
von Ellareen
Luna war normalerweise kein Mensch, der gerne Regeln brach. Es sei denn, es war zum Wohle anderer oder die Regeln waren unnütz.
Aber heute traf keiner dieser beiden Gründe zu und sie saß trotzdem um Mitternacht in einem der Gewächshäuser und schaute angespannt durch das gläserne Dach. War es zum Wohle der Menschheit, dass sie den Epirrita dilutata fing? Verträumt stieß sie etwas Luft aus und ließ sich gegen den Topf einer Teufelsschlinge sinken, die einen üblen Gefrierzauber abbekommen hatte und deswegen harmlos war.
Wenn sie nur an die Fähigkeiten dachte, die der Falter haben sollte... Liebe sollte er verbreiten. Entschlossen rappelte sich Luna auf, jetzt vollkommen überzeugt, dass sie den Falter unbedingt finden musste.
Er hätte bestimmt eine fantastische Wirkung auf Voldemort, und dann würde dieser aufhören, unschuldige Menschen zu jagen.
Ja, Luna glaubte Harry Potter. Das war ja auch nicht anders zu erwarten, immerhin musste man nicht Muggelkunde wählen um zu verstehen, dass Muggel sehr schlau waren und ganz gewiss ihre eigenen Wege hatten, mit der Welt fertig zu werden. Wie konnten Menschen wie Mark Twain, der mit seinen Büchern Lunas ganze Kindheit begleitet hatte, schlecht sein?
Und muggelgeborene Hexen und Zauberer hatten, Lunas Meinung nach, sogar einen Vorteil gegenüber den Reinblütern. Immerhin konnten sie in ihrer Kindheit die Muggelwelt ganz anders wahrnehmen und hatten damit so viel mehr Erfahrungen.
Luna trippelte hinüber zu einigen Pflanzen, die aussahen, als wären sie mit kleinen, blauen Federn bedeckt und strich ein wenig geistesabwesend über ihre Blätter. Sie kam sich ein wenig wie im Dschungel vor, wenn sie all die exotischen Pflanzen betrachtete, aber komischerweise wuchsen in einem kleinen Blumentopf, ganz in der Ecke ein paar ganz gewöhnliche Butterblumen.
Sie fing an zu grinsen, jetzt zuversichtlich, dass sie den Falter fangen würde.
Der Epirrita dilutata liebte gelb. Sie pirschte hinüber zu dem Topf und vertiefte sich in den Anblick der Blumen. Verträumt streckte sie die Hand nach ihnen aus, als sie plötzlich von hinten von einem Fluch getroffen wurde.
Ja, der Petrificus Totalus war schon immer sehr effizient gewesen und wenn er von Harry Potter kam, dann war er sogar noch ein Stück wirksamer. Stumm beobachtete Luna, wie sich Harry über sie beugte und offenbar versuchte, in der Dunkelheit ihr Gesicht zu erkennen. Wäre sie dazu fähig gewesen, sich zu bewegen hätte Luna resigniert ausgeatmet. Sie konnte leicht sehen, dass Harry offenbar keine Brille trug und fragte sich, wieso dem so war. Hatte er sie verloren? Sofort schwirrten ihre Gedanken zurück zu dem Nachtfalter, der auch eine Schwäche für Glas hatte. Ja, hier war definitiv einer in der Nähe.
Sie wurde durch Harrys leises Fluchen aus ihren Gedanken geschreckt und konnte gleich darauf einen geflüsterten Gegenfluch hören. Froh, sich wieder auf die Jagd machen zu können sprang sie auf und stolperte prompt über ihren Socken, der sich so weit gelockert hatte, dass er kaum mehr an ihrem Fuß war. Glücklicherweise fing Harry sie auf.
„Was tust du hier?“, fragte Luna in ihrem verträumten Tonfall, während sie sich von ihm löste und sich umdrehte, um nach dem Falter Ausschau zu halten. Sie hatte doch ganz sicher etwas in der anderen Ecke des Gewächshauses gesehen...
Sie tänzelte hinüber, den verdutzten Harry auf den Fersen. Luna konnte sehr genau erkennen, dass er fieberhaft nach einer Erklärung suchte, dachte aber, dass das gewiss etwas mit den Schlickschlupfen zu tun hatte, die sich gerne bei Teufelsschlingen aufhielten. Sie stieg über einen der schlaffen Fangarme des Gewächses und drehte sich zaghaft um, als Harrys Stimme ertönte.
„Ich hatte... äh... meinen Bleistiftanspitzer verloren.“
Ja, garantiert Schlickschlupfe. Luna schüttelte missbilligend den Kopf und schaute Harry mitleidig an. „Aber so etwas gibt es doch gar nicht. Oder ist das eine geheime Erfindung, die wir für die DA brauchen?“
Sie lächelte und schaute in die Höhe. Irgendwo musste der Epirrita dilutata doch sein Unwesen treiben...
„Nein. Das ist... ach, egal. Was machst du hier? Ich dachte eigentlich, nachdem die Teufelsschlinge außer Gefecht ist hat keiner mehr großartig Lust sich mit den anderen Pflanzen im Gewächshaus zu duellieren.“
Luna lachte. Das war Harry. Harry, wie sie ihn kannte und mochte.
Vielleicht sogar mehr als das.
„Nein, ich suche nach einem Epirrita dilutata. Hilfst du mir?“
Sie packte ihn bei der Hand und ging hinüber zu dem einzigen offenen Fenster des Gewächshauses, um der stickigen Luft zu entfliehen. Vielleicht hatte ihr Vater sich auch geirrt, und der Falter mochte es lieber ein wenig windig.
Die leichte Brise, die ihr um die Nase strich war angenehm und nicht so kalt, wie sie in der Nacht eigentlich sein sollte.
Eine richtige Sommerbrise.
„Ich mag Sommer.“, äußerte Harry leichtfertig. „Es ist schön warm und es gibt diese gewisse Atmosphäre.“
„Ich auch. Aber ich mag ihn, weil man da den Epirrita dilutata fangen kann.“, sagte Luna lächelnd. Sie hatte Harrys Hand noch nicht losgelassen und keiner der beiden machte Anstalten, das nachzuholen.
„Es sieht so aus, als würde es bald regnen.“, vermutete Luna nach einer Weile.
Harry sagte nichts. Stattdessen schaute er Luna so intensiv an, wie sie noch niemand betrachtet hatte, und obwohl er aufgrund seiner fehlender Brille halb blind sein musste, hatte Luna sich noch nie so durchschaut gefühlt.
Ihr wurde klar, dass Harry es wusste. Ganz sicher.
„Was macht das Pirrantadings?“
Es entstand eine lange Stille, die Luna aber doch durchbrach, als sie den Mut geschöpft hatte, den sie für die Antwort benötigte.
„Er bringt Liebe.“
Harry lächelte. „Ich glaube, wir haben ihn gefunden.“
Dann küsste er sie.
Und obwohl Luna manchmal ihre ganz eigene Sicht der Dinge hatte war sie sich sicher, dass sie dieses Mal genau das gleiche wie Harry empfand. Einen leichten Wind in ihren Haaren und das Gefühl, endlich genau das richtige zu tun.
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