech gehabt. Wir müssen ja zu Fuß zum Portschlüssel gehen.“
„Verstehe.“
Eine knappe halbe Stunde später kamen sie wieder auf der Fawcett Farm an. Nachdem Tom Eternity das Zaumzeug abgenommen hatte, streckte sie ihm ihren Kopf entgegen.
„Du musst sie unterm Kinn kraulen, das liebt sie“, sagte Leandra.
Tom begann zu kraulen und Eternity schloss genießerisch die Augen.
„Gratuliere. Du hast eine Freundin fürs Leben gefunden“, sagte Leandra grinsend, während sie Casanova am Halsansatz kratzte, denn das war ein bisschen wie Fellkraulen.
„Und eine Feindin, so wie es aussieht“, antwortete Tom, denn Blacky war um die Ecke gekommen und beobachtete ihn knurrend.
„Ach, die kriegt sich schon wieder ein. Vielleicht ist es, weil noch nie ein Junge in deinem Alter hier war. Vielleicht ist sie eifersüchtig. Keine Ahnung.“
Aber Leandra hatte sehr wohl eine Ahnung, als sie an diesem Abend im Bett lag. Tiere konnten Menschen meist besser einschätzen, als Menschen selbst. Blacky spürte, dass mit Tom irgendwas nicht stimmte, dass er anders war. Leandra seufzte. Tat Tom auch hier bloß so nett? Aber wenn er wirklich böse war, warum hatte er dann ihre Einladung angenommen? Nur, damit er aus dem Waisenhaus rauskam? Er konnte doch ohnehin den ganzen Tag in London rumstromern. Nein, Leandra war fest überzeugt, dass irgendwo, tief in ihm drin, noch ein kleines bisschen Gutes war und sie war fest entschlossen, diesen Funken zum Brennen zu bringen.
A/N: Dass Spanien im Quidditch-Finale ist hat nix mit der Fußball-WM zu tun! Das stand schon im Mai fest ;-)
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