
von Sayuchan
Am Samstagmorgen weckten kräftige Sonnenstrahlen die Mädchen im Gryffindorschlafsaal. Ginny gähnte verschlafen, doch als sie an ihre Pläne für den heutigen Tag dachte, war sie sofort hellwach. Schnell schlug sie die Decke zurück und sprang aus dem Bett. Es war noch nicht mal acht Uhr und normalerweise hätte sie sich das Kissen über den Kopf gezogen und weitergeschlafen, aber sie musste noch duschen, und was sie heute anziehen sollte, wusste sie auch noch nicht.
So ein Aufwand wegen eines Slytherins, dachte sie kopfschüttelnd. Aber immerhin half er ihr, ohne selbst etwas davon zu haben. Da konnte sie sich doch wenigstens etwas Mühe mit ihrem Äußeren geben, oder?
Nach einer ausgiebigen Dusche stellte Ginny sich vor ihren Kleiderschrank und begann, nach passenden Sachen zu suchen. Es war Winter, entsprechend warm musste sie sich anziehen. Schnee lag zum Glück nicht und die Sonne schien, also würden sie immerhin nicht allzu sehr frieren.
Gerade als sie fertig angezogen war, erwachten auch die anderen Mädchen und quälten sich langsam aus ihren Betten. Ginny kämmte sich noch schnell die Haare, kam zu dem Entschluss, dass Make-Up doch etwas übertrieben wäre, und verließ dann den Schlafsaal. Blaise frühstückte auch an Samstagen relativ früh, also musste sie bald unten sein, wenn sie nicht mit leerem Magen ihre Befragung führen wollte. Im Gemeinschaftsraum der Gryffindors war es ungewöhnlich ruhig um diese Zeit. Im Moment stand nur Hermine mit verschränkten Armen vor der Treppe zu den Jungenschlafsälen und tippte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden.
„Oh, guten Morgen, Ginny!“, grüßte sie.
Frühaufsteherin, das sollte ich Alec sagen, überlegte Ginny. „Hallo Hermine. Wartest du auf Ron?“
„Auf ihn und Harry, ja.“ Hermine schaute ungeduldig die Treppe hinauf. „Wir waren vor zehn Minuten hier verabredet. Professor McGonagall hat uns eine sehr umfangreiche Hausaufgabe aufgegeben, und wenn wir die an einem Tag schaffen wollen, müssen wir bald anfangen.“ Nun glitt ihr Blick neugierig zu Ginny. „Und warum bist du so früh auf?“
„Auch wegen einer Hausaufgabe“, antwortete Ginny vorsichtig.
Zum Glück kamen Ron und Harry gerade gähnend und murrend die Treppe hinunter und Hermine war abgelenkt.
Gemeinsam machten sich die vier Gryffindors auf den Weg zum Frühstück. Ron erwachte langsam aus seinem Halbschlaf, als die Gerüche aus der Großen Halle bis auf die große Marmortreppe drangen, die sie gerade hinuntergingen.
„Hm...Schinken!“, freute er sich. Harry wurde allerdings auch durch diesen Umstand nicht wirklich wach. Seine Augen waren noch halb geschlossen und er konnte von Glück reden, dass es keinen einzigen Schüler gab, der ihnen entgegen kam.
„Guten Morgen!“, flötete es hinter ihnen und Luna kam munter wie immer auf sie zugehüpft.
„Hallo Luna“, begrüßte Hermine sie. „'n Morgen“, murmelte Harry und Ron nickte der Ravenclaw nur kurz zu, ehe er wieder die Nase in die Luft streckte und schnupperte.
„Hallo Luna“, sagte Ginny und warf ihrem Bruder einen zurechtweisenden Blick zu. Natürlich interessierte ihn das herzlich wenig.
„Ginny, du bist ja auch schon da! Ich wünsche dir für heute viel Glück mit deiner Verabredung.“ Luna zwinkerte ihr zu und trennte sich dann von der Gruppe, um zum Ravenclawtisch zu gehen. Ron schien das Essen währenddessen vergessen zu haben und schaute seine Schwester alarmiert an. „Was meinte sie damit? Viel Glück mit deiner Verabredung?“
„Ach, plötzlich kannst du wieder reden, ja?“, erwiderte Ginny. Sie wandte sich von den dreien ab und suchte sich einen möglichst belebten Fleck am Gryffindortisch, damit Ron sich nicht in ihre Nähe setzen konnte.
Doch ihren Bruder konnten leider nur sehr wenige Dinge aufhalten, wenn er sich einmal an etwas festgebissen hatte. Er wandte sich mit einem kurzen „Kommt mit!“ an seine Freunde und folgte seiner Schwester dann mit grimmiger Miene. Einige Fünftklässlerinnen, die gegenüber von Ginny ihr Frühstück einnahmen, scheuchte er kurzerhand weg und ignorierte Hermines tadelnden Blick.
„Was für eine Verabredung?“, fragte er grimmig.
Ginny nahm sich äußerlich ungerührt einen Toast und bestrich ihn mit Marmelade. „Eine Verabredung halt. Du weißt schon, das, was du nicht wirklich oft hast.“
Hermine warf ihr einen empörten Blick zu, während Harry sich, zu Ginnys großer Erleichterung, einfach raushielt. Entweder er war über die Trennung hinweg oder noch zu verschlafen, um dem Gespräch überhaupt zu folgen. Da sein Teller gefährlich nahe dran war, als Kissen missbraucht zu werden, tippte Ginny auf Letzteres.
„Mit wem bist du verabredet? Und warum?“, fragte Ron weiter.
„Das geht dich absolut nichts an, Bruderherz“, erwiderte Ginny und beeilte sich ihren Toast zu essen. Sie musste hier weg und notfalls noch etwas Zeit einplanen, um ihren Bruder loszuwerden. Zum Glück würden sie und Blaise sich erst am See und nicht schon in der Eingangshalle treffen. Sie wagte einen kurzen Blick rüber zum Slytherintisch. Blaise aß gerade und würde noch ein paar Minuten brauchen.
„Ich bin dein Bruder! Es geht mich etwas an!“, widersprach Ron.
Ginny schob trotzig ihr Kinn nach vorn. „Nein, es geht dich absolut nichts an. Ich mische mich auch nicht in deine Beziehungen ein und jetzt würde ich gern in Ruhe zu Ende frühstücken.“
Hermine griff seufzend nach einer Platte mit Schinken und hielt sie ihrem Freund unter die Nase. „Iss dein Frühstück, Ron.“
Die vier Gryffindors beendeten ihr Frühstück schweigend, was im Fall von Harry daran lag, dass er wieder eingeschlafen war.
Ginny versuchte, möglichst unauffällig Blaise im Auge zu behalten, und bekam gerade so mit, dass er kurz vor halb neun die Halle verließ.
Schweigend stand sie auf und legte ihren dicken Umhang um.
„Wo willst du hin?“, fragte Ron wachsam.
„Weg von meinem selbst ernannten Wachhund!“, fauchte Ginny.
Sie beeilte sich, aus der Halle zu kommen, doch ein Blick zurück zum Gryffindortisch zeigte ihr, dass Hermine ihren Bruder davon abhielt, ihr nachzulaufen. Erleichtert durchquerte sie die Eingangshalle und befand sich wenige Minuten später am See.
Zum Glück wärmte die Sonne tatsächlich ein wenig und es war windstill. Ginny umrundete den See etwa zur Hälfte, dann erreichte sie die Ausläufer des verbotenen Waldes. Sie stieg über einige alte, riesige Wurzeln hinweg und achtete darauf, sich immer nahe am See zu halten. Irgendwo hier musste Blaise stecken. Ob sie ihn rufen sollte? Bestimmt war kein anderer Schüler hier draußen, also dürfte sie auch niemand anders hören.
„Blaise?“
„Hier drüben.“
Seine Stimme drang gedämpft zu ihr, doch sie schätzte, dass er nur noch ein paar Meter entfernt sein konnte.
Ginny umrundete eine kleine Trauerweide und konnte nun einige Meter entfernt eine kleine Lichtung erkennen, auf die die Sonne schien. Auf der Lichtung lag eine blau-weiße Picknickdecke, auf der Blaise sich ausgebreitet hatte. Ginny ging neugierig näher heran. Auf der Lichtung blühten sogar einige kleine Pflanzen. Fast, als wäre es schon Frühling, dachte Ginny sehnsüchtig. Sie freute sich auf die warme Jahreszeit, auch wenn das gleichzeitig bedeutete, dass die Prüfungen auf sie zukamen. Blaise lag auf dem Rücken; die Arme hatte er hinter dem Kopf verschränkt. Er trug wie Ginny einen dicken Umhang, den er aber geöffnet hatte. Darunter erkannte sie die Schuluniform.
Seine Augen waren geschlossen und seine Gesichtszüge entspannt, was ihn seltsam friedlich wirken ließ.
„Hast du jetzt genug gestarrt?“, fragte er sachlich und drehte sein Gesicht von der Sonne weg, sodass er die Augen öffnen konnte.
Ginny spürte, wie sie rot wurde. „Dir auch einen wunderschönen guten Morgen“, sagte sie patzig und ließ sich in einigem Abstand zu ihm auf die Decke fallen. Dabei stellte sie angenehm überrascht fest, dass er einen Wärmezauber auf den Stoff gesprochen haben musste.
Blaise setzte sich auf und griff neben die Decke. Er setzte die Miniaturausgabe eines Picknickkorbes zwischen ihnen ab und holte seinen Zauberstab heraus. Für einen Moment verspannte sich Ginny, doch Blaise richtete den Zauberstab auf den Korb und nicht auf sie.
„Recipio.“*
Der Picknickkorb wuchs auf normale Größe an und Blaise steckte seinen Zauberstab wieder weg.
Ginny war überrascht. „Du hast uns etwas zu essen mitgebracht.“
„Sicher“, erwiderte Blaise. „Was glaubst du, warum ich dir gestern Abend geschrieben habe?“
Da hatte er Recht, eigentlich hätte sie es sich denken können. Da sie beide gerade vom Frühstück kamen, nahmen sie sich erst einmal nur etwas zu trinken aus dem gut gefüllten Korb. Ein kurzer Blick zu den Leckereien, die sich darin verbargen, zeigte Ginny aber, dass er ihre Antwort gestern Abend sehr genau genommen hatte. Sie entdeckte jede ihrer Lieblingsspeisen.
Das ist sehr süß, dachte Ginny geschmeichelt. So gar nicht Slytherin-typisch.
„Können wir dann mit der Befragung anfangen, Ginevra?“, fragte Blaise.
Die Gryffindor nickte etwas verlegen. „Ja, klar. Und dir macht es wirklich nichts aus einfach so ausgefragt zu werden?“ Sie kam sich dabei schon ein wenig schlecht vor.
Blaise lächelte spöttisch. „Wir könnten abwechselnd Fragen stellen und müssen sie dann beide beantworten. Will einer von uns die Antwort nicht geben, muss es der andere auch nicht tun.“
Ginny stimmte zu. „Ja, das klingt gut. Ich fange an. Woher kommst du?“
„Südfrankreich, aus der Nähe von Avignon“, erwiderte Blaise knapp.
„Ich lebe in Devon, in einem kleinen Dorf“, erklärte Ginny.
Nun war es an Blaise, die nächste Frage zu stellen. „Was willst du nach der Schule machen?“
„Ich würde gern weiter Quidditch spielen oder Aurorin werden. Aber ich hoffe eigentlich, dass wir von der Sorte nicht mehr viele brauchen werden.“
„Es wird sie trotzdem immer geben“, sagte Blaise. „Ich möchte im Ministerium arbeiten. Allerdings bin ich mir noch nicht ganz sicher wo. Wahrscheinlich werde ich nach den Prüfungen einfach an einige Abteilungen meine Bewerbung schicken und sehen, was daraus wird.“
Ginny spielte nachdenklich mit einigen Grashalmen neben der Decke. „Irgendwie habe ich erwartet, dass du schon alles durchgeplant hast, was nach deiner Schulzeit passieren wird.“
Blaise schien ihre Ehrlichkeit nicht zu stören. Er schaute sie nur mit einem neutralen Gesichtsausdruck an. „Nicht im Geringsten.“
„Hast du Geschwister?“, führte Ginny die Fragerunde nun fort.
„Nein, und deine Antwort auf diese Frage kenne ich schon“, erwiderte Blaise mit einem spöttischen Lächeln. „Nehmen wir an, der Hut hätte dich nicht nach Gryffindor gewählt. Wo wärst du sonst am liebsten hingegangen?“
„Ravenclaw“, sagte Ginny, ohne groß nachzudenken. Sie war eine ziemlich gute Schülerin, also hätte sie vielleicht sogar eine Chance gehabt.
„Ja, das wäre auch meine Wahl gewesen“, beantwortete Blaise die Frage.
Die beiden spielten dieses Spiel noch eine Weile weiter, bis Ginny irgendwann hungrig wurde und dem Picknickkorb begierige Blicke zuwarf.
„Ginevra? Hast du meine Frage gehört?“
„Wie?“ Verlegen schaute sie zu Blaise. „Nein, kannst du sie bitte wiederholen?“
Der Slytherin lächelte und dieses Mal war es nicht spöttisch, sondern einfach nur ein Lächeln. „Vielleicht sollten wir etwas essen und danach weitermachen.“
Ginny nickte dankbar und nahm sich etwas aus dem Korb. Es waren scharfe Feuerbällchen.
„Ich verstehe nicht, wie man diese Dinger essen kann.“ Blaise schaute die kleinen Kugeln skeptisch an. „Ich habe danach immer das Gefühl, es im Feuerspeien mit jedem Drachen aufnehmen zu können.“
Lachend legte sich Ginny auf den Rücken und biss genüsslich in ein Feuerbällchen. Blaise hatte Recht, sie waren sehr scharf, aber Ginny mochte das. Vielleicht hatten Fred und George ihr früher zu oft Chili unter das Essen gemischt.
„Sag bloß, du magst lieber Süßes?“, neckte sie den Slytherin.
„Du hast eine seltsame Art, Schlussfolgerungen zu ziehen, Ginevra“, antwortete er nur.
Ginny drehte den Kopf leicht. Blaise hatte sich auch auf den Rücken gelegt und die Augen wieder geschlossen.
„Hör auf damit.“
Jetzt drehte er sich wieder zu ihr und sah sie fragend an. „Womit soll ich aufhören?“
„Damit, mich Ginevra zu nennen. Ich bevorzuge Ginny.“
„Das ist mir aufgefallen“, grinste Blaise.
„Schön“, sagte Ginny kurz angebunden. „Dann nutze deine tolle Beobachtungsgabe und wende dein Wissen auch an.“
Sie erhielt keine Antwort von ihm und sie aßen schweigend weiter, doch als sie ihr Fragespiel fortsetzten, nannte er sie Ginny.
Erst als es schon fast Zeit für das Abendessen war, schlug Ginny widerwillig vor reinzugehen.
„Ja, es wird langsam Zeit“, stimmte Blaise ihr zu.
Sie packten schweigend die Essensreste zurück in den Korb und Ginny stellte fest, dass sie es sehr schade fand, dass der Tag so schnell vorbeigegangen war. Eigentlich hatte sie nur ein, zwei Stunden hier draußen verbringen wollen, doch mit Blaise zusammen zu sein, machte Spaß.
Sie hatten nicht die ganze Zeit geredet, sondern sich auch einige Zeit einfach nur gesonnt, aber das Schweigen war angenehm gewesen. Und sie hatte wirklich viel über ihn erfahren. Vielleicht kam sie jetzt mit ihrem Gedicht weiter.
Blaise legte die Decke zusammen, verstaute sie ebenfalls im Korb und verkleinerte ihn dann.
„Warum trinkst du eigentlich keinen Kürbissaft?“, platzte Ginny heraus.
Blaise' Augenbraue wanderte steil in die Höhe. „Du hast mich aber wirklich sehr genau beobachtet. Ich weiß ja, dass ich furchtbar interessant bin, aber dass es so schlimm ist...“
Ginny wurde rot und gab Blaise mit der flachen Hand einen Klaps auf den Arm.
Blaise wich zurück und hob abwehren die Hände, allerdings blieb das Lächeln auf seinem Gesicht. „Und jetzt wird die kleine Gryffindor auch noch frech.“
Immerhin nennt er mich nicht Kätzchen, dachte Ginny grimmig. „Was ist nun? Warum trinkst du ihn nicht?“
„Ich mag ihn einfach nicht.“
„Wie kann man denn keinen Kürbissaft mögen?“
„Wie kann man diese Feuerbällchen mögen?“
Kurz vor dem Eingangsportal trennten sie sich und Ginny ging gut gelaunt in die Große Halle.
Glücklicherweise war ihr Bruder nirgendwo zu sehen und Ginny konnte unbehelligt essen.
Zurück in ihrem Schlafsaal ließ Ginny sich auf ihr Bett fallen und atmete tief durch. Was für ein Tag! Wer hätte gedacht, dass sie so viel Spaß haben würde. Bestimmt würde es ihr jetzt leichter fallen, ein Gedicht über Blaise zu schreiben. Ihr fiel ihre Liste ein und sie holte sie schnell aus ihrem Schrank.
Heute konnte sie ein paar weitere Eigenschaften hinzufügen. Vor allem bei ihren letzten Worten musste sie grinsen.
humorvoll, guter Zuhörer und guter Redner, sehr schlagfertig, interessant, hat selbst an vielem Interesse, sehr aufmerksam und höflich, bringt mich zum Lachen, hat ein schönes Lächeln, mag keine Feuerbällchen und Kürbissaft (wie kann er nur?)
(*lat. Ich nehme zurück)
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