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Fanfiction

Coniunctio perpetua - Kapitel 26 — Aftermath - Nachwirkungen

von Alea_Thoron

DISCLAIMER: Ich verdiene kein Geld damit, habe jedoch genau den unglaublichen Spaß, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Alle agierenden Personen gehören JKR. Ich habe sie mir heimlich ausgeborgt, verspreche aber, gut auf sie aufzupassen und sie wohlbehalten und an Erfahrungen reicher und gereifter wieder zurückzugeben.

Beta: Deep Water — Mein ganz spezieller Dank gilt meinem Beta, der eigentlich mein Vater ist, und der es sich trotz seiner schweren Krankheit nicht nehmen ließ, mein erster Kritiker zu sein.


Coniunctio perpetua by Alea Thoron


Kapitel 26 — Aftermath - Nachwirkungen

Severus hatte sich in die Abgeschiedenheit seines Schlafzimmers zurückgezogen. Er hatte sich in einen der Sessel vor dem Kamin gesetzt und den Kopf in den Händen vergraben. Seine Haare fielen wie ein schwarzer Vorhang vor sein Gesicht, als sollten sie nicht nur seine Gefühle. sondern auch sein Leben verbergen, oder das, was davon noch übrig war. Wie hatte es so weit kommen können? Wann hatte er die Realität aus den Augen verloren? Oder hatte er einfach nur die Augen vor genau dieser Realität verschließen wollen?

Veritaserum!

Er wusste nichts davon, hatte keinerlei Erinnerung daran! Verdammter Dumbledore! Der verdammte alte Mann und seine verdammten Manipulationen! Er hätte es wissen müssen. Wer, wenn nicht er! Letztendlich war es doch er selbst, der eindeutig unschöne Erfahrungen mit Albus Dumbledore gemacht hatte. Seit seinem elften Lebensjahr. Im Oktober 1976 nach dem Vorfall mit den Marauders. In der Halloween-Nacht von 1981.

Flashback


Severus hatte ihren Name geschrien. Immer und immer wieder. Verzweifelt. Verbissen. Und doch im Inneren bereits ohne Hoffnung.

Während Hagrid die großen Trümmer wegräumte, hatte er mit bloßen Händen nach Lily gegraben und dabei Harry fast unverletzt gefunden. Lily war tot. Seine Lily. Seine geliebte Lily. Im ersten Schmerz hatte er das Kind fest an sich gedrückt, hatte zärtlich über seinen schwarzen Strubbelkopf gestrichen. Der kleine Junge in seinen Armen hatte ihn mit in Tränen schwimmenden Augen vertrauensvoll angeblickt. Mit Lilys Augen.

Hagrid war in Godric's Hollow geblieben, um die sterblichen Überreste von James und Lily Potter aufzubahren, während Severus mit dem kleinen Bündel Mensch nach Hogwarts appariert war. Er konnte es kaum ertragen, Lilys Sohn in andere Arme zu legen. Es war ihm unglaublich schwer gefallen, die Verantwortung für den kleinen Jungen in fremde Hände abzugeben. Dieses Kind war das Einzige, das ihn nun noch mit Lily verband. Lilys Vermächtnis. Auch wenn er nicht ihrer beider Sohn war, so hätte es — wenn er damals nicht dermaßen nach Anerkennung gelechzt hätte, nicht so engstirnig, so unbelehrbar gewesen wäre — sein Sohn sein können.

Doch Dumbledore hatte sein bisher durchlebter und mehr als offensichtlicher Schmerz augenscheinlich noch nicht ausreichend überzeugen können. Er hatte ihn über den Rand seiner Halbmond-Brille eindringlich angesehen und ohne jede Diskussion entschieden, dass Severus einen Unbrechbaren Eid ablegen müsse, jetzt, da Lily nicht mehr als Unterpfand seiner Loyalität zur Verfügung stand.

Der Unbrechbare Eid! Oh ja, er erinnerte sich daran, sehr genau sogar. Jeden Tag.

Was Dumbledore nicht gewusst hatte, war, dass es keines Unbrechbaren Eides bedurft hätte. Severus hatte sich in dem Moment, als er den Jungen aus den Trümmern gezogen und in seinen Armen gehalten hatte, geschworen, dafür zu sorgen, dass Harry als Lilys Vermächtnis an ihn überleben würde. Dass er ihn vor Voldemort beschützen würde — notfalls mit seinem eigenen Leben. Doch nach dem Unbrechbaren Eid war Harry Potter für ihn zum lebenden Beweis dafür geworden, dass der alte Mann ihm nie wirklich vertraut hatte.

Dieser Eid war einer der Gründe, wenn nicht gar der Hauptgrund, warum er Harry Potter in dessen gesamter Schulzeit dermaßen gequält hatte.

Als er Lilys strahlend grünen Augen Jahre später wieder gegenüber gestanden hatte, waren der gesamte Schmerz über die Umstände ihres Todes, Dumbledores unverfrorene Forderung und seine eigene Machtlosigkeit, sich dieser Forderung zu widersetzen, und nicht zuletzt seine unermesslichen Schuldgefühle wieder mit aller Gewalt hochgekocht. Obwohl den Jungen selbst keine Schuld traf, hatte er all seine Frustration, seinen Zorn auf Albus und seine Feindseligkeit gegenüber seinem Vater James auf ihn projiziert, auf ihn und seine Freunde. Severus hatte mit aller Macht versucht, James in ihm zu sehen — James, und nicht Lily.

Flashback Ende


Er seufzte tief auf. So viel sinnloser Hass — so viel unnützes Leid.

Nun jedoch gingen seine Befürchtungen noch über diesen Eid hinaus. Severus hatte Albus’ Blick gesehen, den Blick, den er Hermione in der Anhörung zugeworfen hatte — mit verengten Augen, abschätzig, wachsam. Er kannte diesen Ausdruck, hatte ihn zuletzt gesehen, als er Albus über seine Unterredung mit Narcissa Malfoy und Bellatrix und seinen Unbrechbaren Eid für Draco informiert hatte. Und seit jenem Tag hatte er das unbestimmte Gefühl nicht abschütteln können, dass da noch etwas war, etwas, das er nicht benennen konnte, das ihn jedoch seitdem wie ein Schatten begleitet hatte. Was hatte Dumbledore noch zu verbergen?

Severus richtete sich langsam auf, stützte den Kopf gegen den Sesselrücken und schloss die Augen. Er hatte alles getan, was von ihm erwartet wurde, und oftmals sogar mehr als das — siebzehn lange Jahre. Nicht nur einmal war er dabei weit über seine eigenen Grenzen gegangen, hatte auf diese Art und Weise versucht, ein wenig von seiner Schuld abzutragen. Doch es war wohl in Albus’ Augen niemals genug gewesen. Er hatte immer ganz tief in seinem Inneren gespürt, dass er nach dessen Meinung nicht würdig war, dass man ihm Vertrauen schenkte, auch wenn er dieses Gefühl jedes Mal so schnell wie nur irgend möglich in die hinterste Schublade seiner Psyche verbannt hatte.

Als er die Augen öffnete, fiel sein Blick auf den Kamin. Seine Entscheidung stand fest. Er würde nur Gewissheit erhalten, wenn er Albus zur Rede stellen würde. Er stand auf, griff in das Gefäß auf dem Kaminsims, warf etwas Flohpulver in den Kamin und steckte den Kopf hindurch.

»Minerva!?«

»Severus!« Wenn Minerva McGonagall erstaunt war, ließ sie es sich nicht anmerken. »Was kann ich für dich tun?«

Wenn er ein Mensch gewesen wäre, der selbstgefällig lächeln würde, falls sich eine seiner Theorien bestätigte, dann hätte er in diesem Moment ganz sicher gelächelt. Wie Severus richtig vermutet hatte, hatte sich Minerva mit einem Glas Atholl Brose in ihre eigenen Wohnräume zurückgezogen. Und trotz ihres Lieblingsgetränkes, das sie selbstvergessen in dem Glas in ihrer Hand schwenkte, vermittelte sie nicht den Eindruck, besonders glücklich zu sein.

»Ich möchte mit Albus sprechen«, sagte er leise.

Minerva nickte nur. Sie hatte schon vor über einer Stunde damit gerechnet. Die Anhörung hatte Geschehnisse und Einstellungen ans Tageslicht gebracht, die Severus mit Sicherheit nicht bereit war, unkommentiert im Raum stehen zu lassen. Er wollte Aufklärung — und nicht nur er. Auch sie war über dieses Gefühl noch immer nicht wirklich hinweg, dass der Mann, den sie all die Jahre als ihren Vertrauten und als eine Leitfigur betrachtet hatte, niemals wirklich ihr gegenüber offen und ehrlich gewesen war. Sie hatte immer geglaubt, in all seine Pläne eingeweiht zu sein und hatte nun feststellen müssen, dass auch sie nur eine weitere Spielfigur auf seinem Schachbrett gewesen war.

»Ich habe bereits auf dich gewartet, Severus. Komm herüber«, antwortete sie ebenso leise und von ihren Überlegungen in der letzten Stunde bedrückt.

Doch Severus schüttelte den Kopf. »Es dauert noch ein paar Minuten, Minerva. Und ich werde nicht allein kommen. Herm— Miss Granger und Mister Potter werden mich begleiten.«

Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit zog McGonagall eine Augenbraue hoch. »Bist du dir sicher, dass das eine gute Idee ist?«

»Zweifelst du an meinem Urteilsvermögen?«, fragte er mit einem bitteren Lächeln.

»Niemals wieder«, antwortete sie bestimmt.

*'*'*'*'*


‘Ich muss nachdenken.’ Mit diesen Worten hatte Hermione Harry und Ginny in der Eingangshalle stehen lassen und war die Treppe hinaufgelaufen, um in ihrem Zimmer zu verschwinden. Die beiden hatten sich angesehen und ihr dann kopfschüttelnd hinterhergeblickt.

Sie hatte sich an das Kopfende des Bettes gesetzt und die Arme um ihre angezogenen Knie geschlungen. Ein rotes Fellbündel sprang auf die Bettdecke und stupste sie vorsichtig mit seinem Kopf an. Gedankenverloren begann Hermione, ihren Kater zu kraulen, was ihr mit einem lauten Schnurren gedankt wurde. Alles schien so weit entfernt, so unwirklich.

Severus war frei. Als der Zaubergamot sein Urteil verkündet hatte, waren bei Hermione alle Dämme gebrochen. Sie hatte ihre Umgebung nicht mehr wahrgenommen, hatte nur noch eine unglaubliche Erleichterung verspürt, als all ihre Ängste und ihre Verzweiflung von ihr abgefallen waren. Sie hatte absolut gefühlsmäßig reagiert, hatte unbewusst gehandelt, als sie ihn geküsst hatte. Den aufbrandenden Applaus der Anwesenden im Gerichtssaal Zehn hatte sie nur im Unterbewusstsein wahrgenommen. Erst im Nachhinein war ihr bewusst geworden, dass ihre Anspannung ein Ventil gebraucht hatte. Und Severus hatte diesen Kuss erwidert!

Es hatte sie überrascht, dass Kingsley Shacklebolt seine Fehleinschätzung so offen eingestanden und noch mehr, dass er für sich die Konsequenzen gezogen und Severus vor dem Zaubergamot mit all seiner Autorität als Amtierender Zaubereiminister verteidigt hatte. Sie musste zugeben, dass ihm ein großer Anteil an Severus’ Freispruch gebührte. Er hatte den Grundstein gelegt, auf den sie alle, und zum Schluss auch Albus Dumbledore, aufgebaut hatten.

Dumbledore!

Welchen unbeschreiblichen Schmerz musste Severus darüber empfunden haben, als er in der Anhörung unmissverständlich erkennen musste, dass Dumbledore ihm all die Jahre niemals wirklich Vertrauen entgegengebracht hatte. Mindestens genauso niederschmetternd war es für ihn jedoch, dass Dumbledore sich öffentlich dazu bekannt hatte. Hermione fragte sich, wie Severus mit dem Wissen um den Unbrechbaren Eid all die Jahre seine Aufgabe hatte erfüllen können. Sie erschauerte bei dem Gedanken.

Doch da war etwas, was ihr noch viel mehr Sorgen bereitete. Dieser Blick! Sie konnte diesen durchdringenden Blick aus Dumbledores Augen nicht vergessen, den er ihr zugeworfen hatte, kurz bevor er vorhin sein Bild im Ministerium verlassen hatte. Für einen Moment hatte sie im Gerichtssaal sogar den Eindruck gehabt, dass er regelrecht die Flucht ergriff. >Wieso?< Sie hatte bisher keine vernünftige Erklärung für Dumbledores Verhalten gefunden, es sei denn … Hermione keuchte entsetzt auf. >Was, wenn er noch mehr verschwiegen hatte?<, fragte sie sich. Nein, das durfte nicht sein … Er hatte doch bereits genug Unheil angerichtet … >Und — wenn doch …?< Voller Panik wollte sie aufspringen, doch ein entrüstetes »Miiiaaauu!!!« ließ sie in der Bewegung innehalten.

Ein vorwurfsvoller Blick aus gelben Augen traf sie.

»Entschuldige, Krummbein.« Reumütig nahm sie die Hand von seinem Schwanz und streichelte ihren leise vor sich hin knurrenden Kater sanft.

>Denk’ nach!<, befahl sie sich. >Du hast dich immer auf deinen Verstand verlassen können, also denk’ nach!<

Sie ließ sie sich wieder in die Kissen sinken und lehnte den Kopf gegen das Kopfteil des Bettes. Sie schloss die Augen und begann, sich an die Auseinandersetzung mit Albus Dumbledore am Morgen der Letzten Schlacht zu erinnern. Dabei versuchte sie, sich nicht nur die gesprochenen Worte, sondern auch den jeweiligen Gesichtsausdruck des alten Schulleiters ins Gedächtnis zurückzurufen. Auch wenn sie Harry gegenüber etwas anderes behauptet hatte, so war sie danach vollkommen überzeugt gewesen, dass Dumbledore sie mit vielen seiner Aussagen belogen hatte.

Diese Anhörung heute, und gerade die Erwähnung des Unbrechbaren Eides, was für sie einem Verrat an Severus gleichkam, hatte ihren Verdacht bestärkt, dass ihre innere Stimme sie nicht getäuscht hatte. Da war noch viel mehr! >Doch konnte es noch etwas Schlimmeres geben, als das, was Dumbledore jetzt bereits zugegeben hatte?< Es konnte nicht sein, dass er Severus noch mehr angetan hatte — durfte nicht sein!

Erst jetzt merkte Hermione, dass sie aufgehört hatte, ihren Kater zu streicheln und sich ihre Finger bei dieser Vorstellung schmerzhaft ineinander verkrallt hatten. Sie verspürte nur einen Wunsch. Sie musste noch einmal mit Dumbledore reden, wollte ihn erneut zur Rede stellen. Und wenn sie herausfinden sollte, dass ihr Verdacht sich bestätigen würde... Merlin, dann wäre ihr Ausbruch nach der Letzten Schlacht in Dumbledores ehemaligem Büro im Vergleich dazu nur ein laues Lüftchen gewesen. Das Problem bestand nur darin, dass sie keine Ahnung hatte, unter welchem Vorwand sie jetzt nach Hogwarts apparieren könnte, um ihm — oder besser gesagt seinem Portrait — einen unangekündigten und wahrscheinlich wenig willkommenen Besuch abzustatten. Das, was sie jetzt ganz dringend brauchte, war ein Plan.

Sie zuckte so heftig zusammen, als es plötzlich an ihrer Schlafzimmertür klopfte, dass Krummbein dieses Mal sogar kurz fauchte und sie erneut mit einem vorwurfsvollen Blick musterte, als ihre Finger sich vor Schreck in seinem Fell verfingen. »Herein.«

Harry steckte den Kopf durch die Tür. »Dürfen wir?«

»Harry, was …?«, nahm Hermione Anlauf zu fragen, als sich die Tür ein Stück weiter öffnete und sie hinter Harry Severus entdeckte. Er schien extrem angespannt, und sie wusste sofort, dass ihm irgendetwas zweifellos Sorgen machte.

In Harrys Stimme schwang ein merkwürdiger Unterton mit, auf den sie sich keinen Reim machen konnte, als er sagte: »Wir wollen nach Hogwarts. Zu Dumbledore!« Seine Finger spielten unbewusst mit einem Knopf an seiner Robe, er war unkonzentriert und fahrig.

Sie grinste innerlich erleichtert. Damit wurde ihr der Vorwand sogar frei Haus geliefert, nach dem sie gesucht hatte. »Dumbledore …?«, fragte sie leise und beobachtete dabei die beiden Männer vor sich wachsam. Langsam schob sie die Beine vom Bett und stand auf, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen.

Severus mischte sich ein, bevor Harry den Mund öffnen konnte, um zu antworten. »Nach meiner Einschätzung gehörten Sie sicherlich zu den wenigen Menschen im Gerichtssaal Zehn, denen nicht entgangen sein dürfte, dass es eine offengebliebene Frage gibt«, sagte er mit einem bitteren Lächeln.

Hermione wurde sich plötzlich mit aller Deutlichkeit bewusst, dass auch Severus die seltsame Wortwahl im letzten Satz der Zeugenaussage von Albus Dumbledore nicht entgangen war. Die Worte ‘Mehr möchte ich dazu nicht sagen.’ hatten also nicht nur bei ihr einen merkwürdig Nachgeschmack hinterlassen. Sie begann langsam zu erahnen, dass Severus befürchtete, dass Dumbledore noch einen weiteren von ihm bisher nicht eingestandenen Verrat an ihm begangen hatte. Für einen Augenblick presste sie fest die Lippen zusammen.

Sie erkannte sehr schnell, dass seine Verbitterung nicht ihr persönlich, sondern der Angelegenheit an sich galt, und schnaubte laut. »Wenn Sie auf Dumbledores letzten Satz anspielen … Ich hatte vorhin die Befürchtung, dass ein einzelnes Wort gefehlt hat. Vielleicht ‘hier’ oder ‘jetzt’. Und doch habe ich bis eben noch gehofft, mich geirrt zu haben …«, gab sie sehr leise und nachdenklich zu.

Doch Severus schüttelte bedauernd und beinahe unmerklich den Kopf. »Leider nicht. Gehen wir.«

*'*'*'*'*


Als sie das Büro des Schulleiters betraten, schlief Dumbledore in seinem gemalten Sessel. Dafür wurden sie von Phineas Nigellus Black mit Argusaugen beobachtet, der für einen Moment säuerlich die Lippen zusammenkniff, als er Hermione erblickte.

»Aha, da kommt meine kleine Entführerin«, bemerkte er mit feinem Spott in der Stimme. »Leider musste ich bei meinem letzten Ausflug in mein altes Zuhause feststellen, dass sich die Lichtverhältnisse in Ihrer Tasche immer noch nicht wesentlich verbessert haben. Obwohl — nein. So reizend der Anblick Ihrer Unterwäsche auch ist …«

Hermione schlug die Hand vor den Mund. »Ich habe Sie vergessen!? Es tut mir leid, Schulleiter Black. Sobald wir nachher wieder an den Grimmauldplatz zurückgekehrt sind, werde ich Ihr Portrait wieder an seinen alten Platz hängen«, versprach sie zerknirscht und mit hochrotem Kopf.

»Nun …«, er studierte alle vier Ankömmlinge forschend, »Trotzdem wage ich zu bezweifeln, dass Ihr Besuch meiner Wenigkeit gilt«, erklärte er dann süffisant.

»Das ist korrekt.« Minerva presste kurz die Lippen zusammen, als sie an den sich vermutlich als unangenehm herausstellenden Grund ihres Besuches erinnert wurde. Sie beschwor vier Sessel herauf und ließ diese vor Dumbledores Portrait schweben, um sie dort abzustellen. »Albus, du musst nicht so tun, als ob du immer noch schläfst«, sagte sie laut und setzte sich in einen der Sessel. Bis auf Severus, der demonstrativ stehen blieb, folgten die anderen ihrem Beispiel.

Albus Dumbledore öffnete seine Augen. »Minerva, welche Freude.« Dann erblickte er die drei anderen und sein Gesicht verdüsterte sich. »Ich hatte nicht erwartet, jemanden von euch heute noch zu sehen«, seufzte er.

»Dann hättest du es dir vorhin verkneifen müssen, deine Worte derartig sorgsam zu wählen«, antwortete Severus hart.

»Aber, mein Junge …«

Severus schaute ihn bitter an. »Spar’ es dir, Albus. Ich war niemals ‘dein Junge’.«

»Wie kannst du so etwas sagen, Severus«, begehrte Albus auf. »Ich habe immer nur das Beste für dich gewollt! Ganz sicher habe ich dabei Fehler gemacht, gravierende Fehler sogar …«

»Oh ja, Albus, ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr du immer mein Bestes gewollt hast!!! Das war mit Sicherheit auch der Grund für deine aufmunternden Worte in jener Nacht, in der Sirius Black mich in die Heulende Hütte gelockt hat«, unterbrach Severus ihn schneidend und mit triefendem Sarkasmus. »Ausgerechnet ich hätte keinerlei Recht, ihnen das zukünftige Leben zu verbauen. Es wären doch Jungen aus gutem Hause, Gryffindors. Sie hätten sich doch nichts Böses dabei gedacht, die guten Jungs. Es wäre doch nur ein Dummer-Jungen-Streich gewesen. Und ich hätte es doch regelrecht herausgefordert mit meiner Slytherin-Arroganz, meinen Provokationen und der Vorliebe für Dunkle Magie. Ich war sechzehn, Albus, nicht sechsunddreißig!«

»Aber, Severus, ich wollte doch nur …«

»Egal, was diese wunderbaren Jungen aus gutem Hause auch immer getan hätten, sie wären niemals der Schule verwiesen worden. Du hast sie immer in Schutz genommen. Das Opfer war ja nur der eigenwillige schmuddelige Slytherin, den keine Bestrafung, keine Ächtung dazu bringen konnte, fügsam zu sein. Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie es ist, miterleben zu müssen, dass die Wärme in der Stimme und das Zwinkern in den Augen des einzigen Menschen, dessen Wohlwollen und Aufmerksamkeit du erringen möchtest, immer dann erlischt, wenn dieser Mann sich dir zuwendet. Dass es immer nur deinen Feinden gilt, denen, die dich noch tiefer in den Boden stampfen wollen, als du es ohnehin schon bist, die dir zum Schluss auch noch das Letzte nehmen, an dem dein Herz hängt.

Ich war erst elf, als ich deine Hilfe wirklich gebraucht hätte. Die Prellungen, Striemen und all die anderen Dinge. Du hast es bewusst übersehen, wie du mich vollkommen bewusst übersehen hast. Ungewollt, ungeliebt, nicht Wert der Zuwendung des Mannes, dem das Wohlergehen jedes anderen Schülers und jeder Schülerin in Hogwarts am Herzen lag. Du hattest mich doch schon abgeschrieben, bevor ich auch nur einen Fuß nach Hogwarts gesetzt hatte, und den letzten Ausschlag gab die Tatsache, dass mich der Hut nach Slytherin geschickt hat.«

Voller Entsetzen beugten sich die drei anderen in ihren Sesseln nach vorn. Alle hatten in den letzten Sekunden einen tiefen Einblick in Severus’ Vergangenheit in Hogwarts erhalten, und zwar auf die sehr unschönen Seiten. Die beiden jungen Leute konnten nur hilflos und mit wachsender Bestürzung seinen Schilderungen lauschen, während Minerva auf erschreckende Weise vor Augen geführt bekam, wie die Behandlung durch Albus auf Severus gewirkt haben musste. Scham durchflutete sie erneut, als sie sich daran erinnerte, dass auch sie selbst sich ihm gegenüber kaum besser verhalten hatte.

Hermiones Herz hatte sich bei Severus’ Darstellung der damaligen Ereignisse schmerzhaft zusammengekrampft. Wie hatte ein Albus Dumbledore es über sich gebracht, einen kleinen Jungen so rigoros von sich zu stoßen? Sie dachte nicht zum ersten Mal an eine der Erinnerungen, von denen Harry ihr erst nach seiner letzten Okklumentik-Stunde bei Severus (nachdem er gnadenlos von ihm hinausgeworfen worden war) erzählt hatte. Als sie das erste Mal davon gehört hatte, hatte sie sich letztendlich damit zu trösten versucht, dass der damals vierjährige Severus Snape als Elfjähriger nach Hogwarts gekommen war und hier sicherlich neben Wissen auch Freude und eine Art Ersatzfamilie gefunden hatte. Doch offensichtlich hatte sie sich geirrt.

Auch Dumbledore starrte ihn voller Horror an, bei dem Hermione nicht wusste, ob sie seine Reaktion für echt halten sollte. »Oh, nein! Du hast da bestimmt etwas missverstanden. Es ist so lange her …«

»Ach, Albus … bitte. Du musst nicht versuchen, die Tatsachen zu bestreiten. Es war genau das, was du zu erreichen suchtest«, gab er freudlos zurück. »Was war der Auslöser? Dass ich bereits als Elfjähriger mehr Dunkle Flüche beherrscht habe als ein Siebtklässler? Dass meine Reinblüter-Großeltern Anhänger des Dunklen Lords waren? Meine schäbige schmuddelige Erscheinung? Oder meine Nase?«

»Aber, Severus … Um Merlins willen, ich wollte dir niemals den Eindruck vermitteln … Es tut mir leid, Severus, so furchtbar leid.« Albus Stimme klang so gefühlsbetont, dass es beinahe schon wieder theatralisch wirkte.

Doch Severus schüttelte nur den Kopf. »So gern ich dir auch glauben würde, Albus, aber jetzt weiß ich, dass du genau das systematisch zu Ende geführt hast, was du beabsichtigt hattest. Ich habe mich nicht getäuscht, weder damals noch heute. Hätte ich noch Zweifel gehabt, so hätte mich der heutige Tag eines Besseren belehrt.«

»Was meinst du?«, fragte Dumbledore mit gerunzelter Stirn. Doch in seinen gemalten Augen war bereits eine Vorahnung drohenden Unheils zu erkennen, welche das vertraute Zwinkern längst verdrängt hatte.

»Das weißt du doch ganz genau, Albus. Was hast du mir über all die Jahre und selbst heute noch verschwiegen?« Die Frage war so leise gestellt worden, dass die anderen drei sehr genau hinhören mussten, um sie zu verstehen.

Ein kurzer Seitenblick zeigte Hermione, dass Minerva McGonagall ihre Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst hatte. Ihr üblicherweise bereits strenger Gesichtsausdruck zeigte nun eine unterschwellige Gereiztheit, die Hermione bei ihrer alten Professorin nur einmal erlebt hatte: Im Umgang mit Dolores Umbridge während Hermiones fünftem Schuljahr.

Bis zu diesem Moment hatte Hermione entgegen besserem Wissen immer noch gehofft, dass sie sich alle geirrt hatten, dass Dumbledore bei seiner Vorliebe zum Manipulieren von Menschen nicht noch mehr unsichtbare Grenzen überschritten hatte. Diese Hoffnung hegte sie nicht für ihren eigenen Seelenfrieden, sondern für Severus. Doch ganz tief in ihrem Inneren war sie überzeugt davon, dass sie den Unterton in Dumbledores Stimme während der Anhörung richtig gedeutet hatte. Auch Hermione presste nun für einen Augenblick die Lippen zusammen und richtete ihren Blick auf Dumbledore.

»Du irrst dich wirklich, Severus«, antwortete Dumbledore eindringlich. Er versuchte dabei, so viel Überzeugung wie möglich in seine Stimme zu legen. »Da gibt es nichts weiter. Was ich bereits zugegeben habe, ist, dass ich Veritaserum eingesetzt habe, und das ist allein schon schlimm genug.«

Doch Severus ließ sich seinen Argwohn nicht so einfach ausreden, noch ließ er sich beirren. »Es geht nicht um das, was du bereits zugegeben hast! Ich kenne dich, alter Mann. Du kannst mich nicht mehr täuschen. All die Jahre habe ich geglaubt, dass der Unbrechbare Eid deine letzten Zweifel zerstreut haben würde. Jetzt jedoch weiß ich, dass ich dir niemals hätte trauen dürfen. Ich will die Wahrheit, Albus, die Wahrheit, egal wie sie aussieht!«

»Severus …« Albus Dumbledore klang beschwörend. »Du kennst die Wahrheit. Wir haben doch beide unser Leben in den Dienst des ‘Greater Good’ gestellt, zum Wohlergehen der magischen Gemeinschaft. Wir haben immer gewusst, dass wir Opfer bringen müssen, vielleicht sogar große Opfer, möglicherweise sogar größere, als wir ursprünglich bereit waren zu erbringen. Und doch wir waren uns immer einig, dass diese Welt es wert ist, dass wir dafür kämpfen …«

»Hör’ auf zu schwafeln, Albus«, unterbrach Severus ihn grollend. »Wenn du glaubst, dass du mich mit diesem banalen Geschwätz von den wirklich wichtigen Dingen ablenken kannst, dann irrst du dich. Ich bin mir absolut sicher, dass das, was in der Anhörung zur Sprache kam, nicht alles sein kann. Dein Verhalten hat dich verraten.«

»Lass’ dir von diesen Leuten hier keinen Nargel ins Ohr setzen, Severus. Niemand will dich verletzen, und ich am allerwenigsten. Ich hätte niemals etwas getan …« Er hielt mitten im Satz inne, als er begriff, dass er gerade einen großen taktischen Fehler begangen hatte. Dass ausgerechnet er sehr viel getan hatte, was Severus tief verletzt haben musste und noch tiefer verletzen würde, wenn er die ganze Wahrheit erfuhr, versuchte er dagegen entschieden aus seinem Gedächtnis zu verdrängen.

Severus wurde noch eine Nuance blasser. »Mir braucht niemand etwas einzureden, Albus. Und lass diese drei hier aus dem Spiel! Sie sind wahrscheinlich die Einzigen in diesem Raum, denen ich völlig vertrauen kann. Bei dir bin ich mir sicher, dass ich es nicht kann. Also, was hast du noch getan, um dich davon zu überzeugen, dass ich ein getreuer Diener für deine gerechte Sache bin?«, knurrte er ungehalten.

Dumbledore schüttelte den Kopf. »Nichts, Severus, ich habe nichts getan. Du solltest mich wirklich besser kennen«, versuchte er es noch einmal.

»Gerade weil ich dich besser kenne, weiß ich, dass in deinem letzten Satz am Ende der Anhörung ein kleines Wort gefehlt hat. Nun, wir sind hier — und ich bin mir sicher, dass du uns seit der Sekunde erwartet hast, in der du dein Portrait im Ministerium verlassen hast. Wir alle sind hier, um zu erfahren, welche feige, niederträchtige, hinterhältige Perfidie du nicht den Mut hattest, in der Öffentlichkeit zuzugeben.«

»Severus … bitte …« Nicht nur Albus Dumbledores Stimme, sondern auch seine Augen flehten geradezu darum, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen. Harry schluckte schwer, da er sich schmerzlich an die Szene auf dem Astronomie-Turm erinnert fühlte. »Bitte … beschwöre nicht die Geister der Vergangenheit wieder herauf. Lass es darauf beruhen.«

Doch Severus ließ sich nicht erweichen. »Nein, Albus. Deine Schonzeit ist vorbei. Ich will die Wahrheit!«

Albus fuhr sich schicksalsergeben mit der Hand über das gemalte Gesicht. Seine Züge zeigten ein Ausmaß an Resignation, das niemand jemals bei ihm erlebt hatte. Er hatte immer gewusst, dass dieser Tag früher oder später kommen würde, und hatte doch stets aus ganzem Herzen gehofft, dass er niemals käme. Damals hatte er erst im Nachhinein erkannt, welchen perfiden Schachzug er gerade ausgeführt hatte. Eine Zeit lang hatten ihn Schuld- und Schamgefühle geplagt, doch hatte er es nach einer Weile geschafft, diese Emotionen erfolgreich in den Hintergrund zu verdrängen. Vom ersten Tag an hatte er tief in seinem Inneren befürchtet, dass sich all dies irgendwann als schwerwiegender Fehler herausstellen würde. Später hatte er versucht, sich wenigstens vor sich selbst zu rechtfertigen, dass er alles nur dem ‘Greater Good’ untergeordnet hatte. Heute jedoch erkannte er die Würdelosigkeit seiner Handlung, etwas, das er sich früher niemals hatte eingestehen wollen.

Dumbledore schwieg bereits so lange, dass sich keiner der Anwesenden mehr der Illusion hingab, es würde sich alles in Wohlgefallen auflösen. Minerva McGonagalls Hände hatten zu zittern begonnen, ein deutliches äußeres Anzeichen ihrer Anspannung. Harry hatte die Finger ineinander verkrampft und Hermione presste die Zähne hart auf ihre Unterlippe, bis ein Metallgeschmack in ihrem Mund ihr signalisierte, dass sie sie blutig gebissen hatte. Sekunden zogen wie Ewigkeiten vorbei. Nur Severus schien nach außen hin die Ruhe selbst zu sein. Doch jeder wusste, dass dies nicht der Wahrheit entsprach. Hermione konnte zwar sein Gesicht nicht sehen, aber sie glaubte anhand seiner Körperhaltung erkennen zu können, wie angespannt er in Wirklichkeit war. Auch wenn niemand in diesem Raum es zugeben würde, sie empfanden alle eine tiefe Besorgnis vor der aufgrund des lang anhaltenden Schweigens zu vermutenden Tragweite der Enthüllungen.

Als Albus Dumbledore seine Augen wieder öffnete und sein Blick sich auf Severus heftete, konnten sie darin Schmerz, tiefe Niedergeschlagenheit und Scham lesen. »Was ich getan habe, Severus, kann ich mit nichts rechtfertigen. Es ist unentschuldbar. Glaube mir, wenn ich sage, dass es ein langer Weg zu dieser Erkenntnis war … Noch im Juni des vergangenen Jahres habe ich meine damalige Entscheidung nicht eine Sekunde infrage gestellt. So lange ich lebte, habe ich keinen Gedanken dahingehend verschwendet, ganz im Gegenteil, ich habe versucht, meine Handlungsweise damit zu verteidigen, dass ich glaubte, diese Sicherheit haben zu müssen. Nicht für mich persönlich, sondern für die magische Gemeinschaft … für das ‘Greater Good’, wenn du so willst …« Er hielt für einen Moment inne, und es schien, als ob er gegen sich selbst kämpfen würde.

»Heute weiß ich, dass ich mir selbst etwas eingeredet habe. Meine Motive waren keineswegs so hehr, wie ich vorgab — zumindest nicht nur. Zu einem gewissen Teil wollte ich dich bestrafen, für deine Zugehörigkeit zu Voldemort, deine Fehde gegen die vier jungen Gryffindors, deine Arroganz. Du warst immer so slytherin. Ich geriet in einen Teufelskreis, aus dem es kein Entkommen gab«, gestand er leise ein.

Hermione hatte bei seinen Worten aufgekeucht und war aufgesprungen, um sich neben Severus zu stellen. »Wie konnten Sie!«, brach es aus ihr heraus, »In der Zeit der Marauders war er nur ein Kind. Und egal wie slytherin er gewesen sein mag, es waren schließlich vier gegen einen«, fauchte sie.

Auch Harry hatte sich erhoben. In seinem Gesicht stand Bestürzung geschrieben. »Wenn ich etwas in diesen letzten paar Monaten gelernt habe, dann, dass mein Dad und seine Freunde ganz gewiss nicht die großartigen Jungs gewesen sind, als die sie mir gegenüber immer dargestellt wurden. Ich habe Ihnen früher niemals geglaubt, Professor Snape, wenn Sie meinen Dad als arrogant und blasiert bezeichnet haben, aber … So ungern ich es auch zugebe, er war häufig abscheulich und verdammt selbstherrlich, ja … zum Teil wirklich grausam.«

Niemals zuvor hatte Harry eine dermaßen harsche Kritik an seinem Vater oder dessen Freunden geäußert. Und nicht nur das. In der Vergangenheit hatte er immer, wenn Severus Snape sich angemaßt hatte, die Marauders zu kritisieren oder — mochten seine Gründe auch noch so eigennützig sein — versucht hatte, Harry die Wahrheit über seinen Vater zu erzählen, diese Kritik auf Missgunst und persönlichen Hass geschoben, war aufgebracht und wütend geworden.

Gerade Hermione wusste, wie sehr Harry aufgrund der Erzählungen von Remus, aber in erster Linie von Sirius, sich ein Idealbild von seinen Eltern geschaffen hatte. Sirius hatte die Vergangenheit der Marauders in den schillerndsten Farben ausgemalt, hatte besonders James regelrecht glorifiziert. Die ersten hässlichen Risse hatte dieses Bild erhalten, als Harry während seiner letzten Okklumentik-Stunde bei Severus eigenmächtig in das Denkarium eingetaucht war und mit eigenen Augen die grausame Handlungsweise seines Vaters hatte beobachten müssen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er erkennen müssen, dass Severus — obwohl dieser sicherlich nicht uneigennützig gehandelt hatte — ihm die Wahrheit über seinen Vater gesagt hatte.

Da sie jedoch seit Weihnachten miterlebt hatte, dass Harry in rasantem Tempo erwachsen geworden war und nun auch seinen Vater so sah, wie er wirklich gewesen war, wurde sie von seinen Worten nicht überrascht. Doch Minerva McGonagall starrte ihn sprachlos an, während Severus sich mit einem fassungslosen Gesichtsausdruck zu ihm herumdrehte. Albus Dumbledore öffnete den Mund, vermutlich, um dem Jungen-der-Voldemort-zweimal-überlebt-hatte energisch zu widersprechen, doch Harry kam ihm zuvor.

»Wir sind nicht hier, um über meinen Dad zu diskutieren. Ich denke, Sie schulden Professor Snape immer noch eine Antwort … wenn nicht gar mehr«, bemerkte er nachdrücklich, obwohl die letzten Worte kaum hörbar waren.

Dumbledore sah ihn scharf an, schwieg jedoch und wandte seine Aufmerksamkeit wieder Severus zu. Er blickte zu Boden. Man konnte erkennen, wie schwer es ihm fiel, sich zu überwinden. »Wie ich sagte …«, begann er, seufzte dann jedoch tief auf, »â€¦ ich bin nicht mehr wirklich stolz darauf …«

»Was hast du getan?« Es war nur ein heiseres Flüstern, das aus Severus’ Kehle kam. Hermione spürte die unerträgliche Anspannung seines Körpers, und nackte Angst kroch langsam in ihr hinauf, eine Beklemmung, die auch Severus zu fühlen schien. Ohne dass es ihr bewusst wurde, griff sie nach seiner Hand und hielt sie fest.

Dumbledore strich sich freudlos durch den Bart. »In jener Nacht, als du den Unbrechbaren Eid abgelegt hast, war diese … Demütigung für mich immer noch nicht genug. Ich wollte die absolute Kontrolle über die Situation, über dich, um dich lenken zu können, wohin immer ich dich auch haben wollte. Du warst erst einundzwanzig, ein unberechenbarer Slytherin. Voldemort war verschwunden, die Potters tot. Ich wollte nicht alles verlieren, worauf ich all die Jahre hingearbeitet hatte …«

»Was! Hast! Du! Getan?« Abgehackte, nüchterne Worte, mit einer Stimme ausgesprochen, die sogar in seinen eigenen Ohren fremd klang.

»Als ob es nicht schon schlimm genug gewesen wäre, dich zu nötigen, einen Unbrechbaren Eid abzulegen … «

»Was hast du getan, um dir meine Loyalität zu sichern?« Eisige Kälte sprach aus Severus Frage. Seine Finger krampften sich um Hermiones Hand, bis er begriff, dass er ihr damit Schmerzen zufügen musste, obwohl sie keinen Ton von sich gab.

Dumbledore richtete seinen Blick nun direkt auf Severus. Beschämung und Schuldbewusstsein schienen ihn zu übermannen und er schaffte es nicht, den Blickkontakt zu halten. »Es gibt einen sehr alten Zauber …«, begann er. »Kaum jemand ist heute noch im Besitz des Wissens um seine Existenz. Dieser Zauberspruch bindet denjenigen, der damit belegt wird an den, der ihn wirft. Er … versieht den Zauberer oder die Hexe mit … der absoluten Macht über ein anderes menschliches Wesen …« Seine Stimme erstarb.

Hermione erstarrte innerlich. Sie spürte, wie jegliche Farbe aus ihrem Gesicht wich. Diese Worte klangen einfach zu vertraut in ihren Ohren. Konnte es sein, dass er …? Sollte er wirklich …? Nein, dazu war er nicht fähig, egal, was sie ihm vor ein paar Wochen unterstellt hatte. Sicher, er hatte in seinem Leben auch weit reichende Fehler begangen, aber er würde nicht so weit gegangen sein, Severus mit diesem Zauber zu unterjochen. Abgesehen davon war er ein Anhänger Weißer Magie, lehnte entschieden alles ab, was mit der Dunklen Seite zusammenhing, was es unwahrscheinlich machte, dass er Severus seinen Willen aufgezwungen haben sollte. Obwohl — die Motivation im Augenblick des Werfens des Zauberspruches war entscheidend … Für einen Moment versank die Welt um sie herum, und sie hörte nur noch das Blut in ihren Ohren rauschen. Oh, Merlin … bitte nicht …

Dumbledore räusperte sich. »In jener Nacht warf ich diesen Zauber, um dich an mich zu binden, solange ich leben würde, um die absolute Kontrolle über dich und deine Handlungen zu erhalten. Der Zauber, Coniunctio perpetua …«

»Neiiiin!!!« Zeitgleich schrieen zwei der Anwesenden in diesem Büro unterdrückt auf, was Dumbledore perplex die Stirn runzeln ließ.

»Du verdammter alter Narr!«, zischte der Dritte im selben Moment. »Was gab dir das Recht …«

Severus erinnerte sich jäh an die zweite Tätowierung auf seinem Schulterblatt, die er bisher erfolgreich aus seinem Bewusstsein verdrängt und für die er bis heute keine Erklärung gefunden hatte. Sie stammte nicht von einem fehlgeschlagenen Versuch durch Hermione, sein Leben zu retten, wie er nun voller Entsetzen begriff. Im Gegenteil …

»Sie kennen diesen Zauberspruch?«, wandte sich Albus in diesem Moment geradezu fassungslos an Hermione und Harry, die ihn erschüttert und sprachlos über so viel Unverfrorenheit anstarrten. »Wie ist das möglich …?«, flüsterte er.

Hermione glaubte, Dumbledores Anblick kaum noch ertragen zu können. Die letzten Minuten hatten ihr regelrecht den Boden unter den Füßen weggerissen. Die Erklärung des alten Schulleiters, dem sie über so viele Jahre hinweg blind vertraut hatte, fühlte sich für sie an wie ein Schlag ins Gesicht. Sie spürte, wie sich Severus Finger noch stärker um ihre Hand krampften. Um wieviel härter musste Severus die Erkenntnis treffen, dass alles eine einzige Lüge gewesen war.

Und es war noch schlimmer. Hatte sie selbst diesen Zauber einzig und allein aus dem Grund geworfen, um ein Leben zu retten, so war nach allem, was Dumbledore bisher gestanden hatte, dessen Motivation für die Anwendung des Zaubers weder wohlgesonnen noch hehr. Sie blickte in die Augen des gemalten Dumbledore und konnte ein Schaudern nicht unterdrücken, als sie erkannte, mit welch ungewöhnlicher, ja beinahe krankhafter Intensität dieser sie beobachtete. Irgendetwas war da … irgendetwas … >Sollte das immer noch nicht alles gewesen sein?<, dachte sie entsetzt.

Innerlich vor den etwaigen Konsequenzen ihrer Antwort zitternd, setzte sie nun alles auf eine Karte. »Ich bin der Ansicht, Sie sollten sich zuerst mit Professor Snape über das auseinandersetzen, was Sie getan haben. Abgesehen davon habe ich das unbestimmte Gefühl, dass das immer noch nicht alles war. Sie sollten erst die ganze Geschichte erzählen, bevor ich eventuell — und ich meine eventuell — Ihre Frage beantworte, Dumbledore«, sagte sie kalt.

»Worauf wollen Sie hinaus, Miss Granger?«, fragte Albus Dumbledore leise, jedoch extrem angespannt. Wie schon in der Anhörung heute Nachmittag begann er seinen Nasenrücken zu massieren, als hätte er Kopfschmerzen.

Doch Hermione erkannte auch den argwöhnischen und eindeutig nervösen Ausdruck in seinen Augen, der ihre insgeheim gehegte Vermutung untermauerte, gegen deren Bewahrheitung sie sich innerlich im Interesse von Severus mit aller Kraft sträubte, dass sie auf der richtigen Spur war. Für einen Moment fühlte sie sich müde und ausgelaugt, wollte nicht weiterkämpfen müssen, doch sie wusste, dass ihr keine Wahl blieb.

Sie strich sich erschöpft mit der Hand durch das Gesicht. »Sie haben sich im Endeffekt über jeden ethischen Grundsatz und alle moralischen Bedenken skrupellos hinweggesetzt, Sie sind so weit gegangen, um Ihre Interessen zu wahren — ich bin mir absolut sicher, dass Sie auch vor der letzten Konsequenz nicht zurückgeschreckt sind — auch wenn ich nicht weiß, wie diese aussieht und ich mich davor fürchte, die Wahrheit darüber zu erfahren.«

Der gemalte Dumbledore sah sie lange und beinahe mitleidig an. Dann nickte er kaum wahrnehmbar. »Also gut, Miss Granger …« Auch er klang müde und ausgebrannt. »â€¦ Sie haben Recht … Es war damit nicht vorbei … Ich habe mir über viele Jahre Sorgen gemacht, was geschehen würde, wenn ich unerwartet — unter welchen Umständen auch immer — sterben würde. Dann, vor etwa zehn Jahren … nun, damals fand ich endlich eine Möglichkeit, die mir eine gewisse Beruhigung verschaffte … die Möglichkeit, die Kontrolle über diesen Zauber im Augenblick meines Todes auf … auf einen anderen Menschen überzuleiten.«

Severus, der die gesamte Zeit über seinen Blick auf Hermione gerichtet hatte, zuckte zusammen. Mit einem Ruck fuhr sein Kopf zu Dumbledore herum, sein Gesicht nun leichenblass. »An wen hast du mich verkauft?«, fauchte er.



Fortsetzung folgt …


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