
von Sayuchan
„Warum sind nur alle so scharf darauf, dir zu helfen?“ Colin stocherte unglücklich in seiner Lasagne herum und warf seiner besten Freundin einen vorwurfsvollen Blick zu. Ginny zuckte die Schultern. „Es ist nicht so, als hätte ich irgendjemanden um seine Hilfe gebeten.“
„Die Slytherins entdecken ihre hilfsbereite Seite! Dass ich das noch erleben darf“, seufzte Colin. „Wissen Daphne und Elena eigentlich, wem sie helfen?“
„Ich glaube nicht“, grinste Ginny. „Für Alec hoffe ich sehr, dass nur Kathryn eingeweiht ist. Ich treffe mich übrigens gleich mit ihr. Komm doch mit und frag sie über Daphne aus.“
Colin sah hoffnungsvoll zum Slytherintisch. „Glaubst du wirklich, dass sie mir helfen wird?“
„Einen Versuch ist es wert.“
Die Bibliothek war an einem Freitagnachmittag ein äußerst einsamer Ort. Ginny war deswegen alles andere als böse, schließlich wollte sie sich hier mit Kathryn treffen. Und was passieren würde, wenn ihr Bruder erfuhr, dass sie sich schon wieder mit einer Slytherin getroffen hatte, wollte sie nicht wirklich wissen. Kathryn wartete bereits an einem Tisch in der hintersten Ecke der Bibliothek auf sie und warf einen fragenden Blick auf Colin, als die Gryffindors den Tisch erreichten.
„Kathryn, das ist Colin. Colin, darf ich dir Kathryn vorstellen?“
Die Slytherin nickte Colin kurz zu und wandte sich dann wieder an Ginny. „Ich habe mich ein wenig umgehört.“
„Oh ja, das habe ich mitbekommen“, stellte Ginny trocken fest. „Blaise hat mich heute Morgen gefragt, warum er neuerdings Thema Nummer 1 in eurem Haus ist.“
Die Gryffindor ließ sich auf einen Stuhl fallen und Colin setzte sich schüchtern neben sie.
„Das tut mir Leid, ich war wohl nicht sehr diskret“, erklärte Kathryn ohne die geringste Spur von Reue.
Ginny lächelte matt. „Ich schätze, nachdem ich ihn ein paar Tage kaum aus den Augen gelassen habe, ist das gar nicht mal so schlimm.“
„Oh ja, nichts kann Ginnys Aktion noch überbieten“, lachte Colin. Kathryn warf ihm einen prüfenden Blick zu. „Ich will nicht unhöflich sein, aber warum genau bist du hier?“
„Tja, also“, stotterte Colin. „Es ist so, dass ich auch ..., also ich habe auch jemanden ... gezogen. Also eine Slytherin, meine ich. Und ich dachte, du könntest vielleicht, wenn es dir nichts ausmacht ...“
Kathryn wandte sich an Ginny. „Er hat nicht mich gezogen, oder?“
„Nein, Daphne“, antwortete Ginny. „Und er braucht deine Hilfe.“
„Ich weiß nicht, was ich über sie schreiben soll!“, mischte Colin sich wieder ein.
Kathryn nickte ihm zu. „Siehst du, das war doch gar nicht so schwer. Kurz, prägnant und verständlich.“
Colin wurde rot und begann in seiner Tasche herumzukramen.
Ginny biss sich auf die Unterlippe, um ein Kichern zu unterdrücken.
„Hallo zusammen!“ Luna tauchte zwischen zwei Regalreihen auf und winkte ihnen mit einem Pergament in der Hand zu.
„Hallo Luna“, sagte Colin zu seiner Tasche.
Ginny schüttelte belustigt den Kopf und wandte sich dann ihrer Freundin zu. „Hallo Luna, willst du auch an deinem Gedicht weiterarbeiten?“
„Nein, ich bin mit dem Rohentwurf fertig und will ihn heute Miles zeigen.“
„Miles?“, fragte Kathryn mäßig interessiert.
Luna nickte der Slytherin lächelnd zu. Offenbar fand sie absolut nichts Seltsames daran, dass sie hier mit Ginny und Colin saß. „Ja, Miles ist der Junge, über den ich schreiben soll.“
Ginny beäugte neugierig das Pergament in Lunas Hand. „Darf ich das mal sehen?“
„Sicher.“ Luna reichte ihr das Gedicht.
Interessiert schaute Colin über Ginnys Schulter, um das Gedicht auch lesen zu können.
Ginny konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. „Ich weiß nicht, ob Miles über ein Gedicht begeistert sein wird, in dem er mit Schrumpfhörnigen Schnarchkacklern verglichen wird.“
„Oh, diese Wesen sind wirklich sehr interessant!“ Luna lächelte entrückt und nahm das Pergament wieder an sich. „Ich bin sicher, er wird es sehr zu schätzen wissen.“
Colin seufzte, als Luna davonhüpfte, um zu ihrer Verabredung zu gehen. „Besser ein seltsames Gedicht, als gar keins.“
„Da hat dein Freund nicht ganz Unrecht“, sagte Kathryn. „Also lasst uns anfangen. Was willst du über Daphne wissen, Colin?“
Eine halbe Stunde später brüteten die Gryffindors immer noch über den ersten Zeilen ihrer Hausaufgabe. „Was reimt sich auf hellblau?“, fragte Colin ratlos.
„Flau?“, schlug Ginny grinsend vor.
Kathryn warf ihr einen zurechtweisenden Blick zu. „Wie wäre es mit schlau?“
„Und was reimt sich auf Quaffel?“, fragte Ginny ratlos.
Colin grinste. „Waffel!“
„Und was soll ich daraus bitte machen? Du hast einen an der Waffel?“ Ginny und Colin sahen sich einen Moment lang schweigend an, dann mussten beide lachen.
Kathryn schüttelte resigniert den Kopf. „Bitte sagt mir, dass keiner aus eurem Kurs mich gezogen hat!“
Ginny holte tief Luft und versuchte, eine halbwegs ernste Miene aufzusetzen. „Wenn du in letzter Zeit nicht verfolgt wurdest, ist das eher unwahrscheinlich.“
„Tröstlich“, erwiderte die Slytherin trocken.
Auch Colin hatte sich inzwischen wieder beruhigt und sah Kathryn jetzt hoffnungsvoll an. „Mag Blaise vielleicht Waffeln?“
„Sagt ihm, wie der alternative Reim ist, sollte er keine mögen. Ich bin sicher, dann wird er ganz begeistert von Waffeln sein“, schlug Kathryn vor.
Ginny schüttelte abwehrend den Kopf. „Egal wie ich es schreibe; es klingt dämlich. Ich meine, 'Du spielst prima mit dem Quaffel und du isst gern eine Waffel' ist auch nicht gerade hohe Dichtkunst.“
Colin prustete los und wenige Sekunden später standen ihm Tränen in den Augen. Kathryn machte stattdessen ein Gesicht, als hätte sie Zahnschmerzen.
„Schon klar, ich hab es verstanden“, murrte Ginny und strich energisch ihre bisherigen Zeilen durch.
„Kommt ihr gut voran?“ Ginny schaute resigniert Luna entgegen, die fröhlich wie eh und je auf sie zukam.
„Sollten sie mich zur Verzweiflung bringen wollen, dann ja, sie kommen prima voran“, antwortete Kathryn mit todernster Miene.
Ginny ignorierte sie fürs Erste. „Und? Wie hat Miles dein Gedicht aufgenommen?“
„Er hat gesagt, er nehme es mit Humor“, erwiderte Luna glücklich.
Kathryn lachte trocken auf. „Ja, das sollte Blaise besser auch tun.“
„Ich kriege das schon noch hin. Morgen treffe ich ihn und dann ...“
„... wirst du auch nicht besser reimen können“, seufzte Kathryn. „Aber gut, wir haben noch etwas Zeit. Vielleicht hilft ja Übung.“
„Oder eine große Portion Waffeln“, murmelte Colin leise und fing sich vernichtende Blicke von Kathryn und Ginny ein.
„Sag mal Kathryn, weißt du, wen Alec gezogen hat?“, fragte Ginny, hauptsächlich, um das Gespräch endlich weg von ihren nicht vorhandenen Reimkünsten zu lenken.
Die Slytherin nickte amüsiert. „Er hat Hermine Granger gezogen.“
„Hermine? Aber warum fragt er uns dann nicht um Hilfe?“ Colin runzelte die Stirn. „Ihr helft uns doch schließlich auch.“
Kathryn zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, er hat einfach keine Lust auf Ärger. Ihr seht ja, wie lange Blaise gebraucht hat, um zu bemerken, dass etwas nicht stimmt. Und Hermine ist ja nicht gerade für ihre Begriffsstutzigkeit bekannt. Dein äußerst besitzergreifender Bruder dürfte sein Übriges tun. Es ist im Moment einfach nicht ratsam, als Slytherin in Schwierigkeiten zu kommen.“
„Schön, ich werde ihn demnächst fragen, wie weit er ist. Vielleicht nimmt er ja doch meine Hilfe an“, überlegte Ginny laut. „Worüber schreibt er denn im Moment?“
„Ihr Aussehen?“, prustete Colin und fing sich jetzt von allen drei Mädchen verärgerte Blicke ein.
„Hermine ist sehr klug, darüber kann er sicher auch schreiben“, schlug Luna vor.
Colin murmelte ein undeutliches „Ode an die Klugheit“ und erntete damit einen Stoß in die Rippen von Ginny.
Kurz vor dem Abendessen verließen die vier Schüler die Bibliothek und begaben sich getrennt in die Große Halle. Ginny hoffte innigst, dass sie morgen ein paar Dinge über Blaise erfahren würde, die sie zu einem guten Gedicht inspirierten. Ihre bisherigen Reimversuche konnte sie ihm wirklich nicht antun.
Colin stocherte neben ihr in seinen Pommes herum und schaute nachdenklich zum Tisch der Slytherins. „Weißt du, so übel sind sie gar nicht.“
„Die Slytherins?“, fragte Ginny.
Colin nickte. „Ja. Zumindest einige von ihnen scheinen echt nett zu sein. Kathryn ist vielleicht ein bisschen förmlich, aber sie hat uns wirklich sehr geholfen.“
„Sie ist nicht aufgesprungen, als ich ihr meine ersten Reimversuche vorgelesen habe; das rechne ich ihr hoch an“, witzelte Ginny. Colin hatte Recht, sie waren gut mit Kathryn ausgekommen und Alec schien zwar ein ziemliches Plappermaul zu sein, half ihnen aber auch, wo er konnte.
Und Blaise? Nun, darüber würde sie wohl morgen mehr herausfinden.
Eine Stunde später schleppte Ginny sich müde die Treppe zu ihrem Schlafsaal hoch. Ihr Kopf brummte und sie sehnte sich nur noch nach ihrem weichen, warmen Bett.
Auf eben diesem saß allerdings ein Gast in Gestalt einer hübschen Schleiereule, die sie aufmerksam anstarrte.
„Hoppla, wie kommst du denn hier rein?“
Die Eule legte den Kopf schief und schaute sie mit einem Blick an, der sie zu fragen schien, ob sie diese Frage wirklich ernst meinte.
Ginny warf einen verlegenen Blick auf die offenen Turmfenster und lächelte matt. „Ja, okay. Schon verstanden. Du hast einen Brief für mich?“ Und da war sie, die nächste dämliche Frage. Wozu sonst sollte eine Briefeule mit einem Bogen Pergament am Fuß auf ihrem Bett sitzen?
„Ich bin eindeutig zu müde für Unterhaltungen, selbst mit einem Tier“, stellte Ginny fest und ging zu ihrem Bett, um der Eule ihren Brief abzunehmen.
Ihr Name stand in einer klaren, strengen Schrift, die sie nicht kannte, auf dem Papier und sie öffnete es neugierig.
Guten Abend, Ginevra,
ich wüsste gern, welche Präferenzen du bezüglich deiner Essgewohnheiten hast. Würdest du mir bitte noch heute Abend eine Antwort zukommen lassen?
Blaise Zabini
Etwas ratlos schaute sie die Eule an. „Er will wissen, was ich gern esse?“ Ginny hatte das sichere Gefühl, dass die Eule die Augen verdreht hätte, wenn sie dazu in der Lage gewesen wäre.
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