
von Zelda-Angel
Kapitel 11
Die Schule ging wieder los und Leandra freute sich, Gaya und Megan wieder zu sehen. Tom dagegen war plötzlich wie ausgewechselt, als sie ihn das erste Mal allein der Bibliothek traf.
„Hallo, Tom“, begrüßte sie ihn fröhlich und setzte sich auf den Stuhl neben ihn. Er hatte nur ein kurzes Nicken für sie übrig.
„Ich hoffe, die letzten beiden Ferienwochen waren einigermaßen okay für dich?“, fragte sie.
Tom sah sie nicht an, als er mit harter Stimme sagte: „Würdest du mich bitte in Ruhe lassen? Ich möchte diesen Aufsatz fertig schreiben.“
In Leandra krampfte sich etwas zusammen. Wortlos stand sie auf und verließ die Bibliothek. Was war denn plötzlich los mit ihm? Am Lernstress konnte es nicht liegen, es war gerade mal der zweite Tag. Jetzt war er fast wieder der alte Tom, wie in den ersten vier Schuljahren.
Aber Toms Verhalten in der Bibliothek war keine Ausnahme. In den nächsten Wochen war er Leandra gegenüber sehr kurz angebunden. Kurz vor Halloween eskalierte die Situation.
„Zum letzten Mal, lass mich in Zukunft in Ruhe! Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben!“ Toms Stimme war eisig, aber nichts im Vergleich zu seinen Augen. Sie waren kalt und hart und Leandra lief es kalt den Rücken runter. Sie spürte, ihre Augen zu brennen begannen und schluckte hart. „Warum?“
„Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig. Hör auf, mich weiter zu belästigen!“
Dann rauschte er davon.
Leandra ließ sich im nächsten leeren Klassenzimmer auf einen Stuhl sinke und versuchte mit aller Kraft, die Tränen zurückzudrängen. Was hatte er nur? Was hatte sie ihm denn getan?
Die nächsten Wochen furchtbar für Leandra. Tom würdigte sie keines Blickes und wenn sich ihre Augen doch mal im Flur begegneten, sah er sie nur mit einem kalten Blick an. Im Quidditch wurde sie so schlecht, dass sie kurz davor war, aus dem Team zu fliegen.
Im ersten Spiel gegen Hufflepuff versagte sie auf ganzer Linie – sie schoss kein einziges Tor, ließ dafür ständig den Quaffel fallen. Gryffindor gewann nur knapp – mit 170:150, weil Nora Allen, die Sucherin der Hufflepuffs, den Schnatz gefangen hatte.
Dass ihre Vision von damals sie inzwischen mindestens jede dritte Nacht im Schlaf heimsuchte und die Bilder jedes Mal ein klein wenig schärfer wurden, machten das ganze nicht besser.
Gaya und Megan merkten natürlich, dass es ihr nicht gut ging.
„Was hast du denn? Ist was passiert? Red mit uns, Leandra.“
Leandra schüttelte stumm den Kopf. Gaya und Megan sahen sich ratlos an, fragten aber nicht weiter nach.
Leandra beobachtete, wie Tom immer mehr seltsame Freunde um sich scharte und von allen hielt sie nichts. Es waren ausnahmslos Slytherins, bekannt dafür, Leute auf den Fluren zu verhexen und zu verhöhnen. Leute wie Lestrange, Black, Malfoy, Avery, Rockwood. Es gab die seltsamsten Unfälle in den Fluren, viele Schüler landeten mit allen möglichen Verletzungen im Krankenflügel. Leandra war sicher, dass Toms neue Freunde die Übeltäter waren, auch Dumbledore glaubte das, aber man konnte es ihnen nicht beweisen.
Anfang Dezember kam Leandra gerade von Alte Runen in den Flur des Porträts der Fetten Dame, als eine Tür aufging und Gaya mit einem Jungen kichernd aus einem leeren Klassenzimmer kam. Sie bemerkten Leandra nicht, während sie zum Porträtloch gingen. Der Junge küsste Gaya und sie verschwand im Gemeinschaftsraum. Der Junge ging in die andere Richtung davon. Leandra nannte der Fetten Dame das Passwort und suchte anschließend Gaya. Sie fand sie in einer Ecke des Gemeinschaftsraums.
„Wer war dieser Junge?“
„Welcher Junge?“
„Der, der dich gerade draußen geküsst hat!“
„Oh, du hast uns gesehen?“ Gaya wurde feuerrot.
„Allerdings.“
„Ähm, das ist Cary Jackson aus Hufflepuff, du müsstest ihn doch kennen, er spielt Jäger im Quidditch-Team.“ Sie begann zu strahlen. „Wir sind seit zwei Wochen zusammen.“
„Freut mich für dich. Aber ich bin doch beleidigt, weil du nichts gesagt hast.“
„Naja, wir wollten erst mal sehen, wie es wird. Außerdem dürfen meine Eltern nichts mitkriegen, du kennst sie doch.“
„Oh ja.“
Gayas Eltern waren sehr streng. Leandra hatte sie nicht in besonders guter Erinnerung, als sie mal bei Gaya zu Besuch gewesen war. Lag vermutlich auch daran, dass Gaya nach Gryffindor gesteckt wurde, obwohl ihre Eltern beide in Slytherin gewesen waren und auch Gayas Cousins und Cousinen in Slytherin waren. Gaya hatte es nicht leicht in der Familie.
„Ich werde keinem etwas verraten.“
„Danke.“
Die Wochen zogen sich hin. Leandras Leistungen im Quidditch-Training waren weiter schlecht, genau wie ihre Schulnoten. Tom behandelte Leandra immer noch wie Luft, während Gaya und Megan immer wieder mit Cary und Adrian knutschend in einer Ecke standen. Leandra fühlte sich so einsam wie noch nie in ihrem Leben.
Mitte Dezember bekam Leandra beim Frühstück eine Eule von ihrer Mutter.
Hallo Liebes,
hast du schon mit Tom gesprochen, ob er nun über Weihnachten zu uns kommen möchte? Ich muss...
Der Rest des Briefes verschwamm vor Leandras Augen, die sich mit Tränen füllten. Sie sprang auf und stürmte aus der Großen Halle. Gaya und Megan sahen ihr ratlos nach. Leandra schloss sich im nächsten unbenutzten Klassenzimmer ein und sank schluchzend an der Tür hinunter auf den Boden. Sie zog ihre Knie an, legte ihren Kopf darauf und schlang die Arme darum. Alles brach mit den Tränen aus ihr heraus, Hilflosigkeit, Wut, Angst, die Frage nach dem Warum.
Er würde nicht mehr zu Besuch kommen, nie wieder. Und sie hatte keine Ahnung, warum. Sie verstand es einfach nicht.
Es kam Leandra vor, als wäre sie stundenlang dort auf dem Boden gesessen und geweint, als sie sich irgendwann wieder aufraffen konnte.
Und dann fiel ihr plötzlich ihre Vision ein. Sie hatte sich selbst in dieser Situation gesehen, in der Nacht, bevor Tom zu Besuch gekommen war. Etwas erleichtert war sie jetzt doch, denn sie hatte schon befürchtet, jemand aus der Familie sei gestorben. Aber so war ihr mal wieder klar, dass eigentlich alle Visionen, die mit Tom zu tun hatten, wahr waren.
Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass sie fast die ganze Doppelstunde Zaubertränke verpasst hatte, aber das war ihr egal. Sie schleppte sich hoch in den Schlafsaal und rollte sich auf ihrem Bett zusammen. Sie fühlte sich so schlecht wie noch nie in ihrem Leben. Sie blieb den ganzen Tag dort oben, kam weder zum Mittag- noch zum Abendessen runter und es war ihr egal, dass sie den Unterricht schwänzte. Sie hatte sich einen Desillusionierungszauber aufgelegt, damit Megan und Gaya sie nicht bemerkten, als sie in der Mittagspause ein paar Bücher holten und vor dem Abendessen ihre Schultaschen hochbrachten. Erst nach dem Abendessen hob sie den Zauber auf.
„Leandra! Wo hast du den ganzen Tag gesteckt?“, rief Megan, als sie und Gaya nach dem Abendessen wieder hochkamen.
„Nirgends.“
„Ist was passiert?“, fragte Gaya vorsichtig. Leandra schüttelte den Kopf.
„Süße, was ist nur los mit dir? Du bist das ganze Schuljahr schon so komisch. Du bist nicht mehr du selbst“, sagte Gaya und legte ihr die Hand auf den Arm. Leandra zuckte mit den Schultern.
„Können wir dir irgendwie helfen?“, fragte Megan, aber Leandra schüttelte nur stumm den Kopf.
„Ähm, da wäre noch was... du sollst um halb acht zu Dumbledore ins Büro kommen... weil du den ganzen Tag gefehlt hast und nicht im Krankenflügel warst“, sagte Gaya zögernd. Leandra nickte.
Um halb acht klopfte sie bei Dumbledore. Sie hörte ihn „Herein“ rufen und öffnete die Tür.
„Miss Fawcett, nehmen Sie Platz.“
Dumbledore war freundlich wie immer. Leandra setzte sich.
„Sie wissen sicher, warum Sie hier sind.“
„Ja, Sir“, antwortete sie leise.
„Möchten Sie mir vielleicht erzählen, was der Grund für Ihr ganztätiges Fehlen ist?“
Leandra zögerte und betrachtete Fawkes, den Phönix. Er sah heute aus wie ein gerupftes Huhn, anscheinend war der Brandtag nicht mehr weit. Obwohl Tom sie so mies behandelt hatte, konnte sie ihn nicht einfach in die Pfanne hauen.
„Nur ein Junge, Sir. Ich überstehe das schon. Irgendwie.“
Zu ihrer Verblüffung lächelte Dumbledore.
„Das erklärt natürlich einiges. Unter diesen Umständen werde ich es bei einer Verwarnung belassen, Miss Fawcett. Morgen will ich Sie wieder im Unterricht sehen.“
„Ja, Sir.“
„Aber sagen Sie, Miss Fawcett, ist das wirklich alles? Sie sehen sehr aufgewühlt aus.“
„Ich verstehe nur nicht, warum er sich so verhält. Letztes Jahr und in den Sommerferien haben wir uns so gut verstanden und als wir uns dann hier wieder gesehen haben, war er plötzlich wie ausgewechselt. Er spricht nicht mehr mit mir.“
„Jungen in dem Alter sind etwas schwierig. Sie sollten nicht zu schnell aufgeben.“
Leandra starrte ihn an. Dumbledore gab ihr Tipps?
„Ich war auch mal sechzehn“, sagte er, als würde das alles erklären, und lächelte.
Jetzt konnte sich auch Leandra ein Lächeln abringen. Zwar war die ganze Sache viel komplizierter, als Dumbledore ahnen konnte, aber vielleicht hatte er recht.
„Sie können dann gehen, Miss Fawcett.“
„Danke, Sir. Gute Nacht.“
„Gute Nacht.“
Auf dem Rückweg grübelte Leandra. Vielleicht hatte Dumbledore recht. Vielleicht sollte sie doch nochmal versuchen, mit Tom zu reden.
Die nächsten Tage überlegte Leandra, was sie zu Tom sagen wollte und je mehr sie überlegte, desto wütender wurde sie auf ihn. Was dachte der sich eigentlich?
Ein paar Tage vor den Weihnachtsferien passte sie ihn auf dem Rückweg von der Bibliothek ab.
„Ich muss mit dir reden!“
Er sah sie nur kalt an und ging weiter.
Da packte sie ihn am Ärmel und schubste ihn kurzerhand in das leere Klassenzimmer, in dem sie auf ihn gewartet hatte, und schloss die Tür.
„Na schön, dann rede“, meinte Tom gleichgültig.
„Ich will wissen, warum du mich seit September wie ein Stück Dreck behandelst! Was ist denn los mit dir? Wenn du nichts mehr mit mir zu tun haben willst, okay, aber dann sag mir wenigstens, warum!“
„Du passt nicht in meine Pläne, das ist alles.“
„Was für Pläne?“ Leandra musste sich schwer zusammenreißen, um nicht zu schreien.
„Ich wüsste nicht, was dich das angeht.“
„Aber Avery, Malfoy, Lestrange, Black und Rockwood geht es was an, was?“, schnappte sie.
„Sie sind meine Freunde.“
„Deine Freunde“, wiederholte Leandra höhnisch. „Und was war ich im letzten Jahr und im Sommer? Ich war deine beste Freundin, du brauchst es gar nicht erst abstreiten, ich weiß, dass es so war. Ich hab alles für dich getan, ich hab dich eingeladen, ich hab meine Freundinnen belogen, während wir uns getroffen haben, Herrgott, ich hab dich nicht mal verpetzt, als du die Kammer des Schreckens geöffnet hast!“
A/N: Nachdem Toms Besuch bei Leandra im Sommer vorbei war, hat er sich in einen Ort namens Little Hangleton begeben und... ihr wisst ja, was dann passierte. Deshalb ist er Leandra gegenüber so kalt.
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