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Fanfiction

I want to hold your hand - Schattentheater

von jujube58

Schattentheater



Jeder Mensch hat einen Schatten.
Mal ist er neben dir, mal vor, mal hinter, mal direkt unter dir.
Mal ist er groß und dünn, mal klein und dick. Mal tiefschwarz, mal eher grau.
Mal ist er dir ein lieber Begleiter, dein Beschützer, der die Einsamkeit weniger beunruhigend macht, mal nervt er und stört eigentlich nur.
Mal brauchst du ihn, um Schattenticken zu spielen, mal wärst du ohne ihn besser dran, weil er dich beim Versteckspiel verrät.
Mal kannst du deinen Schatten gut sehen, mal ist er unsichtbar.
Aber er ist immer da, außer du heißt Peter Pan, dann kommt es vor, dass du deinen Schatten schon mal verlierst.
Aber jeder Mensch hat nur einen Schatten, jeder, außer mir.


Ich hatte immer schon einen Schatten, der mir folgte, den ich liebte, den ich verfluchte. So wie jeder andere Mensch einen hatte. Einen Schatten, der mein Abbild war, ich, schwarz auf dem Asphalt.

Als ich in der vierten oder fünften Klasse war, bekam ich einen zweiten Schatten. Er war neben mir, egal, was kam. In den Stunden saß er am Tisch neben meinem. In der Großen Halle setzten er und seine Freunde sich neben mich und meine Freundinnen. Im Gemeinschaftsraum warf er sich neben mir aufs Sofa. Dadurch musste er einige Schimpftiraden, sowie blaue Flecken und giftige Blicke ertragen. Aber er war immer neben mir.

Er stellte sich viele Male vor mich, um mich zu schützen, als ich von Slytherins beschimpft wurde, weil ich muggelstämmig bin. Dabei bekam er einige Flüche und Beschimpfungen ab. Aber er war immer vor mir.

Egal, was ich auch machte oder wollte, egal, wie blöd die Idee war, er stand hinter mir. Als ich unbedingt Wahrsagen abwählen und Alte Runen machen wollte, ging er mit zu Professor McGonagall, überzeugte sie und half mir ein Jahr versäumten Stoff aufzuholen. Dadurch handelte er sich einigen Stress mit unserer Hauslehrerin, die besserwisserischste Nachhilfeschülerin der Welt und mehrmaliges Nachsitzen wegen nicht gemachter Hausaufgaben ein. Aber er war immer hinter mir.

Einmal stand er direkt unter mir und fing mich, als ich aus einem Fenster im zweiten Stock fiel. Danach musste er in den Krankenflügel, weil er sich am Rücken verletzt hatte, als er, mich in den Armen, auf dem Boden aufkam. Ich landete genau auf ihm. Aber er war da, direkt unter mir.

Mein Schatten veränderte sich fast nie. Er wuchs nur ein wenig und überragte mich irgendwann um einen Kopf. Er hatte schwarze, am Hinterkopf abstehende, Haare und haselnussbraune Augen, er war schlank und athletisch, da er viel flog und Sport trieb. Er sah immer gleich aus, sah immer gut aus, wofür ich ihn eigentlich hassen müsste, obwohl ich es nicht konnte. Aber er war da.

Manchmal freute ich mich über seine Anwesenheit. Besonders, als ich mich im Dunkeln im Wald verirrt hatte. Oder, als meine Eltern starben und er als einer der wenigen nicht vor meinen Tränen und meinem Kummer davongelaufen ist. In diesen Momenten war er mir ein lieber und treuer Begleiter, den ich nicht missen wollte, weil er mir ein Stück meiner Angst genommen und somit vieles einfacher gemacht hat. Das hat ihm meine Dankbarkeit und dadurch viele weitere Tränen meinerseits eingebracht, die er ertragen musste. Aber er war da.

Doch meistens nervte er mich, er störte, er war fehl am Platze. Er unterbrach mich bei den Hausaufgaben oder in der Bibliothek. Nervte mich mit seinen Bitten um ein Date und seiner manchmal kindischen und angeberischen Art. Dafür musste er lautes Schreien und so manche Ohrfeige hinnehmen. Aber er war trotzdem da.

Einige Male war mein Schatten notwendig, damit ich Dinge schaffte. Besonders, als wir beide Schulsprecher wurden und zusammen Kontrollgänge durch das Schoss machen mussten. Ohne ihn wäre ich sicherlich nicht immer unbeschadet in mein Zimmer zurückgekehrt. Und manchmal musste er mir in Zauberkunst helfen, weil ich sonst mit meinen Hausaufgaben nicht fertig geworden wäre. Das hat ihm so manchen dankbaren Blick, jedoch auch einige Male die kalte Schulter eingebracht, weil ich nicht anerkennen wollte, dass er in etwas besser war als ich. Aber er war da.

Ab und zu störte die Anwesenheit meines Schattens gewaltig. An manchen Tagen suchte ich einfach nur Ruhe und Einsamkeit. Er kam immer sehr schnell hinter mir her, sodass auch meine Freundinnen wussten, wo ich war. Obwohl ich vor ihnen und in meine eigenen Gedanken geflüchtet war. Lautes Schreien, Beschimpfungen und der Versuch ihn zu verhexen waren für ihn die ganz normale Konsequenz für sein Verhalten. Aber er war trotzdem da.

Mein Schatten war immer da, manchmal sichtbar, wenn er direkt neben mir stand, manchmal unsichtbar. Dann tauchte er meist wie aus dem Nichts in meinen Gedanken auf, ich konnte nicht anders, ich musste darüber nachgrübeln, was er wohl gerade machte, warum er so viel für mich tat, ohne sich von meiner Reaktion abschrecken zu lassen, wie es jeder andere Mensch getan hätte, ob er mich wirklich mochte. Ob er mich so richtig mochte, mehr, als man eine Klassenkameradin oder Freundin mag. Ich muss zugeben, dass ich das hoffte.

Und weil er ein Schatten war, war er nie weg. Er war immer da, ich konnte ihn nicht verlieren, weil ich nicht Peter Pan heiße. Mein Schatten bleibt bei mir, ganz egal, wie ich ihn behandle. Aber ich habe mir überlegt, dass es vielleicht besser ist, wenn ich ihm zeige, dass er mir nicht völlig egal ist und ich ihn eigentlich brauche, selbst wenn es anders aussehen mochte.

Mein Schatten heißt James Potter und irgendwann beschloss ich, auch zum Schatten zu werden: zu seinem Schatten. So wie er neben, vor, hinter und unter mir stand, so wie er mir mal ein lieber Begleiter war und mal nur nervte, so wie er mal gebraucht wurde und mal nicht, so wie er mal sichtbar und mal unsichtbar über mich wachte, so wie er nie verloren gehen konnte. So wie er meiner war, so wollte ich sein Schatten sein.


Ihm schien diese Idee zu gefallen. Und als wir uns das erste Mal im Mondlicht küssten, wurden unsere Schatten eins, sie verbanden sich und werden hoffentlich nie wieder getrennt sein.


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