
von Mica
Harry richtete sich schlagartig auf und meinte, eine gewisse Spannung geradezu zu schmecken. Sirius schlug seine ausdruckslosen und matten Augen auf.
"Sirius!",schrie Harry. Seine Stimme zitterte vor unterdrückter Freude. Eine sehr leise, schwache und heisere Stimme sprach zurück:
"Harry...",er hustete. "Sirius, alles ist gut, du bist im Grimmauldplatz!",versuchte Harry ihn zu beruhigen. Er meinte, eine leichte Falte um Sirius Mund zu sehen, und nahm es als Lächeln. Er grinste. Nun war Lupin vorgetreten. Er kniete sich vor dem bleichen Körper nieder.
"Sirius! Tatze alter Freund, wie geht es dir?",flüsterte er.
"Miserabel",war die schwache Antwort darauf. Mrs Weasley hastete aus dem Zimmer und kam bald darauf mit einer Schüssel zurück, in der eine gelbliche Flüssigkeit schwamm.
"Trink das",befiel sie Sirius, beschwor einen Strohhalm aus dem Nichts herauf und führte ihn an Sirius weiße Lippen. Gehorsam trank er.
"Was ist passiert? Harry sagte, er hat dich sterben sehen, du wurdest von einem Todesfluch direkt in die Brust getroffen!",kreischte Professor McGonagall, als Sirius die Flüssigkeit ausgetrunken hatte. Es sah so aus, als würde ihr ganzes Gesicht nur aus Grinsen bestehen. Das war ein komisches Gefühl, denn Harry hatte sie oft mit sehr schmalen Lippen gesehen, die Ähnlichkeit mit einem sehr dünnen Streichholz hatten, was oft mit ihm zusammenhing. Nun mit etwas festerer Stimme sagte Sirius:"Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich merkte, wie mich der Fluch traf, kurz danach wurde ich ohnmächtig. Als ich wieder aufwachte, lag ich in einer vermüllten Gasse in Kanada, ich war sehr schwach und verwandelte mich in einen Hund. Was ich nicht bedachte: Ich hatte keine Kraft mehr, mich zurückzuverwandeln. Ein Jahr lang lebte ich von dem Müll in dieser Gasse, irgendwann beschloss ich aber, mich auf den Weg zu machen und mir bekannte Hexen und Zauberer zu suchen. Das raubte mir die allerletzte Kraft. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft hatte, aber endlich bin ich bei euch angekommen. Bei dir, Harry...",seine Stimme ließ beim Sprechen immer mehr nach. Harry fühlte sich ein wenig beschämt.
"Wir brauchen Madam Pomfrey!",befahl Professor McGonagoll sich selbst. Sie sagte:"Incendio!",und ein Feuer, ähnlich wie bei einem Feuerzeug, flammte aus ihrem Zauberstab hervor. Sie kramte in ihren Taschen, bis sie etwas silbriges Pulver fand und es ins Feuer rieselte. Wie Harry es schon kannte, formte sich aus den Flammen ein kleines Gesicht, es war Madam Pomfrey.
"Poppy, wir brauchen sie, schnell. Kommen sie unverzüglich mit einem Besen in den Grimmauldplatz. Und passen sie auf, dass sie niemand verfolgt.",sagte Professor McGonagoll knapp und brach die Verbindung ab, ehe Madam Pomfreys verdutzte Miene etwas erwidern konnte.
Ron starrte sie belustigt an.
"Was gibt es da zu grinsen?",fragte Professor McGonagoll gereizt, als sie es bemerkte.
"Och, nichts.",kicherte Ron. Harry schnappe mit seiner Hand nach einer Zecke, die Sirius Arm emporklettern wollte, und zerquetschte sie. "Uargh",machte er angewidert und wischte sich seine glibberigen Finger an einem Taschentuch ab. Sirius schien es lustig gefunden zu haben, er lächelte Harry an. Seine trüben Augen huschten zu Hermine und Ron herüber, Mrs Weasley kam wieder an Sirius Bett gewuselt und fuhr ihm mit ihren Fingern durch die fettigen Haare. Eine Zeit lang, Harry kam es vor wie eine Stunde, sagte keiner ein Wort, alle starrten Sirius leblosen Körper an, dessen Lider immer wieder erschlafften.
"Lasst mich durch, mir wurde befohlen, herzukommen, also was ist los? Ich habe mir von Madam Hooch den schnellsten Besen ausgeliehen und bin sofort hier her gerast. Meine Frisur ist durcheinander. Also, was ist denn jetzt los?",kam es von der Tür.
Harry ließ die Blicke schweifen und erkannte Madam Pomfrey. Er krümmte sich und hielt die Hand vor den Mund, um sein lachen zu verbergen. Die sonst so streng gehaltene Frisur der Frau hing ihr in Strähnen ins Gesicht, warf sich in alle Richtungen, auch nach oben, und war sehr zerzaust. Sirius schien sich zu amüsieren und gab einen leisen Quieklaut von sich. Madam Pomfrey drehte sich zu ihm um, um ihn anzufahren, doch als sie ihn erblickte, machte sie große Augen und stolperte zu ihm hin. Keiner musste etwas sagen, sie fing sofort an, Sirius abzutasten und seine Stirn zu fühlen. Dieser mochte es anscheinend nicht, aber er blieb artig liegen. Harry kam es vor wie Zeitraffer. Madam Pomfrey raste mal hier hin, mal da hin, beschwor mit einer schnellen Bewegung des Zauberstabs etwas herauf oder benutzte den Aufrufezauber. Mal flößte sie ihm etwas ein, mal schmierte sie etwas Salbe auf seine zerkratzte Haut. Als sie mit ihrer Prozedur fertig war, sah Sirius viel besser aus. Seine Augen glänzten wieder ein wenig, Seine Haare waren samt, geschmeidig und trugen keine Mitbewohner mehr mit sich herum, seine Haut wies nur noch ein paar dünne Kratzer auf.
"Er braucht etwas zu Essen!",meinte Madam Pomfrey."Und er muss an die Sonne, er sieht ja aus wie eine Leiche!" Etwas triumphierendes klang aus ihrer Stimme, sie war wohl Stolz darauf, was sie vollbracht hatte. Mrs Weasley stürmte sofort aus dem Zimmer um etwas zu kochen.
"Ich muss nach Hogwarts, noch etwas vorbereiten.",sagte Madam Pomfrey und stieg auf ihren Besen. "Sind sie sicher, dass sie niemand verfolgt hat, Poppy?",fragte Professor McGonagoll.
"Mir ist ganz bestimmt niemand gefolgt, Minerva.",war sie hektische Antwort auf diese Frage. Madam Pomfrey verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Sirius und Harry sahen sich belustigt an. Der Junge fragte:"Geht es dir besser?"
"Um einiges.",sagte Sirius und lächelte. Harry lehnte sich zurück und verinnerlichte, was gerade geschehen war. Er atmete einmal tief ein und wieder aus. Er fühlte sich zu glücklich, um auch nur einen Gedanken an die Todesser, Voldemort oder seinen Traum zu verschwenden. In den nächsten zehn Minuten redeten Harry, Ron und Hermine auf Sirius ein, erzählten ihm, was in der Zwischenzeit passiert war und lasen ihm aus dem Tagespropheten vor. Harry erkannte Sirius' väterlichen Instinkt, als er von dem Angriff im Grimmauldplatz erzählte. Im nächsten Moment tauchte Mrs Weasley wieder auf. "Das geht hier ja zu wie im Bahnhof",murmelte Harry in sich hinein. Sie hatte ihren Zauberstab erhoben und führte einen großes Tablett vor sich her.
"Ich habe für alle etwas gekocht. Ihr esst aber in der Küche. Harry, Ron, Hermine, ihr dürft hier bei Sirius bleiben.",sagte sie streng und lächelte Harry zu, der es erwiderte. "Fred, George, könnt ihr nicht mal eine Minute still sein?",maulte sie, als die Zwillinge etwas mit Lee besprachen, die Arme jeweils um die Schulter des anderen gelegt. Langsam schritten sie aus dem Raum. Mrs Weasley seufzte. "Ich gehe auch, Sirius, iss soviel du kannst.",befahl sie und nun ging auch sie. Hermine sagte:"Sirius, das ist einfach... einfach unmöglich!" "Hermine, du kennst jetzt acht Jahre die Zaubererwelt. Hast du noch nicht begriffen, dass in dieser nichts unmöglich ist?",sagte Sirius. Hermine zuckte die Achseln und nahm sich, wie Ron, etwas von dem riesigen Tablett, Sirius tat es ihnen nach. Eine halbe Stunde lang sagte er nichts, denn er schlang alles in sich herein, was man essen konnte, und hatte keine Zeit zu reden.
Harry war beruhigt. Sirius fühlte sich besser und er aß. Jetzt hatte er nochmals Zeit über das nachzudenken, was passiert war. Deshalb war keine Leiche zu sehen, noch nicht mal irgendein Teil von Sirius, nachdem der Todesfluch ihn getroffen hatte. Harry hatte drei Jahre lang geglaubt, sein Pate wäre tot. Der einzige Mensch, der Harry liebte, wissen wollte wie es ihm ging und ihm in Hogwarts stets Eulen schickte und ihm immer mit einem Rat zur Seite stand, der einzige Mensch, den Harry jemals als seine Familie angesehen hatte, lebte. Er konnte sein Glück kaum fassen. Er schloss die Augen und holte einmal tief Luft. Er öffnete sie wieder und sah Sirius, wie er schlingend, aufrecht auf seinem Bett saß. Es war wahr. Harry sah zu Ron und Hermine hinüber, die sich jeweils einen Flügel Hähnchen und Leber-und-Nieren-Pasteten genommen hatten. Harry merkte auf und nahm sich schnell auch etwas. Er ließ den Blick durch den Raum schweifen und sah sich erstmals um. Es war ein dunkler, zerfallener Raum, nur ein kleines Fenster oberhalb eines großen, dunklen Schrankes ließ etwas düsteres Tageslicht hinein, denn es war schon spät.
Mrs Weasley kam hereingeplatzt. "Alle anderen sind schon gegangen. Am Besten lasst ihr Sirius in Ruhe und geht ins Bett." Sie stürmte wieder hinaus. Harry, Ron, und Hermine standen gehorsam auf. "Bis morgen, Sirius!",sagte Harry und grinste. Die vier gingen hinaus und schlossen die Tür hinter sich. Es war dunkel. Harry, Ron und Hermine gingen nach rechts den Gang entlang in ihr Zimmer.
Kurz vor einer Kurve kam etwas hinter einer Ecke hervorgesprungen. Harry zückte blitzartig seinen Zauberstab und richtete ihn auf das Etwas. In der Dunkelheit konnte er nichts erkennen, und so rief er:"Lumos!" Die Spitze seines Zauberstabes leuchtete auf.
"Ginny!",rief er, angenehm überrascht, schloss sie in die Arme und küsste sie. Er meinte, ein kurzes Funkeln in Rons Augen gesehen zu haben, bevor Hermine ihm auf den Fuß trat. "Harry, wie geht es dir? Das ist ja so aufregend! Dein Pate lebt, du musst überglücklich sein!",plapperte Ginny.
Harry grinste. "Oh ja, das bin ich wirklich. Obwohl ich es immer noch nicht ganz verstehe. Wenn Sirius-" Er wurde von einer zornigen Stimme unterbrochen. Sie kam aus dem Erdgeschoss. "Ginny, geh sofort wieder ins Bett und bleib da! Warum bist du überhaupt wieder hinausgegangen?" Bei diesen Worten schnitt Ginny eine Grimasse und formte mit dem Mund die Worte, die wohl Mrs Weasley gesagt hatte. Harry kicherte. Ginny sagte:"Also dann, gute Nacht!" und sie ging von dannen. Harry, Ron und Hermine schlenderten weiter in Richtung Schlafraum, doch plötzlich blieb Harry stehen. "Was ist los?",fragte Hermine beunruhigt, die jetzt auch stehen blieb. "Der Stein der Auferstehung",bemerkte Harry. "Was ist damit?",fragte Ron jetzt mit leicht besorgtem Gesichtsausdruck. "Als ich ihn in meiner Hand gedreht habe, zeigte er mir Sirius und Remus." Hermine und Ron erstarrten. Hermine fing an:"Du musst das sofort Dumble-",doch sie verstummte. Harry sah sie traurig an. Dumbledore war tot. Nichts konnte er ihm jetzt noch erzählen.
"Was ist, wenn diejenigen, die jetzt hier im Grimmauldplatz herumspazieren, von denen alle denken, sie seien Remus und Sirius, Todesser sind?",kreischte Hermine.
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