Coniunctio perpetua - Kapitel 22 — Frontenwechsel oder Was ist ein Wort wert?
von Alea_Thoron
DISCLAIMER: Ich verdiene kein Geld damit, habe jedoch genau den unglaublichen Spaß, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Alle agierenden Personen gehören JKR. Ich habe sie mir heimlich ausgeborgt, verspreche aber, gut auf sie aufzupassen und sie wohlbehalten und an Erfahrungen reicher und gereifter wieder zurückzugeben.
Beta: Deep Water — Mein ganz spezieller Dank gilt meinem Beta, der eigentlich mein Vater ist, und der es sich trotz seiner schweren Krankheit nicht nehmen ließ, mein erster Kritiker zu sein.
Coniunctio perpetua by Alea Thoron
Kapitel 22 — Frontenwechsel oder Was ist ein Wort wert?
Angst. Nackte Angst. Alles, was Hermione denken konnte, war, dass sie Angst hatte. Ihre Hände zitterten, sie konnte kaum atmen, ihr gesamter Körper hatte sich völlig verkrampft. Hermione hatte eigentlich nur ihre Robe holen wollen, um dann mit den anderen ins Ministerium zu apparieren. Doch dann hatten ihr die Beine den Dienst versagt, und nun hockte sie hier im Sessel am Fenster und konnte sich nicht bewegen. Angst schnürte ihr wie eine stählerne Faust die Kehle zu.
Heute. Heute würde die magische Welt — ohne es auch nur zu erahnen — eine Entscheidung auch über die Zukunft einer Hermione Granger fällen. Sie hatte in den letzten Tagen und Wochen genau die Berichterstattung sowohl des Tagespropheten als auch des Klitterers verfolgt, eigentlich sogar die jeder Zeitung, derer sie habhaft werden konnte.
Sehr zu Hermiones Erstaunen hatte ausgerechnet die Hexenwoche die Rechte an einem Nachdruck von Harrys Exklusivinterview erworben. Die Herausgeberin hatte jedoch nicht nur Bilder des Goldenen Trios in Hogwarts hinzugefügt, sie hatte sogar Bilder von Severus irgendwo aufgetrieben.
Die Hochstimmung der ersten Tage über die Vernichtung Voldemorts hatte sich in eine Euphorie verwandelt, die seitdem noch immer nicht abgeflaut war. Ganz im Gegenteil, im Moment hatte es den Anschein, als würde sie sich von Tag zu Tag weiter ausbreiten. Es gab kaum einen Artikel in den Zeitungen, selbst in der Hexenwoche nicht, in dem der Name des Jungen-der-Voldemort-zweimal-überlebt-hat nicht mindestens einmal genannt wurde, und in diesem Zusammenhang fiel auch ihr eigener Name und der von Ron immer wieder. Sie alle drei wurden wie Helden gefeiert, ja, ihnen wurde geradezu gehuldigt.
Wie gefährlich dies werden konnte, hatte Hermione am eigenen Leib erfahren müssen. Vor knapp zwei Wochen war sie — entgegen aller Bitten Harrys — allein in die Winkelgasse appariert, um bei Flourish & Blotts nach Büchern über Gerichtsverhandlungen vor dem Zaubergamot zu suchen. Ihr hatte der Atem gestockt, als sie am Apparierpunkt angekommen war. Von dort, wo sie stand, konnte sie die furchtbaren Hinterlassenschaften Voldemorts in ihrem ganzen erschreckenden Ausmaß erkennen. Ein Teil der Häuser war noch immer mit Brettern vernagelt, bei vielen konnte man durch die eingeschlagenen Scheiben ins Innere sehen, manche waren sogar bis auf die Grundmauern niedergebrannt.
Hermione erinnerte sich leider noch sehr genau daran, wie sie das letzte Mal — mit Hilfe des Vielsafttrankes in Bellatrix Lestrange verwandelt — in der Winkelgasse gewesen war. Damals hatte sie dort nur wenige Menschen gesehen, die mit ausgemergelten Gesichtern verängstigt von einem Ort Punkt zum anderen hasteten, immer bestrebt, sich möglichst im Schatten zu halten und jeden verfügbaren Winkel als Deckung zu nutzen, die bettelten oder sich gramgebeugt in dunklen Ecken herumdrückten. Von dem einstmals so bunten Treiben war nichts mehr zu bemerken gewesen. Jetzt jedoch konnte sie feststellen, dass die ersten Ladenbesitzer zurückgekehrt waren und bereits mit dem Wiederaufbau begonnen hatten.
Hermione war in der Buchhandlung fündig geworden. Als sie wieder zurück auf die Straße kam, stieß sie mit einer jungen Frau zusammen, die ein etwa vierjähriges Kind an der Hand hielt. Die Kleine zeigte plötzlich auf Hermione. »Mummy, schau mal, das ist doch das Mädchen aus der Zeitung«, rief sie laut. Kurze Zeit später war Hermione von einer jubelnden Menge umgeben, die sie fast erdrückt hatte. Sie war im Nachhinein froh darüber gewesen, unbeschadet aus dieser Situation herausgekommen zu sein — trotz aller Sympathiebekundungen, die ihr dort entgegengebracht worden waren. Der Vorfall hatte ihr jedoch neben einem Gefühl von Verlegenheit ebenfalls ein gewisses Maß an Beklemmung, ja geradezu Angst vermittelt.
Doch Hermione hatte sich für ihren Ausflug in die Winkelgasse an diesem Tag insgeheim noch etwas anderes vorgenommen gehabt, einen Besuch, von dem sie niemandem vorher erzählt hatte, weil sie befürchten musste, dass weder Harry noch Professor Snape damit einverstanden gewesen wären oder sie allein hätten gehen lassen. Sie wusste von vornherein, dass dies noch zu einer Begegnung der unliebsamen Art werden würde, doch sie wusste auch, dass die Angelegenheit unvermeidlich und zwingend erforderlich war. Sie hatte sich geschworen zu kämpfen und sie würde auch aus dieser anstehenden Auseinandersetzung als Siegerin hervorgehen.
Sie war in die Redaktion des Tagespropheten appariert. Ohne dass sie von irgendjemandem aufgehalten worden war, hatte sie das Büro einer ganz speziellen Schmierenreporterin erreicht. Mit gezogenem Zauberstab hatte sie sich blitzschnell Zugang verschafft und war dort — wie sie es gehofft hatte — auf ihre ‘Busenfreundin’ Rita Skeeter gestoßen. Was sich in den nächsten Minuten in diesem Büro abgespielt hatte, darüber würden beide für immer schweigen.
Seit jenem Tag hatte es plötzlich mehrere Interviewanfragen vom Tagespropheten an Harry gegeben. Nachdem er diese jedoch rigoros abgelehnt hatte, hatten Eulen immer wieder an Hermione gerichtete Briefe gebracht, um wenigstens sie zu einem Interview zu bewegen. Doch Hermione hatte, nachdem sie den ersten Brief unter mehrmaligem lautem Schnauben gelesen hatte, alle anderen ungeöffnet an den Absender zurückgeschickt.
Ohne dass irgendjemand von ihnen wirklich darüber überrascht war, wurde dagegen zwei Tage später ein Interview von Ron abgedruckt, in dem er sich über das Jahr auf der Flucht und den Letzten Kampf äußerte. Nur zwischen den Zeilen konnte man seine wirkliche Einstellung erkennen — er ließ kaum ein gutes Haar an Hermione und auch an Harry glaubte er einiges an Kritik üben zu müssen. Nur dass er selbst für fast zwei Monate seine beiden Freunde einfach in der Wildnis zurückgelassen hatte, hatte er in seiner Darstellung der Geschehnisse wohlweislich unterschlagen. Da Ron der Einzige des Goldenen Trios war, dessen man habhaft werden konnte und der dazu bereit war, über die Erlebnisse der drei Freunde zu sprechen, wurde keine Woche später ein weiteres Interview mit ihm veröffentlicht, in dem er dieses Mal weitschweifig und mit vielen Ausschmückungen über seine eigene Rolle bei der Vernichtung Voldemorts berichtete.
Sehr zu Hermiones Verdruss hatte der Tagesprophet im Gegensatz dazu nicht eine einzige Anfrage an Severus gerichtet. Nicht, dass er auch nur eine Sekunde hätte darüber nachdenken sollen, dieser Bitte zu entsprechen, nein, das war ganz sicher nicht der Punkt, aber Hermione ärgerte sich über die beispiellose Arroganz und die Ignoranz in bezug auf seine Person. Abgesehen davon hatte sie immer wieder das amüsierte Glitzern in Severus’ Augen gesehen, wenn sie wütend schnaubend die nächste Eule ohne einen Keks nach Hause schickte — natürlich nur dann, wenn er glaubte, sie würde es nicht bemerken. Es wäre ihm schon allein deshalb nur Recht geschehen, wenigstens eine Absage formulieren zu müssen. Trotzdem machte es sie froh, dass diese kleinen Episoden seine Stimmung aufhellten und seine Gedanken ein wenig ablenkten, auch wenn seine Belustigung auf ihre Kosten ging.
Allerdings hatte auch der Klitterer im Nachgang zu Harrys mündlicher Absprache mit Luna eine Eule geschickt. Wie Hermione schon vorher vermutet hatte, widersetzte sich Severus entschieden, ihnen ein persönliches Interview zu gewähren. Stattdessen hatte er — nach langen Diskussionen und beharrlicher Überredung von allen Seiten — das Angebot angenommen und einen Brief geschrieben, den Luna am nächsten Tag hatte abdrucken lassen.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Resonanz auf die unterschiedlichen Interviews noch stark in Grenzen gehalten. Sicher — tagtäglich waren Eulen mit Dankesbezeigungen — und zu seinem Erstaunen auch einige Heiratsanträge — für Harry aufgetaucht, manchmal auch mit ein paar dankbaren Worten an Hermione, aber die befürchtete große Briefflut war zum Glück ausgeblieben. Das änderte sich erst, als in der Hexenwoche der Nachdruck der Veröffentlichung von Harrys Exklusivinterview erschien, das er Luna gegeben hatte. Danach wurde er mit immer mehr Dankesbezeigungen und einer großen Menge an Heiratsanträgen überschüttet, während Hermione zumeist Zuschriften von muggelgeborenen Hexen erhielt. Doch nach einer weiteren Ausgabe der Hexenwoche, in der unter anderem Spekulationen über Severus’ tatsächliche Persönlichkeit und sein verborgenes Leben angestellt wurden, und nachdem auch noch offiziell bekannt wurde, dass er den Angriff Naginis überlebt hatte, kamen auch die ersten Briefe an Severus.
Für die nächste Ausgabe jedoch hatte die Herausgeberin der Hexenwoche auch noch die Rechte an einem Nachdruck von Severus’ Brief erworben. Seit dem Erscheinen der ersten Auflage davon — es hieß in späteren Zeiten, dass weitere fünf Auflagen hatten nachgedruckt werden müssen — hatten die unterschiedlichsten Arten von Briefeulen sich fast gegenseitig die Augen ausgehackt, um die jeweils erste zu sein, die ihre Last bei Severus loswerden konnte. Die drei Freunde konnten nur fassungslos mit ansehen, wie Severus regelrecht unter Bergen von Briefen begraben wurde.
So seltsam es sich am Anfang auch angefühlt hatte — die meisten Briefe waren nun an Severus gerichtet, der über das öffentliche Interesse alles andere als erfreut war — aber es machte für Hermione Sinn. Der Mann, den viele seit ihrer eigenen Schulzeit gefürchtet hatten, zeigte nun ein menschliches Antlitz; es gab eine Geschichte hinter der Geschichte. Und dieser Mann überraschte selbst Hermione noch einmal. Niemand von ihnen hatte damit gerechnet, dass ein Mann wie Severus Snape mehr als ein ironisches Lächeln und einen abfälligen Blick für die Briefe übrig haben würde. Doch obwohl es ihm offensichtlich schwer genug fiel, hatte er bereits am ersten Tag Hermione und Ginny gebeten, ihn bei der Beantwortung dieser Briefe zu unterstützen.
Erst dadurch eröffnete sich ihnen die Möglichkeit festzustellen, dass viele der Briefe voller Anteilnahme und mit tiefem Einfühlungsvermögen geschrieben waren. Nur sehr wenige enthielten Schmähungen oder gar Drohungen und merkwürdigerweise war nicht ein einziger Heuler darunter. Hermione hatte einen Zauberspruch gefunden, um ihre und Ginnys Handschrift, und später auch Harrys, in die akkurat enge, spinnenhafte Handschrift von Severus zu verwandeln.
Hermione konnte nur inständig hoffen, dass das Wohlwollen und die Sympathie, die Severus aus den meisten Briefen entgegenschlugen, sich auch auf die heutige öffentliche Anhörung übertragen würde. Sie hatte bei dem allgemein sehr schweigsam verlaufenen Frühstück heute Morgen versucht, wenigstens in seinen Augen zu lesen, aber er war erfolgreich ihrem suchenden Blick ausgewichen. Nicht ein Muskel hatte in seinem Gesicht gezuckt, sogar seine Hände waren vollkommen ruhig gewesen. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihn schon allein für seine Selbstbeherrschung bewunderte.
Sie dachte an die letzten Tage zurück. Ihr war inzwischen vollkommen bewusst, dass sie beide die ganze Zeit wie Kater und Katze umeinander herumgeschlichen waren, und ihr war erst verspätet aufgefallen, dass dieser Umstand den anderen ebenfalls nicht entgangen sein konnte. Es hatte an dem Morgen nach ihrem schrecklichen Alptraum begonnen und es war unübersehbar. Schnelle, heimliche Blicke, wenn sie glaubten, dass der Andere es gerade nicht bemerken würde, eine gespannte Aufmerksamkeit, sobald sie sich gemeinsam in einem Raum befanden. Hermione hatte immer wieder trunken vor nur schlecht verborgener Erregung seinen Duft eingesogen, wenn er nur an ihr vorbeiging. Sie wünschte sich nichts mehr, als ihn sanft berühren zu dürfen, über seine Hand zu streichen oder ihre Hände in seinem Haar zu vergraben. Sie wusste, es ging zu schnell, doch sie hatte weder die Kraft noch den Willen, den Lauf der Dinge aufzuhalten.
Harry und Ginny hatten sich gegenseitig wissende Blicke zugeworfen, genau wie Poppy Pomfrey und Professor McGonagall, als die beiden Frauen gestern vorbeigekommen waren, um die Strategie für Severus’ Verteidigung letztmalig mit ihnen allen abzustimmen. Doch auch Molly Weasley schien die Veränderung nicht entgangen zu sein. Sie hatte erst vor ein paar Tagen Ginny erneut zu überreden versucht, mit ihr nach Hause in den Fuchsbau, den sie endlich soweit wiederaufgebaut hatten, dass sie darin wohnen konnten, zurückzukehren. Dieses Mal hatte sie alles eingesetzt, was sie an mütterlichen Waffen besaß, angefangen von Schimpftiraden über einen Appell an Ginnys Pflichten als Tochter und die Bewahrung ihrer Jungfräulichkeit bis hin zu Tränen, als gar nichts mehr half. Doch Ginny war unbeeindruckt geblieben und hatte sich standhaft geweigert, in den Schoß der Familie zurückzukehren, da sich die Standpunkte auf beiden Seiten offensichtlich nicht verändert hatten. Ganz im Gegenteil: Nach dieser Auseinandersetzung schienen sich die Fronten noch weiter verhärtet zu haben.
Mrs. Weasley war danach immer noch aufgebracht in die Küche gestürmt, wo Hermione und Severus saßen und eine Tasse Tee tranken, bevor sie wieder in die Bibliothek zurückkehren würden, um sich mit den noch verbliebenen Büchern zu beschäftigen. Sie hatte bei ihrem Anblick die Augen zusammengekniffen, als würde sie die beiden taxieren, und einen Augenblick später bildete auch ihr Mund nur noch einen schmalen Strich. »Dachte ich es mir doch! Und ich wollte ihm partout nicht glauben …«, hörten sie sie vor sich hin murmeln, bevor sie sich auf dem Absatz herumdrehte und die Küche verließ, ohne zu sagen, was sie eigentlich wirklich gewollt hatte. Nach diesem seltsamen Gebaren hatte Hermione die Befürchtung, dass Mrs. Weasley sich in Wirklichkeit nur davon hatte überzeugen wollen, dass Rons Verdacht über ein Verhältnis zwischen Severus und Hermione der Wahrheit entsprach. Sie hatte darüber nur genervt den Kopf schütteln können.
Sie starrte aus dem Fenster im ersten Stock, ohne bewusst etwas wahrzunehmen. Angst. Nackte Angst. Erneut kroch diese nackte Angst in Hermione hoch und schnürte ihr wie eine stählerne Faust die Kehle zu. In Severus’ Vorladung hatte gestanden, dass er mindestens eine Stunde vor der Anhörung im Atrium des Ministeriums zu erscheinen habe, eine Auflage, die merkwürdigerweise in allen anderen Vorladungen gefehlt hatte. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass das Ministerium irgendetwas ausgebrütet hatte, das ihr gar nicht gefallen würde. Da auch den anderen nicht wirklich wohl dabei war, hatten sie gemeinsam entschieden, dass sie Severus auf keinen Fall allein in die Höhle des Löwen schicken würden. Sie erhob sich mit wackeligen Knien aus ihrem Sessel. Es war höchste Zeit, sich zu den anderen zu gesellen und ins Ministerium zu apparieren.
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In dem Moment, als sie in das Atrium des Ministeriums apparierten, rannten vier Auroren, von denen Hermione nur Dawlish wiederkannte und von dem sie geglaubt hatte, dass er nach seinem Angriff auf Nevilles Großmutter immer noch im St. Mungo’s lag, mit gezogenen Zauberstäben auf sie zu, die Zauberstäbe direkt auf Severus’ Herz gerichtet.
»Sie kommen mit uns!«, herrschte einer der Auroren ihn im Befehlston an.
»Wie kommen Sie zu der irrigen Annahme, dass ich das tun würde?«, fragte Severus, während seine beiden Augenbrauen mit dem für ihn so typischen spöttischen Lächeln nach oben wanderten.
»Ich führe nur meine Befehle aus. Sie sind festgenommen!«, gab einer der Männer kalt zurück, der wahrscheinlich der Gruppenführer war und eine ziemlich auffällige Narbe am Handgelenk hatte. »Los, gehen wir!«
»Der Zaubereiminister, Kingsley Shacklebolt, hat Professor Snape zugesichert, dass er sich in der magischen Welt frei bewegen könne! Wir alle sind geladen worden, um in einer Anhörung als Zeugen auszusagen«, begehrte Harry empört auf, während er mit der Ladung in der Luft herumfuchtelte, um seine Worte zu bekräftigen. Hermione spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte. Sie versuchte, sich verstohlen vor Severus zu schieben, der sie zwar diskret, aber unmissverständlich daran hinderte. Sie blickte kurz zu ihm auf und sah, wie er unmerklich den Kopf schüttelte.
Harry hatte ihr am Tag nach dem Treffen des Ordens am Grimmauldplatz leise und immer noch tief erschüttert von dem ablehnenden Verhalten vieler Ordensmitglieder gegenüber Professor Snape und von seinen Zweifeln hinsichtlich Shacklebolts Aufrichtigkeit erzählt, die sie uneingeschränkt geteilt hatte und immer noch teilte. Er hatte unmissverständlich klar gemacht, dass an seiner Entscheidung gegen eine Zusammenarbeit mit dem Ministerium und dem Orden nicht zu rütteln war, eine Entscheidung, die sie ebenso teilte. Sie hatte geahnt, dass weder dem Ministerium noch Shacklebolt zu trauen war, egal welch wortreiche Bekundungen sie abgaben. Es waren und blieben nur Lippenbekenntnisse, nichts, worauf man sich verlassen durfte. Der Kampf hatte begonnen, wenn auch in unerwarteter Form.
»Ich weiß nichts von einer Anhörung«, informierte sie der Mann mit der Narbe ohne eine sichtbare Regung. »Dieser Mann ist der schlimmsten Verbrechen angeklagt, die man sich in der magischen Welt vorstellen kann. Sie erwarten doch nicht allen Ernstes, dass er frei durch das Ministerium spazieren darf. Die Abteilung für Magische Strafverfolgung hat entschieden, dass er in einer der Arrestzellen auf die Eröffnung seiner Verhandlung warten wird.«
»Welcher Verhandlung? Wieso soll er angeklagt werden? Haben Sie Mister Potter nicht zugehört? Professor Snape ist — wie wir alle — als Zeuge für eine Anhörung geladen worden. Das, was Sie sagen, widerspricht jeglicher Darstellung des Zaubereiministers uns gegenüber«, wandte nun auch Professor McGonagall zornig ein, als sie sich näher an Severus und Hermione heranschob. »Holen Sie augenblicklich den Minister hierher!«
»Ich werde den Teufel tun! Wir haben unsere Befehle und die werden wir ausführen«, bellte der Auror ungehalten. »Miss, gehen Sie gefälligst zur Seite!«, schnauzte er im nächsten Moment Hermione an.
Hermione rührte sich nicht einen Millimeter, obwohl sie bemerkte, dass Severus sie unauffällig wegschieben wollte. »Wie Sie eben richtig bemerkten: Ich! Werde! Den! Teufel! Tun!«, widersprach sie, wobei in ihrer Stimme ein gefährlicher Unterton mitschwang. »Holen Sie Shacklebolt hierher! Ich habe den Krieg gegen Voldemort überlebt, und ich habe im letzten Jahr in den Schlund der Hölle gesehen. Da werde ich mich kaum von ein paar kleinen Auroren einschüchtern lassen, die nicht einmal den Mut hatten, sich diesem Kampf zu stellen, sondern Kinder für sich kämpfen ließen.« Verachtung und eisige Kälte sprachen aus ihren Worten und sie konnte sehen, wie die Männer regelrecht bei der Nennung des Namens des Dunklen Lords zusammenzuckten und dann rot anliefen.
»Das ist eine infame …«, setzte Dawlish an, wurde jedoch von Minerva McGonagall unterbrochen.
»Sie hat Recht. Worauf warten Sie eigentlich noch?«, fragte sie eisig, presste die Lippen zusammen und starrte auf den Auroren mit der Narbe, der sich unter ihrem Blick sichtlich zu winden begann.
Nach einem Duell der eisigen Blicke, das er wenige Sekunden später verlor, nickte der Mann kurz einem seiner Kollegen zu, der daraufhin sofort seinen Zauberstab in seinen Ärmel schob und sich eiligen Schrittes entfernte.
In der Zwischenzeit hatte sich bereits eine ziemlich große Anzahl von Schaulustigen um sie herum versammelt, die anfangs nur leise untereinander diskutierten. Ministeriumsbeamte waren stehengeblieben, leicht erkennbar an ihren vielen verschiedenfarbigen Roben, die sie ihren jeweiligen Abteilungen zuordneten, doch auch Besucher gesellten sich hinzu, die erst ungläubig auf die sich vor ihnen abspielende Szene blickten, dann jedoch umso vehementer Partei ergriffen. Es dauerte nicht lange, bis aus der bereits recht großen Menschenmenge die ersten murrenden Äußerungen kamen.
»Was wollt ihr von ihm?«, war noch so ziemlich das Harmloseste, was den Auroren um die Ohren flog. Nach und nach jedoch, mit länger verstreichender Zeit, kamen immer mehr und immer lautere Zwischenrufe.
»Lasst ihn in Ruhe.«
»Er ist ein Held.«
»Geht besser auf die Jagd nach den immer noch draußen herumlaufenden Todessern.«
Ohne dass es Hermione und den anderen anfangs wirklich aufgefallen war, schoben sich immer mehr Menschen um die kleine Gruppe herum, die bewusst oder unbewusst dafür sorgten, dass die Auroren immer weiter nach hinten abdrängt wurden, bis diese nicht einmal die kleinste Möglichkeit mehr hatten, noch von irgendeiner Seite aus an Severus Snape heranzukommen. Sie sahen mit ihren gezückten Zauberstäben einfach nur noch lächerlich aus, wie sie selbst sogar irgendwann einsehen mussten. Dawlish war der erste, der seinen Zauberstab so unauffällig wie möglich im Ärmel verschwinden ließ.
Severus hatte schützend die Arme um Hermione gelegt, deren Rücken von der sie umgebenden Menge immer enger an seinen Brustkorb gepresst wurde. Sie stand nun direkt vor ihm, so wie sie es von Anfang an gewollt hatte. Für einen Moment hatte sich in ihr eine tiefes Gefühl von Genugtuung breitgemacht, als sie die Welle aus Sympathie und Neugier spürte, die Severus entgegenschlug, während die Auroren immer mehr in die Defensive gedrängt wurden. Langsam drehte sie den Kopf und begegnete von unten herauf dem Blick seiner Augen, die sie resigniert und leicht spöttisch betrachteten. ‘Hast du doch deinen Willen bekommen.’, glaubte sie aus dem Ausdruck darin ablesen zu können. Die Worte formten sich unwillkürlich in ihrem Kopf, obwohl kein Wort über seine Lippen kam.
»Was ist hier los?«, dröhnte plötzlich die durch einen Sonorus-Zauber verstärkte Stimme von Kingsley Shacklebolt durch das Atrium, um die Lautstärke der anwesenden Menschen zu überbieten und sie gleichzeitig damit zum Schweigen zu bringen, was ihm auch gelang. Augenblicklich kehrte Stille ein.
Ein weißhaariger Zauberer, der durch seine fliederfarbene Robe mit dem großen eingestickten ‘O’ auf der Brust eindeutig als Beamter der Vergissmich-Zentrale zuzuordnen war, knurrte ihn daraufhin an: »Deine verdammten Auroren wollen Severus Snape festnehmen, Kingsley. Angeblich hat irgend so ein Idiot in der Abteilung für Magische Strafverfolgung diese alberne Anordnung getroffen.«
Shacklebolt sah stirnrunzelnd auf die riesige Menschenansammlung, in deren Mitte er Severus Snape entdeckte, der die Kriegsheldin Hermione Granger vor dem Erdrücken bewahrte, blickte irritiert auf die vier Auroren, die sich wie kleine ertappte Jungen zurückgezogen hatten, und wandte sich dann an den alten Zauberer. »Dann wird dieser ‘Idiot’ — wie du es ausdrückst — sicherlich seine Gründe dafür gehabt haben, Madoc. Wenn es dich beruhigt, alter Freund: Ich werde nachforschen, ob dies seine Richtigkeit hat. Allerdings wage ich zu bezweifeln, dass sich an der getroffenen Entscheidung selbst irgendetwas ändert.«
Madoc Rogers, einer der renommiertesten und beliebtesten Ministeriumsbeamten, der nicht nur für seine enorm wirkungsvollen Obliviate-Zauber bekannt war, sondern auch dafür, die besten Anekdoten über seine Arbeit zu erzählen, schnaubte laut vernehmlich und schüttelte dann ungläubig den Kopf. »Mach dich nicht lächerlich, mein Junge, Severus Snape ist ein Held. Stell’ dir vor, wo wir jetzt wären, wenn es ihn nicht gegeben hätte. Ich habe das letzte Jahr im Untergrund verbracht, wie dir sicherlich nicht verborgen geblieben ist … « Er beendete seinen Satz nicht, doch Hermione glaubte für einen Moment, unsäglichen Schmerz in seinen Augen zu sehen.
Inzwischen hatte sich Harry langsam durch die Menge geschoben. Sein Gesicht war wie versteinert, als er sich an den Amtierenden Zaubereiminister wandte. »Ist es das, was wir von unserem reformierten Ministerium zu erwarten haben, Shacklebolt?«, fragte er, während er den dunkelhäutigen Mann vor sich herausfordernd musterte. »Lippenbekenntnisse, Täuschungen und Wortbrüche?«
»Mister Potter …!«
Ein Raunen ging durch die Menge, als Harrys Name fiel. »Der-Junge-der-lebt!«, ertönten ehrfurchtvolle Ausrufe aus mehreren Richtungen gleichzeitig.
Madoc Rogers drehte sich zu Harry herum. »So jung …«, entfuhr es ihm sichtlich betroffen. Er sah forschend in Harrys Augen und für einen kurzen Augenblick konnte man Betroffenheit und Erschütterung durch sein Gesicht huschen sehen. Dann streckte er Harry seine Hand entgegen, verbeugte sich leicht und setzte hinzu: »Madoc Rogers, Vergissmich-Zentrale. Ich bin stolz darauf, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mister Potter. Entschuldigen Sie, aber ich hatte vergessen, wie jung Sie und Ihre Freunde noch sein müssen.« Die Umstehenden lachten leise, weil sie eine Anspielung auf seinen Berufsstand und eine leichte Selbstironie in diesen Worten zu hören glaubten, doch in Rogers’ leiser Stimme hatte keinerlei heiterer Unterton mitgeschwungen.
»Sehr erfreut, Mister Rogers«, antwortete Harry angespannt lächelnd, als er die ihm dargebotene Hand ergriff.
Rogers drehte sich halb wieder zu Shacklebolt herum. »Nun, Kingsley, vielleicht solltest du doch noch einmal darüber nachdenken, was in deinem Ministerium so abläuft? Ich kann schon verstehen, dass Mister Potter sich zu fragen beginnt, was ein einmal gegebenes Wort eines Zaubereiministers heute noch wert ist. Ich mag zwar dreimal so alt sein wie du, aber meine Augen sind noch sehr gut. Seit dem Sturz V-Voldemorts habe ich nicht viele positive Veränderungen wahrgenommen, sieht man einmal von der Zerstörung dieser schrecklichen Skulptur ab.«
»Wie kannst du …«, brauste der Amtierende Zaubereiminister auf.
»Ich kann!«, antwortete er hart. Jede Freundlichkeit und jeglicher, wenn auch noch so minimale Humor war aus seinem Gebaren verschwunden, als er Shacklebolt einfach das Wort abschnitt. »Ich habe nichts mehr, das ich verlieren könnte, Minister. Falls es dir entgangen sein sollte — ich habe im letzten Jahr bis auf meine jüngste Enkeltochter meine gesamte Familie verloren!«
»Das … das wusste ich nicht, Madoc … Es tut mir entsetzlich leid.« Shacklebolts dunkle Haut war bei diesen Worten drei Nuancen bleicher geworden und seine Stimme nur ein zitterndes Flüstern. Offensichtlich schien er davon wirklich nichts gewusst zu haben.
Auch aus der Menge war ein kollektives Aufkeuchen zu vernehmen. Hermione schloss gequält die Augen und spürte, wie Severus’ Arm sich beruhigend enger um sie schloss. Harry legte wie zum Trost eine Hand auf den Unterarm des alten Zauberers. Rogers sah ihn mit brennenden Augen an. »Tabetha und ich sind dankbar für das, was Sie und Ihre Freunde für uns, für die gesamte magische Gemeinschaft getan haben«, setzte er leise hinzu.
Mit einem letzten Blick auf den Jungen-der-Voldemort-zweimal-überlebt-hatte wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Kingsley Shacklebolt zu. »Da ich nicht glaube, dass eine Minerva McGonagall — meine Verehrung, Madame — oder ein Harry Potter lügen, muss ich davon ausgehen, dass der Amtierende Zaubereiminister gegebene Zusagen nicht einhält. Wundern würde es mich nicht mehr.«
»Das Ministerium …«
Madoc Rogers blickte hinüber zu Severus Snape, der immer noch eine ihm vage bekannt vorkommende junge Frau schützend in den Armen hielt. Dann schnitt er dem Amtierenden Zaubereiminister erneut das Wort ab. »Die Menschen hier, die dein Ministerium unzweifelhaft als Zeugen geladen hat, haben ihr Leben für uns alle riskiert, und Severus Snape hat das fast zwanzig Jahre lang. Schau sie dir an, Kingsley, gerade diese jungen Leute sollten von Rechts wegen mit ihren Freunden und Freundinnen ausgehen, lachen, tanzen und fröhlich sein. Stattdessen haben sie in einem Krieg kämpfen müssen, der streng genommen eigentlich nicht der ihre war …«
»Doch, es war auch mein Krieg, Mister Rogers«, kam eine sehr leise, jedoch feste Stimme aus der Gruppe um Snape, was den Angesprochenen aufblicken ließ. Die junge Frau vor Snape hatte gesprochen. Auch sie schien noch keine zwanzig Jahre alt zu sein. »Ich bin eine der Muggelgeborenen, von denen Voldemort und seine Todesser, aber auch die meisten sogenannten Reinblüter behauptet haben, wir hätten unsere Magie gestohlen, eine derjenigen, die das Ministerium, wie von ihm gewünscht, noch bis vor wenigen Wochen mit dem größten Vergnügen gejagt und ausgelöscht hat, und die heute nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand — sondern offen und ungestraft — von vielen Hexen und Zauberern abwertend als ‘Schlammblut’ bezeichnet werden.«
Hermione spürte, wie Severus’ Griff sich bei der Benutzung des Schimpfwortes für Muggelgeborene verstärkte. Bevor sie auch nur den Mund öffnen konnte, um weiterzusprechen, hörte sie, wie er außer sich vor Zorn zischte: »Ich will dieses Wort aus Ihrem Mund nie wieder hören, Miss Granger!«
Sie sah auf und begegnete seinem zornigen Blick. »Es tut mir leid, Professor, ich wollte Sie nicht verletzen, aber irgendjemand muss die Wahrheit aussprechen.«
Kingsley Shacklebolt hatte bei Hermiones Worten und Severus Snapes Reaktion darauf qualvoll die Augen geschlossen. Für einen Moment glaubte er, im Boden versinken zu müssen, empfand nichts weiter als Scham für sein Verhalten in den letzten Wochen. Was war mit ihm geschehen? Wann hatte er sich dermaßen verändert? Hatte er wirklich all das, wofür er so viele Jahre gekämpft hatte, aus den Augen verloren? War ihm in solch kurzer Zeit sein Amt zu Kopf gestiegen? Hier und jetzt konnte er die Wirklichkeit sehen, die Wahrheit sprang ihm geradezu ins Gesicht. Harry Potter hatte sich wieder demonstrativ neben Severus gestellt und die Menge, die sich für ihn kurzzeitig geteilt hatte, stand nun wieder dichtgedrängt wie ein einziger Mann.
Oh ja, es war sein Fehler gewesen. Allein sein Fehler. Doch vielleicht war es noch nicht zu spät, ihn zu korrigieren. »Ich entschuldige mich in aller Form, Severus«, sagte er laut. »Hiermit gebe ich dir und allen, die mit dir hierher gekommen sind, mein Wort, dass du dich sowohl hier im Ministerium als auch an jedem beliebigen Ort in der magischen Welt frei bewegen kannst.«
Zum ersten Mal seit dem Ende des Krieges konnten diejenigen, die ihn vom Orden her kannten, in seinen Zügen und im Klang seiner Stimme Aufrichtigkeit ohne irgendwelche Hintergedanken entdecken. Und doch wussten sie auch, dass es wahrscheinlich nicht mehr in seiner Macht stand, den Lauf der Ereignisse zu diesem Zeitpunkt noch entscheidend zu beeinflussen.
»Was lässt dich zu der äußerst fragwürdigen Überzeugung kommen, dass für mich die Möglichkeit einer uneingeschränkten Bewegungsfreiheit auch in wenigen Stunden noch gegeben sein sollte?«, fragte Severus Snape mit einer vor Sarkasmus triefenden Stimme.
Kingsley verzog für einen Moment das Gesicht. »Ja, das verdiene ich wohl …«, sagte er mehr zu sich selbst, als dass es an irgendjemanden der Umstehenden gerichtet war. »Severus … ich kann nicht mehr tun, als … als dir nochmals zu versichern, dass ich alles tun werde …« Seine Stimme verlor immer mehr an Stärke bis die letzten Worte regelrecht verebbten, als er in die Gesichter der Menschen blickte, die vermutlich seit Bekanntwerden der wirklichen Zusammenhänge unbeirrbar und loyal an Severus’ Seite gestanden hatten und immer noch standen. Ein unbestimmtes Gefühl von Verlust machte sich in seinem Inneren breit, als er sich dessen bewusst wurde, dass er nicht mehr zu ihnen gehörte. Er schaute langsam von einem zum anderen und musste sich eingestehen, dass er durch seine eigene Schuld etwas sehr Wertvolles vielleicht unwiederbringlich verloren hatte. Er seufzte unhörbar.
Sein Blick blieb zuletzt wieder an Severus hängen. »Ich weiß nicht, was diese Anhörung ergeben wird, Severus. Und ich war ein Narr«, rang er sich dann doch zu einer ehrlichen Antwort durch. »Aber ich gebe dir mein Wort, dass ich wirklich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um dir zu helfen, um dich vollständig zu rehabilitieren. Dies alles ist meine Schuld. Ich habe mich vorsätzlich über das hinweggesetzt, was der Mann, den du böswillig ermordet haben sollst, Albus Dumbledore, mir bei unserem letzten Gespräch an Erklärungen für dein Verhalten gegeben hat, weil ich ihm nicht geglaubt habe. Und ich habe auch seine Bitte ignoriert, dir zu helfen, weil ich sie als halbherzig, ja, vielleicht nicht ernst gemeint empfand …« Er hielt inne, als ob er sich noch einmal sammeln musste.
»Ich habe das alles getan, weil ich es nicht ertragen konnte, mich nur noch mit seinem Portrait unterhalten zu können, anstatt meinem alten Freund von Angesicht zu Angesicht gegenüberzusitzen.« Absolute Aufrichtigkeit sprach aus seinen Worten und seinem Gesicht, was auch den Menschen auffiel, die die Gruppe um Severus Snape immer noch abschirmten.
Severus nickte kaum merklich. »So unwahrscheinlich es auch klingen mag, dieses Mal glaube ich dir, Kingsley«, sagte er leise. Dann überraschte er alle damit — sogar Hermione — als er sich dazu durchrang und sich an die Menschentraube um ihn herum wandte. »Mir ist bewusst, dass ich weder als großer Menschenfreund gelte noch dafür bekannt bin, besonders umgänglich zu sein, aber ich möchte mich bei Ihnen allen bedanken. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass es außerhalb von Hogwarts Menschen geben könnte, die auf diese Art und Weise für mich eintreten würden. Danke!«
Für einen Moment breitete sich ungläubige Stille aus, bevor sich die ersten Umstehenden ein Herz fassten und Severus Glück wünschten, ihren nochmaligen Dank ausdrückten oder sogar Mut zusprachen. Langsam zerstreute sich die Menschenmenge, bis nur noch Madoc Rogers bei ihnen zurückblieb, der Hermione und Severus nachdenklich, allerdings auch mit einem schalkhaften Glitzern in den Augen, betrachtete.
»Wenn mir eine meiner beiden Enkelinnen, die in Hogwarts ihre Ausbildung absolviert haben, vor einem Jahr erzählt hätte, dass eines Tages eine junge, hübsche Hexe mit dem gefürchteten Zaubertränkemeister von Hogwarts Händchen hält, wäre ich mit ihr sofort ins St. Mungo’s appariert. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie sich an die beiden erinnern, Mister Potter. Sie waren fünf Schuljahre über Ihnen, Zwillingsmädchen, allerdings in Ravenclaw.« Er lachte leise, als er sah, wie die beiden wie ertappte Sünder auseinanderfuhren und auch die anderen konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Nun, die Zeiten haben sich wirklich geändert, wie man unschwer erkennen kann. Ich kann nur hoffen, dass sie mich nicht ins St. Mungo’s einliefern lassen, wenn ich ihnen davon erzähle!« Abrupt hielt er inne und seine Hand begann zu zittern, ehe er flüsterte: »Oh Merlin, wenn ich ihnen nur noch einmal irgendetwas erzählen könnte …«
Selbst Kingsley Shacklebolt hatte ein leicht amüsiertes Lächeln nicht unterdrücken können, bevor seine so dunkle Haut beinahe fahl wurde, als er die entsetzliche Bedeutung hinter Madocs Worten begriff. Es dauerte einen Augenblick, ehe er sich wieder so weit in der Gewalt hatte, dass er sinnvolle, dieses Mal ehrlich gemeinte Worte formulieren konnte. »Es ist noch ausreichend Zeit, bis die Anhörung beginnt. Ich werde mich mit Tiberius Ogden in Verbindung setzen«, wandte er sich an Severus. »Ich denke, dass ich ihn und den Zaubergamot dazu veranlassen kann, den Ablauf der Verhandlung ein wenig zu verändern.«
»Tiberius Ogden? Sag nur, Ogden ist zurückgekehrt«, mischte sich erstaunt Professor McGonagall ein. »Das habe ich überhaupt nicht mitbekommen.«
»Ja, ich habe ihn aus seinem selbstgewählten Ruhestand geholt — nun, sagen wir so: Ich habe ihn lange genug bearbeitet, bis er davon überzeugt war, dass ein Rücktritt vom Rücktritt angebracht wäre. Es hat mich zum Glück nicht allzu viel an Überredungskunst gekostet, da er mit grimmigem Vergnügen die Anhänger von Du-weißt-schon-wem in Azkaban sehen will. Nachdem Zacharias Goldstein zum Vorsitzenden des Zaubergamots ernannt wurde, nahm Tiberius mit Freude die Position des Anklägers an, als man sie ihm anbot«, antwortete Shacklebolt.
»Mit ihm haben wir einen echten Glücksgriff getan«, bemerkte Madoc Rogers sichtlich zufrieden.
Minerva McGonagall nickte. »Etwas Besseres konnte im Interesse der Gerechtigkeit nicht passieren«, stimmte sie zu.
»Dann mache ich mich jetzt besser auf den Weg.«
Sie sahen Kingsley nach, der zu den Fahrstühlen ging. Madoc Rogers’ Augen waren nachdenklich auf einen Punkt in der Ferne gerichtet. »Ich glaube, ich werde mir einen Platz auf den Zuschauerrängen suchen«, sagte er noch immer in Gedanken versunken. Dann lächelte er ihnen zu, nickte noch einmal wie um seine Worte sich selbst gegenüber zu bekräftigen und entfernte sich ebenfalls in Richtung der Fahrstühle.
Als Hermione sich wieder halb umwandte, entdeckte sie nicht weit von ihnen entfernt die verbliebenen Mitglieder der Weasley-Familie. Sie hatten sich die ganze Zeit herausgehalten, wie sie nun begriff. Arthur und Molly nickten Minerva leicht zu, während sie die anderen und selbst ihre eigene Tochter nicht eines Blickes würdigten. Ron betrachtete mit äußerst verkniffenen Gesichtszügen Hermione, die immer noch neben Severus stand. Bill, der seine Ehefrau Fleur im Arm hielt, und sein Bruder Charly waren die Einzigen, die Hermione aufmunternd zulächelten. Nur George schien völlig wirklichkeitsfern in einer anderen Welt zu sein und von seiner Umgebung kaum etwas wahrzunehmen. Keiner der Weasleys machte irgendwelche Anstalten, zu ihnen herüber zu kommen.
Harry legte Ginny vorsichtig tröstend den Arm um die Schulter. Er hatte bereits vorher geahnt, dass in den letzten Wochen mehr Porzellan zerschlagen worden war, als vermutlich jemals wieder zu kitten sein würde. Er wollte Ginny, mehr als alles andere in seinem Leben. Sie war seine Zukunft, die er nicht bereit war aufzugeben. Nur für Ginny hoffte er, dass sich das Verhältnis zu den Weasleys irgendwann wieder zumindest ein wenig normalisieren würde.
Fortsetzung folgt …
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Ich war neulich bei Topshop und eine Frau, die dort arbeitete sagte zu mir: 'Witzig, du siehst genauso aus wie das Mädchen, das Hermine spielt!' - 'Äh ja, weil ich es bin.' - 'Bitte? Was? Wie bitte!?'
Emma Watson