
von Aleta
Draco hatte schlecht geschlafen. Die wenigen Male, als er tatsächlich eingeschlafen war, war er bald darauf wieder hochgeschreckt, verängstigt, verwirrt, weil er wieder von dem letzten Jahr geträumt hatte. Er hatte immer noch nicht ganz verarbeitet, dass wirklich alles vorbei war, dass er in Sicherheit war, sogar in Hogwarts, wovon er noch nicht einmal zu träumen gewagt hätte.
Es war wie früher und auch wieder überhaupt nicht. Äußerlich merkte man dem Schloß nichts an, sämtliche Schäden der Schlacht waren beseitigt worden. Aber an den verschiedenen Gedenktafeln an den Wänden, den ernsten Gesichtern derjenigen, die die Schlacht überlebt hatten und an den fehlenden Gesichter derer, die es eben nicht geschafft hatten, merkte man, dass eben überhaupt nichts mehr so war wie früher.
Dracos Gedanken glitten zu seinem Patenonkel. Auch der Tränkemeister fehlte, die Kerker hatten sich mit dem erneuten Einzug Slughorns deutlich verändert. Doch den meisten Slytherins fehlte ihr Hauslehrer, war er zu ihnen doch immer – jedenfalls für seine Verhältnisse - nett gewesen, einer der wenigen, der sie nicht von vorneherein verurteilte.
In Dracos Hals bildete sich langsam ein Kloß. Er hätte gerne einmal ganz offen mit dem unnahbaren Mann geredet. Denn auch wenn er von sich wahrscheinlich behaupten konnte, er wäre einer der wenigen gewesen, die wirklich Severus Snapes Zuneigung besaßen, zu einem wirklichen Gespräch war es zwischen ihnen nie gekommen. Draco hatte sich nicht getraut und sein Patenonkel wäre von selber nie auf die Idee gekommen.
Seufzend sprang der junge Slytherin aus dem Bett, bevor seine Gedanken sich noch weiter verhedderten. Er wollte jetzt nicht über Snape nachdenken, wollte nicht zugeben, dass er ihm fehlte, wollte so sein wie alle anderen Schüler, deren größte Sorge es war, dass das erste Fach an diesem Tag nicht ihr Lieblingsfach war. Gut, wenn er fair war, war das inzwischen wohl bei den wenigsten die größte Sorge, aber trotzdem fand Draco, dass er es ungleich schwerer hatte.
Mit einer grimmigen Falte auf der Stirn zog er sich an und stürmte dann in Richtung Große Halle. Sämtliche Erstklässler, die ihm unterwegs begegneten, wichen ihm mit einem erschreckten Quieken aus, aber ausnahmsweise störte ihn das nicht, er nahm es noch nicht einmal wirklich wahr. Erst nachdem er ziemlich wahllos alle möglichen Gerichte gefuttert hatte, beruhigte er sich wieder und sein Gehirn wandte sich belangloseren Dingen zu. So veranlasste es ihn zum Beispiel, seinen Stundenplan hervorzuziehen und ihn zum ersten Mal zu überfliegen. Urgh, Verwandlung mit den Gryffindors, fing ja gut an. Dann Tränke, Geschichte der Zauberei, Freistunde und Zauberkunst… Also ein relativ normaler, nerviger Schulmorgen.
Beim Wegpacken fiel Dracos Blick auf Astoria, die an diesem Morgen bei anderen Slytherinmädchen saß und angeregt mit ihnen plauderte. Als sie jedoch aufsah und Dracos Blick begegnete, wandte der sich peinlich berührt ab, bemerkte aber gerade noch so ein feines Lächeln auf ihrem Gesicht. Lachte sie ihn jetzt aus, weil sie ihn beim Beobachten erwischt hatte oder lächelte sie ihn an oder… Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, tauchte Blaise neben ihm auf, so plötzlich, dass Draco regelrecht zusammenzuckte vor Schreck.
„Guten Morgen, Frühaufsteher! Seit wann muss man dich denn morgens nicht mehr aus dem Bett schmeißen?“, fragte der Slytherin gut gelaunt und lud sich erstmal eine Portion Schinken auf den Teller. Als Dracos Antwort jedoch ausblieb, sah er überrascht auf und musterte den Freund genauer.
„Sag mal, hast du nicht gut geschlafen? Du siehst völlig fertig aus.“
Draco schüttelte nur den Kopf. Zum Reden war er irgendwie noch nicht aufgelegt. Allerdings, bei der Erinnerung an ihr früheres morgendliches Ritual – das sehr häufig einen knurrenden Draco, Blaise sowie einen Becher kaltes Wasser beinhaltete – musste er dann doch leise lächeln. Kein Wunder war Blaise erstaunt, dass er schon hier war.
Zufrieden, dass er Draco wenigstens eine einigermaßen positive Reaktion entlocken konnte, wandte sich Blaise wieder seinem Frühstück zu. Er kam jedoch nicht weit, bevor er schon wieder gestört wurde. Dieses Mal davon, dass ein Mädchen von hinten die Arme um ihn legte. Doch nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, war diese Störung keine Störung. Blaise und Olivia begrüßten sich mit einem zärtlichen Kuss, bevor der Slytherin sich wieder Draco zuwandte, der nebendran saß und sehr vertieft seinen Kürbissaft beobachtete.
„Hey, Draco! Darf ich vorstellen, meine Freundin Olivia. Olivia, das ist Draco. So, Kinder, jetzt sagt schön artig Hallo“, vollendete er die Vorstellung in einem bemüht väterlichen Tonfall.
Olivia lachte und schlug ihn sanft auf den Hinterkopf. „Spinner! Wir sind durchaus selber in der Lage zu wissen, wie wir uns benehmen sollen!“
Damit wandte sie sich zu Draco und hielt ihm lächelnd die Hand hin. „Hallo Draco! Blaise hat schon so viel von dir erzählt, ich bin ganz froh, dich auch mal wirklich kennenzulernen. Bisher hab ich dich immer nur mal von weitem gesehen…“
Draco gab sich einen Ruck, um über die Überraschung über den vertrauten Umgang der beiden hinwegzukommen. Merlin, was erwartete er? Die beiden waren seit einem halben Jahr ein Paar, sollten sie sich vielleicht noch siezen?
„Hallo Olivia. Wie ich das so sehe, hast du Blaise ja ganz gut im Griff“, grinste er, während er ihr die Hand gab. „Gut so, lass dich von ihm nicht unterkriegen!“
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