Die Jahre danach - Wichtige Entscheidungen
von Aleta
Überrascht hob Blaise den Kopf. Vor ihm stand eine ältere Frau, die ihm sofort unsympathisch war, obwohl er selber nicht wusste, warum. Irgendetwas Undefinierbares lag in ihren Augen, ein harter, kalter Ausdruck.
In Gedanken schalt er sich selbst, dass er automatisch mit einer jungen, hübschen Hexe gerechnet hatte. Jetzt musste er halt mit dieser hier auskommen.
„Der bin ich. Sind Sie die Assistenzhexe, die mir alles erklären soll?“, erkundigte er sich höflich.
„Exakt. Folgen Sie mir.“
Blaise stand auf und ging der wortkargen Hexe hinterher. Na, das würde ja was werden, dachte er bei sich.
Sie gingen den Flur entlang, bis die Hexe einen Raum betrat. Neugierig folgte ihr Blaise und sah sich um.
Es schien, als stünde er in einem Labor, oder zumindest etwas sehr ähnlichem. An den Wänden entlang waren Regale aufgestellt, die mit Flaschen und dosenähnlichen Behältern gefüllt waren. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch, auf dem ein Stapel Pergament, eine Waage und ein undefinierbares Etwas lagen.
Während Blaise sich noch umsah, war die Hexe an den Tisch getreten. Ungeduldig winkte sie Blaise, näher zu kommen. Der gehorchte und trat neben sie.
„Passen Sie auf. Diese Bögen“, sie drückte dem verdutzten Blaise den Stapel Pergament in die Arme, „erklären Ihnen noch einmal alles, was Sie beachten müssen. Passen Sie also jetzt gut auf und lesen Sie sich das heute Abend noch einmal durch, dann kann nichts passieren.
Ich werde Ihnen jetzt ein paar Tränke und Heilkräuter mitgeben. Achten Sie darauf, dass Sie die vorgeschrieben Zeiten und Mengen einhalten. Ein Fehler hat schwerwiegende Folgen.“
Blaise runzelte über den unfreundlichen Ton der Hexe unwillkürlich die Stirn. Zwar bemühte er sich trotzdem, ihren Ausführungen zu folgen, doch konnte er nicht verhindern, dass seine Gedanken manchmal ein wenig abschweiften. Ob Heiler etwas für ihn wäre? Solange er nicht ständig mit Frauen wie dieser zu tun hatte, schmunzelte er in Gedanken.
Schuldbewusst riss er sich gleich darauf zusammen und bemühte sich, wieder zuzuhören.
Endlich war die Assistenzhexe jedoch fertig und er durfte gehen, die Arme vollgepackt mit Pergamentbögen, Tränken und Kräutern. Kaum hatte er den Raum verlassen, zückte er seinen Zauberstab und schickte das ganze Zeug schon einmal heim.
Dann sah er sich suchend um. Ob Draco schon irgendwo wartete? Doch er konnte ihn nirgends entdecken.
Dafür sah er den Heiler, mit dem er sich vorhin schon einmal unterhalten hatte. Die beiden Männer gingen aufeinander zu und der Heiler erkundigte sich mit einem leichten Zwinkern in den Augen: „Hat Ihnen unsere Assistenzhexe alles erklären können oder hat sie Sie eher entmutigt?“
Blaise grinste trocken. „Naja, verstanden hab ich es jetzt schon. Das ist ja auch die Hauptsache. Ansonsten...“ Er lachte und der Heiler grinste zurück. Anscheinend war diese Frau eine richtige Hexe. Über dieses Wortspiel musste er noch mehr grinsen.
Doch plötzlich fiel ihm ein, dass er ja Draco suchen wollte und er wurde wieder ernst.
„Sagen Sie, wissen Sie, wo ich Draco finden kann?“ In Gedanken wäre Blaise danach am liebsten im Boden versunken. Das klang ja mal richtig kindisch.
Der Heiler schien jedoch nichts zu bemerken und erwiderte: „Er wird sofort hier sein. Wahrscheinlich haben sich die letzten Untersuchungen ein wenig verzögert. Setzen Sie sich solange noch ein wenig hin. Ich muss jetzt allerdings wieder einmal weiter. Alles Gute!“
„Danke schön“, murmelte Blaise überrascht. Bevor ihm jedoch eine vernünftige Antwort einfallen wollte, war der Heiler schon verschwunden.
Verwundert setzte Blaise sich zum wiederholten Mal auf einen der Stühle und wartete darauf, dass eines der Zimmer seinen Freund hergeben würde.
*~*
Draco trat ein wenig schwankend durch die Tür und hielt sich an ihr fest. Suchend sah er sich um.
Blaise war schon aufgesprungen und auf ihn zugelaufen. „Draco!“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Draco sah schrecklich aus, bleich wie ein Bettlaken. So fühlte er sich auch, überhaupt nicht in der Lage, einen einigermaßen klaren Gedanken zu fassen.
Blaise ging auf ihn zu und griff stützend nach ihm. „Jetzt gehen wir erst einmal nach Hause, ok?“
Draco konnte nur nicken. Er fühlte sich, als hätte jemand seinen Kopf genommen, mit dem Schmiedehammer bearbeitet und dann in Watte gepackt. Unsicher ging er ein paar Schritte, dankbar für Blaise‘ Stütze. Blaise. Irgendetwas in seinem Hinterkopf versuchte verzweifelt, Aufmerksamkeit zu erregen. Es war wichtig, soviel wusste Draco. Aber was war es?
Kaum waren die beiden daheim angekommen, steckte Blaise seinen besten Freund unverzüglich ins Bett. Dracos gemurmelte Dankesworte hörte er, beschloss aber, mit seiner Aktion darauf und auch auf Dracos Selbstmordversuch noch zu warten.
Er ging ins Wohnzimmer und blieb mitten im Raum stehen. Was sollte er jetzt tun? Er fühlte sich so planlos und leer. Er ließ den Blick durch den Raum schweifen und blieb am Sofa hängen. Warum eigentlich nicht? Der Tag war anstrengend genug gewesen.
So lagen nun sowohl Draco als auch Blaise da und schliefen tief und fest.
~*~
Draco bewegte sich und murmelte etwas. Vom Klang seiner Stimme wachte er auf und sah sich verwirrt um. Nach und nach fiel ihm alles wieder ein – der Abend, an dem Professor McGonagall da gewesen war, um ihm zu sagen, dass er nicht angeklagt werden würde und nach Hogwarts zurückdürfe, das Frühstück, bei dem er und Blaise miteinander gelacht hatten, der Besuch bei Gringotts und der Buchhandlung, die Dunkelheit. Und dann plötzlich keine schützende Dunkelheit, sondern gleißendes Licht, Stimmen. Irgendwann hatte sich das Licht wieder normalisiert und er hatte erkannt, dass um ihn herum Heiler standen und ihn angespannt beobachteten.
Dann der Weg nach Hause mit Blaise.... Blaise! Jetzt wusste Draco wieder, was ihm auf dem Rückweg nicht einfallen wollte. Langsam stand er auf, immer noch ein wenig schwummrig im Kopf, aber es ging. Er ging hinüber ins Wohnzimmer und blieb sofort wieder stehen, als er Blaise schlafen sah. Dann musste das halt noch ein wenig warten, beschloss Draco und ging hinüber in die Küche, wo er sich erleichtert auf einen Stuhl fallen ließ. So richtig gut ging es ihm immer noch nicht.
Nachdenklich sah er aus dem Fenster in die dunkle Nachbarschaft hinaus. Obwohl es bereits dunkel war, wusste Draco, wie es da draußen aussah, hatte er doch schon öfter so dagesessen.
Eine nette kleine Siedlung mit größtenteils Einfamilienhäusern und gepflegten Vorgärten, in denen häufig Kinder spielten. Das Haus, in dem Blaise seine Wohnung hatte, war eines der wenigen mit Einzelwohnungen. Mit Blaise‘ Nachbarn, einem jungen Ehepaar, hatte Draco noch nicht sehr viel zu tun gehabt.
Seufzend stützte er den Kopf in die Hände und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Wie sollte es jetzt weitergehen? Er hatte Angst, vor dem, was ihn nun erwartete, aber auf eine Art war er sogar froh, noch am Leben zu sein. Er versuchte sich vorzustellen... Nein, das ging nicht. Doch er wusste, in dem Moment war es ihm als der einzige Ausweg erschienen. Er wollte und konnte so nicht weiterleben, immer in der Angst, jemand könnte etwas über seine Vergangenheit herausfinden und ihn dafür hassen.
Da flog eine Taube an seinem Fenster vorbei. Es war gewiss nicht die erste, die Draco sah, aber irgendetwas an der Art, wie sie da vorbeiflog, berührte etwas in ihm. Ein weißer Blitz in der Dunkelheit.
Was wäre denn, wenn er so gar nicht leben müsste? Wenn er einfach versuchen würde, ein Mensch zu sein, den man nicht für seine Vergangenheit als Todesser verachtete oder hasste, sondern achtete wegen etwas, das er selber erreicht hatte? Plötzlich wurde ihm klar, dass er dazu erst einmal selber mit sich ins Reine kommen musste. Er ahnte, dass die Bemerkungen des Kobolds und des Verkäufers ihn deshalb so getroffen hatten, weil er selber im tiefsten Innern seines Herzens genauso dachte.
Ihm war klar, dass er viele Fehler gemacht hatte. Aber er hätte so gerne anders gehandelt, bloß.... Ja, warum eigentlich? War er feige? Zuerst wies er diesen Gedanken weit von sich, nur, um ihn gleich darauf wieder herzuholen und genauer zu betrachten. Ja, entschied er, er war feige gewesen. Oft. Wenn er sich mal wieder nicht getraut hatte, seinem Vater zu helfen, oder, später, bei den Befehlen des Dunklen Lords ein wenig zu „tricksen“, sodass mehr Leute hätten am Leben bleiben können. Oder als entschloss, sich lieber umzubringen, anstatt sich ein neues Leben aufzubauen.
Er wusste, dass er keinen seiner Fehler wiedergutmachen konnte. Aber er wollte nicht mehr feige sein, wollte sich nicht mehr drücken. Auch wenn es verdammt schwer werden würde. Auch wenn er wusste, dass er Hilfe brauchen würde. Alleine wäre es für ihn unmöglich, das zu erreichen.
Ein leises Lächeln spielte um seine Lippen, als er über seinen letzten Gedanken noch einmal nachdachte. Ein Malfoy, der offen zugab, Hilfe zu brauchen. Aber: wollte er eigentlich noch ein Malfoy sein? Ein Malfoy, der Muggel und Muggelgeborene verachtet, der den Dunklen Lord verehrt, der nie Schwäche zeigen darf? Nein, entschied er. Er war Draco Malfoy. Nicht bloß „Lucius Malfoys Sohn“ oder ein „Todesser“. Nein. Er war Draco.
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Schauspielern ist schwerer, als die Leute denken, aber es ist fantastisch. Ich liebe jede Sekunde davon.
Daniel Radcliffe