
von Mica
"Harry? Harry!"
"Er kommt zu sich!"
Langsam öffnete Harry die Augen. Er lag in einem Bett. Im dem Bett in seinem Schlafraum. Durch ein kleines, unscharfes Fenster schien taghelles Licht in den Raum. Vor sich konnte er verschwommene Gestalten erkennen. Wie lange war er ohnmächtig gewesen? Harry tastete auf einem Tisch neben dem Bett nach seiner Brille und setzte sie sich auf die Nase.
"Harry! Wir dachten, du würdest...",fing Hermine an, doch ihre Stimme versagte.
"Was...was ist passiert?",frage Harry, erschrocken über seine eigene, schwache Stimme. "Naja, ein Todesser hat einen Fluch auf dich abgefeuert, dann bist du zu Boden gestürzt,",plapperte Tonks los,"es war schrecklich. Malfoy hat dich festgehalten, auf einmal kam ein Dementor, er... er war so kurz davor, dir die Seele auszusaugen,",sie machte eine abschätzende Bewegung mit Daumen und Zeigefinger,"Aber dann hat Remus einen Patronus heraufbeschworen und Arthur hat sich auf Malfoy gestürzt und dann sind alle Todesser auf einmal disappariert."
Harry fing an, zu realisieren, was er eben gehört hatte. "Die Todesser sind immer noch hinter mir her." Diese Worte hallten ihm immer wieder durch den Kopf. "Und da ist noch etwas.",sagte Ginny sehr vorsichtig. Fragend blickte Harry sie an. Er fragte sich, ob er wirklich wissen wollte, was jetzt kam. Ginny zog einen kleinen Handspiegel unter ihrem Umhang hervor und hielt ihn Harry vor das Gesicht. Zuerst sah er nur einen kleinen, halb verheilten Schnitt auf seiner Wange. Dann wanderten seine Augen langsam zu seiner Stirn. Er erschrak, richtete sich in seinem Bett auf und kroch ein paar Zentimeter rückwärts. Er schien jetzt gar keine Eingeweide mehr zu haben. Harrys Brust hob und senkte sich schnell. Seine Narbe hatte einscheinend stark geblutet. Sie war weit geöffnet und immer noch blutrot und glänzend in dem Licht, dass die Sonne auf das noch nicht getrocknete Blut warf. Hektisch sah er sich im Raum um. Der ganze Orden stand um sein Bett herum und starrte ihn besorgt an. "Was hat das zu bedeuten?",fragte Harry ängstlich und schaute in die Runde der Hexen und Zauberer. Ihre Umhänge waren zerfetzt, ein paar hatten Brand-, oder sogar Fleischwunden in Gesicht, Armen und Brust. Keiner antwortete auf Harrys Frage. Endlich sagte Mr Weasley etwas. "Deine Narbe hat aufgeleuchtet und... du hast geschrien..." Weiter kam er nicht. Er fuhr sich nervös mit der Hand durch sein schütteres Haar.
"Die Todesser müssen irgendwie herausgefunden haben, wo wir sind, und sie müssen es immer noch auf den Orden des Phönix abgesehen haben. Und auf dich, Harry.",sagte Tonks.
Gegenseitig heilten sich die Hexen und Zauberer ihre Wunden, indem sie mit dem Zauberstab über diese strichen und etwas Unverständliches murmelten. Harry hatte nie gelernt, wie man Wunden heilt, und schon zum zweiten Mal fand er, dass es eine große Lücke in seiner Zaubererausbildung aufwies.
"Ist irgendjemand von euch appariert? Oder... könnte es sein, das- das jemand von euch den Namen des dunklen Lords ausgesprochen hat - vielleicht liegt immer noch ein Tabu auf ihm!",überlegte Mr Weasley.
"Ähm, Mr Weasley, es tut uns wirklich Leid,",sagte Hermine kleinlaut,"wir haben alle drei seinen Namen ausgesprochen." Mr Weasley seufzte, dann sagt er:"Machen wir uns nichts vor. Wir alle haben den Namen heute schon ausgesprochen. Wir haben gedacht, das Tabu sei aufgehoben. Vielleicht ist es das, vielleicht aber auch nicht. Keiner von uns spricht diesen Namen mehr aus. Aber wieso sind die Todesser dann nicht gleich gekommen, als der erste von uns seinen Namen ausgesprochen hat?"
"Ich denke, sie haben den richtigen Moment abgewartet",sagte Professor McGonagall mit düsterer Miene, "vielleicht sollten jetzt alle besser gehen." Die Hexen und Zauberer nickten und wandten sich um zum gehen, doch diejenigen die im Grimmauldplatz wohnten, blieben stehen. Es waren Lupin, Tonks, Harry, Ron, Hermine und die anderen Weasleys. Nur Bill ging mit Fleur zu seinem Haus zurück. Harry meinte, Fleur Stimme beim rausgehen "Schrecklisch" gesagt gehört zu haben. Diejenigen, die nun noch im Raum standen, starrten mit besorgtem Gesichtsausdruck Harry an.
"Es ist mir egal. Wir werden kämpfen, bis die gute Seite wieder an der Macht ist.",sagte er, wandte den Blick ab und bedeutete allen außer Hermine und Ron zu gehen.
Die beiden setzten sich auf ihre Betten und sagten nichts. Harry starrte auf seine Füße. Wieder erschienen ihm schreckliche Bilder und Erinnerungen, Cedrics Tod, und der seiner Eltern, Dobbys Tod, die Schreie sterbender Menschen. Wäre Harry nie geboren, dachte er sich sich, hätten diese vielen Menschen nicht sterben müssen. Harry seufzte laut auf. "Schlafen wir", sagt er, obwohl er kein bisschen müde war und es draußen noch taghell war. Hermine und Ron nickten, zogen sich ohne ein Wort zu reden um und zogen die Vorhänge der Fenster bis aufs Letzte zu.
Als sie alle im Bett lagen, schlief keiner, sie starrten an die Decke, oder in die Leere, je nachdem, was sie in der Dunkelheit sehen konnten. "Harry...",fing Ron an, doch Harry unterbrach ihn:"Was ist?",fragte er gereizt,"Es macht mir wirklich nichts aus. Es ist genau so wie die letzen Jahre auch, so und nicht anders." "Eigentlich wollte ich fragen,",sagte Ron ein bisschen ängstlich,"ob ihr morgen mit in die Winkelgasse wollt. Ginny kommt bald zu ihrem letzen Jahr nach Hogwarts und muss noch ihre Sachen besorgen. "Oh",sagte Harry, sich ärgernd, wie er Ron angeschnauzt hatte,"Oh...ja, gerne. Danke." Er mummelte sich in seine Decke und schlief ein.
Harry ging durch dunkle Gassen aus kaltem Stein, ein leichter Nieselregen tröpfelte vom Himmel herab, es war dunkel und eine schauderhafte Kälte lag in der Luft. Er ging immer weiter, ging und ging.... Irgendwann fing er an zu rennen, hoffte, jemanden zu treffen, doch die Stadt war wie ausgestorben. Ein kalter Wind fegte durch Harrys Gesicht. Ein kaputter Fensterladen krachte gegen die Steinwand. Am Ende der Gasse sah er etwas. Es sah aus wie gestaltlicher Sand, der einem verschwommenem Geist ähnelte... Wie Staub. Im Wellenbewegungen setzte er sich vorwärts. Harry erkannte fünf kleine Stummel...War es eine Hand? Harry spürte etwas, ein Verlangen, eine lange Suche, er suchte etwas, aber fand es nicht.... Das Etwas gab ein rasselndes Geräusch von sich. Es entdeckte Harry. Langsam näherte es sich....
"Raus aus den Betten!",rief eine Stimme gut gelaunt und Mrs Weasley zog die Vorhänge auf. Licht durchflutete das Zimmer, Harry öffnete die Augen und kniff sie, vom Sonnenlicht geblendet, gleich wieder zusammen. Er spürte, dass seine Narbe heftig brannte und pochte. "Wenn ihr mit in die Winkelgasse wollt, müsst ihr euch beeilen. Arthur, Fred, George und Ginny sind schon beim Frühstück!" Sie ging aus dem Zimmer.
Harry richtete sich auf und zog sich an, ebenso Ron und Hermine. Die ganze Zeit über machte er sich Gedanken. Warum träumte er? Was hatte er geträumt? Wieso hatte er es geträumt? Harry nahm sich vor, niemanden davon zu erzählen. Das hatte sicher nichts zu bedeuten...
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