Coniunctio perpetua - Kapitel 23 — Das Tribunal (Part 1)
von Alea_Thoron
DISCLAIMER: Ich verdiene kein Geld damit, habe jedoch genau den unglaublichen Spaß, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Alle agierenden Personen gehören JKR. Ich habe sie mir heimlich ausgeborgt, verspreche aber, gut auf sie aufzupassen und sie wohlbehalten und an Erfahrungen reicher und gereifter wieder zurückzugeben.
Beta: Deep Water — Mein ganz spezieller Dank gilt meinem Beta, der eigentlich mein Vater ist, und der es sich trotz seiner schweren Krankheit nicht nehmen ließ, mein erster Kritiker zu sein.
A/N: Ich bin mir bewusst, dass Albus Dumbledore in den synchronisierten Filmen und ins Deutsche übersetzten Büchern Severus Snape niemals geduzt hat. Trotzdem bin ich in dieser Story davon abgewichen, weil ich glaube, dass dies ein Manko — kein Fehler — in der Übersetzung ist. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob der deutsche Übersetzer bei JKR diesbezüglich nachgefragt hat. Dumbledore hätte jedoch sein Vertrauen in Severus, das er laut JKR gehabt und schließlich oft genug gegenüber Harry beteuert hat, glaubwürdiger ‘rüberbringen können, indem er Severus diese Möglichkeit einräumte.
Coniunctio perpetua by Alea Thoron
Kapitel 23 — Das Tribunal (Part 1)
Als sie zu den Fahrstühlen gingen, um hinab in den neunten Stock zu fahren, kamen sie an der Stelle vorbei, an der früher der Springbrunnen mit den goldenen Figuren gestanden hatte. Hermione blieb für einen Augenblick stehen. Auf ihren Armen bildete sich unwillkürlich eine Gänsehaut, als sie daran dachte, welche Bedeutung dieses Monument in der Ära Voldemorts gehabt hatte. Jetzt waren dort nur noch die Überreste des riesigen schwarzen Sockels zu erkennen, dessen Inschrift ‘Magie ist Macht’ dermaßen zerkratzt war, dass nur noch mit Mühe einzelne Buchstaben entziffert werden konnten. Die dazugehörigen Figuren, die sie von ihrem damaligen Eindringen ins Ministerium noch gut in Erinnerung hatte, lagen in kleine Stücke zerschlagen in einer dunklen Ecke des Atriums. Sie spürte, wie eine warme Hand sich beruhigend um ihren Oberarm legte. Als sie aufsah, blickte sie direkt in die schwarzen Augen von Severus, der ihr unmerklich zunickte.
Sie fuhren hinunter und nahmen dann die Treppe, um in die Ebene Zehn zu gelangen, wo sich die Gerichtssäle befanden. Der Gerichtssaal Zehn war anscheinend bereits überfüllt, wie Hermione mit einem einzigen Blick durch die noch geöffneten Flügeltüren und anhand der vorherrschenden Lautstärke feststellen konnte.
Immer noch strömten Menschen in den bereits überfüllten Gerichtssaal, in der Hoffnung, noch einen freien Platz zu ergattern. Die Weasleys schoben sich an ihnen vorbei — ohne ein einziges Wort — und verschwanden durch die Flügeltüren. Hermione sah aus dem Augenwinkel, wie Professor McGonagall enttäuscht den Kopf schüttelte. Sie schien bis jetzt gehofft zu haben, dass gerade Molly Weasley noch einmal in Ruhe über ihre Ansichten und ihr Verhalten nachdenken und zu einer anderen Überzeugung kommen würde. Molly war schließlich — auch wenn Arthur bestimmt diese Meinung vehement bestreiten würde — in dieser Familie das eigentliche Familienoberhaupt; was sie bestimmte, musste widerspruchslos ausgeführt werden. Doch nun hatte sich Minerva McGonagalls Hoffnung ganz offensichtlich zerschlagen.
»Wir sollten ebenfalls besser hineingehen«, sagte Minerva leise. Schweigend folgten sie dieser Aufforderung. In Ermangelung einer anderen Alternative und da sie schließlich als Zeugen geladen worden waren, setzten sie sich auf die für Zeugen reservierten Plätze. Hermione entdeckte gleich oberhalb der Zeugenbank die Weasleys. Links daneben, ganz außen am Gang, hatte Madoc Rogers noch einen Platz gefunden. Er lächelte Hermione zu, die dieses Lächeln vorbehaltslos erwiderte. Sie konnte nicht anders, als sich einzugestehen, dass sie ihn vom ersten Moment an gemocht hatte. Und dies schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen.
Kaum hatten sie den Raum betreten, da schwoll die Lautstärke noch weiter an. Viele Zuschauer stießen einander an, um sich gegenseitig darauf aufmerksam zu machen, dass Severus Snape — und an seiner Seite die Kriegshelden Harry Potter und Hermione Granger — den Gerichtssaal betreten hatte. Jeder der Anwesenden versuchte, auf irgendeine Art wenigstens einen kurzen Blick auf den Ex-Todesser und Ex-Spion Severus Snape zu erhaschen, dessen Geschichte seit Wochen alle magischen Medien beherrschte, selbst wenn sie sich dafür den Hals verrenken mussten.
Hermione nahm sich bewusst die Zeit, sich neugierig umzuschauen. Sie selbst war noch nie hier gewesen, aber sie wusste, dass Harrys Anhörung vor Beginn seines fünften Schuljahres in diesem Raum stattgefunden hatte. Erst jetzt kam es Hermione zu Bewusstsein, wie einschüchternd, wenn nicht gar Furcht einflößend eine solche Atmosphäre trotz des Beistandes von Albus Dumbledore auf einen vierzehnjährigen Jungen gewirkt haben musste. Sie fühlte sich stark an die Amphitheater im alten Griechenland erinnert, die sie vor vielen Jahren mit ihren Eltern im Urlaub besichtigt hatte, als sie den ersten Eindruck in sich aufnahm, nur dass diese viel heller und freundlicher gewesen sein mussten, als irgendetwas in diesem Saal hier.
Der ovale Raum, dessen Wände aus dunklem Stein bestanden und der durch die wenigen Fackeln nur spärlich beleuchtet wurde, strahlte an sich bereits eine sehr düstere Atmosphäre aus. Noch bedrückender wirkte der Gerichtssaal durch den Anblick des Stuhles für den Angeklagten, der in der Mitte des Raumes stand und an dessen Armlehnen Ketten befestigt waren, die den Angeklagten selbsttätig fesseln konnten. Sie konnte ein Erschauern nicht unterdrücken.
An den Wänden befanden sich ansteigende Sitzreihen, von denen mehrere obere Bankreihen bereits zum Bersten mit Zuschauern gefüllt waren, die das Tribunal aus nächster Nähe verfolgen wollten. Hermione konnte oben keine freien Plätze mehr erkennen, ganz im Gegenteil, die Zuschauer saßen wie Sardinen in einer Büchse dicht aneinander gedrängt, um so vielen Menschen wie möglich Platz zu bieten.
Die unterste Sitzreihe rechts vom Eingang, die wahrscheinlich für Zeugen reserviert und bis jetzt noch leer war, wurde durch den Hohen Stuhl für den Ankläger begrenzt. Rechter Hand des Anklägers saß der Gerichtshof, eine Art Jury, mit seinem Vorsitzenden, der am Ende der Befragung das Urteil des Zaubergamots verkünden würde. Dieser Gerichtshof war nach der endgültigen Vernichtung Voldemorts erneut ins Leben gerufen worden, nachdem dieses Gremium bereits nach dem ersten Sturz Voldemorts die Verfahren gegen die damals angeklagten Todesser geführt hatte. Die über 50 Mitglieder des Zaubergamots trugen pflaumenblaue Roben mit einem kunstvoll gestickten silbernen ‘W’ auf der linken Brust und saßen in der für sie vorgesehenen Galerie über dem Ankläger, von der aus sie den Stuhl des Angeklagten bestens im Blick hatten.
Beklemmung machte sich in Hermione breit, presste für einen Augenblick ihren Brustkorb zusammen, als sie neben Severus auf der harten Zeugenbank Platz nahm. Hinter sich konnte sie die Weasleys miteinander flüstern hören, obwohl sie die Worte nicht verstand. Ihre Augen schweiften unablässig zwischen dem Vorsitzenden des Zaubergamots und dem Ankläger hin und her. Sie konnte sich nicht darüber klar werden, in wen von beiden sie ihre Hoffnung setzen sollte. Sie merkte nicht, dass neben ihr Severus sich völlig in sich selbst zurückgezogen hatte.
Severus konnte kaum atmen. Sein Blick hing wie gebannt an dem Kettenstuhl in der Mitte des Raumes. Er hatte nicht geahnt, dass er nach all diesen Jahren immer noch so angsterfüllt und aufgewühlt auf diesen Anblick reagieren würde, hatte nicht vermutet, dass eine unsichtbare Kraft seinen Brustkorb zusammenpressen würde.
Flashback
Nur die Mitglieder des Inneren Zirkels wussten, dass der Dunkle Lord nach Godric's Hollow appariert war, um den Sohn der Potters zu töten. Doch niemand von ihnen hatte eine Vorstellung davon, was dort an Halloween wirklich mit ihrem Master geschehen war. Ein Teil der Todesser, darunter auch Severus, hatten sich mit Eulen untereinander verständigt, hatten in der Wildnis von Rowardennan am Loch Lomond ein Treffen vereinbart. Auf welche Art und Weise das Ministerium davon Kenntnis erhalten hatte, war Severus bis heute ein Rätsel. Allerdings hatten sie davon erfahren, wie sich zeigte, als Auroren plötzlich wie aus dem Nichts auftauchten, die Gruppe umstellten und sofort die Kampfhandlungen eröffneten. Die von ihnen gelegte Appariersperre bewirkte, dass niemand der Anhänger Voldemorts flüchten konnte.
Severus fand sich in einer dunklen nassen Zelle in einer der tiefsten Ebenen von Azkaban wieder. Er wusste, dass seine Festnahme am 05. November erfolgt war, doch er hatte keine Ahnung, wieviel Zeit seitdem verstrichen sein mochte. Inzwischen hatte er jegliches Zeitgefühl verloren und ohne ein Fenster war es ihm sogar unmöglich festzustellen, ob es Tag oder Nacht war. Wieder spürte er eine eiskalte Hand nach sich greifen, als einer der unbarmherzigen Wächter des Zauberergefängnisses an seiner Zellentür vorbeischwebte. Schwere Schritte von groben Stiefeln näherten sich, doch der Kelch ging dieses Mal an ihm vorbei, wie er begriff, als sie sich von seiner Zelle fortbewegten.
Er drehte sich erleichtert auf der klammen Strohunterlage auf die andere Seite. Dies war die einzige Stellung, die sein geschundener Körper noch zuließ. Hätte ihm vor wenigen Monaten jemand gesagt, dass sich die Verhörmethoden des Ministeriums nicht oder nur wenig von denen Voldemorts unterschieden, er hätte es nicht geglaubt. Nun jedoch war seine Kehle rauh von seinen Schreien, und die magische Peitsche und die Cruciatus-Flüche hatten ganze Arbeit geleistet. Doch es würde mehr brauchen, um ihn zu brechen. Er hatte geschworen, sich einer Aufgabe zu stellen, und diese Aufgabe war noch nicht beendet.
Von Anfang an hatte er versucht, so wenig wie möglich an Lily zu denken, hatte es bis auf wenige Ausnahmen geschafft, die schönen Erinnerungen auszublenden und sich nur an das Schlimme und seine eigene Rolle dabei zu erinnern. Um nicht völlig den Verstand zu verlieren, begann er mental, Zaubertrankzutaten und deren Wirkungsweise gebetsmühlenhaft aufzulisten und uralte Rezepturen aus seiner Erinnerung heraufzubeschwören.
Der Erfolg gab ihm Recht. Als sie ihn irgendwann aus seiner Zelle schleiften und in Ketten in den Gerichtssaal Zehn zerrten, war sein Verstand noch genauso messerscharf wie vor seiner Inhaftierung. Innerlich fröstelnd musste Severus dann feststellen, dass er fast zwei Monate in Azkaban verbracht hatte. Weihnachten war gerade vorbei — nicht das er sich seit dem Tod seiner Mutter aus Weihnachten irgendetwas gemacht hätte.
Und der einzige Mann, der für ihn und seine Zukunft jetzt wichtig war, saß neben ihm in einem quietschbunten Sessel. Albus Dumbledore schaffte es, mit seiner Aussage und seinem Gewicht in der magischen Welt für Severus’ Freilassung zu sorgen. Seit jenem Tag feierte Severus jedes Jahr mit sich allein und einem großen Glas Ogden’s Old Firewhisky ganz still am 29. Dezember seinen zweiten Geburtstag.
Flashback Ende
Ein tiefer Gong ertönte, der Severus aus seiner Starre riss, und die Flügeltüren schlossen sich magisch.
Als der Vorsitzende, Zacharias Goldstein, der die Anhörung leiten würde, sich erhob, verstummten die Zuschauer im Saal augenblicklich. »Hiermit eröffne ich die heutige Anhörung von Severus Snape, Meister der Zaubertränke und Schulleiter an der Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei zur Klärung der Vorwürfe hinsichtlich des Mordes an Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore, der Vorkommnisse in der Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei während Voldemorts Terror-Herrschaft sowie der Mitgliedschaft in der Verschwörergruppe um Lord Voldemort mit dem Ziel, die magische Gemeinschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern, die bestehenden politischen Strukturen zu zerstören und in einem Staatsstreich die Herrschaft an sich zu reißen.«
Severus hatte während der Ansprache überrascht kurz den Kopf gehoben. Er konnte nicht glauben, was er eben gehört, beziehungsweise nicht gehört hatte. Goldstein musste vergessen haben, das Wort ‘ehemaliger’ vor die Bezeichnung ‘Schulleiter’ zu setzen, denn ansonsten würde dies bedeuten, dass er immer noch Schulleiter von Hogwarts wäre. Er sah zu Minerva hinüber, die seinen Blick und auch seine Überraschung bemerkt hatte.
»Der Schulbeirat von Hogwarts hat dich bis heute nicht abgesetzt, Severus«, flüsterte sie ihm zu.
Diese Aussage war so unglaublich, dass seine Augenbrauen im selben Moment bis zu seinem Haaransatz schossen. Das konnte nur ein Versehen sein. »Wieso?«
Doch Goldstein sprach bereits weiter, so dass Minerva keine Zeit für eine Antwort blieb. »In Abänderung der Abläufe eines regulären Gerichtsprozesses und entgegen den sonstigen Gepflogenheiten dieses Gremiums hat der Zaubergamot beschlossen, dem Amtierenden Zaubereiminister, Kingsley Shacklebolt, zu Beginn dieser Anhörung die Gelegenheit zu einer Äußerung zu geben. Aus diesem Grund erteile ich ihm hiermit das Wort«, erklärte er mit Nachdruck.
Kingsley Shacklebolt erhob sich von seinem Platz und trat in die Mitte des Saales, wo er sich direkt vor den immer noch leeren Stuhl des Angeklagten stellte. »Alle in diesem Gerichtssaal und hoffentlich viele in der magischen Welt wissen, dass ich am Morgen nach der Schlacht von Hogwarts, die von denjenigen, die selbst dabei waren, als ‘Die Letzte Schlacht’ bezeichnet wird, zum Amtierenden Zaubereiminister ernannt wurde. Allerdings kennt wahrscheinlich kaum einer von Ihnen den wirklichen Grund dafür.« Das daraufhin anhebende Gemurmel erstickte er allein durch seine Autorität im Keim.
»Nun … man hält mich für fähig, genau diese Grundfesten zu schützen, die Voldemort zu zerstören versuchte und zum Teil auch zerstört hat, da ich dies bereits seit Jahren im Verborgenen getan habe. Ich gehöre dem Orden des Phönix’ an.« Ein Raunen ging durch die Menge, doch Kingsley hob nach einigen Augenblicken die Hand.
»Nur den Wenigsten ist jedoch bekannt, dass ich bereits in den 70er Jahren, beim ersten Aufstieg Voldemorts zur Macht, dem ursprünglichen Orden beigetreten bin.«
Das war auch für Harry und Hermione neu, die einander verblüfft ansahen. Harry konnte sich nicht daran erinnern, dass er Shacklebolt auf dem Bild gesehen hatte, das Moody ihm damals gezeigt hatte. Doch der Amtierende Zaubereiminister sprach bereits unbeirrt weiter.
»Seit jener Zeit, also seit mehr als zwanzig Jahren, verbindet mich daher eine tiefe Freundschaft mit Albus Dumbledore, den ich als Mentor und väterlichen Freund betrachte. Am Morgen nach der Schlacht von Hogwarts wurde mir von Professor McGonagall mitgeteilt, dass Albus Dumbledore, beziehungsweise sein Portrait, mich dringend zu sprechen wünsche. Ich bin dieser Bitte nachgekommen …« Seine Stimme schwankte erheblich, so dass er sich gezwungen sah, für einen Moment zu schweigen. Man konnte erkennen, wie es in ihm arbeitete. und es dauerte auch eine ganze Weile, ehe seine Stimme ihm wieder gehorchte.
»Ich muss gestehen, dass dies mir sehr schwer gefallen ist — nein, ich glaube, der Weg durch das Flohnetz nach Hogwarts war der schwerste Gang, den ich jemals angetreten habe. Allein das Wissen, dass ich meinem alten Freund nicht — niemals wieder — von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzen würde, sondern mich nur noch mit seinem Portrait würde unterhalten können, ließ all jene Gefühle wieder hochkochen, die ich seinem Mörder gegenüber empfand.« Er blickte zu Severus hinüber, der in diesem Moment voller Qual die Augen senkte und sie dann schloss. Zum ersten Mal sah er hinter die Fassade, begriff, was Severus durchgemacht haben musste, verstand, wieviel es ihn gekostet haben musste, vor Zeugen scheinbar kaltblütig und aus niederen Beweggründen den Mann zu töten, den er als Freund und Ratgeber, vielleicht sogar als Vaterfigur angesehen hatte.
»Und doch kam es noch viel schlimmer, als ich es selbst befürchtet hatte. Albus Dumbledore wollte mit mir genau über diesen Mann reden. Bei unserem Gespräch gab er mir die Erklärungen für Severus Snapes Verhalten in den vergangenen Jahren, auch für den offensichtlichen Mord an ihm selbst, der in Wirklichkeit kein Mord war.« Die Betonung des Wortes ‘kein’ ließ einen Aufschrei der Entrüstung durch die Menge gehen.
Alle auf der Zeugenbank Sitzenden zuckten heftig zusammen. Mit dieser Reaktion der Zuschauer hatte niemand von ihnen gerechnet. Sie wussten, dass Harry in seinen beiden Interviews im Klitterer gerade auch dieses Thema angesprochen hatte, und auch Severus war in seinem Brief darauf eingegangen. Sie hatten versucht, das nahezu Unfassbare zu erklären, das Ausmaß dieses Verlustes in Worte zu fassen, die Dimension und Reichweite dieser Entscheidung begreiflich zu machen. Doch es schien nicht genug gewesen zu sein.
Ungläubig und wutentbrannt sprangen viele Zuschauer von ihren Plätzen auf, schrien und protestierten mit geballten Fäusten drohend in der Luft. Manche versuchten sogar, ihre Zauberstäbe zu ziehen, was durch die Enge bedingt jedoch nur Wenigen gelang. Auch ein Großteil der Mitglieder des Zaubergamots reagierte verstört und ungläubig auf diese Äußerung. Die postierten Auroren zogen zwar ebenfalls ihre Zauberstäbe, konnten der geballten Masse jedoch kaum etwas entgegensetzen. Der gesamte Saal stand kurz vor dem Ausbruch von Handgreiflichkeiten.
Hermione beobachtete voller Besorgnis die Vorgänge um sie herum. Die aufgebrachte Menge war kaum noch zu kontrollieren. Doch etwas anderes verursachte ihr merkwürdigerweise regelrecht Unbehagen. Sie hatte bemerkt, wie John Dawlish sich mit gezogenem Zauberstab möglichst unauffällig immer näher an die Gruppe auf der Zeugenbank heranschob. Zunächst ging sie davon aus, er wolle sie — wie es seine Aufgabe als Auror war — vor dem wütenden Mob beschützen, doch irgendetwas in seinen Augen ließ sie aus undefinierbaren Gründen daran zweifeln. Aus nächster Nähe richtete er unvermittelt ohne erkennbaren Grund seinen Zauberstab auf Severus Snape und schrie »Avada Ke—«
»Stupor!«
»Expelliarmus!«
»Stupor!«
»Stupor!«
»Petrificus Totalus! Incarcerus!«
Alle Zauber trafen Dawlish gleichzeitig mitten in die Brust, wobei die drei Schockzauber bewirkten, dass dieser sich durch deren enorme Kraft mehrfach um sich selbst drehte, während er nach hinten geworfen wurde und wie eine gefällte Eiche stocksteif und mit Seilen verschnürt bäuchlings auf dem Boden aufschlug. Harry, Hermione, Madoc Rogers und Minerva McGonagall standen regungslos und mit starren Gesichtszügen über seinem Körper, ihre Zauberstäbe direkt in seinen Rücken auf sein Herz gerichtet. Madoc Rogers hielt Dawlishs Zauberstab in seiner geballten Faust. Totenstille erfüllte den Raum.
Hermione fuhr urplötzlich herum. Ihre Augen waren weit aufgerissen, ihre Finger regelrecht um den Griff ihres Zauberstabes gekrampft. Sie starrte auf Severus, dessen Hautfarbe — ansonsten schon bleich — jetzt nur als aschfahl zu bezeichnen war. Sein Ebenholz-Zauberstab war nach unten gerichtet, seine Hand völlig ruhig. Ihre Augen begegneten seinen und er erkannte auf den ersten Blick, dass sie kurz vor einem Zusammenbruch stand. Severus wusste in diesem Moment, dass er den Augenkontakt nicht unterbrechen durfte, wenn er nicht riskieren wollte, dass Hermione hier und jetzt vor seinen Augen zusammenklappen würde. Er versuchte deshalb, mit einem nonverbalen Zauber so viel von seiner Kraft auf sie überzuleiten wie möglich. Hermione spürte nur, wie der Schock nachließ und Ruhe sie durchströmte.
Tiberius Ogden, der bereits nach wenigen Sekunden sein inneres Gleichgewicht wiedergefunden hatte, erhob sich aus dem Hohen Stuhl des Anklägers. »Setzen Sie diesen Mann in den Stuhl für den Angeklagten«, sagte er gebieterisch.
Harry ließ den immer noch stocksteifen Körper mit dem Schwebezauber hinüberschweben und platzierte ihn auf den Stuhl, wo die Ketten kurzzeitig golden aufglühten und sich sofort wie von Geisterhand magisch um Dawlishs Handgelenke schlangen. Erst dann hob Harry den Stupor auf und ließ mit einem gemurmelten »Decarcerus!« die Seile verschwinden.
Dawlish saß für einen Moment regungslos da, bevor er sich plötzlich mit einem furchtbaren Schrei zu winden und mit aller Macht gegen die Ketten zu wehren begann, allerdings ohne Erfolg. Erst als ihm bewusst wurde, dass all sein Strampeln und Winden erfolglos sein würde, erschlaffte er. Blitzschnell packte Harry seinen linken Ärmel und zog ihn hoch. Ein entsetztes Aufkeuchen ging durch die ersten Reihen, als diejenigen, die dort saßen, das Dunkle Mal auf seinem Arm erkannten.
»Das Dunkle Mal!«, rief irgendjemand entsetzt und so laut, dass auch der letzte Mann im Gerichtssaal in der obersten Reihe den Grund für die plötzliche Erregung begriff.
»Auror John Dawlish, erklären Sie sich!«, donnerte Ogden, doch Dawlish presste nur die Lippen zusammen. Ogden überlegte nicht lange. »Gawain, ich muss dich bitten, eine Phiole Veritaserum zu besorgen«, wandte er sich an Gawain Robards, der daraufhin sofort verschwand und nur Augenblicke später mit einem Fläschchen mit einer farblosen Flüssigkeit zurückkehrte.
»Drei Tropfen, nicht mehr!«, sagte Tiberius Ogden. Robards nickte nur und zwang Dawlish, den Mund zu öffnen.
Ogden wartete etwa eine Minute. »Nun, Dawlish, wie ich sehe, tragen Sie das Dunkle Mal der Todesser Voldemorts. Seit wann?«, stellte er dann seine erste Frage.
Es war nicht zu übersehen, dass der Auror sich immer noch gegen die Beantwortung von Fragen zu sträuben versuchte. Doch gegen die Wirkung des Veritaserums hatte er keine Chance. »Seit August 1995«, antwortete er dann mit monotoner Stimme.
»Warum haben Sie versucht, Severus Snape zu töten?«
»Er ist ein Verräter!«
»Ein Verräter? Wen soll er verraten haben?«
»Den Dunklen Lord.«
»Wie soll dieser Verrat vonstatten gegangen sein?«
»Snape hat getürkte Informationen an den Dunklen Lord geliefert. Er sollte unter dem Deckmantel seiner Anstellung als Professor in Hogwarts für uns spionieren.«
»Woher haben Sie diese Kenntnisse?«
»Weasley hat mir erzählt, dass Severus Snape dafür verantwortlich ist, dass der Dunkle Lord von Potter besiegt werden konnte. Weasley hat das in der Schlacht von Hogwarts gehört, als Potter sein Wissen brühwarm dem Dunklen Lord ins Gesicht geschleudert hat. Verdammter Potter! Verdammter Snape! Nur die sind schuld daran, dass die hehren und bewunderungswürdigen Bestrebungen des Dunklen Lords nicht durchgesetzt werden konnten und diese verdammten Schlammblüter immer noch unsere Welt besudeln können.«
»Weasley … Damit meinen Sie Percy Weasley?«
»Ja.«
Ogden nickte verstehend. »Das war es dann erst einmal. Alles Weitere wird in einer eigenständigen Verhandlung gegen Sie geklärt. John Dawlish, hiermit erkläre ich Sie für festgenommen. Bringen Sie ihn auf dem direkten Weg nach Azkaban«, wandte er sich an die Auroren. »Er wird dort auf sein Tribunal warten.«
Magisch gefesselt wurde er von den Auroren aus dem Stuhl gezogen. Als sie an der Zeugenbank vorbeikamen, blieben seine Augen auf Hermione hängen, die nun wieder neben Severus saß und unter dem Eindruck der erneuten traumatischen Erfahrung mit ihren Fingern seinen Oberarm umklammerte, und in seinem Gesicht wurden all die Verachtung und der Hass sichtbar, die er in diesem Moment empfinden musste.
»Wie ich sehe, hast du das nächste Schlammblut becirct, Verräter!!!«, spie er voller Abscheu. Noch bevor er wirklich Hermione oder Severus anspucken konnte, wurde er regelrecht mit roher Gewalt von seinen ehemaligen Kollegen weggezerrt.
»Verdammt sollst du sein bis in alle Ewigkeit!«, hörten sie ihn noch von draußen brüllen.
»Ich kann mich nur in aller Form entschuldigen, Miss Granger, Professor Snape. Sowohl für seine Aussagen, als auch für den Angriff. Niemand konnte ahnen …«
»Selbst ich wusste nicht, dass er ein Todesser ist«, gab Severus zu. »Er ist mir bei den Todesser-Treffen niemals begegnet, zumindest habe ich ihn nicht erkannt.«
Zacharias Goldstein war immer noch die ehrliche Erschütterung anzumerken. Er räusperte sich. »So schlimm die Ereignisse eben auch gewesen sind, und so aufschlussreich das Verhör von John Dawlish auch war, trotzdem sind wir hier für eine Anhörung in der Sache von Severus Snape versammelt. Ich gebe das Wort wieder an den Amtierenden Zaubereiminister, Kingsley Shacklebolt.«
Shacklebolt erhob sich von seinem Platz, auf den er sich während der Befragung von Dawlish zurückgezogen hatte. »Sie sind gerade unfreiwillig Zeugen eines versuchten Mordes an Severus Snape geworden. Bevor ich mich jedoch weiter zu den Anschuldigungen gegen ihn äußere, möchte ich eine Erklärung abgeben … Kurz vor dieser Verhandlung wurde mir ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, dass ich … nicht so ganz genau Bescheid weiß, was … in meinem eigenen Ministerium im Moment abläuft … Wenn ich ehrlich bin … ich habe dies nicht geglaubt. Die Ereignisse vor ein paar Minuten haben mich allerdings eines Besseren belehrt.«
Absolute Verblüffung machte sich im Gerichtssaal bemerkbar. Niemals in der Geschichte der magischen Welt hatte ein Zaubereiminister solch unverblümte Worte in der Öffentlichkeit ausgesprochen.
Madoc Rogers hatte bei seinen Worten erstaunt eine seiner weißen Augenbrauen hochgezogen. Man konnte erkennen, dass er nicht mehr damit gerechnet hatte, dass Kingsley Shacklebolt in irgendeiner Form auf seine kritische Bemerkung im Atrium reagieren würde. Aber wie es schien, war der Amtierende Zaubereiminister sogar dabei, Konsequenzen daraus zu ziehen.
Kingsley wandte sich nun direkt dem alten Zauberer in der fliederfarbenen Robe mit dem großen eingestickten ‘O’ auf der Brust zu. »Ich möchte deshalb noch heute eine Kommission ins Leben rufen, die den gesamten Mitarbeiterstab des Ministeriums gründlich durchleuchtet. Als Leiter dieser Kommission werde ich — deine Zustimmung vorausgesetzt, Madoc — den absolut vertrauenswürdigen Leiter der Vergissmich-Zentrale, Madoc Rogers, einsetzen.«
Allgemeines beifälliges Gemurmel wurde laut, doch Kingsley konnte auch beobachten, dass manche Mitglieder des Zaubergamots und auch einige Ministeriumsbeamte, die sich unter den Zuschauern befanden, unruhig auf ihren Sesseln herumzurutschen begannen. Er würde dies auf jeden Fall genauer im Auge behalten müssen. Innerlich aufseufzend — er wusste, dass eine Menge an sicherlich nicht erfreulicher, ja, schmutziger Arbeit auf ihn zukommen würde — richtete er nun seine Aufmerksamkeit wieder auf Madoc, der sich von seiner ersten Überraschung offensichtlich erholt hatte.
»Madoc?«
Der weißhaarige Zauberer stand auf. »Ich nehme die Aufgabe an, Kingsley«, antwortete er mit fester Stimme. Man konnte die Entschlossenheit und die Kraft erkennen, die er in diesem Moment ausstrahlte. Hermione war sich sicher, dass dieser Posten nicht besser hätte besetzt werden können. Er würde all seine Kraft dafür einsetzen, das Ministerium von den Anhängern Voldemorts zu säubern.
Auch Kingsley Shacklebolt schien dieser Gedanke durch den Kopf zu gehen. »Ich danke dir, Madoc. Nachdem dies geklärt ist, möchte ich zu dem eigentlichen Grund dieser Verhandlung zurückkehren. Wie ich vorhin bereits sagte: Sie sind gerade unfreiwillig Zeugen eines versuchten Mordes an Severus Snape geworden. Die Aussage von John Dawlish unter Veritaserum hat eindeutig ergeben, dass gerade die Todesser diesen Mann hier dafür verantwortlich halten, dass Vo-Voldemort gestürzt werden konnte. Nun … damit haben sie Recht. Bei meinem Gespräch mit Albus Dumbledores Portrait nach der Schlacht von Hogwarts erklärte mir Albus, dass er Severus Snape nach V-Voldemorts Rückkehr in der Nacht vom 24. auf den 25. Juni 1995 wieder in den Inneren Zirkel V-Voldemorts zurückgeschickt habe — und zwar als Spion. Er besetzte damit wieder die Position, die er bereits im ersten Krieg gegen Voldemort ausgefüllt hatte …«
Er hielt einen Moment inne, um sich zu sammeln. »Denjenigen, die Albus Dumbledore in seinem letzten Lebensjahr gesehen haben, sollte aufgefallen sein, dass seine linke Hand schwarz war und abzusterben begann. Der Fluch, der diese Verletzung verursacht hatte, war tödlich — ein schleichender, sehr schmerzhafter Tod — ein Fluch, der ihn langsam, aber unaufhaltsam vergiftet hat und dessen Wirkung auch Severus trotz seiner enormen Kenntnisse über Dunkle Magie nicht aufhalten, sondern lediglich abmildern konnte. Seine Hilfe verschaffte Albus etwa ein Jahr zusätzliche Lebenszeit. Da Albus wusste, dass sein Tod über kurz oder lang unaufhaltbar war, nahm er Severus das Versprechen ab, dass Severus ihn töten würde, wenn sich eine Gelegenheit böte, die in seine Pläne beim Kampf gegen Voldemort passen würde.«
Lähmendes Schweigen war die einzige Antwort auf seine Enthüllungen. Es war so still im Raum, dass man eine Stecknadel hätte zu Boden fallen hören können. Die Zuschauer und auch sämtliche Mitglieder des Zaubergamots schienen den Atem angehalten zu haben.
Kingsley wusste, dass er jetzt seinen Trumpf ausspielen musste. »Dies ist die Wahrheit. Es war kein Mord, sondern eine Tötung auf Verlangen, wobei das vermeintliche Mordopfer den Täter geradezu dazu gezwungen hat! Und ich kann dafür auch Beweise vorlegen. Wenn der Zaubergamot damit einverstanden ist, möchte ich beantragen, das Portrait von Albus Dumbledore anzuhören. Er ist bereit, seine Motivation und auch seine Handlungsweisen offenzulegen.«
Leises Gemurmel folgte diesen Worten. Die Mitglieder des Zaubergamots begannen flüsternd untereinander zu diskutieren. In der jahrhundertealten Geschichte des Hohen Rates, wie der Zaubergamot bei seiner Gründung hieß, war noch niemals der Antrag gestellt worden, das Portrait eines Verstorbenen als Zeugen zu vernehmen. Dies war ein Präzedenzfall und die Mitglieder des Zaubergamots schienen darüber sehr kontroverser Meinung zu sein. Die Debatte, die flüsternd begonnen hatte, jedoch immer mehr an Lautstärke gewann, wogte eine Zeit lang recht turbulent hin und her, bis der Vorsitzende entschied, sie hinter verschlossenen Türen fortzusetzen. Es dauerte auch dann noch eine geraume Weile, fast eine halbe Stunde, ehe der Zaubergamot seine Plätze wieder einnahm, nachdem man sich endlich zu einer Entscheidung durchgerungen hatte.
Nachdem im Gerichtssaal endgültig Ruhe eingekehrt war, erhob sich Zacharias Goldstein. »Das Gremium hat beschlossen, das Portrait von Albus Dumbledore als Zeugen zuzulassen.« Der daraufhin aufbrausende Beifallssturm war ohrenbetäubend, obwohl auch vereinzelte protestierende Stimmen zu vernehmen waren. Die meisten Zuschauer waren begierig zu hören, was der große Albus Dumbledore zu den Ereignissen um Severus Snape zu sagen hatte.
Niemand auf der Zeugenbank ließ es sich in irgendeiner Form anmerken oder jubelte gar laut, aber jeder einzelne von ihnen atmete erleichtert auf, auch diejenigen auf den Zuschauerbänken, die in irgendeiner Hinsicht beteiligt waren. Dumbledore würde die Ereignisse aus erster Hand schildern können und auch solche Informationen preisgeben, die Severus niemals bereit sein würde zu berichten, selbst dann nicht, wenn es um sein Leben und seine Freiheit ging.
Goldstein machte eine Handbewegung, die zwei Ministeriumsbeamte in hellblauen Roben — die sie eindeutig als Mitarbeiter der Abteilung für Magischen Personenverkehr auswiesen — dazu veranlasste, hastig aufzuspringen. »Bringen Sie umgehend das Portrait von Albus Dumbledore hier in den Gerichtssaal Zehn. Sie müssten es im zweiten Stock, in der Abteilung für Magische Strafverfolgung finden«, ordnete er an. »Die Anhörung wird bis zum Eintreffen von Albus Dumbledores Portrait unterbrochen.«
Die gespannte Erwartung konnte das Gemurmel nicht im Zaum halten, das sich sofort durch den ganzen Raum wälzte. Viele der Zuschauer konnten es kaum erwarten, miteinander über die eben erfahrenen Tatsachen zu diskutieren. Es dauerte länger, als Hermione vermutet hatte, bis sich die Flügeltüren öffneten und ein lebensgroßer Bilderrahmen, der eigentlich Albus Dumbledores Portrait enthalten sollte, vor den beiden Ministeriumsbeamten hereinschwebte. Sie dirigierten ihn mit ihren Zauberstäben in die Mitte des Saales neben den Kettenstuhl und sicherten ihn magisch gegen Umfallen. Doch der Bilderrahmen war leer.
»Entschuldigen Sie, dass es so lange gedauert hat …«, wandte sich einer der Zauberer an den Vorsitzenden des Zaubergamots, »â€¦ aber wir mussten erst das halbe Ministerium nach dem Portrait absuchen. Wir haben es letztendlich im siebenten Stock, versteckt in dem einzigen Büro des Offiziellen Koboldstein-Klubs gefunden.«
Ein Raunen ging durch die Menge und Harry glaubte ein leises »Dann hat wenigstens einer im letzten Jahr seinen Spaß gehabt!« aus Madoc Rogers Richtung zu hören.
»Nun, Sie haben es jedenfalls geschafft. Professor Dumbledore!«, sagte Zacharias Goldstein laut und vernehmlich, doch es geschah — nichts.
Hermione konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Albus Dumbledore über die Anhörung am heutigen Tag nicht informiert worden war. Professor McGonagall hatte ihm sicherlich die Strategie erklärt, die sie alle zusammen für die Verteidigung von Severus ausgearbeitet hatten. Wäre ihnen nicht Kingsley Shacklebolt zuvorgekommen, so hätte spätestens Minerva den Antrag auf Anhörung des ehemaligen Schulleiters von Hogwarts gestellt. Wie also konnte es sein, dass er nicht bereits darauf gewartet hatte, aufgerufen zu werden. Ohne dass Hermione etwas dagegen tun konnte, stiegen der alte Groll und die Verärgerung über ihn erneut in ihr auf, die Bitternis, die sie nach der Letzten Schlacht in seinem Büro empfunden hatte.
»Professor Dumbledore?«, fragte Zacharias Goldstein nochmals laut, wieder ohne Erfolg. Man konnte erkennen, dass er über die Abwesenheit seines gewünschten Gesprächspartners nicht erfreut war. Dann zuckte er kurz mit den Schultern und wandte sich an die im Gerichtssaal Anwesenden. »Die Anhörung wird unterbrochen, bis Albus Dumbledore in seinem Portrait verfügbar ist.«
Sofort schwoll das Gemurmel im Raum wieder an. Hermione bemerkte, dass auch Severus und Professor McGonagall sich vollkommen in eine Unterhaltung vertieft hatten, in der es allerdings anscheinend um Hogwarts ging. In Ermangelung einer anderen Beschäftigung schaute sie sich noch ein wenig im Saal um. Ihr Blick schweifte hinüber zu den Mitgliedern des Zaubergamots, die durch ihre pflaumenblauen Roben leicht zu erkennen waren. Sie kannte keines dieser Gesichter … Was … Nein!!! … Das konnte einfach nicht sein … Das war unmöglich!!!
Ganz langsam — wie in Zeitlupe — stand Hermione auf. Ihr Mund war leicht geöffnet, sie schien blind für ihre Umgebung zu sein, nahm keinen der Blicke wahr, die Harry ihr zuwarf. Minerva McGonagall und Severus Snape unterbrachen ihre Unterhaltung, als McGonagall Hermiones seltsames Benehmen bemerkte. Severus hatte fragend eine Augenbraue nach oben gezogen, während Professor McGonagall sie irritiert anstarrte. In Hermiones Gesicht spiegelte sich der Ausdruck völligen Entsetzens wider.
»Hermione …?«, fragte Harry vorsichtig, doch sie hörte ihn offensichtlich nicht.
»Hermione …?«, versuchte er es noch einmal.
Sie streckte die Hand aus, wie um sich irgendwo festzuhalten. Ihre linke Hand traf auf eine Schulter, an der sie sich festkrallte, ohne wirklich zu bemerken, wessen Schulter dies war. Ihre andere Hand wanderte ausgestreckt nach oben, bis ihr Zeigefinger in die Reihen des Zaubergamots wies. »Wie können Sie diese Frau nach all dem noch im Zaubergamot dulden?« Ihre Stimme klang laut und überschlug sich zum Schluss beinahe.
»Miss Granger!«, versuchte Professor McGonagall zu ihr durchzudringen. »Was ist passiert?«
»Umbridge!«, keuchte Hermione und verstärkte ungewollt ihren Griff um die fremde Schulter. Severus verzog schmerzvoll das Gesicht, versuchte jedoch nicht, sich aus ihrem Griff zu winden.
Alle Augen folgten nun Hermiones ausgestrecktem Zeigefinger. Sie hatte Recht! In der dritten Reihe, mitten unter den Mitgliedern des Zaubergamots, entdeckten sie Dolores Umbridge in ihrer pflaumenblauen Robe mit dem silbernen ‘W’ auf der Brust, die seelenruhig dort saß. Harry keuchte auf, da er nicht glauben konnte, was er sah.
Plötzlich drehte Umbridge den Kopf und ihre leicht hervorquellenden runden Glubschaugen, die an die Augen einer Kröte erinnerten, verengten sich. Ihr Kollege, der neben ihr saß, hatte sie angestoßen, als er bemerkte, dass Hermione auf sie aufmerksam geworden war, dass sie direkt auf sie zeigte. Ihr breiter, schlaffer Mund verzog sich für einen kurzen Moment zu einem teuflischen Grinsen, das jedoch aus ihrem Gesicht gewischt wurde, als sie Minerva McGonagalls kaltem, beinahe hasserfülltem Blick begegnete.
»Wie kann diese verdammte Hexe es wagen?!«, zischte Harry.
Kingsley Shacklebolt kam zu ihnen herüber. »Miss Granger, Mister Potter, was um Merlins willen bringt Sie dermaßen auf?«
»Dolores Jane Umbridge bringt mich dermaßen auf!«, knurrte Harry mit zusammengebissenen Zähnen. »Wie kann es möglich, sein, dass ausgerechnet diese Hexe Mitglied des Zaubergamots ist?«
»Madame Umbridge ist bestimmt schon fünfzehn Jahre eines der ständigen Mitglieder des Zaubergamots. Wenn ich richtig unterrichtet bin, wurde sie noch von unserer ehemaligen Zaubereiministerin, Millicent Bagnold, ins Amt geholt. Was haben Sie gegen sie?«, fragte er mit gerunzelter Stirn.
Harry sah ihn aufgebracht an. »Hier, das verdanke ich ihr!« Harry streckte ihm seinen Arm hin und zeigte auf seinen Handrücken. Dort waren feine weiße Narben zu erkennen, die die Worte ‘Ich soll keine Lügen erzählen!’ bildeten. »Umbridge hat mich gezwungen, diesen Satz immer und immer wieder mit meinem eigenem Blut zu schreiben. Und fragen Sie ‘mal Hermione, was sie erlebt hat …«
Madoc Rogers hatte sich von seinem Platz erhoben und war zu ihnen heruntergekommen. »Miss Granger …?«
Hermione verzog voller Verachtung für diese Frau ihr Gesicht. »Als wir damals nach Voldemorts Machtübernahme ins Ministerium eingedrungen sind, war Dolores Umbridge Leitende Unterstaatssekretärin und führte in dieser Position das Erfassungsamt für Muggelgeborene. Ich habe damals einen dieser Schauprozesse miterlebt, in denen Muggelgeborene nach Azkaban abgeurteilt wurden. Wenn Sie möchten, bin ich gerne bereit, Ihnen meine Erinnerungen an das Verhör von Mary Cattermole zu überlassen«, setzte sie angeekelt hinzu.
Rogers betrachtete sie nachdenklich. »Also sind die Gerüchte wahr, dass Sie mit Hilfe von Vielsafttrank im Ministerium gewesen sind. Ich wusste, dass Sie Gryffindor sind, aber ich habe wohl bis heute den Mut unterschätzt, der für Ihr Haus sprichwörtlich ist.« Er nickte anerkennend. »Ich werde sicherlich auf Ihr Angebot zurückkommen, Miss Granger.«
Er drehte sich zu den beiden Auroren herum, die an den Flügeltüren standen. »In meiner Funktion als Leiter der neugeschaffenen Kommission erteile ich Ihnen folgenden Befehl: Nehmen Sie Dolores Jane Umbridge fest.«
»Was soll das?«, war eine schrille, sich überschlagende Stimme zu vernehmen. »Ich habe nur meine Arbeit gemacht! Ich bin kein Todesser! Hier, schauen Sie auf meinen Arm — da ist kein Dunkles Mal. Ich habe mir nicht zuschulden kommen lassen.« Von der hohen, kleinmädchenhaften Stimme, die Dolores Umbridge immer zur Schau getragen hatte, war nichts mehr vorhanden.
Völlig unbeeindruckt von ihrem Gezeter wurde sie von den Auroren an den Armen gepackt, aus ihrem Sessel gezogen und in Richtung der Flügeltüren gezerrt. Auch ihre heftige Gegenwehr half ihr nicht.
»Bringen Sie sie in eine der Zellen. Ich werde sie nachher verhören«, erklärte Rogers kalt und wandte sich an Tiberius Ogden. »Würden Sie mir die Ehre erweisen, mich nachher beim Verhör von Madame Umbridge zu unterstützen?«, fragte er diesen.
»Mit Freude!«, kam seine Antwort ohne das geringste Zögern und sehr nachdrücklich.
Zacharias Goldstein kam herüber zu Tiberius Ogden und begann, leise mit ihm zu diskutieren. Hermione konnte nicht verstehen, was sie sagten; sie sah nur, wie beide kurz gestikulierten.
Dann wandte sich Goldstein an den Zaubergamot. »Da Professor Dumbledore im Moment nicht verfügbar zu sein scheint, werden wir mit der regulären Anhörung fortfahren und die anwesenden Zeugen vernehmen.«
Minerva McGonagall erhob sich. »Hoher Rat, hiermit bestelle ich mich im Auftrag von Schulleiter Snape zu seinem rechtlichen Beistand.«
Fortsetzung folgt …
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel
Samstag, 01.07.
Freitag, 02.06.
Mittwoch, 24.05.
Aber ich habe gelernt, auf allen möglichen Arten von Papieren zu schreiben. Die Namen der Hogwarts-Häuser sind auf einer Flugzeug-Kotztüte entstanden - ja, sie war leer.
Joanne K. Rowling