
von Zelda-Angel
Kapitel 13
Es dauerte ein paar Tage, bis sie Tom kurz vor der Sperrstunde aus dem Raum der Wünsche kommen sah. Er sah sie zuerst gar nicht. „Tom?“
Er drehte sich nur zögernd um. „Mach es dir doch nicht so schwer, Leandra. Jetzt wo es dir wieder besser geht.“
„Darum geht’s doch gar nicht. Komm mit!“
Sie zog ihn in den Raum der Wünsche, der dieses Mal ziemlich dunkel war, nur mit Fackeln und Kaminfeuer erhellt.
„Also, worum geht es?“, fragte Tom.
„Horkruxe“, antwortete sie schlicht.
Für einen Sekundenbruchteil weiteten sich seine Augen, dann hatte er sich wieder im Griff.
„Was für’n Ding?“
„Hokruxe.“
Leandra verschränkte die Arme und schaute ihn trotzig an. Er schaute zurück. Na los, red schon, dachte sie. Dieses Anstarren dauerte knapp fünf Minuten, bis Tom wohl merkte, dass er ihr nichts vormachen konnte.
„Woher weißt du davon?“, fragte er schließlich.
„Selbst schuld, wenn du dir am helllichten Tage das dazugehörige Buch ausleihst.“
Tom zog eine Augenbraue hoch.
„Erinnerst du dich? Kurz vor Weihnachten letztes Jahr? Ich hab damals den Zettel gefunden, den du Madam Pince gegeben hast. Sie hat ihn weggeworfen und ich war eigentlich nur neugierig, welches Buch du leihen wolltest. Später hab ich es vergessen und neulich ist es mir aus irgendeinem Grund wieder eingefallen und ich hab mir das Buch geholt. Der Leihliste nach warst du der Letzte, der es hatte, und im Horkrux-Kapitel waren noch Eselsohren.“
„Dir entgeht aber auch nichts.“
„Also?“, bohrte Leandra.
„Hintergrundlektüre. Ich hab diesen Begriff in einem anderen Buch beim Lesen gefunden, und Slughorn hat mir die Erlaubnis unterschrieben. Ich habe eben den Begriff nicht verstanden, das ist alles.“
„Tom, ich... ich wünschte, ich könnte dir glauben, aber ich kann es nicht. Nicht nach dem, was letztes Jahr passiert ist.“
Tom seufzte. „Halt dich aus meinen Angelegenheiten raus, Leandra. Das ist besser für dich, hab ich dir schon einmal gesagt.“
„Wie kann ich mich da raushalten, wenn ich so etwas sehe? Tom, das... das ist doch Wahnsinn! Menschen zu töten, um seine Seele zu spalten!“
„Das verstehst du nicht.“
„Du gibst es sogar zu?“, frage Leandra fassungslos.
„Hast du dich noch nie gefragt, wie es wäre, unsterblich zu sein? In alle Ewigkeit zu leben?“
„Nein“, antwortete Leandra perplex. Hatte sie wirklich noch nie.
„Das mag ja faszinierend klingen, ewig zu leben, aber kannst du das nicht auf eine andere Art und Weise machen?! Du bist doch nicht auf den Kopf gefallen.“
„Es ist die sicherste Methode.“
„Na toll. Sag mal, merkst du eigentlich, was du da redest? Als nächstes sagst du mir dann auch noch, dass du es bereits getan hast, oder was?“
Tom sah sie mit unergründlichem Gesichtsausdruck an.
Leandra wurde blass. „Du hast... doch nicht wirklich...?“
Als Tom nicht antwortete, sank Leandra mit weichen Knien auf den nächsten Stuhl. Ein paar Minuten vergingen, ehe sie sich wieder gefangen hatte.
„Wer bist du, Tom? Das ganze letzte Jahr, dein Besuch im Sommer, war das alles nur gespielt? War irgendwas daran echt?“
Tom setzte sich auf die Armlehne vom anderen Stuhl und nahm ihre Hand. Ihre Haut begann zu prickeln. „Doch, es war echt. Wahrscheinlich echter als alles andere in meinem Leben. Die Sache ist nur, dass ich nicht gut in solchen Dingen bin. Ich wollte dich nicht in die Sache reinziehen, also war ich gemein zu dir, damit du dich von mir fernhältst. Aber du bist hartnäckiger, als ich dachte. Das Problem ist, dass ich nicht beides haben kann – dich und mein Vorhaben.“
„Also hast du mich weggeschickt.“
„Ja. Ich wusste, du würdest es nicht gutheißen, was ich vorhabe–“
„Natürlich nicht“, warf Leandra ein und Tom ließ ihre Hand wieder los.
„Aber was hast du jetzt vor? Dumbledore bewacht dich mit Argusaugen, das weißt du doch.“
„Nach der Schule.“
„Und bis dahin?“
„Werde ich in Hogwarts soviel lernen, wie ich kann.“
„Und was ist mit mir?“
„Es wäre klug von dir, wenn du dich von mir fern hältst.“
„Und wenn ich nicht will?“, fragte sie herausfordernd.
„Dann halte ich mich von dir fern. Sofern du mir nicht gerade auflauerst, so wie vorhin.“
„Weißt du, was komisch ist? Ich weiß, dass du Slytherins Monster losgelassen hast, ich weiß, dass du jemanden umgebracht hast, ich weiß, dass du in Schwarzer Magie versinkst und darüber nachdenkst, noch mehr Leute umzubringen... und es macht mir nichts aus. Ich meine, natürlich denk ich im ersten Moment dann schon, dass es schrecklich ist und alles, aber dann... es ist mir egal.“
„Es ist dir egal?“, wiederholte Tom ungläubig.
„Ja.“
„Red keinen Stuss, natürlich ist es dir nicht egal. Wie sonst erklärst du dein Verhalten in den letzten Monaten?“
„Moment! Das war, weil du mich so eiskalt abserviert hast, nicht wegen den anderen Sachen.“
Tom seufzte.
„Ach, Leandra. Du machst es dir doch nur noch schwerer“, sagte er leise.
Sie lächelte. „Ich will eben nicht aufgeben.“
Tom verdrehte die Augen und stand auf. „Du mit deinem Sturkopf.“
„Oh, danke.“ Sie grinste ihn an.
„Ich verschwinde jetzt, die Sperrstunde ist schon vorbei. Du solltest auch in deinen Schlafsaal gehen. Gute Nacht.“ „Nacht.“
Seltsam beschwingt ging Leandra in den Schlafsaal zurück. Er hatte ihr nichts vorgespielt, sie hatte es gewusst. Und es machte sie glücklich. Zwar steckte er schon tiefer in dem ganzen Schlamassel, als sie gedacht hatte, aber sie würde ihn da rausziehen, das schwor sie sich.
„Warum grinst du denn so?“, fragte Gaya, als sie in den Schlafsaal kam. „Und wo warst du? Es ist schon spät.“
„Ich weiß, was das ist!“, rief Megan und fing an zu lachen. „Das ist verliebtes Grinsen! Du bist verknallt!“
Leandras Grinsen erstarb. Verliebt? In Tom? Nein, auf keinen Fall!
„Sag schon, wer ist es?“, rückte Megan ihr auf den Pelz.
„Du verstehst das völlig falsch...“, fing Leandra an, aber Megan war nicht mehr zu bremsen.
„Du kommst hier rein, mit einem seligen, verträumten Lächeln auf dem Gesicht und einem seltsamen Strahlen in den Augen. Das kann nur Liebe sein!“
Leandra hielt es für besser, einfach mitzuspielen.
„Ich sag aber nicht, wer es ist.“
„Och, komm schon, Leandra!“, bettelte nun auch Gaya.
„Nein! Das ist noch gar nicht spruchreif.“
„Ah, verstehe, er weiß es noch nicht.“
„Jaah...“
„Tja, dann musst es ihm sagen.“
„Geht nicht. Noch nicht. Seid mir nicht böse, aber ich bin echt müde.“
Leandra zog ihr Nachthemd an und zog die Vorhänge ums Bett zu.
Hatten die beiden wirklich recht? War sie etwa verliebt in Tom? Plötzlich fiel ihr dieses prickelnde Gefühl wieder ein, welches sie ein paar Mal verspürt hatte, als er sie berührt hatte. Sie mochte ihn schon sehr gern und er war ihr wichtig... und... er sah auch ziemlich gut aus. Sie erinnerte sich an die peinliche Begegnung während seines Besuchs, als sie morgens um vier in sein Zimmer gegangen und ihn nur mit einem Handtuch bekleidet erwischt hatte. Sie wurde schon wieder rot, als sie daran dachte. Merlin, war das peinlich gewesen! Aber sie hatten soviel Spaß gehabt! Und in den Ferien hätte sie ihn beinahe geküsst. Und er hatte sich ja, als sie aus dem Quidditch-Team geflogen und so dünn geworden war, anscheinend richtig Sorgen gemacht. Und jemanden auf die Stirn küssen machte man ja auch nicht gerade so, oder? Merlin, war das alles kompliziert. Mit verwirrten Gedanken schlief sie ein.
In dieser Nacht träumte sie von Tom – aber nicht diese furchtbare Vision, die sie sonst immer im Traum sah, sondern ein schöner Traum. Sie saßen bei Sonnenschein auf der Bank an der anderen Seite des Sees und redeten und lachten. Mehr nicht – aber sie war glücklich.
Dann waren die Jahresabschlussprüfungen. Leandra hatte in den letzten Wochen fleißig gelernt und hatte ein gutes Gefühl nach der Prüfungswoche.
Dafür belagerten Gaya und Megan sie ständig, sie wollten wissen, wer der Junge war, in den Leandra verliebt war. An einem schönen Sommertag saßen sie unten am See, als die beiden Leandra mal wieder Löcher in den Bauch fragten. „Mädels, zum hundersten Mal: Ich sag es euch erst, wenn ich es ihm gesagt hab und ich weiß, wie er das findet.“ Zum Glück wurde Leandra dann erlöst, denn Adrian und Cary holten Megan und Gaya ab.
Leandra blieb noch eine Weile sitzen, dann ging sie wieder ins Schloss. In der Eingangshalle traf sie auf Dumbledore. „Tag, Professor“, grüßte sie freundlich. „Guten Tag, Miss Fawcett. Ich war sehr erleichtert zu sehen, dass Ihre schulischen Leistungen wieder auf Vorjahresniveau gestiegen sind.“ „Danke, Sir.“ Dumbledore lächelte und ging pfeifend davon.
Am Nachmittag vor der Rückfahrt im Hogwarts-Express bekamen alle ihre Zeugnisse (außer die UTZ- und ZAG-Schüler). Leandra war sehr zufrieden, in Arithmantik hatte sie sich sogar um eine Note auf E verbessert.
Zufrieden saß sie nach dem Abendessen bei Sonnenuntergang auf dem Astronomieturm und beobachtete, wie die letzten Sonnenstrahlen das Wasser des Sees in Gold tauchten.
„Hallo.“
Leandra erschrak so heftig, dass sie rückwärts von dem Schemel fiel, auf dem sie gesessen hatte. „Au.“ Sie rieb sich das Steißbein. Hinter ihr erklang ein bekanntes Lachen.
Sie drehte sich um. Tom stand hinter ihr und grinste sie an.
„Du lachst mich ja schon wieder aus.“
„Daran könnte ich mich gewöhnen.“
„Sehr witzig“, sagte Leandra. Tom streckte ihr seine Hand hin. Sie nahm sie und er zog sie hoch. „Danke.“
Sie setzten sich auf eine kleine Mauer vor den großen Zinnen des Turms.
„Und, wie sind deine Noten?“
„Wie letztes Jahr. Aber in Arithmantik hab ich jetzt ein E.“
„Sehr gut. Ich wusste, dass du das schaffst.“
„Sag mal, wusstest du, dass ich hier bin?“, fragte Leandra.
„Nein.“
Sie schwiegen kurz.
„Ich komme gern hier hoch. Ich kann hier gut nachdenken“, erklärte Tom.
„Verstehe.“
Sie sahen sich eine Weile schweigend an, dann fragte Leandra:
„Und, was hast du in den Ferien so vor?“
„Das erzähl ich dir lieber nicht.“
„Dann erfind was.“
„Na schön...“ Tom überlegte. „Vielleicht appariere ich irgendwo hin.“
„Wohin?“
„Weiß nicht... in die Berge vielleicht.“
„Oder doch lieber ans Meer?“
„Hm, vielleicht.“
„Also ich würde auf jeden Fall ans Meer apparieren. Am liebsten an die Cliffs of Moher in Irland. Ich liebe die tosenden Wellen, ihre Kraft, wenn sie gegen die Felsen schlagen.“
„Das wäre eine Alternative“, stimmte Tom zu.
„Oder doch irgendwo, wo es warm ist... vielleicht Spanien?“
„Andalusien soll sehr schön sein“, meinte Tom.
„Ja, hab ich auch gehört.“
Sie verstummten und ein peinliches Schweigen entstand. Leandra sah ihm in die Augen. Ihr fiel gerade auf, dass seine Augen eine undefinierbare Farbe hatten. Irgendwie dunkelblau, mit leichten Stichen aus Grau und Grün. Aber alles in allem waren sie auf jeden Fall dunkel.
Ein schwaches Lächeln bildete sich auf Toms Lippen. „Für das, was ich jetzt gleich tue, solltest du mir eine verpassen.“
„Warum, was hast–“
Weiter kam Leandra nicht, denn Tom lehnte sich zu ihr und küsste sie. Im ersten Moment war Leandra völlig perplex, dann erwiderte sie den Kuss. Ihr ganzer Körper kribbelte und ihr wurde plötzlich ziemlich warm. Es fühlte sich unglaublich an. Dann löste sich Tom auch schon wieder von ihr.
„Warum sollte ich dir dafür eine verpassen?“, fragte sie mit glühenden Wangen.
„Weil das nie wieder vorkommen wird.“
Leandra lächelte schwach. „Verstehe. Es hätte auch keinen Sinn, darüber zu reden, oder?“
Tom schüttelte den Kopf. „Ich muss gehen. Ich wünsche dir schöne Ferien.“
Sie standen auf.
„Ich dir auch. Du bist bei mir zu Hause jederzeit willkommen.“
„Ich weiß. Danke.“
Sie sahen sich an. Beide wussten, dass Tom in den Ferien nicht auf der Fawcett Farm auftauchen würde. Tom umarmte Leandra fest und sie schmiegte ihre Wange an seine Brust. Beide wussten, dass es so einen Moment nie wieder geben würde. Leandra küsste ihn auf die Wange und löste ihre Arme von ihm. Tom dagegen hielt sie immer noch fest.
Leandra sah es in seinen Augen, sah seine Gefühle für sie und seinen Kampf dagegen.
Dann küsste er sie zärtlich auf die Stirn und ließ sie los.
„Dann bis September.“ Leandra lächelte. „Ja, bis dann.“ Er strich ihr nochmal über die Wange, dann verschwand er. Obwohl Leandra wusste, dass dieser Moment einmalig war, war sie glücklich. Sie wusste, dass er sich verändern würde, aber sie hatte immer noch Hoffnung.
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