
von Lily Longbottom
Langsam trat die Hexe auf den Muggel zu. „Er hat es nicht verdient zu leben, Bellatrix. Töte ihn.“ Das Gesicht des Mannes versteinerte sich. Verzweifelt versucht er gegen die unsichtbaren Seile, die ihn an den Baum ketteten, anzukämpfen. Er warf einen flehenden Blick auf Sean, der mit seinen Augen Bellatrix fixierte und jede ihrer Bewegungen genau beobachtete. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Mit zusammengebissenen Zähnen und Schreck geweiteten Augen, krampfhaft bemüht nicht in Tränen auszubrechen, beobachtete er die herannahende Bellatrix. Jede seiner Gesten drückte Panik aus, wie ein Tier, das in eine Falle gelaufen war und nun darauf wartete, zerfleischt zu werden. Langsam hob die schwarzhaarige Hexe den Zauberstab, zielte direkt auf das Herz des Mannes und sprach die Tod bringenden Worte aus: „Avada Kedavra“. Ein stechendgrüner Lichtblitz schoss aus dem Zauberstab und der Gefangene sackte in sich zusammen. „Einen Menschen zu töten ist nicht leicht, Bellatrix. Du musst es wollen.“ „Ich wollte es auch.“, zischte Bellatrix. „Hättest du es gewollt, dann wäre er jetzt tot“, erwiderte Sean spöttisch und deutete auf den ohnmächtigen, flach atmenden Muggel. „Geh nach Hause, Bella“ „Das war mein Auftrag“, rief Bella mit vor Zorn bebender Stimme. „Du hast aber versagt. sagte Sean. „Du weißt, wie wichtig es für mich ist, eine Dienerin des dunklen Lords zu werden“, sagte die Hexe mit bebender Stimme. „Ich glaube nicht, dass du dieses Ziel jemals erreichen wirst, Bellatrix Black.“
Der eisige Dezemberwind blies Bella scharf ins Gesicht, als sie die steinernen Stufen zu dem Familienanwesen der Blacks hochstieg. Sobald sie die letzte Stufe erklommen hatte, öffnete sich die Tür. Unwirsch warf sie dem demütig wartenden Hauselfen ihren pelzverbrämten Mantel zu und wollte sich gerade nach oben in ihr kleines Zimmer zurückziehen, als sie Stimmen aus der Richtung des Salons vernahm. Sie betrat den Salon, wo ihre Mutter vor dem gewaltigen Familienstammbaum der Blacks kniete und vor sich hinmurmelte. Sie wirkte hohlwangig und ihr einst pechschwarzes Haar war von grauen Strähnen durchzogen, was sie viel älter aussehen ließ, als sie mit ihren 40 Jahren in Wirklichkeit war.
„Was für eine Schmach. Eine Tochter ist weggelaufen und die andere völlig nutzlos. Wie konnte ich nur zulassen, dass Walpurga alles bekommt. Meine Familie ist verloren. Alles sinnlos.“ Der Anblick ihrer Mutter, die sie schon seit ihren Kindheitstagen verehrte, schmerzte sie und so eilte sie auf sie zu und half ihr hoch. „Ich habe versagt“, hauchte ihre diese gerade. „Hätte ich nur Söhne wie Walpurga.“ „Komm Mutter, ich lasse Sally eine Suppe für dich bereiten. In dem Augenblick, als ihre Mutter zu ihr hoch schaute, erinnerte sie Bellatrix mehr an ein hilfsbedürftiges Kind, als an eine erwachsene Frau, dann blitzte in deren kastanienbraunen Augen urplötzlich das Erkennen auf. „Du“, zischte sie wütend und riss sich energisch los. Bei diesen Worten schlug ihr der säuerliche Geruch von Elfenwein entgegen und plötzlich erkannte sie aus den Augenwinkeln auch das umgekippte Weinglas und die rote Flüssigkeit, die sich wie eine Blutlache auf dem verschnörkelten Teppichboden ergossen hatte. „Du und deine Unfruchtbarkeit sind Schuld, dass Walpurga alles bekommt! Du bist nichts als eine nutzlose Schlampe.“ Die Worte ihrer Mutter trafen sie stets aufs Neue, wie ein Dolchstoß, der immer wieder die gleiche Wunde traf, sodass sie immer wieder aufbrach und nie eine Chance bekam, zu verheilen. Seit Jahren schon war es immer der gleiche Vorwurf: Die Tatsache, dass sie als älteste Erbin der Familie Black unfruchtbar war und das gesamte Vermögen der Familie an ihren Cousin Sirius übergehen würde.
„Mutter ich, ich verspreche dir, dass ich einen Weg finden werde, dieser Familie auf anderem Wege zu dienen. Du weißt, ich bin begabt und eine Kämpferin. Ich könnte in den inneren Kreis der Todesser aufgenommen werde.“ Ihre Stimme war nun ein einziges Beben und sie schaute ihre Mutter flehend an. „Du bist eine Frau, deren Aufgabe es ist, reinblütige Nachfahren zu gebären und an dieser Stelle versagst du wohl“, sagte ihre Mutter kalt. „Ich hasse Sirius doch auch“, rief Bella leidenschaftlich. „Er ist dieses Erbe nicht wert.“ „Und du bist ein Nichts.“ Diese Worte trafen Bella mehr, als alles, was ihre Mutter ihr zuvor an den Kopf geworfen hatte. Sie schien gegen eine Mauer anzukämpfen, die einfach nicht zu brechen war. Sie konnte rufen und schreien so viel sie wollte, all ihre Anstrengungen prallten an der Mauer ab. „Bella, hör auf.“ In dem riesigen goldenen Spiegel, der neben dem Familienstammbaum an der Wand thronte, sah Bella ihre blonde Schwester Narzissa, den Raum betreten. Wie immer wanderte ihr Blick automatisch auf Narzissas Bauch, der sich unter der inzwischen sechs -Monatigen Schwangerschaft wölbte. Ihrer Schwester war Bellas Blick im Spiegel anscheinend nicht entgangen, denn sie fasste sich instinktiv an den Leib, als wollte sie ihr Ungeborenes vor Bellas wütenden Blicken beschützten. „Du weißt, du sollst Mutter nicht immer so aufregen“, sagte sie vorwurfsvoll. „Und seit wann hast du hier das Sagen?“, zischte Bella wütend und stierte ihre Schwester, die mit ihren engelsgleichen weißblonden Haaren und den sanften grauen Augen, das komplette Gegenteil von ihr selbst zu sein schien, wütend an. „Nur weil Lucius seinen Samen in dir ergossen hat, bist du noch lange nicht besser gestellt, als ich es bin. Lucius ist ein Versager und er bringt unser Erbe auch nicht zurück. Also, was macht sie besser als mich?“, fuhr sie ihre Mutter an. „Narzissa ist mehr, als du je sein wirst.“, giftete ihre Mutter böse. Nur Narzissa wirkte betreten, als sie ihrer Mutter folgend den Raum verließ.
Unweigerlich fiel Bellas Blick auf den Familienstammbaum und beim Anblick des gähnenden, schwarzen Loches, an dessen Stelle zuvor Andromeda gestanden hatte, machte sich eine unbändige Angst in ihr breit, sodass ihr schlecht wurde. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis von ihr ebenfalls nur noch ein schwarzes Loch im Familienstammbaum übrig war. Eine Reinblüterin, die keine Nachkommen gebären konnte, war für eine Gesellschaft, in der Reinblüter nur noch eine Minderheit darstellten, nutzlos. Bei diesem Gedanken schwankte sie und musste sich an einem der kunstvoll verzierten Stühle festhalten. Ihre Mutter hatte Recht. Sie war ein Nichts. Sie würde untergehen und dann wäre es so, als wäre sie niemals geboren worden, ihre gesamte Existenz wäre sinnlos. „Das Amulett“, fiel ihr plötzlich siedend heiß ein. Solange es das Amulett gab, war noch nichts verloren. Es würde sie über Wasser halten wie ein Rettungsring und sie vor dem drohenden Untergang bewahren.
Sie zwang sich, dem Stammbaum den Rücken zuzukehren und rannte keuchend die knarrende Treppe zum oberen Stockwerk hoch, in ihr kleines Zimmer, am Ende des Korridors. Zielstrebig zog sie die hölzerne Truhe unter ihrem Bett hervor und zog blind das sorgfältig unter einem Bündel aus Kleidern und Umhängen versteckte, silberne Amulett hervor. Sobald ihre Hand das kalte Metall umschloss, beruhigte sich ihr Puls schlagartig. Sie schloss die Augen und spürte wie die Panikattacke, so urplötzlich wie sie über sie gekommen war, auch wieder abflaute. Das Amulett, auf dem ein Erdball mit einer Krone eingraviert war, war ein uraltes Familienerbstück der Blacks, das sie zu ihrem 10. Geburtstag zu einem Zeitpunkt bekommen hatte, als sie noch als zukünftige Erbin der Blacks angesehen wurde. Mit ihrem Talent und ihrer Intelligenz war sie, trotz der Tatsache, dass sie nur ein Mädchen war, das Lieblingskind ihrer Eltern gewesen. Dies änderte sich allerdings schlagartig mit dem Einsetzten ihres 15. Lebensjahres, als bei ihr noch immer keine Regelblutungen eingetreten waren, was ihre Eltern dazu veranlasste, einen Heiler zu rufen, der ihre Unfruchtbarkeit feststellte. Das Ausmaß dieser verhängnisvollen Prognose begriff Bella allerdings erst, als ihre Eltern ihr das schöne Amulett abnahmen, das für sie immer das Zeichen für ihren
kommenden Aufstieg und ihrer Bedeutung in der Gesellschaft der Reinblüter gewesen war. Drei Tage lang hatte sie sich daraufhin in ihrem Zimmer eingeschlossen, bis sie schließlich einen Entschluss gefasst hatte und sich das Amulett zurück stahl. Damals hatte sie sich selber geschworen, dass sie es erst dann um den Hals tragen würde, wenn ihre Position in dieser Welt gesichert war und an diesem Gedanken hielt sie bis heute fest. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie ihre Schwester in der Tür stehen und sie aus ihren taubengrauen Augen heraus mustern.
„Ich habe dich eben gesucht.“ Unauffällig ließ Bella das Amulett in ihre Umhangtasche gleiten und erhob sich. „Was gibt es, Schwesterherz?“, fragte sie spöttisch, diesmal bemüht ihren mächtigen Bauch zu ignorieren, was ihr allerdings nicht so ganz gelang. „Wir müssen reden. Ich wünschte, du könntest mir meine Schwangerschaft gönnen“, sagte Narzissa gerade heraus. Bellatrix schwieg und schaute aus dem kleinen Fenster, wo sich die Bäume schemenhaft von der dunklen Nacht abhoben und sich wie Geister im Wind bewegten. Dann wandte sie sich von den Bäumen ab und drehte sich zu ihrer Schwester um. „Du weißt, warum ich das nicht kann. Dein Anblick erinnert mich immer wieder aufs Neue an mein Versagen. Jeder weiß, dass ich keine Kinder bekommen kann und kein reinblütiger Mann wagt es, mich deswegen anzusehen. Ich bin ein Nichts.“ „Bella, das ist doch nicht deine Schuld. Vielleicht ist es einfach nicht deine Bestimmung, eine Familie zu haben.“ „Dann ist es meine Bestimmung, unterzugehen?“ „Ich wusste nicht, dass du das so siehst“, sagte Narzissa traurig. „Ach komm schon, du weißt doch, wie das in unserer Welt abläuft. Ich kenne die andere Welt nicht, die Welt in der Andromeda sich befindet. Möglicherweise ist es dort nicht so.“
Beim Erwähnen von Andromedas Namen zuckte Narzissa zusammen. Nachdem, sie aus dem Familienstammbaum gebrannt worden war, war es den Geschwistern verboten worden, ihren Namen auch nur zu erwähnen. Die Blicke der beiden Hexen begegneten sich und nach einer langen Weile konnten sie sich wieder in die Augen schauen. In ihren Blicken lag stummes Einverständnis. „Ich werde tun, was ich tun muss, wenn ich nicht untergehen will.“, sagte Bella schließlich. „Und ich werde nicht untergehen. Niemals.“ Sie umschloss das kalte Amulett in ihrer Umhangtasche. „Alles oder nichts. Vielleicht hast du Recht, und es ist wirklich nicht meine Bestimmung, eine Familie zu haben.“ In Narzissas Augen spiegelte sich Unruhe wider und Bella war klar, dass von einen auf den anderen Augenblick wieder diese Distanz zwischen ihnen war.
„Was wirst du tun?“, fragte Narzissa mit bebender Stimme, als wollte sie die Antwort eigentlich gar nicht wissen „Ich kann nicht länger darauf hoffen, dass Sean mich eines Tages den Todessern vorstellt. Ich werde es ohne ihn versuchen.“ Schrecken zeichnete sich auf Narzissas Gesicht ab. „Der dunkle Lord“, flüsterte sie. „Er würde dich umbringen. Er nimmt keine Frauen in seinem Kreis auf.“ „Ich bin auch keine Frau, wie Mutter mich Tag für Tag aufs Neue erinnert.“ Traurig schüttelte Narzissa den Kopf. „Du wirst mich nicht davon abhalten können“, sagte Bella. Narzissas Mund verzog sich zu einem qualvollen Lächeln. „Das weiß ich, doch ich wünschte ich könnte es. Du warst schon immer… anders.“ Sie wollte sich abwenden, doch Bella fasste sie am Arm. „Dein Kind ich….“ Narzissa lachte leise auf, das Blacksche Lachen, hoch und kalt. „Bei Merlin, im Grunde weiß ich, dass du nicht anders kannst als mich in diesem Zustand zu hassen.“ „Ich schwöre dir, Zissy, es wird eine Zeit geben, in der ich dir dieses Kind gönnen kann und in der ich ihm vielleicht sogar… eine Tante sein kann.“ „Darauf hoffe ich“, sagte Narzissa betrübt.
***
Es war ein seltsames Gefühl, als Bella das Haus verließ. Die Nacht war unglaublich kalt und der Himmel war erfüllt von kreischenden Krähen, wahrscheinlich Vorboten eines nahenden Unwetters. Sie entschied sich, vor dem Friedhof von Little Hangleton zu apparieren, von dem sie wusste, dass dort in regelmäßigen Abständen Todessertreffen stattfanden. Kein Zauberer, der nicht zum innersten Kreis Voldemorts gehörte, wagte sich um diese Zeit dorthin, geschweige denn ein Muggel, von denen mit Sicherheit keiner auch nur einen Gedanken daran verschwenden würde, bei Nacht einen Friedhof aufzusuchen. Aber sie hatte nichts mehr zu verlieren, sie konnte nur noch gewinnen. Ihr gesamtes Leben schien auf diese eine und gleichzeitig alles entscheidende Nacht hinauszulaufen, ganz so als wäre sie nur dafür geboren worden. Sie befühlte noch einmal das filigrane Amulett in ihrer Manteltasche, dann stieß sie das kleine Friedhoftor mit ihrem Zauberstab an, woraufhin es sich mit einem quietschenden Geräusch, das die nächtliche Stille durchbrach, öffnete.
Die Luft, an diesem Abend, war so eisig, dass jeder Atemzug einen stechenden Schmerz in Nase und Lunge verursachte. Sie zog sich den Kapuzenmantel näher ins Gesicht und schritt den Hauptweg des Friedhofes entlang, darauf bedacht, nach einem Zeichen von Magie Ausschau zu halten, auch wenn sie nicht wusste, in welcher Form sie es vorfinden würde. Der gesamte Weg war von imposanten Engelsstatuen gesäumt, die in der Schwärze der Nacht zu dämonischen Gestalten zu verschmelzen schienen und dem Ort eine seltsame Lebendigkeit verliehen. Ab und zu scheuchte sie ein paar Krähen auf, die mit ihrem lauten Flattern, die nächtliche Stille durchbrachen und in den lila verfärbten, sternenlosen Himmel aufstoben.
Die Atmosphäre war auf eine grauenhafte Art und Weise wunderschön und berührte Bella, wie es noch kein Ort zuvor getan hatte. Gleichzeitig fühlte sie eine seltsame Verbundenheit zu diesem Ort und es gelang ihr, ihre innere Zerrissenheit und die quälende Ungewissheit, die sie schon seit Jahren mit sich schleppte, für einige Zeit zu vergessen.
Plötzlich hörte sie hinter sich ein lautes Knacken. Mit klopfendem Herzen fuhr sie herum und konnte gerade noch ein bernsteinfarbenes Augenpaar und die Spitze eines diamantenbesetzten Schwanzes ausmachen, dann verschwand das Wesen in die Büsche. „Lumos“, flüsterte sie und folgte ihm in den dunklen Blätter-Dschungel. Sie fluchte laut auf, als sie an einem scharfen Ast ihren Umhang aufriss und folgte den Schleifspuren, die das Geschöpf auf der vereisten Erde hinterlassen hatte. Schließlich lichteten sich die Bäume wieder und sie erkannte an den rot flackernden Lichtern, dass sich vor ihr eine weitere Ansammlung von Gräbern befand. Von dem seltsamen Geschöpf war allerdings keine Spur mehr zu sehen. Sie blieb noch eine Weile orientierungslos stehen, bis sie plötzlich ein lautes Rascheln vernahm und blitzschnell herumfuhr. Doch anstatt die Spur eines diamantenbesetzten Schwanzes zu sehen, blickte sie direkt in eine eiserne Todessermaske, hinter der ein schwarzes Augenpaar aufblitzte. Überrascht taumelte sie zurück. Sie wollte etwas sagen, doch urplötzlich war sie von oben bis unten mit Seilen gefesselt, die sich wie gesichtslose Schlangen um sie herum wanden und ihr die Luft abschnürten, sodass sie stolperte und mit einem dumpfen Geräusch auf dem Eis gefrorenem Boden aufschlug.
Das Nächste, woran sie sich erinnern konnte, war dass sie mitten im Kreise der Todesserschar lag und in den finsteren, Wolken verhangenen Himmel blickte. „Wen haben wir denn da, ein kleiner Wildfang.“, hörte sie eine schnarrende Stimme rufen. „Löst die Fesseln, das ist Bellatrix Black.“, rief einer der Maskierten, den sie als Rudolphus Lestrange, einem häufigen Besucher im Hause Black, zu identifizieren meinte. Sie fragte sich jäh, unter welcher Maske sich wohl Sean befand und ob er sie notfalls decken würde. Sofort unterband sie den Gedanken, denn sie hatte noch nie auf irgendjemanden zählen können, außer auf sich selber. Unerwartet löste sich der Druck von ihrer Brust und die Seile fielen schlaff zu Boden. Benommen richtete sich Bella auf.
„Geh Bellatrix, bevor der dunkle Lord hier auftaucht“, sagte Rudolphus mahnend. „Ich habe aber nicht vor, zu gehen“, antwortete Bella laut. „Und was macht ein Weib wie du hier?“, fragte ein anderer„ Ich schätze, sie ist hier, weil sie es nicht erwarten kann zu sterben“, rief ein weiterer. Dumpfes Gelächter folgte darauf. Wütend richtete sie sich auf. „Ich bin hier, weil ich eine von euch sein will.“ Ein ungläubiges Gemurmel erhob sich. „Sie kann ruhig hier bleiben, ich denke, wir wissen, was wir mit ihr machen“, hörte sie bucklige Gestalt mit schnarrender Stimme rufen und sie konnte den lüsternen Blick hinter der eisernen Maske nur erahnen. „Glaub mir, das würdest du nicht wagen, Macnair“ zischte sie der Gestalt zu. Auf einmal senkte die Todesserschar die Köpfe und sie sah eine hoch gewachsene Gestalt mit hohlen Wangenknochen und scharlachroten Augen, auf sie zuschreiten. Lord Voldemort. Gebannt und unfähig sich zu bewegen, beobachtete sie ihn. Noch nie hatte sie Lord Voldemort aus einer solchen Nähe gesehen und spürte auf einmal, welch eine unglaubliche Aura von ihm ausging. Eine Aura, die sie faszinierte, verzauberte und in den Bann riss, sodass sie nicht in der Lage war, sich von der Stelle zu rühren. Jeder seiner Schritte wirkte erhaben und durch jede seiner Gesten schien er eine unglaubliche Macht auf die Todesser auszuüben und sie durch seine alleinige Anwesenheit zu beherrschen.
Seine scharlachroten Augen streiften die im Kreise stehenden Todesser und blieben schließlich direkt auf Bellatrix liegen. „Bellatrix Black.“ Er musterte sie eine geraume Zeit lang und sie wagte es nicht, sich zu bewegen und erwiderte den Blick stattdessen wagemutig. „Herr“, unterbrach schließlich einer der Maskierten die Stille. „Wir können nichts für ihre Anwesenheit. Sie hat sich hier herumgetrieben, Crabbe hat sie aufgelesen.“ Gelassen brach Voldemort den Blickkontakt ab, was Bellatrix zu ihrer Verwirrung mit Bedauern erfüllte. „Nagini hat mir Bellatrix Anwesenheit bereits mitgeteilt.“, zischelte Voldemort, woraufhin der Todesser zurückfuhr. Erst jetzt fiel Bella die riesige Schlange auf, die leise hinter Voldemort hervor geglitten kam. Das Geschöpf, das sie zu den Todessern bringen sollte, war also Lord Voldemorts sagenumwobene Schlange gewesen, die manche als das gefährlichste Geschöpf der Zauberwelt ansahen. Jäh erwachte ihr Körper zum Leben und sie lief auf Voldemort zu und küsste ihm die spinnenartigen, schneeweißen Hände. „Ich bin hier um eine von Euch zu werden, Eure ergebenste Dienerin.“
Ein lautes Tuscheln erhob sich unter den Todessern. Einige brachen in ein, von den eisernen Masken abgedämpftes Gelächter aus und sie spürte, dass etwa ein Dutzend kalte Augenpaare auf sie gerichtet waren. „Bellatrix Black, du möchtest dich also meinen Todessern anschließen. Die Frage ist nur, welche Opfer wärst du bereit zu geben und wie viel wärst zu bereit zu verlieren?“. „Alles, ich würde alles für euch geben, Mylord.“ Auf einmal verspürte sie den nahezu schmerzhaften Wunsch, diesem Mann zu gefallen, koste es, was es wolle. Die Todesser hatten aufgehört zu reden und beobachteten das Szenario, als würden sie ein aufregendes Theaterstück verfolgen und wären gespannt, was wohl als Nächstes passieren würde. Dann hob Voldemort die Stimme „Ich werde dir einen Auftrag geben, Bellatrix Black, den du erfüllen musst, wenn du das Dunkle Mal eingebrannt bekommen willst. Unter uns weilte lange Zeit ein Verräter, den ich nun aufgespürt habe und der darauf wartet, bestraft zu werden.“ Seine Lippen kräuselten sich bei diesen Worten zu einem grausamen Lächeln. „Mit dem Tod bestraft zu werden. Übernimm du diese Aufgabe und du wirst die erste Todesserin unter uns sein.“
Sofort hörten die übrigen Todesser auf zu lachen. „Herr, seit ihr sicher, dass Ihr dieser Frau eine solche Aufgabe anvertrauen möchtet. Bedenkt doch, sie ist nur ein Weib“, wagte sich einer vor. Zustimmendes Gemurmel erhob sich. „Wenn irgendjemand an meiner Entscheidung zweifelt, so möge er vortreten“, zischelte Voldemort bedrohlich. „Nein, Herr“, erwiderte der Angesprochene hastig. „Dachte ich es mir doch“, sagte Voldemort spöttisch und wandte sich Bellatrix zu. „Ich verrate dir jetzt den Ort, an dem sich unser Verräter aufhält“, sagte Voldemort, seine scharlachroten Augen mit einem unergründlichen Blick auf sie gerichtet. „Wenn du diese Probe bestehst, hast du es verdient, unter uns zu weilen und womöglich sogar zur mächtigsten Frau Englands aufzusteigen.“
Der dunkle Lord hatte Bella den Namen einer Kneipe in einem Vorort der Muggel genannt, wo sich der „Verräter“ aufhalten sollte. Sie hatte nicht gewagt, nach seinem wahren Namen zu fragen, ihr wurde lediglich gesagt, dass sie ihn sofort erkennen würde, wenn er vor ihr stünde. Die Kneipe war klein, schummrig und voller Muggel, die aßen, sich unterhielten, rauchten und über belanglose Dinge redeten, nicht ahnend, dass sich unter ihnen eine Hexe befand, die bereit war, einen Mord zu begehen. Bellatrix fragte sich, was wohl die Ursache für ihr wild pochendes Herz war: Die Angst zu versagen oder doch die verwirrenden Gefühle, die sie gegenüber Lord Voldemort empfand? Schließlich stieg Bella die Treppen hoch, wo der Wirt drei Zimmer vermietete. Sie richtete ihren Zauberstab auf die beiden ersten Türen, die sofort aufsprangen, allerdings leer waren. Es musste also die dritte Tür am Ende des Ganges sein. Fahrig tastete sie nach dem Amulett, das sich zu ihrer Erleichterung immer noch in ihrer Manteltasche befand und ihr das gewohnte Gefühl von Sicherheit gab. Sie murmelte einen Zauberspruch und die Tür schwang auf. Sie erblickte auf den Boden liegende Umhänge, einen milchigen Spiegel an der Wand, ein knisterndes Kaminfeuer. Dann entdeckte sie Sean. Für den Bruchteil einer Sekunde musterten sie sich, Überraschung stand in dem Gesicht des jeweils Anderen geschrieben, dann hoben beide gleichzeitig die Zauberstäbe. Doch Bellatrix war schneller. „Expelliarmus“, schrie sie und schnappte mit zittrigen Fingern den Zauberstab ihres Gegners auf. „Ich wusste, sie würden jemanden nach mir schicken, aber dass sie sich für dich entschieden haben, überrascht mich, zugegebenermaßen.“
„Es ist vorbei, Sean. Warum bist du weggelaufen und hast den dunklen Lord im Stich gelassen?“ „Ich bin nicht weggelaufen.“ „Das bist du“, zischte Bellatrix. Ein Lächeln umspielte Seans Lippen, das seine Augen nicht erreichen konnte. „Ich hätte nicht weglaufen können, Bella, weil ich niemals wirklich zu den Todessern hinzugehört habe. Meine Aufgabe war es von Anfang an, Voldemort auszuspionieren und du weißt ja, dass ich alles dafür getan habe, diese Rolle mit Überzeugung zu spielen, auch wenn mir so Manches zuwider war. Bedauerlicherweise bin ich Lord Voldemort wohl letztendlich zu nahe gekommen. Er war schon immer ein begnadeter Legilimentor. „Nichtsdestotrotz bist du ein Verräter.“ Sean lachte leise auf.
„Sind wir das nicht alle in Zeiten wie diesen?“ „Und warum bei Merlin hast du dich als mein Mentor angeboten? Was hast du dir davon versprochen?“ „ Was ich mir davon versprochen habe? In dir steckt unglaubliches Potenzial, Bellatrix. Das habe ich von Anfang an erkannt und natürlich alles dafür getan, um zu verhindern, dass du in Voldemorts Fänge gerätst. Ich habe noch nie eine Frau erlebt, die so voller Emotionen steckt und so sehr bereit ist, sich einer Sache hinzugeben, wie du es bist. Und als ich davon Wind bekam, dass du einen Mentor suchtest, der dich in die dunkle Magie einweiht, habe ich mich selbstverständlich dazu bereit erklärt, um dich zu kontrollieren, gewissermaßen.“ Seine Augen gruben sich mit einem unergründlichen Blick in die Bellatrix’ ein. „Egal für welche Seite du kämpfen würdest, du bist eine wertvolle und gleichermaßen gefährliche Waffe“, sagte Sean leise. „Du weißt, dass ich mich entschieden habe“, erwiderte Bellatrix und wandte sich ab. Sie konnte dem Blickkontakt nicht länger standhalten.„ Vielleicht magst du es nicht auf Anhieb erkannt haben, aber Voldemort ist wahnsinnig.“ „Das ist er und er bedeutet alles “, hauchte Bella „Ich werde seine treueste Todesserin werden. Ich werde auf anderem Wege bekommen, was ich haben wollte. In einem größeren Ausmaß, als Narzissa und der Rest meiner Familie.“ „Es geht dir also immer noch darum, dich deiner Familie zu beweisen?“
Mehr denn je spürte sie das Gewicht des Amuletts in ihrer Tasche. Es schien sie zu drängen, zu ermutigen, sie herauszufordern. Sie hob den Zauberstab. „Nein, es geht allein um den dunklen Lord. Diese Nacht habe ich erkannt, dass es mein Schicksal sein wird und wahrscheinlich immer gewesen ist, dass ich ihm diene. „Avada Kedavra!“. Ein grüner Lichtblitz schoss aus Bellas Zauberstab und im nächsten Moment war der Glanz aus Seans Augen, in denen sich eine Sekunde zuvor noch Verwirrung abgespielt hatte, verschwunden. Er war tot. Auf einmal sprang das Fenster auf und eine Brise eisigen Windes wehte herein. Verwirrt verschloss sie es mit einem Schlenker ihres Zauberstabs. Das flackernde Kaminfeuer, das den Raum zuvor mit Wärme erfüllt hatte, war erloschen.
Zu oft hatte sie sich diesen Moment in ihren Träumen ausgemalt, doch seltsamerweise war sie in ihren Träumen immer von Menschen umringt gewesen, die ihr zujubelten und ihr bewundernde oder ehrfürchtige Blicke zuwarfen. Nun war sie allein, um sie herum war alles still, leer und kalt. Ihre Hände zitterten als sie das silberne Amulett aus ihrer Tasche zog und sich um den schlanken Hals legte. Der Moment hätte feierlich sein sollen, doch der einzige Gedanke, der durch ihren Kopf schoss, als sie sich in dem milchigen Spiegel erblickte und das Amulett an ihrem Hals baumeln sah, war dass es viel schwerer wog, als sie je gedacht hatte.
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